PID: “Jedes Leben muß uns gleich viel wert sein” – Interview mit Hedwig v. Beverfoerde und Thomas Schührer

01. Mai 2011, 10:13 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Thomas Schührer (Durchblick e.V.) und Hedwig von Beverfoerde (Zivile Koalition e.V.)
Redaktion FreieWelt.net

In Kürze werden die Bundestagsabgeordneten ihre Entscheidung über Verbot bzw. Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland treffen. Die Zivile Koalition e.V. und Durchblick e.V. haben deshalb auf AbgeordnetenCheck.de die Initiative „PID stoppen – Selektion verhindern“ gestartet. FreieWelt.net sprach mit den Sprechern der Initiative Hedwig von Beverfoerde und Thomas Schührer.

FreieWelt.net: Frau v. Beverfoerde, Herr Schührer, Sie haben auf AbgeordnetenCheck.de gemeinsam mit der Zivilen Koalition e.V. und Durchblick e.V. die Initiative „PID stoppen – Selektion  verhindern“ gestartet. Was hat Sie gerade jetzt dazu veranlaßt, zu diesem Thema eine Online-Offensive zu initiieren?

Hedwig von Beverfoerde: Im Juni – also in wenigen Wochen – wird der Bundestag über ein erneuertes Verbot bzw. die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland entscheiden. Bislang galt die PID durch das Embryonenschutzgesetzes klar untersagt!  Im Juli letzten Jahres aber hat der Bundesgerichtshof (BGH) einen Arzt freigesprochen, der die PID in mehreren Fällen angewandt und sich anschließend selbst angezeigt hatte. Die BGH-Richter stellten fest, die Durchführung einer PID in diesen Fällen erfülle nicht den Tatbestand einer „strafbaren Verwendung menschlicher Embryonen“ im Sinne des  Embryonenschutzgesetzes. Deshalb muß der Bundestag jetzt dringend Rechtssicherheit schaffen, denn seit diesem Urteil kann die PID straflos praktiziert werden. Sollte dies fortgesetzt werden, würde dies für den bisher weltweit vorbildlichen Embryonenschutz in Deutschland einen Dammbruch bedeuten.

Thomas Schührer: Viele Menschen in unserem Land sind angesichts der bevorstehenden Gesetzesentscheidung sehr besorgt und wollen Klarheit über die Haltung der Bundestagsabgeordneten zu diesem brisanten Thema. Mit dem Start unserer Kampagne zur PID-Debatte auf AbgeordnetenCheck.de kann man nun genau sehen, welcher Abgeordnete für und welcher gegen ein PID-Verbot ist und warum. Zugleich sehe ich, welche Werteordnung mein Abgeordneter hat. Dies finde ich auch mit Blick auf andere Entscheidungen wichtig, da ich nicht ständig jede Einzelentscheidung meines Abgeordneten prüfen kann. Die Grundrichtung muß vor allem da, wo es um Menschenrechte geht, stimmen.

FreieWelt.net: Was verbirgt sich eigentlich genau hinter dem Verfahren der Präimplantationsdiagnostik, also der PID?

Thomas Schührer: Die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, ist ein Untersuchungsverfahren nach künstlicher Befruchtung, bei der den künstlich erzeugten Embryonen Zellen entnommen werden, um sie auf eventuelle genetische Schädigungen oder Behinderungen hin zu untersuchen. Je nach Befund oder Prognose wird der Embryo dann in die Gebärmutter eingepflanzt oder aussortiert. Mit der PID sollen also mögliche „Defekte“ und Besonderheiten des Embryos noch vor der Einnistung festgestellt werden, um der Mutter einen möglichst gesunden Embryo einsetzen zu können. Somit ist der Name „PID“ falsch. Es geht nicht um Diagnose, die ja üblicherweise Therapie ermöglichen soll. Es geht um Selektion. Embryonen, die den „Test“ nicht bestehen, werden identifiziert und getötet.

Hedwig von Beverfoerde: Wie die Studie der Europäischen Gesellschaft für Humanreproduktion und Embryologie (ESHRE) vom November 2010 zeigt, werden pro Kind, das nach PID geboren wird, im Schnitt 33 Embryonen produziert und verworfen, d.h. beseitigt, und zwar alle weniger geeigneten – das muß man sich einmal vor Augen führen! Zudem werden für eine aussagekräftige PID mindestens acht bis neun (!) Embryonen gebraucht. Bislang ist bei uns die künstliche Befruchtung aus guten Gründen auf drei Embryonen begrenzt. In der Praxis, d.h. in den Ländern, in denen die PID zugelassen ist, werden für eine PID oft bis zu 40 Embryonen künstlich gezeugt – um am Ende EINEN Embryo einsetzen zu können… – ein ethischer Alptraum! Ganz abgesehen von der Riesenstrapaze und gesundheitlichen Belastung mit erheblichen Risiken auch für die Mutter.

FreieWelt.net: Ist dies der Grund, warum Sie eine Zulassung der PID auch dann ablehnen, wenn sie auf wenige Ausnahmefälle begrenzt wird?

Hedwig von Beverfoerde: Ja, genau. Unabhängig davon, wie eng die PID begrenzt würde, an ihrem Ende steht immer die Entscheidung der Frau, der Eltern oder von Ärzten, welcher Embryo eingepflanzt wird und welche Embryonen aussortiert werden.  

Thomas Schührer: Und es geht noch um viel mehr: um die Menschenwürde. PID heißt Menschen produzieren, Menschen selektieren und unerwünschte Menschen eliminieren. Das kann doch niemand im Ernst wollen, denn es verändert unseren Blick auf Menschen von Anfang an.

FreieWelt.net: Aber ist es nicht mehr als verständlich, daß Eltern sich ein gesundes Kind wünschen, besonders die Eltern, die bereits ein behindertes Kind haben oder durch Fehl- oder Totgeburten den Verlust eines oder mehrerer Kinder verkraften mußten?

Thomas Schührer: Der Wunsch, ein gesundes Kind zu bekommen, ist sehr verständlich. Aber auch hier kann der Zweck nicht jedes Mittel heiligen. Der Wunsch nach einem gesunden Kind  kann nicht rechtfertigen, daß in Deutschland wieder Menschen oder Ethik-Kommissionen über „lebenswertes“ und „nicht lebenswertes“ Leben nach bestimmten “Qualitätskriterien” urteilen. Dies endet dann in einem offenen und völlig willkürlichen, letztlich intoleranten Prozeß!

Hedwig von Beverfoerde: Kinder sind ein Geschenk. Es gibt ja kein Recht auf ein Kind. Und deswegen kann es auch kein Recht auf ein gesundes Kind geben. Es gibt aber sehr wohl ein Recht auf Leben. Dieses Recht hat jeder gezeugte Mensch unabhängig von seinem Entwicklungsstand. Dieses Recht hat also auch jeder Embryo im Mutterleib und erst recht jeder ungeschützte Embryo in der Petrischale. Wir können doch Leben nicht erst künstlich erzeugen und dann, wenn wir feststellen, daß nicht alles nach unserer Norm und Nützlichkeitserwartung verlaufen ist, dieses menschliche Leben wieder zerstören. Das stünde im krassen Widerspruch zur Achtung vor dem menschlichen Leben überhaupt. 

FreieWelt.net: Aber in anderen Ländern, Sie sprachen es vorhin selbst an, wird die PID bereits seit vielen Jahren praktiziert. Diese Länder sind doch Beispiele für den Versuch eines verantwortungsbewußten Umgangs mit der PID… 

Hedwig von Beverfoerde: Nein eben nicht, ganz im Gegenteil. Die Erfahrungen in diesen Ländern und in allen Studien zeigen ausnahmslos, daß die anfangs enge Begrenzung auf wenige schwere Krankheiten und Behinderungen nirgendwo eingehalten werden konnte. In England und Belgien ist es beispielsweise inzwischen erlaubt, gezielt sogenannte Retterbabys zur Heilung von erkrankten Familienmitgliedern zu „erzeugen“. Soll das ein Fortschritt an Humanität sein, als “Reparatur-Baby” für einen ganz bestimmten Zweck in die Welt gesetzt zu werden?

Thomas Schührer: In den USA, Indien und China dürfen sich die Eltern mittlerweile sogar das Geschlecht ihres Kindes aussuchen. Es ist absehbar, daß die wachstumsstarke Reproduktionsindustrie die Ausweitung der PID-Kriterien mit Macht vorantreiben wird. Mit der begrenzten Erlaubnis zu PID würden wir eine Tür öffnen, die sich später nicht mehr schließen lassen wird. Heute geht es um schwere genetische Schädigungen, morgen um bestimmte Krankheiten und übermorgen womöglich um die Haarfarbe, Körpergröße und Intelligenz.

Hedwig von Beverfoerde: Der Umgang mit der Pränataldiagnostik (PND) – das ist eine Untersuchung des Kindes auf mögliche genetische Schädigungen während der Schwangerschaft – zeigt ja ganz klar, daß die anfänglichen Ausnahmen irgendwann zur Regel werden. Ursprünglich war auch die PND nur in ganz bestimmten engen Grenzen vorgesehen. Mittlerweile ist für schwangere Frauen ab 35 Jahren die PND faktisch eine Routineuntersuchung und wird von den Ärzten immer öfter auch jüngeren Frauen angeraten. Viele Frauen lassen die PND dann machen, weil sie sich möglicher Konsequenzen gar nicht bewußt sind. Es ist ihnen häufig nicht klar, daß sie nach der Untersuchung – bei der die Frauen nebenbei bemerkt immer auch die Gesundheit des Kindes aufs Spiel setzen – möglicherweise eine Entscheidung fällen müssen, nämlich: Willst Du dein wahrscheinlich behindertes Kind bekommen oder nicht?

FreieWelt.net: Welche Konsequenzen befürchten Sie bei einer Zulassung der PID?

Thomas Schührer: Von Eltern behinderter Kinder höre ich immer wieder, daß ihnen gesagt wird: „Das muß doch heute nicht mehr sein, da hätte man doch was machen können.“ Dies ist eine leider auch negative Folge der Möglichkeiten der Pränataldiagnostik. Die Möglichkeiten der PID wird dieses Denken noch drastisch verstärken, denn sie zielt auf die Selektion von Behinderten! Für die Behinderten in unserem Land wird dies zudem eine unerträgliche Stigmatisierung bedeuten. Denn wir signalisieren ihnen, dass wir ihr Leben durchaus gerne verhindert hätten! Das Leben muß uns aber mit und ohne Behinderung, genetische Schädigung oder sonstige Beeinträchtigung, die wir alle bekommen können, stets gleich viel wert sein.

FreieWelt.net: Was fordern Sie konkret von den Bundestagsabgeordneten?

Hedwig von Beverfoerde: Wir fordern die Bundestagsabgeordneten auf, eine Zulassung der PID zu verhindern und sich im Juni bei der Abstimmung über die gesetzliche Regelung zur Präimplantationsdiagnostik für den Gesetzentwurf zu entscheiden, der ein vollständiges PID-Verbot vorsieht. Knapp 200 Abgeordnete unterstützen bereits diesen Entwurf – und wir wollen noch viele Abgeordnete davon überzeugen, daß dieser Gesetzentwurf der Menschlichkeit am besten dient! 

Thomas Schührer: Vor allem die Abgeordneten, die sich bislang keine Meinung zur PID gebildet haben, fordern wir daher auf, auf ihre Stimme der Vernunft, auf ihre Stimme der Humanität zu hören und für ein PID-Angebots-Verbot zu stimmen. Mit der Unterstützung vieler Bürger und Bürgerinnen werden wir diese Überzeugungsarbeit hoffentlich erfolgreich leisten. Die Büchse der Pandora darf nicht weiter geöffnet werden. Wer die politische Lobbyarbeit kennt, weiß, daß es nicht allein um wenige hundert Paare im Jahr geht, die an einer PID interessiert sind. Es geht vielmehr darum, die Tür für einen Zukunftsmarkt zu öffnen, der immer mehr zu einer Verzweckung des Menschen führen wird – auf Kosten der Menschenwürde. Ich erhoffe von unseren Abgeordneten, daß sie weiter in die Zukunft denken und auch solche Zusammenhänge kritisch erkennen und entsprechend hoffentlich souverän als Gesetzgeber handeln. Nicht alles, was nach technischem Fortschritt aussieht, ist auch ein Fortschritt in der Menschlichkeit!

FreieWelt.net: Wie kann man sich denn an Ihrer Initiative beteiligen?

Hedwig von Beverfoerde: Jeder, der über einen Internetzugang verfügt, kann auf AbgeordnetenCheck.de mit nur wenigen Klicks, einfach und direkt, die Bundestagsabgeordneten auffordern, sich gegen die Zulassung der PID auszusprechen bzw. ihre Haltung zur PID offenzulegen. Das Prinzip ist denkbar einfach: www.AbgeordnetenCheck.de eingeben – Initiative „PID stoppen“ auswählen – Deutschlandkarte anklicken – einen bestimmten Abgeordneten auswählen oder über die Wahlkreiskarte den eigenen Wahlkreis aufrufen – Petition für ein PID-Verbot versenden – fertig! Alle Antworten und Reaktionen der Abgeordneten werden dann auf AbgeordnetenCheck.de veröffentlicht. Je mehr Menschen mitmachen, desto mehr Emails wird jeder einzelne Abgeordnete bekommen. Wenn zahlreiche Bürger sich so engagieren, macht dies auf die Bundestagsabgeordneten einen großen Eindruck, dem sie sich kaum entziehen können.

Thomas Schührer: Die Bürger haben mit dem AbgeordnetenCheck.de eine hervorragende Möglichkeit direkt auf ihre Abgeordneten einzuwirken. Statt immer nur alle vier Jahre brav zwei Kreuzchen zu machen, kann so jeder Einzelne zu einem bestimmen Thema wirklich etwas bewegen. Das ist ein Beitrag für gelebte Demokratie. 

Vielen Dank für das Interview

Initiative „PID stoppen – Selektion  verhindern!“

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