“PID bedeutet Selektion von Leben” – Interview mit Pascal Kober (FDP)

10. Mai 2011, 07:59 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Pascal Kober (Fotograf: Ronny Buck)
Redaktion FreieWelt.net

Pascal Kober hat sich als bislang einer der wenigen FDP-Abgeordneten im Deutschen Bundestag gegen eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland ausgesprochen. FreieWelt.net sprach mit dem Diplom-Theologen und Ansprechpartner der Liberalen für die Menschenrechte von Behinderten über seine Haltung zur PID und warum er gerade auch aus liberaler Überzeugung heraus im Juni für ein vollständiges Verbot der PID stimmen will.

FreieWelt.net: Sie gehören zu den Mitinitiatoren des Gesetzesentwurfes zum Verbot der PID und haben sich bei der Debatte zur Präimplantationsdiagnostik im Bundestag für ein striktes Verbot der PID ausgesprochen. Warum?

Pascal Kober: Ich bin der Überzeugung, dass der Staat die individuelle Freiheit der Menschen achten muss. Die elementarste Bedingung individueller Freiheit ist aber das Recht auf Leben. Deshalb lehne ich persönlich die PID ab. Denn sie bedeutet Selektion von Leben, sei es auf der Grundlage eines Genkataloges, der Beurteilung eines Fachgremiums oder aufgrund des Elternwillens. Der Staat muss jeden Menschen achten so wie er ist. Er muss sein Leben und damit seine Freiheit grundsätzlich über die gesamte Lebenszeit hinweg schützen. Niemals darf der Staat sich selbst oder andere dazu ermächtigen, zu entscheiden, ab wann ein menschliches Leben zu achten ist und wann nicht. Ebenso wenig darf er entscheiden, welches menschliche Leben lebenswerter und damit schützenswerter ist als anderes, für welchen Menschen die Grundrechte uneingeschränkt oder abgestufter gelten.

FreieWelt.net: Viele FDP-Abgeordnete sehen dies anders und wollen für eine begrenzte Zulassung der PID stimmen. Für sie richte sich ein Verbot gerade gegen ihre liberalen Überzeugungen. Wie sehen Sie das?

Pascal Kober: Im Vordergrund dieser Haltung steht die Überzeugung, dass es eine ethische Verpflichtung gibt zu helfen, wenn es technisch möglich ist. Ich sage dazu: Ja, die gibt es, aber nicht um jeden Preis. Ausgangspunkt liberaler politischer Philosophie ist die Überzeugung, dass dem Menschen individuelle Freiheit unveräußerlich gegeben ist, dass der Staat die individuelle Freiheit der Menschen achten muss. Ausgangspunkt des liberalen Staatsverständnisses ist die Überzeugung, dass der Mensch dem Staat das Recht auf Einschränkung seiner eigenen Freiheit zugesteht und nicht etwa der Staat den Menschen seine Freiheit zubilligt. Zugespitzt heißt das: Der Mensch definiert den Staat und nicht der Staat den Menschen. Wenn wir die PID zulassen, droht dieser Grundsatz aber verloren zu gehen. Dieser Preis ist mir zu hoch.

FreieWelt.net: Wie lässt sich ein PID-Verbot aber damit vereinbaren, dass Abtreibung in Deutschland bei bestimmten Indikationen möglich ist?

Pascal Kober: Ein Schwangerschaftsabbruch ist entgegen allgemeiner Auffassung nicht etwa erlaubt, sondern unter bestimmten Bedingungen straffrei. Hinter dieser Position steht die Auffassung, dass es bestimmte Konfliktsituation geben kann, in denen das Leben der Mutter gegen das Leben des Kindes steht – auch in psychisch-sozialer Hinsicht. In diesen Fällen kann der Staat nicht das eine gegen das andere Leben schützen. Dabei handelt es sich jedoch um Ausnahmesituationen. Die Auswahl von Menschen aufgrund ihrer Wesensmerkmale, wie sie bei der PID vollzogen wird, ist aber etwas anderes als unsere bisherige Auffassung eines Schwangerschaftskonfliktes. Eine solche Auswahl würde bedeuten, dass wir die Würde des Menschen an Bedingungen wie Gesundheit oder Krankheit knüpften, womit sie nicht mehr bedingungslos gelten würde, also nicht mehr unantastbar wäre.

FreieWelt.net: In vielen anderen europäischen Ländern ist die PID bereits seit vielen Jahren möglich und heute gängige Praxis. Auch deutsche Paare nutzen schon jetzt diese Möglichkeit. Lässt sich ein Verbot der PID in Deutschland langfristig so überhaupt aufrecht erhalten?

Pascal Kober: Als Gesetzgeber in Deutschland sind wir für die Gesetze in Deutschland zuständig. Daher entscheiden wir darüber, was wir in Deutschland für richtig erachten. Wenn die Gesetzgeber anderer Länder die PID zulassen, ist dies deren gutes Recht. Folgen müssen wir dem aber nicht. Bei unserer Entscheidungen über die PID sollten wir uns nicht von der Gesetzgebung in anderen Ländern treiben lassen. Würden wir dies tun, gäbe es überall die gleichen Gesetze. Dies halte ich für falsch.

FreieWelt.net: Sollten nicht die Eltern selbst darüber entscheiden dürfen, welche Untersuchungen sie vornehmen lassen bzw. welche Möglichkeiten sie ausschöpfen, um ein gesundes Kind zu bekommen?

Pascal Kober: Würde jemand das Lebensrecht eines Kindes ausschließlich in die Verantwortung der Eltern legen? Sicher nicht, wenn man ein geborenes Kind vor Augen hat. Weil es sich bei der PID aber um einen Menschen im Frühstadium handelt, scheint es uns möglich zu sein. Das setzt aber wiederum voraus, dass wir Kriterien – wie den Entwicklungsstand – zulassen, ab dem wir als Staat dem Menschen die Grundrechte zubilligen und uns zu Ihrem Schutz verpflichtet fühlen. Ich denke aber, dass die Grundrechte unbedingt gelten und geachtet werden müssen.

Natürlich müssen wir die Not der Eltern, die sich ein Kind wünschen und für die die Technik der PID gegenwärtig die einzige Möglichkeit zu sein scheint, ernst nehmen. Wir haben aber auch eine Verantwortung gegenüber den Grundfesten und Grundsätzen unseres freiheitlichen Staatsverständnisses. Auch wenn es im Angesicht der individuellen und persönlichen Betroffenheit und des Leids so schwierig erscheint, dass es uns die Sprache zu verschlagen droht: Die Grundsätze und die Grundfesten unseres freiheitlichen Staatsverständnisses müssen nach wie vor Geltung haben.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Kerstin Schneider

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