PID: Anspruch auf ein “Kind nach Maß” – Interview mit Christine Scheel

13. Mai 2011, 12:36 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Christine Scheel
Redaktion FreieWelt.net

Seit 1994 sitzt Christine Scheel für die Grünen im Bundestag. Die bayerische Politikerin und zweifache Mutter hat sich in der Debatte um eine Regelung der Präimplantationsdiagnostik (PID) für ein vollständiges Verbot der PID ausgesprochen. Mit FreieWelt.net sprach Christine Scheel über die Gründe für ihre Haltung, Einzelfallentscheidungen und mögliche Konsequenzen einer PID-Zulassung.

FreieWelt.net: Frau Scheel, sie unterstützen den Gesetzesentwurf, der ein vollständiges Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) vorsieht. Was sind Ihre Argumente? 

Christine Scheel: Ich sehe die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik kritisch. Der Staat würde durch eine eingeschränkte Erlaubnis der PID eine Definition von vermeintlich perfektem Leben ausgeben. Ich habe ein ungutes Gefühl, wenn der Staat hier aktiv tätig wird. 

FreieWelt.net: Die Befürworter einer Zulassung der PID argumentieren häufig damit, daß es doch nur wenige Ausnahmefälle seien, in welchen die PID zur Anwendung kommen würde. Von einem Dammbruch könne da keine Rede sein. Wieso sollte Ihrer Meinung die PID dennoch vollständig verboten werden? 

Christine Scheel: Mein zweites zentrales Argument gegen eine Zulassung der PID ist das Problem der Abgrenzung. Ich habe viele Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen geführt und quer durch die Reihen der Befürworter und Gegner bleiben viele Zweifel, ob eine sinnvolle Abgrenzung gefunden werden kann. Besondere Zweifel bestehen auch auf beiden Seiten, ob eine mögliche Abgrenzung dauerhaft Bestand haben kann. Ich bin einfach nicht vollständig überzeugt, ob das möglich ist und kann in einer derart gewichtigen Entscheidung auch nicht für eine Zulassung der PID stimmen. 

FreieWelt.net: Mittels PID können bestimmte Erbkrankheiten und Chromosomendefekte erkannt und damit die Wahrscheinlichkeit auf ein gesundes Kind erhöht werden. Wollen Sie den betroffenen Eltern, die ja zumeist schon einen langen Leidensweg mit Fehl- oder Todgeburten hinter sich haben, diese Möglichkeit wirklich verwehren? 

Christine Scheel: Natürlich gibt es viele Einzelfälle, bei denen ich ohne zu zögern eine PID erlauben würde. Das vollständige Verbot ist daher nur das kleinere zweier Übel, denn eine fallweise Entscheidung kann gesetzlich einfach nicht schlüssig vorgegeben werden. Und eine Kategorisierung ist schwierig, das bestätigen auch fast alle Befürworter einer eingeschränkten Zulassung der PID, mit denen ich mich in den letzten Wochen oft unterhalten habe. 

FreieWelt.net: Aber könnte die Präimplantationsdiagnostik nicht auch dazu beitragen, Abtreibungen zu vermeiden, da mögliche Schädigungen des Embryos noch vor der Schwangerschaft erkannt werden, die sonst die Frau unter Umständen zum Abbruch der Schwangerschaft veranlassen würden? 

Christine Scheel: In der Diskussion zur Präimplantationsdiagnostik geht es um mehr als individuelle Inanspruchnahme medizinisch-technischer Möglichkeiten im Ausnahmefall. Es geht um das ethische Grundbild in unserer Gesellschaft von Elternschaft, Kinderwunsch, es geht um unser Menschenbild, um Ideal, Norm und Glück. In Einzelfällen könnte eine PID vielleicht eine spätere Abtreibung vermeiden, aber diese Möglichkeit würde nicht zur Regel werden. 

FreieWelt.net: Welche Konsequenzen ganz generell für unsere Gesellschaft befürchten Sie bei einer (begrenzten) Zulassung der PID?

Christine Scheel: Ich habe durchaus Zweifel, ob wir vielen Menschen mit der Idee eines perfekten Lebens einen Gefallen tun. Langfristig ist es daher durchaus möglich, dass sich ein Anspruch auf ein „Kind nach Maß“ entwickeln könnte, den ich entschieden ablehne. Aber unter dem Strich glaube ich trotz aller Diskussion, dass die Entscheidung für oder gegen PID keine gravierenden Einflüsse auf die Grundsätze unserer Gesellschaft haben wird. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Kerstin Schneider

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