Menschliches Leben nicht preisgeben – Interview mit Prof. Ulrich

13. Mai 2010, 08:39 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , | von
Redaktion FreieWelt.net

Prof. Dr. med. Uwe Ulrich ist Leiter der Gynäkologie des Martin-Luther-Krankenhauses in Berlin. An dieser Klinik werden so gut wie keine Abtreibungen geduldet. FreieWelt.net sprach mit Prof. Ulrich über Schwangerschaftsabbrüche, seine Ablehnung demgegenüber Abtreibungen und Ausnahmesituationen.

FreieWelt.net: Seit Sie die Leitung der Frauenklinik des Martin-Luther-Krankenhauses in Berlin übernommen haben, werden dort nur noch in seltenen Ausnahmefällen Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Was sind Ihre Beweggründe für die Ablehnung von Abtreibungen?

Prof. Ulrich: Ich glaube, dass menschliches Leben unter keinen Umständen preisgegeben werden darf. Eigentlich könnte ich die Frage auch mit dem Hinweis auf das fünfte Gebot beantworten. Aber tatsächlich ist es nicht so einfach, denn schon die Frage, zu welchem Zeitpunkt nach der Befruchtung von menschlichem Leben gesprochen werden kann, wurde und wird philosophisch, theologisch, ethisch und nicht zuletzt naturwissenschaftlich durchaus unterschiedlich beantwortet. Die prinzipielle Ablehnung des Schwangerschaftsabbruches war für mich das Ergebnis einer Entwicklung; als junger Arzt sah ich darin wohl eher einen operativen Eingriff als solchen, ohne mir klar zu machen, was ich da eigentlich tue. Um nicht missverstanden zu werden: die Bedrängnis, in die eine Frau durch eine ungewollte Schwangerschaft geraten kann, ist für den Außenstehenden in ihrer tatsächlichen und empfundenen Bedrohung sicherlich kaum nachvollziehbar, ich frage mich aber, ob die einzige Alternative die Preisgabe des ungeborenen und ungeschützten Leben ist. Im Deutschen Ärzteblatt vom 9. April 2010 wird die Zahl von 110 700 Schwangerschaftsabbrüchen genannt, die 2009 in Deutschland gemeldet wurden.

Zu fast allen Zeiten und in vielen bekannten Kulturen wurde das ungeborene Leben offenbar anders als das geborene betrachtet – es war oft weniger geschützt. Selbst das in der jüdisch-christlichen Tradition eindeutige Tötungsverbot galt nicht immer automatisch und ebenso konsequent für das ungeborene Leben. So haben die herrschende Religion, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen, nicht zuletzt der Stand der medizinischen Möglichkeiten und heute die “Apotheose” der Selbstverwirklichung das Umgehen mit dem ungeborenen Leben beeinflusst. Bei dem Konflikt der unerwünschten Schwangerschaft – aus welchen Gründen auch immer – stehen sich die Entscheidungsfreiheit der betroffenen Frau – ihr Selbstbestimmungsrecht und das Recht der ungeborenen Leibesfrucht auf Leben gegenüber. In einem Papier der EKD aus dem Jahre 1991 lesen wir, dass “das Selbstbestimmungsrecht von Menschen …   kein Verfügungsrecht über das Leben eines anderen Menschen begründet.” Ein Schwangerschaftsabbruch sei immer “Tötung menschlichen Lebens”,… Selbstbestimmung fände ihre Grenze “am Lebensrecht des anderen”.

FreieWelt.net: In welchen Ausnahmefällen können Sie sich einen Schwangerschaftsabbruch vorstellen?

Prof. Ulrich: Es gibt Grenzsituationen, in denen sich für mich die Frage nach Abbruch der Schwangerschaft stellen kann: bei Gefahr für Leib und Leben der Mutter, bei verschiedenen kindlichen Fehlbildungen, die mit einem menschlichen Leben nicht vereinbar sind (so sind z. B. sehr selten das Gehirn oder das Herz nicht angelegt); oder bei Schwangerschaften nach Vergewaltigung. In unserer Klinik gehen wir sehr behutsam damit um und besprechen die Situation in unserem Ethikkomitee, in dem auch eine Seelsorgerin vertreten ist.  

FreieWelt.net: Was sind außer Behinderungen besonders häufige Gründe für eine Abtreibung und gibt es auch in Deutschland Fälle von pränataler Geschlechterselektion?

Prof. Ulrich: Am häufigsten geht es nicht um “Behinderungen” sondern um psychosoziale Gründe, die zur Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch führen. Bei den körperlichen “Behinderungen” ist es wegen ihrer Häufigkeit vor allem die Trisomie 21 beim erwarteten Kind, die Veranlassung zu einem Abbruch gibt.   

FreieWelt.net: Wie wirken sich Schwangerschaftsabbrüche auf die betroffenen Frauen psychisch aus?

Prof. Ulrich: Es ist schwierig, eine Reaktion angeben zu wollen, die für alle betroffenen Frauen verbindlich wäre. Ich kenne Frauen, die unter dem Abbruch seit Jahrzehnten seelisch leiden. Ich glaube, dass so ein Verlauf vielen betroffenen Frauen unter dem verwirrenden Eindruck des akuten Geschehens bzw. Eingriffs, der “das Problem” scheinbar löst, begreiflicherweise zunächst nicht gegenwärtig ist.   

FreieWelt.net: Wie wird Ihre Ablehnung von Abtreibungen in Ihrem beruflichen und wie in Ihrem persönlichen Umfeld aufgenommen?

Prof. Ulrich: Sehr unterschiedlich. Ich erlebe aber mehr Ablehnung und Unverständnis als Zustimmung.

 

Lebenslauf von Prof. Ulrich beim Martin-Luther-Krankenhaus

das Interview führte Beatrix von Oldenburg

Foto: U. Ulrich

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