“Liebe und Wissen sind die höchsten Werte” – Interview mit Markolf Niemz

01. Februar 2011, 08:45 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Bild: Markolf Niemz
Redaktion

Der Medizintechnik-Professor Markolf Niemz setzt sich im Rahmen seiner Arbeit mit der Nahtodforschung, einem neuen Zweig der Sterbeforschung auseinander.  Durch seine Lucy-Trilogie, die 2005 mit dem Roman "Lucy mit c" ihren Anfang nahm und mit "Lucys Vermächtnis" abschloss,  wurde er einem breiten Publikum bekannt.  Im Interview mit FreieWelt.net spricht Niemz jetzt über Nahtoderfahrungen, eine Brücke zwischen Religion und Wissenschaft und die Arbeit seiner Stiftung "Lucys Kinder", die sich für notleidende Kinder einsetzt und in die auch die Erlöse seiner Bücher fließen.

FreieWelt.net:  Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich mit Nahtoderfahrungen auseinandersetzen?

Markolf Niemz: Im Jahr 2005 las ich in einer Fachzeitschrift, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen würden, wenn wir fast mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs sein könnten. Es handelte sich um eine physikalische Simulation beruhend auf Einsteins Relativitätstheorie und sah aus wie ein Flug durch einen Tunnel. Die abgebildeten Fotos und die sehr hohe Geschwindigkeit erinnerten mich spontan an die Berichte von Sterbenden, in denen oft vom Licht am Ende eines Tunnels die Rede ist. Als ich kurz danach den Tod meines Schwiegervaters im Traum miterlebte und dabei selbst eine Art Lichterfahrung hatte, stand mein Entschluss fest, über die Zusammenhänge von Raum, Zeit und Licht nachzudenken und darüber Bücher zu schreiben. Hierbei kam mir entgegen, dass ich beruflich viel mit intensivem Licht und mit dem Tod konfrontiert bin: Wir forschen in der Lasermedizin und entwickeln elektronische Überwachungsgeräte für Patienten auf Intensivstationen, die sich in einer lebensbedrohlichen Situation befinden.

FreieWelt.net:  Hat das Ihre persönliche Einstellung zum Tod verändert?

Markolf Niemz: Na, und ob. Meine wichtigste Erkenntnis ist, dass die Liebe und das Wissen die höchsten Werte sind, die das Leben zu bieten hat. Zu dieser Erkenntnis kam ich in zahlreichen Gesprächen mit Menschen, die dem Tod schon sehr nahe waren – sogenannten Nahtoderfahrenen. Folgerichtig setze ich die Seele, weil ich sie als den wichtigsten Teil eines Lebewesens betrachte, mit seiner gefühlten Liebe und seinem gelernten Wissen gleich. Diese Seele hat weder ein Ich noch eine Masse und darf genau deshalb beim Sterben ins Licht eintauchen. Die Ewigkeit existiert tatsächlich – im Licht. Das Licht ist ein gigantischer Speicher von aller Liebe und allem Wissen. Seitdem ich diese Zusammenhänge durchschaut habe, bin ich viel ausgeglichener und zufriedener. Mein heutiges Ziel besteht darin, meiner Familie, meinen Freunden und meinen Lesern zu vermitteln, dass sich das Glück nicht im Streben nach materiellen Werten finden lässt, sondern im Streben nach Liebe und Wissen. Daraus ist auch meine „Stiftung Lucys Kinder“ (www.Lucys-Kinder.de) entstanden, die einen Beitrag dazu leisten will, dass selbst die ärmsten Kinder dieser Welt Zugang zu Liebe und Wissen finden können.

FreieWelt.net:  Hat das auch Einfluss auf Ihre Arbeit als Wissenschaftler?

Markolf Niemz: Tatsächlich hat es einen sehr großen Einfluss. Wissenschaft ist alles, was Wissen schafft. Sie darf also nicht nur das anerkennen, was mit bestehenden Theorien konform geht. Wissenschaft macht dann Quantensprünge, wenn wir eine offene Haltung bezüglich neuer Hypothesen einnehmen. Wenn mir jemand von einer Nahtoderfahrung berichtet, kann ich doch nicht wie die Schulmedizin hergehen und sein Erlebnis zu einem Hirngespinst degradieren, nur weil ich es nicht selbst erlebt habe. Wie in jedem Streitfall muss gelten: Im Zweifel für den Angeklagten! Objektive Wissenschaft zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass sie zunächst alle Möglichkeiten in Betracht zieht, um dann solche auszuschließen, die eindeutig widerlegbar sind. Dank der modernen Notfallmedizin gibt es heute viele bezeugte Berichte, in denen Menschen während eines Herzstillstands etwas erlebt haben, was sich tatsächlich zugetragen hat – aber an einem ganz anderen Ort oder zu einer ganz anderen Zeit. Daraus schließe ich, dass Nahtoderfahrungen real sind.

FreieWelt.net:  Sie haben gesagt, es käme im Sterben vor allem darauf an, das eigene Ich loszulassen.  Aber sind wir etwas anderes als unser Ich?

Markolf Niemz: Bei jedem Begriff, den wir verwenden, sollten wir uns zunächst bewusst machen, was er eigentlich bedeutet. Meines Erachtens besteht das Ich aus seinem Körper und aus seiner Seele. Die Seele selbst hat also kein Ich. Wenn mein Körper stirbt, bricht eine wichtige Säule meines Ichs weg. Folglich stirbt mit meinem Körper auch mein Ich. Die Seele ist davon nicht betroffen, das heißt, sie kann unsterblich sein. Genau das berichten viele Nahtoderfahrene: Sie hatten das Gefühl, dass sich das Ich allmählich auflöse – meistens während der Lebensrückschau. Diese spult das eigene Leben nicht wie einen Film ab, sondern sie zeigt es aus den Perspektiven aller, die irgendwie daran beteiligt waren. Ich werde dabei alle Liebe, die ich anderen geschenkt habe, selbst empfinden. Entsprechend werde ich alles Leid, das ich anderen zugefügt habe, selbst empfinden. Eine Sterbeerfahrung verläuft positiv, wenn sich der Betroffene auf die Lebensrückschau einlässt, also bereit ist, sein Leben offenzulegen und aus seinen Fehlern zu lernen. »Loslassen vom Ich« bedeutet demnach, alles von sich preiszugeben.

FreieWelt.net: Ist es Ihnen nach Ihrer eigenen Einschätzung gelungen, eine Brücke zwischen Religion und Wissenschaft zu bauen?

Markolf Niemz: Ich denke schon, aber ob diese Brücke auch von meinen Lesern beschritten werden kann, müssen sie natürlich selbst beurteilen. Persönlich denke ich, dass der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Religion dringend vertieft werden muss. Wir Physiker leben schließlich nicht in einer anderen Welt als die Theologen. Also muss es auch möglich sein, dass wir eine gemeinsame Sprache finden. Der Weltfrieden und eine intakte Umwelt sind extrem labile Voraussetzungen für das Fortbestehen der Menschheit. Leider ist die Menschheit bereits in der Lage, sich selbst zu vernichten – gewollt mit Waffen oder ungewollt, indem sie die zunehmende Umweltzerstörung ignoriert. Um beides zu verhindern, bedarf es des Dialogs zwischen den Menschen, aber auch zwischen Naturwissenschaft und Religion.

FreieWelt.net:  Die Lucy-Trilogie ist abgeschlossen.  Wird es trotzdem auch in Zukunft Veröffentlichungen von Ihnen zu diesem Thema geben?

Markolf Niemz: Ja, ich bin schon mittendrin. Im August erscheint mein neues Buch „Bin ich, wenn ich nicht mehr bin?“ beim Verlag Kreuz im Hause Herder. Darin verarbeite ich viele neue und vor allem spannende Erkenntnisse in Bezug auf Grenzerfahrungen. Außerdem enthält es erstmals eine in sich schlüssige Erklärung für die wissenschaftlich umstrittenen Phänomene „Jenseitskontakte“ und „Wiedergeburt“.

FreieWelt.net: Herzlichen Dank für dieses Interview!

Das Interview führte Fabian Heinzel

www.lucys-kinder.de

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