Lebensrecht ist weder teilbar noch aufschiebbar – Interview Martin Lohmann

06. Mai 2011, 01:12 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Martin Lohmann (Foto: Robert Boecker)
Redaktion FreieWelt.net

Ein Gespräch mit Martin Lohmann, dem Bundesvorsitzenden des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL); über Menschenwürde, unteilbares Lebensrecht und Präimplantationsdiagnostik.

FreieWelt.net: Herr Lohmann, Sie fordern von den Bundestagsabgeordneten bei der Entscheidung zur Präimplantationsdiagnostik (PID) im Juni für ein klares Verbot der PID abzustimmen. Warum?

Martin Lohmann: Es geht letztlich um die Frage, ob das Lebensrecht unantastbar ist bei uns oder nicht. Grundsätzlich wissen wir: Das Lebensrecht ist weder teilbar noch aufschiebbar. Es gilt immer nur ganz und ohne Wenn und Aber. Nun gilt es, diese grundsätzliche Erkenntnis in politisches Handeln umzusetzen.

FreieWelt.net: Die Unterstützer einer begrenzten Zulassung der PID argumentieren, dass die PID den betroffenen Eltern viel Leid ersparen kann, da mögliche Tod- bzw. Fehlgeburten oder Spätabtreibungen so vermieden werden könnten. Hätte angesichts dessen eine enge Begrenzung der PID nicht doch seine Berechtigung?

Martin Lohmann: Solche Argumente sind durchaus verständlich, aber sie sind letztlich nicht logisch, wenn wir davon ausgehen, dass das Lebensrecht weder teilbar noch aufschiebbar ist. Die unantastbare Würde des Menschen und damit auch sein Lebensrecht sind vorgegeben. Und das Lebensrecht ist niemals abhängig vom Grad der Gesundheit, sondern immer ganz da. Jedes menschliche Tun hat Folgen und verlangt nach Verantwortung. Wer also weiß, dass er die Konsequenzen eines verantwortungsvollen Ja zum Leben nicht wird tragen können, sollte sich vorher überlegen, was er tut oder unterlässt. Sobald das neue Menschenleben entstanden ist, verlangt es nach Schutz und Verantwortung. Es gibt ein klares Recht auf Leben, aber kein Recht auf Töten. Und daher antworte ich: Eine enge Begrenzung der PID kann keine Berechtigung haben, weil es letztlich eine enge Begrenzung des Lebensrechtes wäre. Und die darf und kann es niemals geben.

FreieWelt.net: “Das Rad der Erkenntnis kann man nicht zurückdrehen”, so formulierte es Christine Aschenberg-Dugnus von der FDP in der Bundestags-Debatte zur PID. Dürfen wir genetisch vorbelasteten Eltern, die wissen wollen, welches ihrer Embryonen diese Erbkrankheit möglicherweise in sich trägt, eine PID wirklich vorenthalten?

Martin Lohmann: Ich wiederhole mich gerne: Überlegt vorher, was Ihr tut! Oder besser: was Ihr nicht tut! Mit dem Lebensrecht eines bereits entstandenen Menschen, also eines wachsenden kleinen Menschen, darf man niemals – pardon – spielen. Es gibt übrigens ebenso wenig ein Recht auf ein Kind wie ein Recht auf Töten. Ich weiß, dass das für betroffene mögliche Eltern eine harte Aussage ist. Aber sie ist wahr. Und ich weiß auch, dass dies alles  nichts an dem Kreuz ändert, das unter Umständen zu tragen ist.

FreieWelt.net: Anders als die Pränataldiagnostik (PND) und die Abtreibung, die unter bestimmten Indikationen in Deutschland erlaubt ist, setzt die PID zu einem Zeitpunkt an, wo sich der Embryo noch außerhalb des Mutterleibes befindet. Ist die PID damit am Ende nicht doch viel humaner?

Martin Lohmann: Nein. Sie macht nur auf ihre Weise deutlich, wie sehr das junge Menschenleben auf Schutz und Verantwortung angewiesen ist. Es geht nicht allein um eine Diagnose bei der Präimplantationsdiagnostik. Es geht vielmehr um Leben und Tod. Unbestritten ist längst: Es handelt sich nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle um einen wachsenden Menschen. Wer aber durch eine Diagnostik den Weg zur Selektion und damit zur Tötung menschlichen Lebens eröffnet, versündigt sich und zerstört das unantastbare Lebensrecht. Zugleich wäre dies ein Angriff auf die Humanität und der Einstieg in ein unseliges Unterscheiden zwischen wertem und unwertem Leben. Diese Unterscheidung aber darf es niemals geben.

FreieWelt.net: Ist es nicht überhaupt zweifelhaft, die PID zu verbieten, während Abtreibungen und Spätabtreibungen in Deutschland möglich sind und die Spirale als Verhütungsmittel, die das Einnisten der befruchteten Eizelle verhindert, zugelassen ist?

Martin Lohmann: Daher gilt, dass sich die Logik des Lebens durchsetzen muss und sich unser Tun der Logik des Lebens und einem klaren Ja zum Leben unterordnen sollte. Mit der einen Unlogik, oder sagen wir: mit der einen tödlichen Tragik ließe sich niemals eine andere tödliche Tragik rechtfertigen. Vielleicht leisten wir uns ja doch irgendwann den Mut zur wirklichen Aufklärung, um zu erkennen, wie kostbar das bereits entstandene Leben ist und wie wenig wir dieser Einzigartigkeit durch manches Tun gerecht werden. Manche Verhütung ist nämlich keine Verhütung, sondern eher Vernichtung von Leben. Und was die Tötung noch nicht geborener Menschen angeht, so sagen uns Herz und Verstand gleichermaßen, dass Unrecht Unrecht bleibt. Abtreibungen sind keine Lösung, sondern Tötungen von wachsenden Menschen. Ein buchstäblich schreiendes und brutales Unrecht. Und höchst unmenschlich.

FreieWelt.net: In vielen anderen europäischen Ländern ist die PID eine gängige Untersuchungsmethode bei der künstlichen Befruchtung. Welche Erkenntnisse hat man dort gewinnen können hinsichtlich möglicher langfristiger Folgen für das Kind, an dem eine PID vorgenommen worden ist?

Martin Lohmann: Faktisch gibt es durch eine zugelassene PID längst eine Selektion des Menschen und jene unselige Unterscheidung in lebenswertes und unwertes Leben. Die Heiligkeit des Lebens geht verloren, wo man eine wie auch immer geartete oder getarnte Selektion zulässt. Wer am Lebensrecht rüttelt, rüttelt an der Humanität – und zerstört sie. 

FreieWelt.net: Welche Auswirkungen für unsere Gesellschaft hätte Ihrer Meinung nach eine Zulassung der PID?

Martin Lohmann: Nicht nur die christlichen Lebensschützer fordern die Volksvertreter auf, sich in diesen so wichtigen Fragen sorgfältig kundig zu machen und jeder argumentativen Verneblung zu widerstehen. Die Logik des Lebens verlangt Klarheit. Wer eine wirklich humane Gesellschaft will, muss alles für das Lebensrecht und gegen die Unkultur des Tötens tun. Beim Embryonenschutz darf es keine auch noch so scheinbar kleine Aufweichung geben. Denn es handelt sich von Anfang an nicht um werdendes, sondern bereits vorhandenes wachsendes menschliches Leben, das den größtmöglichen Schutz verlangt. Daher ist zu wünschen, dass unsere Abgeordneten den Mut haben, der Logik des Lebens und einem genormten und geformten Gewissen zu folgen. Alles andere wäre letztlich ein fataler und schrecklicher Angriff auf eine humane Gesellschaft, die zwingend darauf angewiesen ist, den Lebensschutz zu sichern und das Lebensrecht jedes einzelnen Menschen zu stärken. Nur dann gilt noch, wozu uns das Grundgesetz mit seinem wichtigsten und alles entscheidenden Gebot in Artikel 1 auffordert: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das Interview führte Kerstin Schneider

Martin Lohmann (54) ist katholischer Publizist und Verleger. Der Theologe und Historiker ist ehrenamtlich Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL) und Bundessprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU.

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