“Kinder brauchen Zuwendung, Wärme und Geborgenheit” – Interview mit Chris Frey

05. Mai 2011, 10:17 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , | von
Bild ; geralt/photoopia.com
Redaktion

Der Autor Chris Frey beschreibt in seinem Roman "Das Mädchen, das zweimal geboren wurde" das Schicksal einer jungen Ausreißerin, die unerwartet Zuwendung findet. Im Interview mit FreieWelt.net spricht er über seine Arbeit als Autor, seine eigenen Kindheitserfahrungen und darüber, warum ihm das Schicksal junger Menschen besonders am Herzen liegt.

Was hat Sie bewogen, einen Roman zu schreiben, in dem ein vernachlässigtes Kind die Hauptperson ist?

Tatsächlich habe ich den Roman geschrieben, ohne je die Absicht gehabt zu haben, einen zu schreiben. Er ist quasi „aus Versehen“ entstanden.
Die ersten Skizzen entstanden schon Anfang der achtziger Jahre, und zwar aufgrund eigener Erlebnisse als Kind. Meine Mutter (oder besser meine Erzeugerin) wollte mich nicht haben und hat mich von der Empfängnis an gehasst. Ich bin Jahrgang 1954, und es dürfte nachvollziehbar sein, dass Verhütung damals noch kein Thema war. Der Hass der Erzeugerin, der wiederholt auch in schwere Misshandlungen (in Form von Schlägen) gipfelte, hat mich während meiner ersten fünf Lebensjahre verfolgt. Mein Vater war von frühmorgens bis abends in der Arbeit und hat nicht viel davon mitbekommen. In meinem 5. Lebensjahr ist meine Erzeugerin dann über Nacht verschwunden und hat meinem Vater nur einen Zettel hinterlassen.
Ich will das hier nicht weiter ausführen. Jedenfalls haben diese Kindheitserlebnisse zu Verhaltensstörungen mit einer entsetzlichen Langzeitwirkung, nämlich im Grunde bis auf den heutigen Tag, geführt. Die Schwierigkeiten, die ich als Jugendlicher und Heranwachsender hatte, die ständige Ausgrenzung (aus heutiger Sicht jedoch sehr verständlich) haben mich schließlich in den siebziger Jahren fast an den finalen Abgrund geführt.
Dann kam wohl so etwas wie Glück (?) ins Spiel. Ich kam zu der Erkenntnis, dass ich selbst etwas tun müsse, um mir zu helfen. Aber wie?
Mit Aufschreiben! Immer wieder mit Skizzen – war dies doch die einzige Möglichkeit, meiner grenzenlosen Einsamkeit zu entkommen. Das vernachlässigte Kind aus der Frage – bin ich selbst! Und schließlich, erst nach dem Jahrtausendwechsel, brachte mich ein Bekannter auf die Idee, das alles doch mal zusammenfassend aufzuschreiben! Also eignete ich mir per Fernstudium ein wenig Handwerkszeug an und habe alles zu diesem Roman zusammen gebunden.
Weitere Einzelheiten wären entweder langweilig oder würden dem Roman etwas die Spannung nehmen.

Es handelt sich bei Ihrem Roman um eine fiktive Erzählung, haben Sie trotzdem auch Hintergründe recherchiert?

Rein fiktiv ist an dem Roman eigentlich nichts. Meine kleine Protagonistin Viola hat als Kind gleich zwei absolute Katastrophen auf einmal erlebt. Die erste, nämlich sexueller Missbrauch, ist nur insofern fiktiv, als ich diesen Aspekt nicht selbst erlebt, sehr wohl aber davon gehört habe. Die zweite Katastrophe ist zu 100% autobiographisch, samt aller Folgeprobleme, und ich bitte um Verständnis, dass ich hier nicht näher darauf eingehe, um die Spannung nicht zu nehmen.

Recherchiert habe ich unendlich viel, hauptsächlich im Bereich Kinderpsychologie. Dies war zusammen mit einer Gesprächspsychotherapie, die etwa ein Jahr gedauert hatte, unabdingbar, um mir selbst zu helfen. Die im Roman zutage tretenden Gefühle sind in ihrer bisweilen furchtbaren Intensität authentisch und psychologisch fundiert.

Welcher Aspekt Ihrer Erzählung liegt Ihnen ganz besonders am Herzen?

Besonders am Herzen liegen mir mehrere Dinge:
•    Kinder sind keine kleinen Erwachsenen! Kinder sind die Zukunft unserer Gesellschaft, und es ist skandalös, wie wir Erwachsenen mit dieser Zukunft umgehen! Erwachsene können versuchen, so zu sein wie Kinder, aber sie dürfen nie, nie versuchen, Kinder ihnen gleich zu machen!
•    Kinder brauchen Zuwendung, Wärme und Geborgenheit. Wehe dem Kind, dem diese drei Dinge vorenthalten werden!
•    Kinder brauchen Grenzen, die man ihnen aufzeigen muss. Es ist normal, dass sie immer wieder diese Grenzen ausprobieren – und protestieren, wenn sie gesetzt werden. Wie oft muss ich erleben, dass Kinder daraufhin von ihren Eltern gezüchtigt oder bestraft werden. Warum denn? Kindlich normales Verhalten bestraft man nicht, sondern man lässt das Kind sich erst austoben und nimmt es dann liebevoll tröstend auf den Arm (natürlich ohne die Grenzen aufzuweichen).
•    Und ganz allgemein: Achten Sie die Denkwelt der Kinder! Die Spielwelten, in denen sich Kinder zurückziehen, sind für diese real und damit heilig! Kinder sollten in der Gesellschaft ganz, ganz oben stehen – das sollte auch für Politik und Gesellschaft gelten, tut es aber nicht. Wäre dies doch der Fall, würde unsere Welt vermutlich viel besser aussehen als derzeit! Ein Kind, das als Kind vorbehaltlos geliebt wird, auch wenn es den größten „Blödsinn“ anstellt, wird nie auf die Idee kommen, Dinge wie Krieg zu spielen.
Hierzu könnte ich ein ganzes weiteres Buch schreiben. Aber an dieser Stelle soll das erst mal langen.

Was dürfen wir in Zukunft von Ihrer Arbeit als Autor erwarten?

Schreiben ist zu einer Leidenschaft geworden. Ich habe zwei weitere Romane vollendet, allerdings nicht ganz mit dem Tiefgang meines Erstlings. Der Roman enthält viele praktische Hinweise zur Kindererziehung, beziehungsweise schildere ich als tief empfundenen Wunschtraum, welche Kindheit ich gerne gehabt hätte. Ich dachte mir auch, dass er Menschen, die als Kind Ähnliches erlebt haben (ich bin ja beileibe kein Einzelfall); helfen könnte, die Probleme zu meistern. Und vielleicht auch Verständnis bei Erwachsenen zu wecken, wenn ein Kind scheinbar „ungezogen“ sind.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Das Interview führte Fabian Heinzel

Buch bei amazon bestellen

Schlagworte: ,

6 Kommentare auf "“Kinder brauchen Zuwendung, Wärme und Geborgenheit” – Interview mit Chris Frey"

Schreibe einen Kommentar

Anzeige