Kinder brauchen aktive Eltern, keine Krippen

12. Juni 2012, 09:40 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von Redaktion
Foto: Dr. Albert Wunsch/privat
Redaktion FreieWelt.net

Kleine Kinder, die „täglich für viele Stunden von Mama und Papa getrennt werden“, reagieren häufig mit „deutlich meßbarem Streß“, warnt der Psychologe und Erziehungswissenschaftler Dr. Albert Wunsch im Interview mit kath.net von Petra Lorleberg. Für die meisten Kinder sei die Krippe auch nicht förderlich, wie von einigen Krippeneuphorikern behauptet, so Wunsch. Deshalb solle der Staat statt einseitig die Krippenbetreuung massiv zu subventionieren, lieber allen Eltern ein einheitliches Erziehungsgeld zahlen, das diese dann so einsetzen, wie sie es für ihre Kinder am besten finden.

kath.net: Herr Dr. Wunsch, in der Öffentlichkeit wird derzeit hitzig über die Betreuung von Kindern unter drei Jahren debattiert. Wer hat ein Interesse daran, dass Kleinkinder außer Haus betreut werden?

Dr. Albert Wunsch: Auf den ersten Blick hat die Politik ein Interesse an der außerhäusigen Kleinkindbetreuung. Basis ist das vor Jahren der Wirtschaft gegenüber gemachte Zugeständnis, dass Frauen nach der Geburt eines Kindes so schnell wie möglich wieder in Erwerbsleben sollen. Aber auch die meisten Frauenverbände plädieren dafür, weil so die seit Jahrhunderten angeblich existierende ‚Abhängigkeit der Frau von Kindern und Haushalt’ überwunden werden soll. Das Ganze wird dann als modernes und emanzipatorisches Familienbild angepriesen. Fakt ist, dass Babys kein Interesse daran haben, täglich für viele Stunden von Mama und Papa getrennt zu werden und häufig mit Störungen darauf reagieren.

kath.net: Welche Lebensbedingungen stufen Sie für Kinder unter drei Jahren als optimal ein? 

Wunsch: Dass der Mensch eine physiologische Frühgeburt ist und von daher in den ersten 18 Monaten seines Lebens kontinuierlich dieselbe feste Bezugsperson braucht, scheinen die Krippen-Befürworter verdrängt zu haben. Wenn aber zu einer Zeit, in welche z.B. Hunde noch den Welpenschutz genießen, Kleinstkinder in die Krippe gegeben werden, dann erfolgt ein rapider Bruch, welcher sich als rasanten – deutlich messbarer – Stress äußert. Bei unsicheren Beziehungen, zu wenig Zuwendung und Kontinuität fehlt jedoch die Basis zur Entwicklung von Urvertrauen und Bindungsfähigkeit. 

Was in den ersten 3 – 5 Lebensjahren nicht an Kleinkinder im normalen Lebensalltag herangetragen wird, ist kaum oder nur äußerst schwierig ‚nachzuliefern’. Dabei haben die Eltern als Garanten des emotionalen und körperlichen Wachstums durch die Gewährleistung einer verlässlichen Mutter- /Vater-Kind-Beziehung die größte Handlungs-Verantwortung und Wirk-Bedeutung. Der Leitsatz der Bindungsforschung in diesem Zusammenhang lautet: Bindung ist die Basis von Erziehung und Bildung; oder umgekehrt: Ohne Bindung kein Bildung!

Die ‚my way’ Stiftung hat unter der Überschrift: ‚Professionelle Elternschaft’ die Formel: 9 + 36 = 90 entwickelt. Das heißt: 9 Monate Schwangerschaft und die ersten 36 Monate nach der Geburt machen 90% von dem aus, was unsere Kinder und Jugendlichen im weiteren Leben – ob unter positivem oder negativem Vorzeichen – prägt.

kath.net: Da ist ja oft und gern die Rede davon, dass Kleinkinder in Kitas bildungsmäßig hervorragend gefördert würden. Wie sehen Sie das als Erziehungswissenschaftler und Psychologe?

Wunsch: Eine bessere Förderung mag für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern möglich sein, nur sind diese selten bis nie in Krippen zu finden. 

Die Kinder aus dem Mittelstand und von Akademikern wiederum erfahren in der Regel in der U-3-Betreuung keine Förderung. Der häufig bemühte Hinweis, dass hier die so wichtige soziale Kompetenz gefördert würde, trifft meist für das Kindergartenkind, aber nicht fürs Babys zu, denn diese baut auf der Entwicklung der personalen Kompetenz – der kindgemäßen Ich-Findung. Der Satz: ‚Ohne Ich kein Du und Wir’ macht dies deutlich. 

Auch für die Sprachentwicklung ist die Krippe selten förderlich, weil diese nur durch richtig sprechende Erwachsene und nicht durch Multi-Kulti-Kinder-Gebrabbel erlernt werden kann. 

kath.net: Welche Subventionierung für junge Eltern schlagen Sie vor, soll überhaupt subventioniert werden?

Wunsch: Ich plädiere schon seit vielen Jahren, allen Eltern ein einheitliches Erziehungsgeld zu zahlen, wie dies in vielen europäischen Ländern der Fall ist. Da ein Krippenplatz den Staat pro Kind und Monat ca. 1.200,- Euro kostet und auf diese Weise gut 1/3 der Eltern gefördert werden sollen, könnten also alle Eltern auch pro Monat 400,- Euro erhalten. Das ist echte Wahlfreiheit und Chancengleichheit. Denn der Staat hat die Aufgabe, nicht die Form eines Umgangs mit Kindern, sondern deren Inhalt – die Erziehung – zu fördern.

Dieses Erziehungsgeld für die unter Dreijährigen geht an die Eltern. Diese können es dann an Tagesmütter oder – plus persönlicher Aufstockung – zu Krippen tragen oder für ihre eigene Erziehungsleistung vereinnahmen. Findet in Problemfamilien diese nicht angemessen statt, ist das Wächter-Amt des Staates gefordert, schnell und angemessen zu intervenieren. 

kath.net: Wenn Mütter oder Väter nicht außer Haus berufstätig sind, um für den eigenen Haushalt und die Kinder zu sorgen, dann kommt schon auch mal das Wort „Sozialschmarotzer“ ins Spiel. Was sagen Sie dazu?

Wunsch: Im eigentlichen Wortsinn sind Schmarotzer die Wesen, welche sich durch andere am Leben erhalten. Auf eine Gesellschaft bezogen trifft dies am ehesten auf jene zu, welche mehr aus dem Sozialsystem heraus hohlen, als sie einbringen könnten. Unabhängig vom eingebrachten Begriff sind z.B. alle Kinderlosen oder ihre Kinder nicht fördernden Eltern in unangemessener Weise Nutznießer der Aktiven. Jene Väter und Mütter jedoch, welche sich in Verantwortung für eine gute Erziehung engagieren, geben einem Staat die notwendige Stabilität. Denn alle Kosten für Notinterventionen im Bereich der Erziehungshilfen – sie steigen jährlich um 10% -, für sich nicht einbringen wollende Sozialhilfebezieher und erst recht die Kosten für Strafanstalten reduzieren seine Leistungsfähigkeit. 

kath.net: Was halten Sie von der Behauptung, die klassische Rolle der Frau und Mutter sei für emanzipierte Frauen heutzutage kein gangbarer Weg mehr.

Wunsch: Wenn damit das Heimchen am Herd gemeint wird, welche den Tag über die Kinder hütet, kocht, Strümpfe stopft und auf den Ehemann wartet, dann sicher nicht. Ob es ein solches Lebenskonzept je gegeben hat, bezweifle ich aber. 

Andererseits haben selbsternannte Ober-Emanzen keiner Frau vorzuschreiben, dass nur eine Erwerbsarbeit und berufliche Karriere für sie möglich sein dürfen. 

Eine wirklich selbständige Frau spürt in der Regel recht deutlich, wie ihr persönlicher Lebensweg aussehen sollte. 

Und wenn dann vor der Zeugung eines Kindes in gegenseitiger Verantwortung entschieden wird, wer von Beiden in welchem Umfang für ein gelingendes Familien-Leben unter den Aspekten Einkommens-Erwirtschaftung, Kindererziehung und Haushaltsführung zuständig ist, wurde ein in die Zukunft weisender Weg eingeschlagen. 

kath.net: Auch die kirchlichen Träger von vorschulischen Einrichtungen sind hier gefragt. Der Deutsche Caritasverband beispielsweise unterstützt das Betreuungsgeld nicht.

Wunsch: In einem KNA-Beitrag habe ich es als beschämend bezeichnet, dass sich der Deutsche Caritasverband – teilweise mit fadenscheinigen bzw. populistischen Begründungen – gegen eine finanzielle Anerkennung der elterlichen Erziehungsleistung ausspricht und stattdessen auf die von Wirtschaftsverbänden und Politikern geforderte Krippe setzt. So werden über 2/3 aller Eltern um ca. 1.200,- Euro pro Monat benachteiligt und gleichzeitig ihre wertvolle Erziehungsleistung diskreditiert. Das Ganze wird dann noch – so auch im Positionspapier des DCV – als Wahlfreiheit verkauft, obwohl das deutsche Bundesverfassungsgericht mit seinem Betreuungsurteil vom 19.01.1999 forderte, dass der Aufwand der elterlichen Kindererziehung und institutionellen Betreuung gleich zu bewerten ist. 

Am ehesten ist eine solche Position nachvollziehbar, wenn sich hier der Caritasverband als Lobbyist in eigener Sache betätigt, um als Träger von Krippen diese weiter auszubauen. Und wenn dann noch in der Abwehr des Betreuungsgeldes vom Bistum Rottenburg-Stuttgart das Totschlag-Argument „alternativlos“ genutzt wird, wird die mangelhafte Argumentationsfähigkeit offensichtlich. 

Gut, dass die Botschaft des Katholikentages in Mannheim in die entgegen gesetzte Richtung ging, weil hier für die ersten drei Lebensjahre die elterliche Verantwortung für die Erziehung im Gegensatz zu einer Staats-Erziehung gefordert wurde. Dies kam im Begrüßungsbeitrag von ZdK-Präsidenten Glück und in der Eröffnungs-Predigt von Erzbischof Zollitsch (breiter Spontan-Applaus) sehr deutlich zum Ausdruck.

Ein abschließender Appell: Kinder brauchen keine Krippen, sondern aktive Eltern, um durch diese in ein eigenständiges und selbstverantwortliches Leben geführt zu werden.

Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von kath.net. 

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