Katholikenforum: Wir brauchen das Betreuungsgeld!

19. April 2012, 10:56 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: | von Redaktion
Foto: Hubert Gindert/privat
Redaktion FreieWelt.net

Ab 2013 soll es für Eltern, die ihre ein- bis zweijährigen Kinder nicht in einer staatlichen Kinderkrippe betreuen lassen, ein monatliches Betreuungsgeld geben. So zumindest steht es im Koalitionsvertrag. Doch die Diskussionen um diese Anerkennungsleistung für elterliche Erziehung reißen nicht ab. FreieWelt.net sprach mit dem Ökonom Prof. Dr. Hubert Gindert über das geplante Betreuungsgeld, Krippenbetreuung und die Hintergründe der Widerstände gegen das Betreuungsgeld.

FreieWelt.net: Das Forum Deutscher Katholiken, dessen Vorsitzender und Sprecher Sie sind, hat sich in einer öffentlichen Erklärung für die Einführung eines Betreuungsgeldes für Eltern, die ihre Kinder im 2. und 3. Lebensjahr nicht in einer Kinderkrippe betreuen lassen, ausgesprochen. Warum brauchen wir Ihrer Meinung nach ein Betreuungsgeld?

Prof. Gindert: Wir brauchen das Betreuungsgeld der Kinder, der Eltern und der Gesellschaft wegen. Wir brauchen es für die Kinder, damit sie in den ersten Lebensjahren die emotionale Bindung und das lebenswichtige Urvertrauen entwickeln können; die Eltern, insbesondere die Mütter brauchen es, damit sie sich stressfrei der Erziehung widmen können und nicht einer ausbeuterischen Doppelbelastung von außerhäuslicher Arbeit, Haushalt und Erziehung ausgesetzt sind. Die Gesellschaft braucht eine psychisch und physisch belastbare nächste Generation. Die jungen Leute werden aufgrund der demographischen Entwicklungen mit großen und zusätzlichen Belastungen konfrontiert sein.

FreieWelt.net: Aber sind 150 € denn nicht viel zu wenig, um Eltern eine wirkliche Wahlfreiheit zu bieten?

Prof. Gindert: Grundlage des Betreuungsgeldes ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 10.11.1998. Danach gebietet der Gleichheitsgrundsatz außerhäusliche Betreuung nicht besser als familiäre zu stellen. 150,– Euro entsprechen nicht der echten Wahlfreiheit, weil dieser Betrag nur rund ein Siebtel der Kosten des Kinderbetrages in Kitas ausmacht. Die Eltern haben ganz überwiegend den Wunsch nach Wahlfreiheit. Sie ist mit dem vorgesehenen Betreuungsgeld nicht gegeben. Vielfach sind die Eltern aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, ihr Kind außer Haus betreuen zu lassen.

FreieWelt.net: Sollte demzufolge den Eltern ein höheres Betreuungsgeld gezahlt werden? Wie hoch müßte das Ihrer Meinung ausfallen?

Prof. Gindert: Wenn von Wahlfreiheit wirklich die Rede sein soll, dann ist diese gegeben, wenn die Eltern den vollen monetären Ausgleich der Kosten eines Kitaplatzes erhalten. Das sind rund 1200 Euro!

FreieWelt.net: In Ihrer Erklärung haben Sie die Bürger dazu aufgerufen, „der Ideologie der Kollektiverziehung in Kitas im Interesse unserer Kinder zu widerstehen!“ Von den Kritikern des Betreuungsgeldes wird die Kita-Betreuung dagegen vielmehr als Segen für die Bildung und Erziehung der Kinder gepriesen. Was halten Sie von diesem Argument?

Prof. Gindert: Nichts! In den ersten Lebensjahren geht es nicht primär um Wissen, sondern um emotionale Bindung, elterliche Zuwendung, vor allem um Mutterliebe. Der Hinweis auf die „Entwicklung der Kinder aus bildungsfernen Schichten“ verschweigt die Bedeutung von Bindung und menschlicher Zuwendung für Kleinkinder. Es gibt gesicherte Forschungsergebnisse, nach denen die vorhin genannte Zuwendung Hirnentwicklung und Spracherwerb sehr positiv beeinflussen. Von den entwicklungsspezifischen Verletzungen (Traumata) bei Kindern, die von ihren Eltern weitgehend getrennt aufgezogen werden, zu sprechen, verstößt in dieser Gesellschaft gegen die politische Korrektheit. Der achte Familienbericht der Bundesregierung über die Kitas stellt fest: „…selbst bei guter Qualität der externen Betreuungseinrichtung verlieren demnach Kinder aus Mittelschichtfamilien an persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten. …die positiven Wirkungen außerfamiliärer Betreuungseinrichtungen für Kinder aus sozial schwachen Familien werden vom achten Familienbericht deutlich relativiert.“ Nach einer Langzeitstudie in den USA in den 80er Jahren, an mehr als 3.000 Schülern (die in Kitas betreut wurden); konnte festgestellt werden, „dass sie im Vergleich zu den Kindern in den 70er Jahren, d.h. 15 Jahre zuvor, verschlossener, mürrischer, unglücklicher, unkonzentrierter, fahriger, aggressiver waren und häufiger straffällig wurden. Sie zeigten bei 42 Verhaltensindikatoren schlechtere Ergebnisse, bei keinem Kriterium schnitten sie besser ab.“

FreieWelt.net: Aber was ist mit Kindern aus Familien, in denen kaum oder nur ungenügend Deutsch gesprochen wird. Wäre denn nicht für diese Kinder die Kinderkrippe zumindest für einige Stunden am Tag eine große Hilfe?

Prof. Gindert: Auch für diese Kinder geht es zuerst um emotionale Reifung. Sind die Kinder psychisch und physisch gut entwickelt und belastbar, werden sie später im Kindergarten einen evtl. vorhandenen sprachlichen Vorsprung anderer Kinder rasch aufholen. Im Übrigen gilt das oben gesagte.

FreieWelt.net: Was, meinen Sie, steckt hinter der einseitigen Förderung der Krippenbetreuung durch den Staat bzw. warum stößt das Betreuungsgeld auf so massive Widerstände?

Prof. Gindert: Ideologie und kapitalistisches Denken ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Menschen. Dahinter steht die Ideologie von „die Linke“, der „Grünen“, der „Piraten“ und Teilen der „SPD“ und „CDU“, die die Lufthoheit über die Kinderbetten anstreben, um gefügige und abhängige Mitläufer zu schaffen, bzw. um ihr Welt- und Menschenbild durchzusetzen. Hinzu kommt jene unheilige Allianz von Gewerkschaften und Arbeitgebern, die die letzten Arbeitskraftreserven einer, aufgrund der demographischen Entwicklung, alternden Gesellschaft ohne Rücksicht auf Kinder und Frauen mobilisieren wollen.

FreieWelt.net: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Familien in Deutschland?

Prof. Gindert: Familien, die selbst bestimmen können, was für ihre Kinder das Beste ist, weil sie nicht staatlicher Bevormundung und wirtschaftlicher Benachteiligung ausgesetzt sind, Familien, deren Leistung für die Gesellschaft wieder mehr geschätzt und auch finanziell anerkannt wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

(KS)

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