“Jagd ist praktizierter Naturschutz” – Interview mit Torsten Reinwald

15. September 2010, 08:48 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Redaktion

Torsten Reinwald ist Pressesprecher des Deutschen Jagdschutz Verbandes.  Im Interview mit FreieWelt.net erklärt er, welche Bedeutung die Jagd nach wie vor für den Umwelt- und Naturschutz hat, was das "Bambi-Syndrom" ist und wie man Jäger wird.

FreieWelt.net:  Inwiefern lassen sich Jagd und Naturschutz miteinander verbinden?

Torsten Reinwald: Jagd, die wie in Deutschland nachhaltig ausgeübt wird, ist praktizierter Naturschutz. Das hat beispielsweise die internationale Naturschutzvereinigung IUCN bereits 2000 festgeschrieben. Nachhaltig bedeutet dabei, dass nur so viele Tiere gejagt werden, wie langfristig nachkommen. Jagd ist aus unserer Kulturlandschaft nicht wegzudenken. Pflanzenfresser im Wald (Reh, Hirsch) würden ohne Jagd die Naturverjüngung der Wälder stark beeinträchtigen und Wildschweine enorme Schäden auf Feldern verursachen. Die Bejagung von anpassungsfähigen Räubern wie
dem Fuchs oder Neozoen wie dem Marderhund helfen bedrohten, spezialisierten Arten, deren Lebensraum immer mehr schrumpft. Darunter sind Bodenbrüter wie Feldlerche, Kiebitz oder verschiedene Wasservögel. Jagd ist zudem wichtig, um das Seuchenrisiko – etwa durch
Schweinepest oder Räude – zu vermeiden. Die finanziellen Aufwendungen für umfangreiche Schutz- und Hegemaßnahmen finanzieren Jäger meist aus eigener Tasche. Jedes Jahr legen Jäger zum Beispiel Hecken an, die zusammen so lang sind wie die Chinesische Mauer.

FreieWelt.net: Könnten die Forstbehörden diese Aufgaben nicht besser erfüllen?

Torsten Reinwald: Die Forstbehörden haben zwar Einfluss auf die Abschussplänen für Wildarten, die im Wald leben.
Für die alleinige Umsetzung in die Praxis fehlen den Behörden aber schlicht das Geld und das Personal. Zudem sind von den rund 32 Millionen Hektar jagdbarer Fläche in Deutschland nur 40 Prozent bewaldet. Für Feld- und Wiesenflächen – also auch die entsprechenden Wildschäden – sind Forstbehörden nicht zuständig. Die rund 350.000 Jäger in Deutschland erfüllen nicht nur
einen gesetzlichen Auftrag in Wald und Feld, indem sie kostenlos staatliche Abschusspläne einhalten und bei Seuchengefahr im Auftrag von Behörden aktiv werden. Viele Naturschutzprojekte oder das Entsorgen von verunfalltem Wild sind weitere wichtige Aufgaben im
Sinne der Öffentlichkeit, die ebenfalls nicht in Rechnung gestellt werden.

FreieWelt.net: Mit welchen Vorurteilen werden Jäger am häufigsten konfrontiert?

Torsten Reinwald: Vorweg: Die Mehrheit der Deutschen steht der Jagd durchaus positiv gegenüber. Bei einer
aktuellen repräsentativen Umfrage unter rund 1000 Bundesbürgern zeigten sich 80 Prozent der Deutschen davon überzeugt, dass die Jagd notwendig ist, um Wildbestände zu regulieren und Wildschäden in Wald und Feld vorzubeugen. Dass Jäger die Natur lieben, denken sogar fast 90 Prozent der Bundesbürger und bejahen das Füttern von Wild in Notzeiten. Das häufigste Vorurteil, Jäger gingen aus purer Lust am Töten auf die Pirsch, wird von einer Minderheit vertreten.

FreieWelt.net: Was haben Sie dem zu entgegnen?

Torsten Reinwald: Das ist Stimmungsmache, die emotional motiviert ist. Die Sachargumente sprechen allerdings dagegen. Rein rational gesehen ist Jagd notwendig und klar geregelt. Jagd- und Schonzeiten
regeln zum Beispiel welche Tiere wann gejagt werden dürfen. In Abschussplänen ist genau festgelegt, wie viel gejagt werden darf oder muss. Und über das Reviersystem sind die Jäger –- zusammen mit den Grundeigentümern – bundesweit für die Erhaltung des Wildes und seiner Lebensräume verantwortlich. Eine staatliche Kontrolle ist gesetzlich vorgesehen, sie wird durch die Jagdbehörden vorgenommen. Dass schwarze Schafe innerhalb der Jägerschaft über die Stränge
schlagen lehnen wir genauso ab wie militante Jagdgegner, die Hochsitze ansägen und damit
Menschenleben gefährden.

FreieWelt.net: Die meisten von uns leben in Städten, arbeiten in Büros und kaufen im Supermarkt ein.
Wirkt sich der oft fehlende Bezug zur Natur auf das Image der Jagd aus?

Torsten Reinwald: Das Problem der Naturentfremdung ist tatsächlich ein großes und beeinträchtigt das Bild von
Umwelt und Natur ebenso wie das der Jagd. Unser im Sommer vorgestellter Jugendreport Natur 2010 zeigt: Naturwissen der Jugend ist insgesamt extrem mangelhaft. Mich bekümmert, dass inzwischen jeder dritte Jugendliche noch nie einen Käfer auf der Hand hatte, und jeder vierte noch nie ein Reh gesehen hat. Für viele geht die Sonne inzwischen im Norden auf, Hühner legen drei Eier am Tag, Kühe haben elf Zitzen, aus dem Hirsch ist ein Reh und aus dem Kitz ein Kid geworden.
Die ursprüngliche und Ressourcen schonende Nutzung von Wäldern – das Fällen von Bäumen oder Jagen von Tieren – lehnen viele Kinder als schädlich für die Natur ab. Im gleichen Atemzug halten sie es für völlig unschädlich, jedes Jahr ein neues Handy oder ständig neue Klamotten zu kaufen. Es wird also auf der einen Seite völlig verkannt, welcher Raubbau betrieben wird, um die Konsumlust zu befriedigen. Andererseits dominiert das Bambi-Syndrom: Die Natur als zerbrechliches Gebilde, das wir am besten nicht betreten. Dabei leben wir in und von der Natur. Ständig. Es geht darum, verantwortungsvoll damit umzugehen. Jagd und Forstwirtschaft sind dafür
gute Beispiele.

FreieWelt.net: Ein Jäger ist üblicherweise auch ein Waffenbesitzer. Wie gefährlich sind Waffen in
privaten Haushalt?

Torsten Reinwald: Deutschland hat eines der schärfsten Waffengesetze in der Welt, das nach dem entsetzlichen
Amoklauf in Winnenden letztes Jahr noch einmal verschärft worden ist. Wenn die strengen Gesetze eingehalten werden, sind Waffen in privaten Haushalten nicht gefährlich. Allerdings nützt das ausgeklügeltste Sicherungssystem nichts, wenn Waffen unter dem Kopfkissen gelagert werden. Die richtige Aufbewahrung ist das A und O, damit Unbefugte keinen Zugang haben.
Legale Waffenbesitzer müssen daher ihrer Sorgfaltspflicht immer nachkommen. Waffen gehören – wie schon lange gesetzlich vorgeschrieben – für jeden unzugänglich in den Waffenschrank.

Das eigentliche Problem sind aber die illegalen Waffen – davon gibt es Deutschland Schätzungen nach etwa 20 Millionen. So werden nur 0,004 Prozent der Straftaten in Deutschland mit rechtmäßig erworbenen Waffen verübt. Man muss nicht schärfer gegen legale Waffen, sondern
gegen illegale Waffen vorgehen.

FreieWelt.net: Und zu guter Letzt: Wie wird man eigentlich Jäger?

Torsten Reinwald: Wer in Deutschland die Jagd ausüben will, muss einen gültigen Jagdschein besitzen. Voraussetzung dafür ist das Bestehen des „Grünen Abiturs“, also der staatlichen Jägerprüfung. Zur Vermittlung des benötigten Wissens und zur Vorbereitung auf die Prüfung werden von den Jägerschaften Vorbereitungslehrgänge angeboten. Umfang: zwischen 120 und 180 Stunden. Zur Ausbildung gehören auch die richtige Handhabung einer Waffe und die entsprechende
Schießfertigkeit, denn Sicherheit wird groß geschrieben. Wer dabei patzt, hat keine Chance, die Prüfung zu bestehen.

Rund 350.000 Deutsche besaßen 2009 einen Jagdschein. Die Zahl ist so hoch wie nie zuvor. Darunter sind immer mehr Frauen: Gab es vor fünfzehn Jahren nur eine Jägerin unter hundert Grünröcken, sind es inzwischen zehn Prozent. Die Jagdleidenschaft zieht sich auch quer durch alle Berufsgruppen: Viele Landwirte sind Jäger, daneben aber auch Beamte, Angestellte,
Handwerker und Arbeiter.

FreieWelt.net: Herr Reinwald, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Fabian Heinzel

www.jagd-online.de

(Foto: didi-ob/pixelio.de/Torsten Reinwald)

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