“Iran – Land der verlorenen Schreie” – Interview mit Mohammad Moshiri

05. November 2010, 10:30 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: | von
Bild: Fabian Heinzel und Mohammad Moshiri
Redaktion

In seinem neuesten Buch "Iran - Das Land der verlorenen Schreie" erzählt Mohammad Moshiri das Schicksal des jungen Iraners Mohssen, der gemeinsam mit seiner Schwester aus seinem Heimatland flieht, erleben muss, wie diese verschleppt wird und den es über die Türkei bis nach Deutschland und wieder zurück in den Iran verschlägt.  Im Gespräch mit FreieWelt.net erklärt Moshiri, was das Mullah-Regime für das Leben von Millionen Menschen bedeutet und warum er einen Einzelnen gewählt hat, um dies deutlich zu machen.

FreieWelt.net: Dein neues Buch heißt „Iran – Das Land der verlorenen Schreie“.  Wessen Schreie sind es, die im Iran verloren gehen?

Mohammad Moshiri:  Die Schreie von Menschen wie Mohssen, dessen Geschichte ich in dem Buch beschreibe.  Ich habe ihn kennen gelernt als ich vor einigen Jahren ein Asylbewerberheim in Ostdeutschland in der Nähe der polnischen Grenze besucht habe.  Eigentlich war ich auf der Suche nach seiner Schwester.

FreieWelt.net:  Warum?

Mohammad Moshiri:  Das hatte mit meinem Einsatz für im Exil lebende Iraner zu tun.  Modjdeh, die Zwillingsschwester von Mohssen hat sich als Studentin im Iran für Menschen- und Frauenrechte eingesetzt, noch bevor ihr Bruder damit angefangen hat.  Daher geriet sie Ende der 90er Jahre ins Visier des Mullahregimes geraten und musste fliehen.  Die Geschwister haben dann gemeinsam die Grenze zur Türkei überquert.  Aber kurz danach wurden sie überfallen.  Menschenhändler haben Modjdeh verschleppt und als Prostituierte verkauft.  Mohssen hat verzweifelt versucht, sie wiederzufinden, erst in der Grenzregion, dann in Istanbul.  Er hat sie nicht gefunden, vielleicht ist sie tot.  Aber wenn sie noch lebt ist es gut möglich, dass sie sich im arabischen Raum aufhält.

FreieWelt.net:  Wieso gerade dort?

Mohammad Moshiri:  In den arabischen Ländern gibt es den größten Markt für iranische Frauen.  Es gibt dort reiche Männer, die sie kaufen als wären sie Vieh.  Ich habe in Dubai mit eigenen Augen einen Basar gesehen, auf dem iranische Frauen gehandelt werden.  Manche werden verschleppt wie Modjdeh, aber viele kommen auch, weil sie im Iran nichts zu essen haben oder weil man ihnen falsche Versprechungen gemacht hat.  Das liegt auch daran, dass die Lage der iranischen Flüchtlinge in den Nachbarländern des Irans so katastrophal ist.  Mehr als fünf Millionen Menschen haben seit der iranischen Revolution von 1979 den Iran verlassen.  Einige schaffen es zum Beispiel bis nach Deutschland, die haben Glück, denn hier kümmert sich die Regierung um sie.  Aber die Regierungen in der Türkei oder in Pakistan fühlen sich überhaupt nicht für diese Menschen zuständig.  Sie überlassen alles den Vereinten Nationen.  Deshalb leben einige in Einrichtungen der UNO.  Viele werden außerdem zurückgeschickt.

FreieWelt.net:  Was passiert mit denen, die zurückgeschickt werden?

Mohammad Moshiri:  Das kommt darauf an, ob sie politisch aktiv sind oder nicht.  Die meisten fliehen in erster Linie vor der Armut und der ständigen Unterdrückung, engagieren sich aber nicht selbst politisch.  Das Regime in Teheran ist zwar reich, aber die Bevölkerung hat nichts.  Das Ganze Geld, das mit Öl und Gas verdient wird, wird für Waffen, Repressionsorgane und den Export der iranischen Revolution ausgegeben.  Diese Elendsflüchtlinge werden vielleicht geschlagen und verbringen dann ein oder zwei Tage im Gefängnis.  Oft bestechen sie dann die Wachen und können gehen, nicht selten versuchen sie anschließend, erneut zu fliehen.  Wer sich aber politisch gegen das Regime engagiert, verschwindet für viele Jahre im Gefängnis oder wird getötet.

FreieWelt.net:  Du hast vom Export der iranischen Revolution gesprochen, was soll man sich darunter vorstellen?

Mohammad Moshiri:  Das bekannteste Beispiel ist wohl die Hisbollah im Libanon, die vom iranischen Regime finanziert und bewaffnet wird.  Sehr stark sind iranische Agenten im Irak am Werk und vor allem in letzter Zeit knüpfen Ahmadinedschad und seine Leute immer mehr Kontakte nach Lateinamerika.  Der venezolanische Präsident Hugo Chavez und Mahmud Ahmadinedschad betrachten die USA als ihren gemeinsamen Feind, deshalb solidarisieren sie sich.  Auch in Bolivien und Brasilien versuchen die Mullahs Fuß zu fassen.  Sie gründen soziale Projekte wie Kindergärten und Schulen, um die Menschen zu missionieren und auf ihre Seite zu bringen, aber es geht nicht um die sozialen Projekte, sondern um die Ausbreitung ihrer Ideologie.  Wenn die Mullahs die Möglichkeit hätten, würden sie die ganze Welt unter ihre Kontrolle bringen.  Was so ein Leben  unter den Mullahs bedeutet, ist für die Menschen im Westen schwer vorstellbar.  Deshalb habe ich in meinem Buch das Schicksal eines Einzelnen aufgegriffen.

FreieWelt.net:  Weißt Du, ob Mohssen noch lebt?

Mohammad Moshiri:  Nein, leider nicht.  Er war schon als politischer Flüchtling in Deutschland anerkannt, ist aber freiwillig in den Iran zurückgegangen, um den Kampf gegen das Regime fortzuführen.  Vor ein paar Jahren habe ich noch einmal einen Brief von ihm aus dem Iran erhalten.  Danach habe ich nichts mehr gehört.  Deshalb musste ich in meiner Geschichte auch die Namen ändern, um ihn und seine Verwandten nicht zu gefährden.  Vor allem aber zeigen Menschen wie er, wie wenig Rückhalt die Mullahs in der Bevölkerung haben.  Man kann zurzeit im Iran nicht auf der Straße demonstrieren gehen, das wäre zu gefährlich, aber der Widerstand ist immer noch da. Gerade das Internet hat hier vieles ermöglicht.  Junge Iraner haben Programme geschrieben, die ihnen Zugriff auf das gesamte Netz liefern und mit denen sie weltweit Informationen austauschen können.  Die Behörden versuchen das zu blockieren, schaffen es jedoch nicht.    Als man von den Iranern verlangt hat, „Tod Amerika! Tod Israel“ zu rufen, haben sie stattdessen „Tod Russland! Tod China“ geschrien.  Sie wissen, dass diese Länder durch ihre engen Wirtschaftsbeziehungen zum Iran und durch ihre skeptische Haltung zu Sanktionen im UN-Sicherheitsrat die Macht der Mullahs erhalten.  Russland distanziert sich allerdings mittlerweile zunehmend vom Iran.  Bei China gehe ich davon aus, dass es eine Geldfrage ist.  Die Menschenrechte im Iran interessieren die chinesische Regierung wenig, aber wenn es für sie lukrativer werden sollte, keine Geschäfte mehr mit dem Regime zu machen, werden sie die Mullahs fallen lassen.  Leider liefern aber auch deutsche Firmen immer noch Waren in den Iran, was nur den Repressionsorganen dient.  Ich hoffe, dass meine Erzählung hier ein paar Leute wachrütteln wird.

FreieWelt.net:  Herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Mohammad Moshiri ist ein im Exil in Berlin lebender iranischer Ingenieur, Schriftsteller und Menschenrechtsaktivist.  Sein neuestes Buch „Iran – Das Land der verlorenen Schreie“ ist soeben im Mauer Verlag erschienen.  Auszüge aus dem Buch werden innerhalb der nächsten Wochen auf FreieWelt.net in Serienform erscheinen.

Das Interview führte Fabian Heinzel          

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