Interview mit Daryush Shokof

16. Juni 2010, 12:13 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: | von
Redaktion

Die Journalistin Akhtar Impertro-Ghasemi hat mit dem kürzlich in Köln entführten, aus dem Iran stammenden Filmemacher Daryush Shokof ein Interview geführt, das zunächst auf der Seite "mehriran.de" erschienen ist.  FreieWelt.net veröffentlicht das Interview hier in voller Länge mit freundlicher Genehmigung von Frau Impertro-Ghasemi und mehriran.de

Ich trage meine Kamera und mein Diktiergerät mit mir, um ein Gespräch mit Daryush Shokof zu führen. Vielleicht werde ich eine Antwort auf die Unklarheiten, mit denen sich die Bewohner dieser Stadt und besonders die Iraner beschäftigen, finden.

Das Wetter ist warm und sonnig, ich stehe lange im Stau. Während der
Fahrt denke ich darüber nach wer oder wie viele Personen hinter dieser
Entführung stecken könnten. Ich erinnere mich an die Entführungen der
80er und 90er Jahre seitens der Islamischen Republik Irans, die mehr als
hundert Iranische Oppositionelle weltweit entweder entführt und
ermordert haben. Wir erinnern uns alle an den Terroranschlag an einige
Iranische Oppositionelle im Mikonos Restaurant in Berlin.Oder das
Attentat auf  einen Iranischen Piloten, der ein Regimegegner war, in
Hamburg und die Ermordung eines Iranischen Künstlers in seiner Bonner
Wohnung.
Ich versuche mich von diesen Gedanken zu entfernen und mich an mein
letztes Treffen mit dem Iranischen Regisseur Daryush Shokof auf dem
Filmfestival der Berlinale 2009 zu erinnern. Er sprach temperamentvoll
und enthusiastisch vom Iranischen Kino und war kritisch gegenüber der
Festivalaufnahme der von der Islamischen Republik Irans produzierten
Filme.
Ich komme an unserem Treffpunkt an. In einem Cafe in Porzmarkt. Zwei
Männer in Zivil, die Polizisten sind, sitzen an dem Nebentisch,
weitere Leibwächter stehen nicht weit von uns entfernt.
Ich sehe Daryush mit grauem Bart, geschwächt und kraftlos sitzend. Er
ist still und sieht abgemagert aus. Keine Spur mehr von seinem
Temperament, das ich noch vom Filmfestival kannte. Er bestellt mir
einen Kaffee und wir beginnen das Gespräch.

Ich sage, Daryush, erzähl mir, was ist geschehen. Wo warst du? Kannst
du dich erinnern?
Bevor er meine Fragen beantwortet, bedankt er sich aufrichtig für die
große Unterstützung die ihm weltweit während seiner Entführungszeit
entgegengebracht wurde. Er ist tief berührt, dass eine -so in seinen
Worten- “unwichtige Person” wie er international solch einen Beistand
erhielt. Sein besonderer Dank gilt Deutschland für den Schutz, den er
von der Deutschen Polizei bekommt und für die Freiheit und
Menschenrechte, die er in Deuschland erfahren durfte.

Dann beginnt Daryush meine Fragen zu beantworten, “normalerweise bin
ich schlecht was Daten und zeitliche Angaben angehen, aber ich
erinnere mich, dass es zwischen sieben bis acht Uhr abends am
Friesenplatz in Köln passierte. Ich saß auf einer Bank in einer eher
ruhigeren Stelle, am Ende der Bank saß noch ein älterer Herr. Ich war
in Gedanken. Einige Meter entfernt von mir telefonierte ein junger
Mann, der orientalisch aussah, laut mit seinem Handy. Ich wartete auf
einen Freund. Ein Auto näherte sich
und parkte gegenüber von mir. Kurz darauf kam der junge
Mann auf uns zu und setzte sich zu mir auf die Bank. Er sprach
Arabisch.
Auf einmal spürte ich etwas spitzes, das gegen mich gedrückt wurde.
Und dabei hörte ich in Deutscher Sprache: “Mach mit!”

Ich dachte zuerst es wäre ein schlechter Scherz. Weil es so
unvorstellbar war. Aber er drückte kräftiger gegen mich, so dass ich
merkte, dass er eine Waffe in der Hand hielt und er wiederholte
diesmal lauter, dass ich mitmachen soll. Ich wurde zum Auto gedrängt.
Zwei Personen stiegen aus dem Auto, einer hielt die Türe auf und ich
stieg ein, ein anderer stieg von der anderen Seite ein. Ich saß in der
Mitte. Sie bindeten schnell meine Augen zu und beklebten meinen Mund.”

Warum hast du nicht um Hilfe geschrien?

“Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, es war wie in einem
Spielfilm. Es waren nur einige Sekunden und wenn man nicht vorbereitet
ist, glaubt man nicht, was da vor sich geht. Vielleicht sind wir um
die 40 Minuten oder eine Stunde lang gefahren und die haben mich dann
zu einem Ort gebracht, wo ich Treppen runtersteigen musste, ich glaube
es war eine Art Keller. Der ältere Herr sprach Englisch mit arabischem
Akzent. Er sagte zu mir, Daryush, du hast uns und den Islam beleidigt.
Du bist gegen den Islam und du hast einen Film gedreht in dem du den
Islam und Khomeini beleidigt hast. Ich sagte, lass mich dir sagen,
dass ich nicht gegen den Islam bin. Und das was im Iran ist, ist nicht
Islamisch und mein Film ist nicht antiislamisch, sondern
regimekritisch.
Wir diskutierten miteinander und er bemerkte, dass ich weder
fanatisch, noch islamischfeindlich und auch kein Religionsgegner bin
und dass ich für die Religionsfreiheit bin. Dann bemerkte er, dass ich
für die Freiheit plädiere und gegen eine Regierung bin, die diese
Freiheit unterdrückt. Wir diskutierten lange. Sie brachten Pizza zum
Essen. Und sie fragten mich, was ich trinken möchte. Ich dachte Wasser
wäre am sichersten und besten. Ich sagte, dass ich Wasser möchte. Aber
das Wasser schmeckte irgendwie süß und bitter. Und jedesmal, wenn ich
Wasser getrunken hatte, wurde ich kraftlos und schlief ein. Sogar der
Tee, den ich trank hatte diesen Geschmack und ich bekam die gleichen
Syndrome.”

Was dachtest du in diesem Moment, wer diese Menschen sind?

“Ich dachte, das sind Araber, warum sollten vier Iraner Arabisch
reden, es hätte keinen Sinn gemacht. Die waren ständig am telefonieren
und haben scheinbar immer Befehle erhalten.”

Waren deine Augen in dieser Zeit verschlossen?

“Meine Augen waren die ganze Zeit bis zu meiner Befreiung verschlossen.”

Haben sie dich auch gequält oder geschlagen?

“Nein, gar nicht. Aber die jungen Herren waren aggressiv und ich
glaube, wenn der ältere nicht da gewesen wäre, hätten die mich sich
umgebracht. Es waren immer zwei Personen anwesend und ich schlief
immer auf dem Boden und diese zwei Personen schliefen immer auf einer
Bank. Aber nach einer Weile ließ einer von ihnen mich auf der Bank
schlafen, und schlief selber auf dem Boden.”

Wie kam es, dass sie dich wieder befreit haben?

“Sie brachten mich in das Auto und gaben mir wieder dieses Wasser.
Meine Augen waren gebunden und mein Mund zugeklebt. Wir fuhren glaube
ich auf die Autobahn, weil das Auto immer geradeaus fuhr, nicht nach
rechts oder links abbiegte und auch nicht bremste. Die Fahrt dauerte
vielleicht eine Stunde, dann hielten die irgendwo an und setzten mich
raus und ich ging paar Minuten auf einem festen Boden. Dann fragte
mich dieser Mann zum letzten Mal, ob ich es verstanden hätte was er
von mir wolle.Wenn du “Iran Zendan” (“Irans Gefängnis”)
veröffentlichst, bringen wir dich um. Wenn du das verstanden hast,
dann nicke mit dem Kopf. Ich nickte mit dem Kopf. Dann sagte er zu den
anderen sie sollen mich nehmen. Einer führte mich zu einer Stelle, die
mir vorkam wie ein Hügel. Neben einem Fluß. Dann befreite er meinen
Mund und sagte, dass er mich ins Wasser werfen werde. Dann nahm er
meine Augenbinde und warf mich innerhalb von zwei Sekunden ins
Wasser.”

War das Wasser tief?

Ich war unter dem Einluß der Medikamente oder was es auch immer war,
was sie mir gegeben hatten, als ich ins Wasser geschubst wurde,
kam ich mit den Füßen am Boden an und wusste, dass es nicht tief
war. Ich bin geschwommen und kam an diesem Hügel, der zwei oder drei
Meter hoch war, an. Dann wartete ich einige Minuten und ging
dann durch einen dunklen, waldartigen Weg. Ich ging einige Minuten
und sah dann Licht. Ich ging in Richtung des Lichtes. Da war ein
Gebäude und ich hörte Stimmen, ich ging auf das Gebäude zu. Als ich
zwei oder drei Treppen hochstieg, fiel ich in Ohnmacht.”

Du hast dann auf Englisch um Hilfe gerufen? Stimmt das?

“Ja, ich habe auf Englisch gesagt, dass ich Shokof bin und entführt
worden bin. Dann haben die, die mich gehört haben, die Polizei
angerufen und ich kam ins Krankenhaus, wo ich immer noch in Behandlung
bin. Vier Tage war ich im Krankenhaus. Ich habe Magenbeschwerden und
leide an Übelkeit.”

Was ergaben die Untersuchungen im Krankenhaus?

“Man weiß noch nicht welche Art von Gift mir gegeben wurde. Deswegen
darf ich mir die Haare nicht mehr abrasieren, damit anhand der
Haaruntersuchung herausgefunden werden kann, um welches Gift es sich
handelte.”

Daryush, wer denkst du steckt hinter der Entführung? Könnte es der
Geheimdienst der Islamischen Republik sein?

“Das kann ich nicht sagen, aber es könnte sein, dass es Anhänger des
Regimes waren oder islamische Fanatiker.
Sogar heute gibt es in Berlin
Gegende, wo eine Frau nicht in Sicherheit ohne Kopfbedeckung auf die
Straße gehen kann. Jene haben solche Situationen erschafft. Man kann
nicht den Islamischen Fanatismus kritisieren. Man kann nicht mit einem
jungen Islamischen Fanatiker in Berlin einen Dialog führen. Man kann
nicht mit so einem diskutieren.”

Welche Erfahrungen hast du in dieser Zeit gemacht?

“Ich würde gerne aus dieser bitteren Zeit zwei schöne Erfahrungen
erzählen: Seit den letzten vier Tagen habe ich erfahren, dass sich
während meiner Entführungszeit über 500 Millionen Menschen aus
verschiedenen Ländern Sorgen um mein Wohlbefinden gemacht haben, dabei
bin ich nur eine geringe Person im kulturellen Bereich arbeitend. Aber
wenn diese Gesichter der Islamischen Republik, die behaupten sie wären
stark und groß, auch nur für 14 Minuten verschwinden würden, dann
würden, glaub mir, 80 Millionen Iraner für 14000 Jahre Freude
verspüren. Und niemand wird sie vermissen.
Diese Dinge machen uns stärker und bestätigen uns. Ich habe vor den
kompletten Film “Iran Zendan” (“Irans Gefängnis”) kostenlos dem
Institut “Schutz für Daryush Shokof” zu geben und ich möchte, dass die
es auf ihrer Website veröffentlichen, damit alle Menschen der Welt es
sehen können.”

Welche Erwartungen hast du von der deutschen Regierung gegenüber der
Iranischen Opposition?

“Das was die deutsche Regierung für mich getan hat, läßt mich für
immer dankbar sein für die Freiheit und das menschliche System,
welches menschenliebend ist. Ich habe keine Probleme mit der deutschen
Regierung, aber mit dem System des Kinos hatte ich immer Probleme.
Nach Freiheit zu streben und was Freiheit bedeutet, habe ich von
diesem System hier gelernt.
Ich bitte und wünsche mir von der deutschen Regierung, dass sie die
Opposition im Iran und im Exil unterstützt und sich auf der Seite der
Menschen zeigt und nicht an der Seite der Verbrecherregimes, wie der
Iran. Im Iran werden die Menschen für ihre friedlichen Bedürfnisse
umgebracht und ihre Mörder reisen grinsend in den Westen ein und
werden auch noch herzlich empfangen.”

Hast du nicht vor deine Entführung zu verfilmen?

“Was für ein Zufall, dass du das erwähnst. Meine Freunde haben mir das
auch vorgeschlagen. Ich denke darüber nach und es könnte eine gute und
aufklärende Arbeit werden, aber ich brauche erstmal eine Distanz zum
Geschehen.”

Was ist mit deinem Handy und deinen Dokumenten, die du bei dir während
der Entführung hattest, passiert?

“Sie haben mir alles weggenommen. Ich besitze diese nicht mehr.”

Was möchtest du zum Abschluß sagen?

“Ich bedanke mich noch mal herzlich bei allen, die mich unterstützt
haben. Morgen, am Jahrestag der Iranischen Freiheitsbewegung, grüße
ich alle meine Landsleute, die sich für Freiheit und Frieden einsetzen
und ich bedauere sehr, dass ich morgen nicht bei der Demo in Köln sein
kann, aber ich grüße alle und mein Herz ist bei allen Nedas und
Sohrabs.”

Vielen Dank für das Gespräch.

(Bild & Text: Akhtar Impertro-Ghasemi)

mehriran.de

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