Prof. Dr. Verena Lepper, Ägyptologin

»Ich will 4.000 Jahre Kulturgeschichte erforschen«

Ein großes Forschungsprojekt will die Papyri von Elephantine in Ägypten entziffern, die auf der ganzen Welt verstreut lagern. Die Ägyptologin Verena Lepper klärt über die Bedeutung des Vorhabens auf.

Foto: Cynthia Rühmekorf
Veröffentlicht: | Kategorien: Interviews, Interviews - Empfohlen, Startseite - Empfohlen, Teaser - Interviews | Schlagworte: Elephantine, Papyrussammlung, Ägyptisches Museum, Berlin, Humboldt-Universität, Heinz-Eberhard Mahnke, Europäischer Wissenschaftsrat, Ägypten, Papyri, Mamdouh el-Damaty, Kulturgeschichte, Frauen, Religion, Nubien, Datenbank
von

FreieWelt.net: Sie sind Leiterin eines relativ großen Projekts, das Papyri aus Elephantine in Ägypten untersuchen will. Worum geht es genau?

Verena Lepper: Elephantine ist ein kleiner Ort am Südende Ägyptens an der Grenze zum Sudan, dem antiken Nubien. Auf dieser kleinen Insel hat es eine Grenzfestung gegeben, in der von der Frühzeit Ägyptens bis in die arabische Zeit Menschen gelebt haben, die an der Schnittstelle zwischen dem antiken Nubien und Ägypten standen. Die schriftlichen Quellen umfassen einen Zeitraum von 4.000 Jahren; es ist der einzige Ort in Ägypten, der so gut durch Texte in verschiedenen Sprachen und Schriften – Hieroglyphen, Hieratisch, Demotisch, Koptisch, Aramäisch, Griechisch, Arabisch und Latein – dokumentiert ist.

All diese Quellen wollen wir in unserem Projekt, das vom Europäischen Wissenschaftsrat (ERC) gefördert wird, aufarbeiten. Aus wissenschaftshistorischen Gründen finden sich diese Papyri und Handschriften heute in mehr als 60 Sammlungen weltweit zerstreut. Wir wollen sie wie in einem Puzzle in einer großen Datenbank zusammenbringen. Die Hauptkonvolute befinden sich in der Papyrussammlung in Berlin, im Louvre in Paris, im Brooklyn-Museum in New York, aber auch im Kairener-Museum vor Ort in Ägypten.

FreieWelt.net: Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Vorhaben?

Verena Lepper: Zu Beginn der Arbeit haben wir festgestellt, dass bei den großen Konvoluten in Berlin und New York und im Louvre tatsächlich nicht nur Parallelen festzustellen waren, sondern wir konnten auch zeigen, dass beispielsweise eine Kolumne in Berlin liegt und eine andere desselben Papyrus an einem anderen Ort, wo sie durch Grabungszufälle Anfang des 20. Jahrhunderts hingekommen ist.

Dies liegt darin begründet, dass vor rund hundert Jahren Einrichtungen wie die Berliner Königlichen Museen oder das Päpstliche Bibelinstitut in Rom gezielt in Elephantine gegraben haben und sie mit zu sich nehmen konnten. Dazu gab es aber auch beispielsweise einen amerikanischen Orientreisenden, der auf Elephantine Papyri angekauft hat, weshalb auch im Brooklyn-Museum in New York noch viele, viele Kisten mit Material aus Elephantine liegen, die wir aufarbeiten wollen.

FreieWelt.net: Was genau heißt »aufarbeiten«?

Verena Lepper: Von den Großinstitutionen haben wir die Zustimmung bereits erhalten, dass wir das Material mit Bildern in unserer Datenbank dokumentieren, bearbeiten und übersetzen und damit der Weltöffentlichkeit zur Verfügung stellen können. Es ist alles Open access. Dazu wollen wir es natürlich kulturhistorisch auswerten, indem wir uns fragen, was die Inhalte sind.

FreieWelt.net: Unter welchem Blickwinkel gehen Sie an die Papyri heran?

Verena Lepper: Wir haben drei große Schlüsselfragen: Zunächst geht es um den Aspekt der Multikulturalität, also die Frage nach Abgrenzung und Assimilierung. Wie hat sich das Miteinander der verschiedenen Kulturen, die auf der Insel gelebt haben, entwickelt? Es lebten dort ja verschiedene Nationen und Ethnien, die zum Teil als Söldner gekommen waren. Wir versuchen, auf Basis der Texte diese Mechanismen herausarbeiten.

Zweitens interessiert uns das Thema Gesellschaft: Wie haben Familie und Gesellschaft funktioniert? Wie war die Rolle der Frau? Hier ist unsere große These, dass sich im Laufe der 4.000 Jahre diese Rolle verändert hat, was damit zu tun hat, wer gerade Ägypten regiert hat. Es ist bekannt, dass Ägypten auch von den Persern, den Griechen und Römern regiert wurde und dass dieser Umstand Einfluss auf die sozialen Strukturen und Regelungen, Möglichkeiten und Freiheiten gehabt hat.

Die dritte große Frage – und die ist eigentlich naheliegend – bezieht sich auf die Entwicklung der Religionen, angefangen vom Polytheismus im klassischen Ägypten zum Judentum, Christentum und schließlich Islam. Alles ist auf der Insel belegt. Aus dem 5. Jahrhundert vor Christus haben wir beispielsweise Textquellen, wo ein Ägypter namens Ash-Hor mit altägyptischer Religion eine Jüdin heiratet und nach der Hochzeit den jüdischen Namen Nathan annimmt. Das heißt, dass interreligöse Hochzeiten möglich waren, dass man die Religion wechseln und entsprechend den Namen ändern konnte.

FreieWelt.net: Das Projekt läuft seit dem 1. Juli – also noch nicht so lange. Dennoch die Frage, was Sie bis jetzt am meisten fasziniert hat?

Verena Lepper: Ich habe mich insbesondere mit dem 5. Jahrhundert vor Christus beschäftigt. In dieser Zeit gab es eine aramäo-jüdische Gemeinde, wovon mehrere Hundert Handschriften Zeugnis ablegen. Es handelt sich um Primärquellen, also Texte, die die Gemeindemitglieder selbst geschrieben haben, anders als beispielsweise bei Bibeltexten, die später redigiert worden sind. Es geht in den Texten darum, das Leben auf der Insel zu regeln. Wir haben Verträge, Briefe, Testamente und alles, was im täglichen Leben notwendig gewesen ist.

Hier finde ich insbesondere die Rolle der Frau spannend. Beispielsweise hatte eine jüdische Frau das Recht auf Besitz. Sie konnte selber entscheiden, wer sie beerben soll oder ob sie sich scheiden lassen will, was in der heutigen jüdischen Tradition nicht ganz so einfach ist. Und die Spendenliste für einen Tempel, der zerstört worden war und wieder aufgebaut werden sollte, beweist, dass sie auch Besitztum hatte und spenden konnten. Kurz: Aufgrund des bislang Bekannten kann man davon ausgehen, dass Frauen damals besondere Freiheiten zugebilligt wurden.

FreieWelt.net: Wissenschaftsgeschichtlich ist das interessant – aber vielleicht auch brisant. Besteht die Gefahr, dass gefordert wird, dass die Ägypter ihre Papyri wiederbekommen sollten?

Verena Lepper: Die Ausfuhr von Papyri war damals gesetzlich klar geregelt. Wenn ein Ausländer mit entsprechendem Know-how und Geld nach Ägypten kam, der graben wollte, musste er sich um eine Lizenz bewerben, in der geregelt wurde, welche Objekte er mitnehmen durfte und welche vor Ort bleiben mussten. Auch auf Elephantine selbst und im Ägyptischen Museum in Kairo lagern heute daher zahlreiche Papyri.

FreieWelt.net: Ägypten ist ein islamisches Land, und meines Wissens sind Ausgrabungen in islamischen Ländern brisant.

Verena Lepper: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Allerdings ist die arabische Welt im Moment im Umbruch, es hat viele Veränderungen gegeben. Glücklicherweise sind die Beziehungen zum Antikenminister sehr gut. Ich habe Mamdouh el-Damaty im Oktober noch besucht, er hat unserem Projekt auch die volle Unterstützung zugesagt. Es ist mir daher ein Anliegen zu sagen, dass ich mich über die gute Zusammenarbeit mit ihm und seiner Behörde sehr freue. Aber wir graben ja nicht selbst nach neuen Papyri, sondern das macht das Deutsche Archäologische Institut, das seit 1967 auf Elephantine aktiv ist. Entsprechend der positiven Signale aus dem Antikenministerium ist es dort auch weiterhin gern gesehen.

FreieWelt.net: Warum hat es hundert Jahre gedauert, bis die Papyri untersucht und ausgewertet werden?

Verena Lepper: Es ist so, dass Grabungskisten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Elephantine kamen, noch heute bei uns im Keller lagern und jetzt erst geöffnet werden. Das hat natürlich mit der besonderen Situation von Berlin zu tun: Die Sammlung war ebenso geteilt wie die Stadt. Es gab ganz andere Probleme, und außerdem war das Personal, das die Auswertung hätte vornehmen können, knapp. Erst durch die Förderung durch den Europäischen Wissenschaftsrat von 1,5 Millionen Euro ist die Erschließung jetzt möglich geworden.

Wir hatten ein Vorläuferprojekt, das von der Kulturstaatsministerin finanziert worden ist, wo wir schon einmal konkret Berliner Elephantine-Papyri gesichtet haben. Und auf diese Förderung aufbauend, konnten wir den Großantrag bei der EU stellen. Es ist ein sehr anspruchsvolles Programm mit einer Bewilligungsquote von weniger als neun Prozent, weshalb ich mich umso mehr freue, dass wir den Zuschlag erhalten haben. Jetzt können wir insgesamt zehn Mitarbeiter einstellen, aber auch Studenten, die ihre Ausbildung im Rahmen des Projekts machen können.

FreieWelt.net: Wie sieht die nähere Zukunft des Projekts aus?

Verena Lepper: Das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt. Zunächst sehen wir uns die großen Sammlungen an: Berlin, Paris, New York und Kairo. Peu à peu kommen alle anderen Sammlungen – Sidney, Sankt Petersburg, Moskau und anderswo – hinzu. In manchen gibt es nur zwei, drei Papyri, aber auch hier werden wir nach Fotos fragen.

Das andere ist die konkrete Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern. Hier ist insbesondere die Kooperation mit Professor Heinz-Eberhard Mahnke vom Helmholtz-Zentrum Berlin zu nennen. Er ist Physiker, der im Vorfeld Papyri, die noch nicht entblättert sind, untersucht hat. Die Idee ist, dass wir mithilfe von Röntgenstrahlen nachweisen können, ob ein Papyrus metallhaltige Tinte enthält. Wenn das der Fall ist, kann man in einem zweiten Schritt mittels Computertomografie alle Schichten darstellen und am Bildschirm entblättern. Die physische Arbeit des Aufmachens und Entblätterns von Päckchen und Rollen entfällt damit. Diese Methode, die das Material schont und einzigartig ist, wird gerade entwickelt. Die ersten Tests haben gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Interview.

Professor Dr. Verena Lepper hat Ägyptologie, Semitistik, Wissenschaft vom Christlichen Orient und Altes Testament studiert. Sie ist Kuratorin für Ägyptische und Orientalische Papyri an der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums in Berlin und lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie leitet das Projekt »Localizing 4000 Years of Cultural History. Texts and Scripts from Elefantine Island in Egypt«, das vom Europäischen Forschungsrat finanziert wird.

Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte
unterstützen Sie mit einer Spende unsere
unabhängige Berichterstattung.

Kommentare zum Artikel

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars die Regeln höflicher Kommunikation.

Gravatar: Acharn

Manchmal haben EU Finanzierungen wirklich einen Sinn. Es wäre schön, Brüssel würde sich überwiegend auf die Förderung kultureller Vorhaben beschraenken.

Gravatar: Gugst Youtube

Was soll die ganze Forschung um und über Ägypten und dann auch noch Mutikulti und die Rolle der Frau - bla, bla, bla. Forschungsgelder sinnentstellt verpulvert.
Angeblich haben die ihre Pyramiden mit Bronzemeißeln und Steinen behauen - lachaft. Es wurden Stahlrückstände in der Cheops gefunden (also doch nicht 10000 Arbeiter in Sandalen bei sängender Hitze). Wie wurden die Monumente haargenauu symmetrisch hergestellt, mit welchen Maschinen hat man in nur 20 Jahren diese Dinger gebaut und mit welchen Werkzeugen wurden präzise Porzellanvasen aus dieser Zeit hergestellt. Diese Dinge gehören untersucht und die Tatsache, dass halb Kairo aus den abgehackten äußeren Platten der Pyramiden von Gizeh besteht. Es muß mal endlich Schluß sein, mit dieser Ägyptologie-Verdummung.

Gravatar: Alfred

Ich will keinen beleidigen. Aber wen nützt das? Befassen Sie sich lieber mit der Gegenwart. Das Chaos mit seiner Hippie-Gesellschaft gilt es zu entwirren!

Gravatar: H.von Bugenhagen

Mädchen lass die Finger davon,dir wird nicht gefallen was du findest.Und es wird dich Lebenslang unruhig schlafen lassen.

Schreibe einen Kommentar


(erforderlich)

Zum Anfang