“Ich trete immer noch für Frauen ein” – Interview mit Astrid von Friesen

19. Januar 2011, 08:36 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Bild: Astrid von Friesen
Redaktion

Die Diplom-Pädagogin sowie Gestalt-, Paar- und Traumatherapeutin Astrid von Friesen hat insgesamt neun Bücher zu Fragen der Pädagogik, Kunst und Psychologie geschrieben.  Der Titel ihres neuesten Werk lautet: „Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer“.  FreieWelt.net sprach mit Astrid von Friesen über Feminismus, geschlagene Männer und Frauen, unser Verhältnis zur Verantwortung und die Perspektive einer neuen Geschwisterlichkeit. 

FreieWelt.net: Sie werden des öfteren als „Ex-Feministin“ bezeichnet und haben sich in ihren Schriften mit den „Nachwehen des Feminismus“ auseinander gesetzt.  Was bedeutet der Feminismus für Sie?

Astrid von Friesen: Der Begriff „Ex-Feministin“ ist einfach falsch, denn ich trete immer noch für Frauen ein, wenn diese unterdrückt werden! Selbstverständlich!  Aber seit zehn Jahren ebenso auch für Männer und Jungen, wenn es auf ihrer Seite zu Ungerechtigkeit im Genderbereich kommt. Es geht mir, besonders als Paar-Therapeutin und als Erziehungswissenschaftlerin, um Gerechtigkeit, um eine familiäre und gesellschaftliche Balance, die ja immer stärker  verloren geht und nachhaltig die Kinder schädigt. Jedes dritte Kind benötigt bereits Therapien. Einer der vielen Gründe ist, dass die Erziehung oftmals durch ein einziges Elternteil  missrät und die Kinder verstört, wenn sie als Rache- und Machtobjekten missbraucht werden.

FreieWelt.net: Ist es nicht nach wie vor so, dass Frauen im Durchschnitt weniger Geld verdienen, weniger Führungspositionen besetzen und häufiger Opfer von Gewalt werden?

Astrid von Friesen: Zur Frage des Verdienstes: Erstens verdienen alle Beamten und analog zu den Beamten finanzierte Angestellte (z.B. Lehrer und kirchlichen Mitarbeiter) gleich viel. Also Millionen von Menschen!Außerdem ist zu fragen, warum nicht sämtliche Arbeitgeber ausschließlich Frauen einstellen, wenn diese doch viel weniger haben wollen und bekommen? Da könnte jeder Arbeitgeber tausende bis Millionen Euro jährlich sparen. Drittens: Warum werden die Arbeitsgerichte nicht überflutet von Klagen gegen diese angebliche Ungleichbehandlung, die zweifellos leicht zu gewinnen wären?

Zu den Führungspositionen:  Ich gehe davon aus, dass Frauen in dieser Frage klüger sind. Sie wollen oftmals nicht 10 bis 12 Stunden am Tag schuften, um Karriere zu machen, sie wollen sozusagen „alles“, nämlich  Kinder, Freunde, Freizeit und ein genussvolleres Leben, weswegen sie ja auch sechs Jahre länger leben als Männer! Denn bei der Lebens-Rückblicks- Frage mit 80 Jahren, was wirklich im Leben wichtig war, können manche Männer nur sagen: Ich habe den Sprung vom Unterabteilungsleiter zum Oberabteilungsleiter zwar geschafft, aber wenig genießen können.

Noch ein Aspekt: In ganz Deutschland sind ca. 1000 Rektorenstellen in Grundschulen nicht besetzt. Dort arbeiten zu 85% Frauen. Diese hätten also in 1000 Fällen die Möglichkeit, aufzusteigen und Führungsaufgaben zu übernehmen, aber wollen es partout nicht.

Zur Gewalt: Hunderte von wissenschaftlichen Untersuchungen aus allen westlich geprägten Ländern (USA, Kanada, Australien und Europa) belegen, dass häusliche Gewalt zu 50% von Frauen ausgeübt wird. Sexuelle Gewalt ist zweifellos männerdominiert. Wir haben eine total verzerrte Wahrnehmung. Der Grund: Wir gehen meist von den „Hellfelduntersuchungen“ aus, also den Polizei- und Gerichtsakten. Doch zeigen meist nur Frauen häusliche Gewalt an, wofür wir Feministinnen jahrzehntelang gekämpft haben.
Männer und Kinder zeigen so gut wie nie die Gewalt ihrer Frauen und Mütter an. Männer nicht, weil sie sich zutiefst schämen und weil Polizisten ihnen nicht glauben. Kinder nicht, weil sie „loyal bis in den Tod“ sind. Auch erzählen es Männer so gut wie nie ihren Freunden, wohingegen Frauen oft und mit vielen Freundinnen über männliche Gewalt sprechen.

Ich bin auf dieses Thema vor Jahren gestoßen, weil ich von jungen Patienten/innen hörte, dass ihre Mütter sie mit Peitschen (im Erzgebirge heißen sie „siebenschwänzge Katzen“); Kochlöffeln, Kleiderbügeln schlugen. Alle diese zehn Mütter, von denen mir damals berichtet wurde, kamen aus dem sozialen Bereich, waren Lehrerinnen, Kitaerzieherinnen und Krankenschwestern. Bemerkenswert auch, dass diese Gewaltorgien sehr stumm und schweigend von statten gingen, so dass noch nicht einmal die Geschwister etwas mitbekamen. Bis diese Umstände deutlich wurden, musste ich ca. zehn immer präziser formulierte Fragen stellen. Denn die Scham, von der eigenen Mutter oder der Ehefrau geprügelt zu werden, ist unvorstellbar groß und die meisten buchen es als „eigene Schuld“ ab..

„Dunkelfelduntersuchungen“ sind dagegen anonyme Befragungen von Personen. Dabei stellt sich – wie gesagt – heraus, dass Mütter/Ehefrauen ebenso viel schlagen, peitschen und prügeln wie Väter/Ehemänner!

FreieWelt.net: Ihr neues Buch trägt den Titel „Schuld sind immer die anderen“.  Wie wirkt sich ein Mangel an Verantwortungsübernahme für das eigene Verhalten ihrer Ansicht nach auf das einzelne Individuum und auf die gesamte Gesellschaft aus und gehen Sie davon aus, dass Frauen mehr zum Beschuldigen anderer neigen als Männer?

Astrid von Friesen: Als Paartherapeutin machte ich meist in der ersten Sitzung ein Statement und sage: „Ich gehe bei fast allen menschlichen Situationen davon aus, dass jeder die 50%ige Verantwortung für sein eigenes Handeln und die Gestaltung der Situation trägt!“ Das macht Frauen – in der Tat und das war die Ausgangserkenntnis für mein Buch – oft wütend, weil sie sich als Opfer der Männer, der Umstände, der Welt sehen.

Männer dagegen sind dankbar und fühlen sich entlastet, weil sie die von Müttern und Frauen eingeredete Verantwortung meist zu 70% bis 90% übernommen haben. Denn dies ist, wie ich ausführlich begründe, eine der negativen Folgen des Feminismus: die „Meinungs- und Deutungshoheit“ der Frauen. Alles was Frauen in Sachen Liebe, Beziehung, Lebensgestaltung, Erziehung der Kinder, Gesundheit usw. meinen, fühlen und denken, ist per se richtig. Wir werden darin ja auch seit Jahrzehnten bestärkt durch die „gegenderte“ Meinung aller weiblichen Journalistinnen, Redakteurinnen und sogenannten Gleichstellungsbeauftragten (die jedoch nicht für die Gleichstellung der Geschlechter, sondern meist nur für die Frauen kämpfen).

Es geht bis hin zur „Auslöschung männlicher Gefühle“, wie ich einen Artikel überschrieb, wenn z.B. niemand Empathie zeigt, wenn ein Vater jahrelang – trotz des vollen Sorgerechtes – seine Kinder nicht sehen darf nach der Scheidung (worauf in Frankreich und Italien bis zu drei Jahren Haft steht, bei uns ist dies ein straf-freier Raum von unglaublicher seelischer Grausamkeit!) Stattdessen gibt es immer den Generalverdacht, dass dieser Vater etwas verbrochen hätte…Erzählt man die selbe Geschichte von einer Mutter, würden die Zuhörer vor Empathie nahezu überfließen…

In meinem Buch beschreibe ich die mittlere Generation, die 30 bis 60jährigen, in der die Frauen einfach nicht glücklich werden, nicht mit und nicht ohne Mann, nicht in der Ehe oder nach der Scheidung, nicht mit oder ohne Kinder. Ich habe jedoch die Zuversicht, dass die Generation unter 30 Jahren pragmatischer an  Liebesdinge heran geht, denn viele von ihnen entstammen ja bereits gescheiterten Ehen und sind z.T. schmerzhaft, aber z.T. auch wohltuend desillusioniert und realistisch, was die Frage nach dem Glück und der eigenen Verantwortung angeht.

FreieWelt.net: Entziehen sich aber nicht auch viele Männer ihrer Verantwortung, zum Beispiel indem sie als geschiedene Väter keinen Unterhalt bezahlen oder den Kontakt zu ihren Kindern abbrechen?

Astrid von Friesen: Beides gibt es natürlich, aber derart gefragt, beinhaltet es eine bereits eine Unterstellung! Die wenigsten Männer sind zudem freischaffend, müssen also ihre Lohn- oder Gehaltsabrechnungen vorlegen bei der Alimentenberechnung und können sich nicht entziehen.

Aber sehr viel häufiger gibt es Familiensituationen, in denen die Väter ausgesondert  und die Kinder von ihren Vätern, väterlichen Großeltern, Onkeln und Tanten und Cousins entfremdet werden. Oftmals tritt dann das „Entfremdungssyndrom“ auf, eine schwere Pathologie, die Jahrzehnte anhalten und Leben zerstören kann. Sie wirkt wie Gehirnwäsche! So nach dem Motto. „Alle Männer sind Idioten/ Schweine/ gemein/ unmöglich“.

Da stellt sich natürlich den Söhnen die Frage: Was soll ich eigentlich für ein Mann werden, wenn meine Mutter diese Meinung täglich äußert? Und kleine Mädchen fragen sich: „Wen soll ich eigentlich lieben, wenn alle Männer blöd sind?“ Sie werden unter den Folgen von schweren Identitätsstörungen leiden. – Täglich gibt es 400 neue Scheidungswaisen, die zu 80% bei den Müttern aufwachsen. Weswegen u.a. jedes 3.Schulkind therapiebedürftig ist. Was individuell und gesellschaftlich eine „psychosoziale Massenkatastrophe“ ist, wie Dr. Dieter Katterle, ein Nürnberger Analytiker, es einmal formulierte. Mit den Folgen von stetig steigenden Krankenkassenkosten und  über 40% jungen Akademikern, die keine eigenen Kinder bekommen wollen!

FreieWelt.net: Sie thematisieren auch das Thema „Männerverachtung“.  Tatsächlich gibt es zum Beispiel viele Fernsehserien, in denen Männer als Trottel dargestellt werden, während Frauen meist kompetent und engagiert wirken.  Die Drehbücher für diese Sendungen werden aber in der Regel nicht von Frauen geschrieben, sondern von anderen Männern.  Gehen Sie davon aus, dass diese Männer ihr eigenes Geschlecht verachten?

Astrid von Friesen: Ja, in der Tat! Bei diesen Männern findet folgender, unbewusster Mechanismus statt:  Sie „identifizieren sich mit dem Aggressor“, d.h. mit ihrer omnipotenten, oftmals alleinerziehenden bzw. in weiblicher „Deutungs- und Meinungshoheit“ sich befindenden Mutter, die die Männer verachtet und abgelehnt hatte.

Ein Kind muss und wird sich mit der Person identifizieren, mit der es leben muss. Weswegen Kinder nach Scheidungen auch in Hass gegen das abwesende Elternteil verfallen können, obwohl sie es vorher liebten und obwohl absolut nichts Negatives vorgefallen ist. Nur weil sie den inneren Spagat nicht aushalten, wenn das anwesende Elternteil den anderen schlecht macht, den Kontakt verunmöglicht usw. Ein Beispiel: Eine Mutter sagte: „Wenn du für eine Woche zu deinem Vater fährst, werde ich deine Kaninchen nicht füttern!“ Das 11jährige Kind musste sich sozusagen zwischen Leben und Tod entscheiden und wird zerrissen. und weil dies auf Dauer buchstäblich die Seele kaputt macht, übernimmt es unbewusst die Wertmaßstäbe dieses Elternteiles. Ein Überlebensmodus!

Auch wenn diese Kinder dann später Drehbuchautoren, Familienrichter, Polizisten oder Sozialarbeiter geworden sind, bleibt diese Identifikation mit der weiblichen Wut, Verachtung und oftmals einem Vernichtungswillen auf alles Männliche  – unbewusst – bestehen! Und sie behandeln Männer (und auch ihre Söhne) derart schlecht, wie ihre Mütter es ihnen vorgelebt hatten. Ein fataler Kreislauf von einer  zur nächsten Generation!

FreieWelt.net:  Was können Männer und Frauen tun, um wieder besser zueinander zu finden?

Astrid von Friesen: Es gibt ein „Lernmodell für Menschlichkeit“, die „Geschlechterdemokratie“, die bereits im Februar 2010 in der Stadt Goslar ausgerufen wurde.

Der Kinderanalytiker Horst Petri möchte nach der jahrtausendelangen Unterdrückung der Frauen und dem Ausschlagen des Pendels in Richtung Männerabwertung zu einer „Geschlechterdemokratie“ kommen („Das Drama der Vaterentbehrung“,1999, S. 185 ff). In welcher beide Partner ihre jeweilige Ohnmacht anerkennen. Denn es ist eine uralte Erfahrung, dass wir jeweils nur unsere eigene Ohnmacht spüren, aber nicht die der anderen. Was zu einer unheilvollen, nie endenden Beschuldigungs- und Wutspirale führt.

Für Frauen ist es wichtig ihre Ohnmachtsgefühle als Mütter wahrzunehmen und bei sich selbst erst einmal zu würdigen – was jedoch einen grossen Unterschied zum Klagen und Anklagen ausmacht. Und die Ohnmacht der Männer sollten diese selbst und ebenfalls die Frauen anerkennen, da sie sich „gesellschaftlich einem anonymen Machtapparat männlich geprägter Herrschaftsansprüche ausgeliefert fühlt, gegen die jeder Widerstand zwecklos ist, so teilchenhaft, wie er sich erlebt….nicht nur seiner gesellschaftlichen Entfremdung, sondern im gleichen Maße aus dem Verlust an Autorität, Kompetenz und Zuständigkeit in der Familie bezüglich seiner ursprünglichen Funktionen als Beschützer und Ernährer,“ (S.191).

All dies impliziert: Raus aus der Vorwurfshaltung und -spirale, als hätte jeder Mann alle männliche Macht der Welt in den eigenen Händen und sei nicht selbst nur ein kleinstes Teilchen des Rades…ausgeliefert, ohnmächtig wie wir alle! Es wäre ein tiefes Zeichen der Solidarität, sich gegenseitig die Ohnmachtsgefühle zu bestätigen: Um sich verstanden zu fühlen, um die Masken des Groß- und Starkseins ablegen zu können – ohne in Gefahr zu geraten deswegen entwertet zu werden. Es wäre ein Aufatmen möglich im Lebenskampf für beide Geschlechter,  weil allein ein tiefes Sich-gesehen-Fühlen in der eigenen Not Liebe und Ent-Spannung möglich macht. Zumal ein Zuwachs an wechselseitigem Verstehen schon viele Lebenswunden heilen könnte!

Daraus resultieren Horst Petris Forderungen, dass die Frauen einen Teil der Macht über die Kinder abgeben und die Männer einen Teil ihrer gesellschaftlichen Macht. Dass sie beide ihre jeweilige Verschiedenheit respektieren ebenso wie ihre Gleichwertigkeit als Menschen sowie solidarisch und gemeinsam die bestehenden, fest zementierten Herrschaftsstrukturen abbauen. Zugunsten der nächsten Generation.

Das würde auch beinhalten: Raus aus dem Egoismus und dem Familienghettos zugunsten von politischem Denken und Arbeiten, raus aus dem deutschen Nörgeln und Lamentieren zugunsten von neuen und spannenden Nachbarschaftskontakten, Babygruppen, kreativen Wohnformen für Jung und Alt usw., von Zukunftsgestaltung und nährenden Begegnungen jenseits der Einsamkeit und der verdummenden, traurig und krank machenden Medienisolation!

Die berühmte amerikanische Feministin Naomi Wolf schreibt: „Die Frauen haben auf dem Weg zu Mehrheit und Macht eine entscheidende Etappe zurück gelegt. Jetzt gilt es, entschlossen und unbeirrt für eine Welt zu kämpfen, in der niemand aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird. Aber wir müssen uns den Männern gegenüber fair verhalten und dürfen nicht vergessen, dass auch Frauen ungerecht sein können. Wir müssen geistig offen bleiben und moralisch integer,“(Psychologie heute Jan. 1994, S. 25).
Welch ein griffiges, wunderbares Motto: Geistig offen und moralisch integer!

Es geht um beider Emanzipation von krank machenden Strukturen und Rollenstereotypen. Ein mühsamer, aber auch lustvoller Weg, den wir nur gemeinsam beschreiten können. So wie es Simone de Beauvoir, die große Feministin forderte: Die Utopie einer „Geschwisterlichkeit“ der Geschlechter mit dem  Ziel, dass „Mann und Frau jenseits ihrer natürlichen Differenzierungen rückhaltlos geschwisterlich zueinander finden,“ (ebd. S.681).

Mitmenschlichkeit als Geschwisterlichkeit!

FreieWelt.net: Herzlichen Dank für dieses Interview!

Das Interview führte Fabian Heinzel

www.astrid-von-friesen.de

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