Interview mit Sebastian Moll

»Ich engagiere mich, weil ich Christ bin«

Der Theologe Sebastian Moll sagt: Christ-sein ist eine gute Voraussetzung, um politisch aktiv zu werden, aber keine notwendige. Christ- und Politiker-sein sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

Veröffentlicht: | Kategorien: Interviews, Teaser - Interviews, Interviews - Empfohlen | Schlagworte: AfD, Angela Merkel, CDU, Christ, Glauben, Islam, Kirche, Moslem, Parteien, Politik, Sebastian Moll, Staat
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FreieWelt.net: Sie sind vor kurzem der AfD beigetreten. Bitte erzählen Sie mehr zu Ihrem politischen Werdegang.

Sebastian Moll: Ich gehörte schon immer zu den Konservativ-Liberalen, bin wirtschaftpolitisch liberal, gesellschaftspolitisch eher konservativ. Ich schwankte also zwischen CDU und FDP. Doch seitdem Merkel die CDU leitet, habe ich mich mehr zur FDP hingezogen gefühlt, bin eingetreten und war sechs Jahre lang Mitglied der FDP. Mein Schockerlebnis war die Verabschiedung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes durch die Merkel-CDU – der massivste Eingriff in bürgerliche Freiheiten seit Jahrzehnten.

2009 kam die FDP mit einem Traumergebnis von 14,6 Prozent an die Regierung, worüber wir uns alle sehr gefreut haben. Doch dann machte auch diese Partei alles falsch, was man falsch machen konnte. Sie hat kein einfacheres Steuersystem durchgesetzt und in der Euro-Politik völlig versagt, weil sie sich von Merkel hat erpressen lassen und die deutliche Stimmung in der Partei gegen die Eurorettung nicht respektiert hat. Auch die völlig planlose Energiewende hat sie nicht verhindert. So entwickelte sich die FDP immer mehr zu einer staatsgläubigen Partei, die alle tief in die bürgerlichen Freiheiten eingreifenden Gesetze mitgetragen hat.

Für mich kam eine Enttäuschung zur anderen, und irgendwann war es mir zu viel, so dass ich sie verlassen habe, zumal es jetzt die Alternative gibt, die ich vorher lange vermisst hatte. In der AfD finde ich vieles von dem wieder, was die FDP ursprünglich mal vertreten hat. Hinzukommen einige begrüßenswerte konservative Positionen insbesondere zur Familienpolitik, die Herr Lucke in den letzten Tagen noch einmal hervorgehoben hat.

FreieWelt.net: Die CDU war also nicht liberal genug?

Sebastian Moll: Seit Merkel die CDU unter sich hat, sehe ich wenig von dem vertreten, was ich mir in der Politik wünsche. Die CDU vertritt eigentlich überhaupt keine Werte im engeren Sinne mehr, die CDU ist eine reine Merkel-Partei. Merkel sagt: Sie kennen mich, ich mache das. Von irgendwelchen Positionen ist da eigentlich nicht mehr viel zu spüren.

FreieWelt.net: Der Liberalismus ist historisch gesehen ziemlich kirchenfeindlich gewesen. Wie können Sie als Christ also gleichzeitig Liberaler sein?

Sebastian Moll: Die Frage ist immer, was kirchenfeindlich heißt. Ich bin jemand, der für die Trennung von Staat und Kirche eintritt und unser jetziges Staatskirchenmodell, zu dem auch die Kirchensteuer gehört, für im Grunde sehr fragwürdig hält. Das sind Dinge, die man überarbeiten kann und sollte. Der Liberalismus wehrt sich gegen eine zu enge Verbindung von Staat und Kirche – zum Schutze beider! Deshalb bin ich für freie Ausübung der Religion – und dazu gehört auch, dass die Kirchen Positionen vertreten dürfen, die vielleicht nicht zum gesellschaftlichen Mainstream gehören. Das können sie aber nur schwer, so lange sie am staatlichen Tropf hängen.

FreieWelt.net: In welcher Kirche sind Sie?

Sebastian Moll: Ich bin Methodist. Das ist eine evangelische Freikirche, die volle Kirchengemeinschaft mit der EKD hat; es gibt keine dogmatischen Unterschiede. Aber es ist eine Freikirche und gehört deshalb nicht zum Staatskirchenvertrag, sondern finanziert sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen – was im Übrigen fast immer auch aktivere Mitglieder zur Folge hat

FreieWelt.net: Zurück zur Politik: Sie haben sich gegen die CDU entschieden, weil Sie Ihnen nicht liberal genug ist. Über die CDU sagt man manchmal, sie sei die Christenpartei. Ist sie das?

Sebastian Moll: Es ist schwierig, politische Positionen als christlich oder nicht-christlich zu bezeichnen. Wenn die CDU eine christliche Partei ist, merke ich persönlich davon sehr wenig. Christentum und christliche Politik haben für mich vor allem zu tun mit Verantwortungsbewusstsein und mit Mut zur Wahrheit, den die AfD zurecht einfordert. Die CDU ist für mich immer mehr eine Partei der Verschleierung und Vertuschung geworden: Es werden Probleme nicht angesprochen, sondern verharmlost, ganz besonders in Bezug auf die Euro-Politik, aber auch bei Themen wie Energiepolitk oder Einwanderung

Eine christliche Partei sollte zu Wahrheiten stehen, Wirklichkeiten anerkennen und sich nicht hinter Dingen wie politischer Korrektheit verstecken. Das ist die Voraussetzung, um überhaupt Politik machen zu können, denn wenn man in einer Scheinwirklichkeit lebt, kann man Gesellschaft natürlich auch nicht vernünftig gestalten.

FreieWelt.net: Wie ist es mit den Muslimen?

Sebastian Moll: Es gehört zur Politik dazu, dass man Probleme anspricht, die es zwischen unserem Rechtsstaat und dem Islam ganz eindeutig gibt. Natürlich sind nicht alle Muslime problematisch. Aber, wie Hans-Olaf Henkel einmal richtig bemerkte: Es müsste schon ein wahnsinniger Zufall sein, wenn es nichts mit dem Islam zu tun hätte, dass es in nahezu keinem islamischen Land eine demokratische Ordnung oder eine Garantie der Menschenrechte gibt.

Unsere Vorstellungen von Freiheit und Menschenrechten enstammen ja der christlich-abendländischen Tradition und sind daher mit muslimischen Positionen nicht immer kompatibel. Als Politiker vertrete ich aber immer nur den Rechtsstaat, nicht das Christentum. Jede Religion – Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus – genießt Religionsfreiheit, jeder kann und soll sich auf religiösem Gebiet frei ausleben können. Wenn sich der Islam als Religionsgemeinschaft in Deutschland verbreitet, kann und will ich als Politiker dagegen überhaupt nichts tun, denn es ist nicht meine Aufgabe, die Ausbreitung von Religionen einzudämmen. Aber es ist meine Aufgabe, unsere deutsche Rechtstradition zu bewahren.

FreieWelt.net: Können Muslime auch Mitglieder in CDU, AfD, SPD oder FDP werden?

Sebastian Moll: Als ich noch in der FDP war, wurde das Christentum nicht gerade besonders hoch gehalten. Das war mir aber auch egal. Als Politiker betreibe ich Politik, und als Christ übe ich meinen christlichen Glauben aus. Das sind zwei Sachen, die ich trenne. Und wenn ein Muslim das ebenfalls trennt und zum Wohle der deutschen Nation mitarbeiten möchte, dann ist er in jeder Partei willkommen.

FreieWelt.net: Vielleicht liegt der Unterschied zwischen einem Christen und einem Moslem, der in die Politik geht oder sich politisch engagieren will, im Menschen- und im Gottesbild.

Sebastian Moll: Es ist beispielsweise katholische Lehre, dass Frauen vom Priesteramt ausgeschlossen sind. Das ist auch völlig in Ordnung. Wenn aber ein Katholik sagen würde, dass Frauen kein Wahlrecht mehr haben sollen, dann ginge das natürlich nicht Und so ist es für den Moslem auch. Wenn ein Moslem meint, dass Frauen in der Familie eine bestimmte Rolle zu spielen haben , dann ist das sein gutes Recht. Er kann Frauen aber nicht gegen ihren Willen in dieses Modell hineinzwingen oder ihnen beispielsweise in der Öffentlichkeit das Lachen verbieten.

FreieWelt.net: Sie haben einmal geschrieben, dass der Liberalismus kein idealisiertes Menschenbild vertritt. Was ist denn das Menschenbild des Liberalen – und was ist Ihr Menschenbild?

Sebastian Moll: Ich vertrete das Konzept vom Homo oeconomicus, also des Menschen, der in der Lage ist, rationale Entscheidungen zu treffen und gemeinschaftlich zu arbeiten, aber zunächst seinen eigenen Vorteil sucht. Das muss aber nicht moralisch verwerflich sein, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Der Staat sollte daher vor allem die Bedingungen und Anreize schaffen, damit  sich das Eigeninteresse des Menschen zum Wohle der Gemeinschaft auswirken kann. Moralische Erziehung durch den Staat lehne ich ab.

FreieWelt.net: Sie haben Ihr Engagement für die FDP aus dem Evangelium hergeleitet. Tun Sie das bei Ihrem Engagement für die AfD jetzt auch?

Sebastian Moll: Ich würde niemals sagen, dass sich aus dem Evangelium ein Parteiprogramm ableiten lässt. Ich glaube aber, dass das Evangelium überhaupt zu politischem Engagement ermutigt, zum Engagement für die Gesellschaft und die Mitmenschen.

FreieWelt.net: Mitglieder aller Parteien könnten also sagen: Ich engagiere mich in dieser Partei, weil ich Christ bin.

Sebastian Moll: Genau: Ich engagiere mich, weil ich Christ bin. Aber nicht: Ich vertrete diese oder jene Position, weil ich Christ bin.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Homepage von Sebastian Moll.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Joachim Datko

Vorab: Es gibt keinen Gott, es gibt keine Götter

Zitat: "Der Theologe Sebastian Moll sagt: Christ-sein ist eine gute Voraussetzung, um politisch aktiv zu werden, aber keine notwendige."

Natürlich ist "Christ-sein" keine notwendige Voraussetzung, um politisch aktiv zu werden.

Joachim Datko - Physiker, Philosoph
Forum für eine faire, soziale Marktwirtschaft
http://www.monopole.de

Gravatar: keinUntertan

Der historische Jesus war Jude und Rebell. Würde Jesus heute leben, wäre er ein sozialistischer Hippie. Er würde aus der Kirche austreten, sein Geld den Armen spenden, in der Friedens- und Umweltbewegung aktiv sein, für mehr Gleichheit eintreten und statt sich gegen das Römische gegen das Amerikanische Imperium aussprechen. Er wäre gegen das Finanzsystem (so wie er die Geldverleiher aus dem Jerusalemer Tempel gejagt hat) und er würde sich schützend vor die Prostituierte stellen. Er würde den Obdachlosen Obdach geben und für die Hungernden eine Suppenküche einrichten.

Gravatar: mestro

Toll, was Sie so alles wissen.

Gravatar: Joachim Datko

Einen historischen "Jesus", wie in das Christentum beschreibt, hat es nicht gegeben. Die Geschichten um den angeblich wundertätigen Wanderprediger sind nicht authentisch. Es handelt sich um eine mystische Figur, der man allerlei Fähigkeiten angedichtet hat.

Gravatar: Freigeist

Würde Jesus heute leben, sollte er nach Afrika gehen und dort die wundersame Brotvermehrung paktieren. Sie würden ihn jedoch wegen Schwindelei verjagen, denn er könnte eine Wunderbrotvermehrung nicht machen, da er Gott nicht ist.

Gravatar: Karin Weber

Ein Jurist würde nun sicher fragen: "Können Sie das alles belegen?"

Wenn die Geschichten nicht authentisch sind, dann müssen Sie ihn ja gekannt haben.

Mal abgesehen davon, dass ich da auch nicht dran glaube, aber ich habe persönlich kein Problem damit, dass es Menschen gibt, die daran glauben. Schauen Sie nur mal, die ganzen Mitglieder der Altlastenparteien, die glauben ja auch an Götzen und sehen Dämonen. Warum ätzen Sie nicht auch gegen die? Ich hab manchmal den Eindruck, Sie sind da etwas stark fokussiert. Gerade wenn Sie aus der Ecke Niederbayern kommen, dann müssen Sie doch die Auffassung der Jugend wahrnehmen.

Ich denke, die wirklichen Probleme kommen aus einer ganz anderen Ecke und auf die sollten wir uns konzentrieren.

Gravatar: Petronius

Was ist eigentlich mit dem historischen "Mohamed"? Hat es den gegeben, oder handelt es sich dabei auch um eine mystische Figur, der man allerlei Fähigkeiten angedichtet hat?

Gravatar: Frank S.

@KeinUntertan. Da kennen Sie die Bibel aber etwas ungenuegend. Im Gleichnis der Talente wird ein Sachwalter beispielsweise fuer mangelndes Profitstreben heftig gerueffelt. Oder im Gleichnis der Weingaertner wird die Vertragsfreiheit ueber das Prinzip gleicher Entlohnung fuer gleiche Arbeit gestellt. Mit Sozialismus und Gleichheit hat das nicht viel zu tun. Auch widersetzte er sich der Rolle die Herrschenden direkt anzugehen, da er wusste, das jede Re olu tion im Kopf der Menschen selbst passieren muss um Erfolg zu haben.

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