Hier entsteht Dubai 2.0 – Interview mit Gérard Al-Fil

11. Januar 2010, 09:42 | Kategorien: Lebenswelt, Wirtschaft | Schlagworte: , | von
Redaktion

Der Diplom-Kaufmann und Finanzjournalist Gérard Al-Fil lebt und arbeitet in Dubai.  "Leben und Arbeiten in Dubai" ist auch der Titel von Al-Fils Buch, der in Konstanz, London und Düsseldorf studiert hat und 2005 als erster deutscher Korrespondent seine eigene Redaktion in Dubai gründete.  FreieWelt.net sprach mit Gérard Al-Fil über die wirtschaftliche Entwicklung Dubais, die Auswirkungen der Finanzkrise und die Lehren aus dem Aufstieg und Absturz des Emirats.

FreieWelt.net: Dubai hat in den vergangenen Jahrzehnten zunächst einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg erlebt. 2009 konnte ein Staatsbankrott dann nur noch mit Hilfe des Nachbaremirats Abu Dhabi vorerst abgewendet werden.  Was hat Dubais Aufstieg ermöglicht und was hat die massiven Schwierigkeiten verursacht?

Gérard Al-Fil: Der Aufstieg Dubais war ein Aufstieg aus Zwang.Weil die Ölvorräte in Dubai schneller zur Neige gingen als in den Nachbar-Emiraten und anderen Golfstaaten, setzte die Herrscherfamilie Al-Maktoum früh auf neue Industriezweige. Der Freihafen Dschebel Ali südwestlich von Dubai wurde Ende der siebziger Jahre gebaut. Er ist heute der größte Container-Umschlagplatz im Nahen Osten als Drehkreuz zwischen Europa und Ostasien. Im Laufe der Zeit sind 18 weitere Freihandelszonen für die verschiedenen Branchen wie Banken, Schwerindustrie, Medizin, Biotechnologie oder Medien hinzugekommen, so dass fast jedes der 500 grössten Unternehmen der Welt eine Zweigstelle in Dubai unterhält. Allein im Freihafen sind 5,500 Firmen aus 120 Ländern ansässig. Grund für die Dubaianer ihren Herrscher Sheikh Mohammed Bin Rashid Al-Maktoum auch CEO von Dubai Inc. zu titulieren.

Dubais relativ liberale Politik (Internationale Sportwettkämpfe finden regelmässig statt, Alkohol ist in Gastronomiebetrieben erlaubt,…) verhalf schließlich dem Tourismus zum Aufstieg. Dafur ließ die Regierung einen modernen Flughafen aus dem Wüstenboden stampfen, etablierte eine der besten Fluggesellschaften (Emirates Airline) der Region, baute das größte Einkaufszentren der Welt Dubai Mall, und, und, und…

Die Vernetzung mit der Weltwirtschaft hat das Emirat aber auch abhängiger von deren Entwicklung gemacht. Das bedeutet: brummt die globale Ökonomie, geht es Dubai überdurchschnittlich gut. Erlahmt jedoch der Welthandel, dann fällt die Wirtschaftsleistung Dubais überproportional stark.

Heute steuert der Ölexport in Dubai nurmehr 1 bis 3 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Dagegen lagern im Nachbar-Emirat Abu Dhabi, das wie Dubai zu den sieben Scheichtümern der Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zählt, ein Zehntel der weltweit bekannten Ölvorräte. Es ist wahr, dass Dubai mehr denn je auf die Finanzkraft Abu Dhabis angewiesen ist. Aber mal Hand aufs Herz: ist es nicht in jedem Staat so, dass die reichen Regionen den finanzschwächeren zur Seite stehen? Denken Sie nur an den Länderfinanzausgleich in Deutschland. Oder an die Hunderte von Milliarden Euro, die seit der Einheit von Westdeutschland in die neuen Bundesländer geflossen sind.

FreieWelt.net: War ein nahender Bankrott nicht schon seit längerem abzusehen und hätte er verhindert werden können?

Gérard Al-Fil: Gegenfrage: war die Weltfinanzkrise nicht schon seit längerem abzusehen und hätte sie verhindert werden können? Alle Länder und Regionen haben gelitten aufgrund des ausgetrockneten Kapitalmarkts infolge der Lehman-Pleite. Nehmen Sie die Schweiz: dort hat die Großbank UBS innerhalb eineinhalb Jahren mehr als ihr gesamtes Eigenkapital verloren. Und eine Volkswirtschaft, die wie Dubai eine Transformation von einer Ölindustrie zu einer breit aufgestellten Wirtschaft durchläuft, ist noch verwundbarer als andere Märkte. Zumal die Energiepreise nach dem Lehman-Fall auch vielen und Abu Dhabis eigene Einnahmen nicht mehr so sprudelten wie während der Preisrally von 2004 bis 2008.

Bei diesem Umwandlungsprozess hat Dubai aber auch Fehler gemacht. Es wurden zu viele Freihandelszonen und Immobilienprojekte zur gleichen Zeit gestartet und wie Standalone-PC in die Landschaft gesetzt, fast ohne Vernetzung mit der Infrastruktur. Dies überstieg die Kräfte der Regierung und der Privatwirtschaft gleichermassen. Hier hätte das Scheichtum behutsamer und sukzessiver vorgehen sollen. Auch die „Laisser-faire“-Politik, also dass der Staat der Wirtschaft fast freies Spiel ließ, war im Nachhinein schädlich.

FreieWelt.net: Sie haben sich in Ihrem Buch mit dem Thema „Leben und Arbeiten in Dubai“ beschäftigt. Ist das angesichts der aktuellen Wirtschaftslage noch eine Option?

Gérard Al-Fil: Ja, auf jeden Fall! Hier entsteht gerade ‚Dubai 2.0.“ Jetzt schaut der Markt mehr auf Qualität, fallen unqualifizierte Mitarbeiter und Projekte ohne Substanz aus dem Rennen. Das sind gute Karten für motivierte Menschen aus deutschen Landen und für Erzeugnisse „Made in Germany“, zumal Deutsche in der arabischen Welt generell hochwillkommen sind.

Der Manager der Deutsche Bank in Dubai fur Projektfinanzierungen Frank Beckers sagte mir in einem Gespräch, die Lebensqualität sei heute viel besser als vor der Krise. Verstopfte Straßen und die ewige Hektik im Alltag gehörten der Vergangenheit an. Auch ist der Freizeitwert gestiegen. Besonders die neue Business Bay rund um den Burj Khalifa, dem mit 828 Metern höchsten Gebäude der Welt, ist sehr schön  geworden und lädt zum Flanieren und Verweilen ein.

Der öffentliche Personennahverkehr hat durch die Dubai Metro, die im September 2009 eröffnet wurde, und die 400 MAN-Personenbusse den höchsten Stand auf der arabischen Halbinsel, wenn nicht im Nahen Osten.

Nicht zuletzt bietet Dubai westlichen Frauen mehr Karrieremöglichkeiten als jeder andere Ort im Nahen Osten. Die Regieung fördert die Intergration von Frauen in die Arbeitswelt ausdrücklich.
Ich durfte unlängst eine Managerin einer Teppich-Firma aus Baden-Württemberg interviewen.Frau Iris Seiffer von Object Carpets beliefert die ganze Golfregion und die Levante von Dubai aus mit hochwertigen Erzeugnissen, und dies, obwohl der Orient ja bekannt ist fur die besten Teppichstücke. Aber die jungen Araber achten auf Qualität, Design und – was neu ist – auf Umweltverträglichkeit. Letztes Jahr hat diese Firma die Business Lounges der Fluggesellschaft Etihad Airways ausgestattet, und zwar weltweit. Die Leute lernen allmählich, dass billig nicht immer günstig ist.

FreieWelt.net: Was sollte man als Ausländer in Dubai unbedingt beachten?

Gérard Al-Fil: Die go-go-Jahre sind vorbei. Früher hieß es: wer in den Golfstaaten keinen Gewinne erzielt, der muss sich schon ganz ungeschickt anstellen. Das ist passé Ab jetzt besteht man in der 1,8-Millionen-Einwohnermetropole Dubai in den 201x-Jahren mit Zähigkeit und Ausdauer und natürlich mit Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Im Schmelztiegel Dubai leben und arbeiten Menschen aus 150 Nationen. Das Modell der Freihandelszonen mit niedrigen Markteintrittsbarrieren hat Mitbewerber aus aller Welt gelockt. Das drückt bei den Unternehmen auf die Margen, der Wettbewerb wird härter.

Weiter sollte man beachten, dass die Staatsgewalt wie in allen Ländern auch in Dubai an Einfluss gewinnt. Vor Kurzem wurde beispielsweise das Rauchverbot verschärft. Wer in Krankenhäusern, Einkaufszentren oder Sport-Clubs zur Zigarette greift, kann verhaftet werden, Unternehmer können ihre Lizenz verlieren.

Auch die Einhaltung islamischer Werte, wie z. B. das Tragen von züchtiger Kleidung wird strenger überwacht. Westler in Short und Unterhemden an der Kasse werden nicht mehr toleriert und müssen mit Verwarnung und Geldstrafen rechnen.

FreieWelt.net: Welche Schlüsse sollten andere Golfstaaten aus der Entwicklung Dubais ziehen?

Gérard Al-Fil: Dass sie neben neuen Industriezweigen, die ja notwendig sind für die berühmte Zeit „nach dem Öl“, auch die Rahmenbedingungen neu aufbauen müssen. Das bedeutet: mehr Rechtssicherheit und ein verbesserter unbürokratischer Service müssen her. In diesen Punkten ist das Umfeld in Dubai übrigens einmalig. Die UNO vergibt Dubai regelmäßig Bestnoten in puncto eGovernance. Die Dubaier Ministerien und Kontrollorgane der Freihandelszonen sind echte Dienstleistungszentren. Da könnte sich so manch deutsches Amt eine Scheibe abschneiden.
Alle Golfstaaten werden zudem prüfen müssen, ob das Modell der befristeten Arbeitsbewilligungen noch Sinn macht. Ein Deutscher kann alle drei Jahre sein Aufenthaltsvisum verlängern, so er denn in einem Arbeitsverhältnis steht oder selbständig ist. Er kann aber nie eine unbefristete Bewilligung (wie in der Schweiz die Bewilligung ‚C‘) erhalten und dauerhaft sesshaft werden. Aus diesem Grund besteht nur wenig Kontinuität im Management der privaten Unternehmen. Dies schadet gerade in Krisenzeiten, wenn der Vorstandschef alle zwei Jahre wechselt.Dagegen wird man in klassischen Einwanderländern wie Australien oder Kanada schon nach einigen Jahren eingebürgert.

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Das Interview führte führte Fabian Heinzel

(Foto: Gérard Al-Fil)

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