Grundschulkinder interessieren sich nicht für “Sexuelle Vielfalt”

23. August 2011, 07:13 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , | von Redaktion
Foto: Hans Schieser/privat
Redaktion FreieWelt.net

Professor Hans Schieser ist ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Grundlagen der Erziehungswissenschaften an der DePaul University in Chicago. FreieWelt.net sprach mit dem inzwischen emeritierten Erziehungsexperten und Vorstandsmitglied der „Europäischen Ärzteaktion“ über den derzeit heftig umstrittenen Medienkoffer „Familien, Lebensweisen und sexuelle Vielfalt“ für Berliner Grundschüler, die Folgen früher Sexualerziehung und das Erziehungsrecht der Eltern.

FreieWelt.net: Der Medienkoffer „Familien, Lebensweisen und sexuelle Vielfalt“, mit dem Grundschulkinder von der ersten Klasse an fächerübergreifend aufgeklärt werden sollen, hat kurz vor Schulbeginn in Berlin für einigen Wirbel gesorgt. Hysterische Reaktion bestimmter Presseorgane oder berechtigte Sorge um unsere Kinder?

Prof. Schieser: „Fächerübergreifend aufklären“ ist pädagogischer Unsinn! Kinder im Grundschulalter interessieren sich nicht für „andere Lebensweisen und sexuelle Vielfalt“, weil sie zunächst eine stabile (= gleichbleibende) Umwelt brauchen, um ihre „Identität“ aufzubauen („ich gehöre meiner Mama und meinem Papa“) und die dazu notwendige Sicherheit zu erleben, wobei die Sexualität überhaupt keine Rolle spielt, da sie beim Kind „latent“ (= verborgen, schlafend, wie das fotografische Bild auf dem noch unentwickelten Film vorhanden, aber noch nicht sichtbar) ist. Sigmund Freud, auf den man sich ja immer wieder beruft, hat immer wieder ausdrücklich betont, daß man diese Latenz nicht verfrüht „wecken“ darf, weil es sonst zu negativen Verhaltensstörungen (nicht im Bereich der Sexualität, sondern im allgemeinen Verhalten) führt: „Der Verlust des Schamgefühls ist das erste Zeichen von Schwachsinn… Kinder, die sexuell stimuliert werden, sind nicht mehr erziehungsfähig; die Zerstörung der Scham bewirkt eine Enthemmung auf allen anderen Gebieten, eine Brutalität und Mißachtung der Persönlichkeit des Mitmenschen“.

FreieWelt.net: Die Verantwortlichen des Medienkoffers argumentieren, die Kinder sollten sich vor dem „Kicheralter“ mit „sexueller Vielfalt“ auseinandersetzen, da sie z.T. schon im Kindergartenalter beginnen würden, ihre sexuelle Identität zu suchen. Kann da schulische Aufklärung nicht doch sehr hilfreich sein?

Prof. Schieser: Schon die Begriffe „Kicheralter“ und „auseinandersetzen“ verraten, daß es sich bei den Verantwortlichen nicht um Pädagogen oder ernstzunehmende Psychologen handeln kann. Kinder im Grundschulalter setzen sich NICHT „auseinander“, sondern nehmen die Dinge, wie sie sind. Da geht es noch nicht um „sexuelle Identität“, auch wenn sie z.B. bei Geschwistern oder im Kindergarten feststellen, daß es Buben und Mädchen gibt. Dazu bedarf es keineswegs einer Schulischen „Aufklärung“, sondern der gelegentlichen Erfahrungen in der Familie und im Umgang mit anderen Kindern. Auch hier muß man nicht auf Dinge aufmerksam machen, die das Kind noch gar nicht „sieht“. Daß die „Aufklärung“ in der Schule nicht die erwarteten Wirkungen bringt, zeigen diesbezügliche wissenschaftliche Untersuchungen (hauptsächlich in den USA); die diese „Sex“perten allerdings überhaupt nicht zu kennen scheinen.

FreieWelt.net: Die Befürworter der staatlichen Sexualerziehung argumentieren häufig, Aufklärung schütze vor Teenagerschwangerschaften, vor allem aber auch vor Mißbrauch. Wie sind diesbezüglich Ihre Erfahrungen?

Prof. Schieser: Diesen Nachweis müßte man noch erbringen, daß die „staatlich vorgeschriebene Aufklärung“ bei Jugendlichen Schwangerschaften und sexuellen Mißbrauch verhindert. Von „Verhindern“, oder „Weniger“ ist weder in den USA, wo man mit diesem Unsinn schon vor Europa begonnen hat, noch irgendwo auf der Welt etwas zu sehen! Die Amerikaner haben inzwischen eine umfangreiche Dokumentation für jeden zugänglich gemacht, die zeigt, daß gerade nach Einführung der schulischen „Sex Education“ die Probleme unter den Teenagern drastisch zugenommen haben!

In Deutschland gibt es mit Ausnahme von Christa Meves kaum Veröffentlichungen zu diesem Thema  während das Bundesministerium für „Gesundheit“ eher pornografisches Material verbreitet, als tatsächliche Aufklärung zu leisten.

Was sexuellen Mißbrauch betrifft, haben die „altmodischen“ Verhaltensregeln der Kirche wie „Keuschheit“ oder „anständige Kleidung“ wesentlich mehr dazu beigetragen, daß diese heute grassierenden Mißbräuche eher selten waren. Wenn z.B. die Priester sich an die vorgeschriebene „Kleiderordnung“ („der Priester sollte immer priesterliche Kleidung tragen…“) halten würden, wäre mancher Mißbrauch gar nicht möglich! Das gilt auch für Lehrer und Lehrerinnen! So, wie manche (selbst Kindergärtnerinnen) daherkommen, wird ihnen auch kaum der „professionelle Respekt“ entgegengebracht, den jeder Lehrer(in) und jeder Arzt (Ärztin) braucht, um überhaupt ernst genommen zu werden.

Meine Erfahrungen in der Lehrer-Bildung (und in sogenannten „Fortbildungsseminaren“) bestätigen immer wieder, daß z.B. Nonnen in Kindergärten und Schulen kaum Disziplinschwierigkeiten haben und erst recht keiner Mißbräuche schuldig werden, aber sie werden sowohl von den Kindern, als auch von den Eltern ernst genommen. Das ist kein Problem der „Distanz“, denn gerade diese Leute sind liebevoll und werden von den Kindern wirklich geliebt. Dagegen haben manche Kindergärtnerinnen und Lehrer(innen) wesentlich mehr Probleme, wenn sie selbst „unmöglich“ daherkommen.

Man kann das jetzt fast überall beobachten, daß die „Entprofessionalisierung“ nicht nur beim Lehrberuf, sondern auch bei den Ärzten und anderen „Professionen“ zu denselben Resultaten führt: Vertrauensverlust und Respektlosigkeit.

FreieWelt.net: Aber was ist mit den Kinder, deren Eltern sich nicht an diese Themen wagen, wo Sexualaufklärung einfach nicht stattfindet?

Prof. Schieser: Es stimmt, daß auch heute noch die meisten Kinder „auf der Straße aufgeklärt werden“, weil sich die Eltern schwer tun, ihren Kindern das Wunder der Zeugung zu erklären. Es gibt so viele Programme und Materialien, die besonders von der Kirche (schon seit hundert Jahren!) angeboten werden. Aber wer kennt sie schon? Wer liest denn heute die wertvollen und wirklich kompetenten Ratschläge der Christa Meves, die schon seit „zig“ Jahren diese Thematik in vielen Büchern allgemein-verständlich und wissenschaftlich haltbar jedem zugänglich macht?

Aber selbst wenn bisher die meisten weder von den Eltern, noch von „Sexperten“ aufgeklärt wurden, hatten wir bislang immer noch relativ wenig Probleme, wie sexuelle Verwilderung, Geschlechtskrankheiten und der gleichen in dem Ausmaß, wie es jetzt auf einmal nach all der „Aufklärung“ beobachtet wird.

Und es bleibt auch in diesem Fall, wo die Eltern versagen, das Elternrecht VOR dem „Recht“ des Staates und seiner Vertreter! So sieht das das Deutsche Grundgesetz, „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht!“ (Art. 6,2) und so steht es auch in der Menschenrechtsdeklaration der UNO (26,8): „Eltern haben das erste Recht, die Bildung ihrer Kinder zu bestimmen…“. Der Staat hat KEIN Mandat zur Erziehung und Bildung, sondern nur eine „Kontroll-Funktion“, ähnlich der „Aufsichtspflicht“ des Lehrers, der z.B. im Schulhof darauf achten muß, daß nichts passiert, aber keine Befehlsgewalt hat, was die Kinder in der Pause spielen.

FreieWelt.net: Welche Folgen befürchten Sie für unsere Kinder durch immer frühere Sexualerziehung durch den Staat?

Prof. Schieser: Auf die Folgen der „frühen Sexualerziehung“ habe ich weiter oben schon hingewiesen: da sind jetzt MEHR, nicht weniger Probleme, sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen! Die Statistiken sind einsehbar, aber man will sie nicht zur Kenntnis nehmen. Wen es interessiert: ich kann jederzeit eine umfangreiche Bibliografie zur Verfügung stellen. Allerdings ist das meiste aus den USA, wo man noch mehr Freiheit hat, Dinge zu publizieren, die der „staatlichen Inquisition“ widersprechen.

Die Wirklichkeit hat aber auch uns schon lang eingeholt, das zeigt der zunehmende Andrang an die Privatschulen, und zum „Home-schooling“, wo man noch den Mut hat, den Kindern und Jugendlichen eine solide und pädagogisch verantwortbare Bildung zu bieten.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Kerstin Schneider

Prof. Dr. Hans Schieser
Prof. emeritus DePaul University Chicago
Veilchenweg 9,  D-89134 Blaustein

Europäische Ärzteaktion in den deutschsprachigen Ländern e.V.

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