»Gleichstellungspolitik ist ungerecht«

09. Mai 2012, 07:08 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , , | von Redaktion
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Dr. Alexander Ulfig studierte Philosophie, Soziologie und Sprachwissenschaften in Hamburg und Frankfurt am Main. 1997 promovierte er mit einer Arbeit über »Lebenswelt«. Er ist Mitherausgeber des Buches »Qualifikation statt Quote – Beiträge zur Gleichstellungspolitik«, dessen Beiträge eine Alternative zur gegenwärtigen, auf Quotierung hinauslaufenden Gleichstellungspolitik aufzeigen wollen. FreieWelt.net sprach mit Alexander Ulfig über den Sammelband »Qualifikation statt Quote«, Chancengleichheit, Frauenquote und Gleichstellungspolitik.

FreieWelt.net: Sie gehören zu den Herausgebern des Sammelbandes »Qualifikation statt Quote«. Können Sie uns erklären, wie dieses Projekt entstanden ist?

Dr. Alexander Ulfig: Wir sind Wissenschaftler, die an Fragen der Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Chancengleichheit interessiert sind. Es ist uns aufgefallen, dass die Gleichstellungspolitik zu Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen von Männern führt. An den Universitäten gibt es viele Förderprogramme nur für Frauen. Das verletzt das Prinzip der Chancengleichheit. Die Gleichstellungspolitik mischt sich ferner in die Einstellungspraxis ein. Auch das führt zu Ungerechtigkeiten und verletzt die Autonomie der Universität. Kritik an der Gleichstellungspolitik stellt ein Tabu dar. Wir möchten mit unserem Buch dieses Tabu brechen und somit eine offene, freie und unabhängige Diskussion der Gleichstellungspolitik anregen.

FreieWelt.net: Wer sind die Autoren und welche Themen behandeln Sie in diesem Sammelband?

Dr. Alexander Ulfig: Die Autoren sind Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen und Publizisten. Im ersten Kapitel wird der Zusammenhang zwischen Gleichheit, Gleichberechtigung und Gleichstellung behandelt. Wichtig ist hier die strikte Unterscheidung von Gleichberechtigung und Gleichstellung, denn diese Begriffe werden von vielen Vertretern der Gleichstellungspolitik fälschlicherweise gleichgesetzt. Im zweiten Kapitel werden unterschiedliche Aspekte der Quotenpolitik untersucht, vor allem die mit ihr einhergehende Diskriminierung von Männern. Im letzten, dritten Kapitel wird die Gleichstellungspolitik in der Wissenschaft behandelt. Die Gleichstellungsgesetze und -regelungen laufen auf Quotierungen hinaus, was negative Folgen für die Wissenschaft hat.

FreieWelt.net: Wen wollen Sie mit dem Buch ansprechen und warum ist diese Frage so wichtig, dass sich so viele Autoren dazu äußern wollten?

Dr. Alexander Ulfig: Wir möchten diejenigen ansprechen, die sich für die Grundsätze unserer Gesellschaft interessieren, denn an der Haltung zur Quote lässt sich das Verständnis von Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Leistungsprinzip und Demokratie ablesen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema »Quote« betrifft insofern die Fundamente unserer Gesellschaft bzw. unserer Staatsordnung. Deutlich wird es zum Beispiel an der Unvereinbarkeit von Quoten und Grundgesetz. Quoten widersprechen meines Erachtens dem Grundgesetz, denn laut Artikel 3, Absatz 3 des GG dürfen Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit weder benachteiligt noch bevorzugt werden.

FreieWelt.net: Gibt es denn über die Ablehnung der Frauenquote hinaus ein gemeinsames Leitbild für Wirtschaft und Wissenschaft, dem die Autoren folgen? Und wo sehen Sie Kontroversen und unterschiedliche Schwerpunkte?

Dr. Alexander Ulfig: Ich denke, dass die Autoren darin übereinstimmen, dass Menschen in erster Linie nach ihren individuellen Qualifikationen und nicht nach ihrer Gruppenzugehörigkeit beurteilt und eingestellt werden sollten. Die thematischen Schwerpunkte und Zugänge zu der Quoten-Problematik sind jedoch unterschiedlich. Einige Autoren argumentieren aus einer liberalen Perspektive: Das Individuum und nicht das Kollektiv sollte maßgebend sein. Die freie Entscheidung und das Leistungsprinzip spielen für diese Autoren die entscheidende Rolle. Andere Autoren argumentieren aus einer eher linken Perspektive. Professor Günter Buchholz zum Beispiel hebt hervor, dass Diskriminierungen in erster Linie schichtenspezifisch und nicht geschlechtsspezifisch sind, ohne dabei jedoch eine Quote für Menschen aus der Unterschicht zu fordern. Er betont ferner, dass die Quotenpolitik eine Klientelpolitik für eine relativ kleine Gruppe von Frauen aus oberen Schichten ist. Andere Autoren verweisen auf die unterschiedlichen Lebensbedingungen von Frauen und Männern, die einen Einfluss auf die Berufswahl und -ausübung haben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wozu bessere Angebote der Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten usw. gehören.

FreieWelt.net: Als Herausgeber haben Sie ja sehr unterschiedliche Beiträge aus verschiedenen Bereichen zusammengetragen. Gibt es etwas, das Sie persönlich noch dazu gelernt haben? Hat Sie etwas überrascht?

Dr. Alexander Ulfig: Ich habe zunächst viele neue Argumente gegen die Quote kennengelernt. Darüber hinaus habe ich gelernt, dass man die Diskussion um die Quote nicht nur abstrakt, also mit dem Verweis auf allgemeine Gerechtigkeitsprinzipien, Qualifikationen oder demokratische Prinzipien, führen sollte. Vielmehr sollte man auch konkrete Lebensbedingungen von Menschen, von Frauen und Männern, in die Diskussion einbeziehen.

FreieWelt.net: Worin sehen die Autoren die Ursache für den oft beklagten Mangel von Frauen in Führungsetagen und in der Wissenschaft?

Dr. Alexander Ulfig: Die Ursachen liegen in den Wünschen, Präferenzen, Interessen und Lebensentwürfen von Frauen. Es ist bekannt, dass sich Frauen für technische und naturwissenschaftliche Fächer im Durchschnitt weniger interessieren als Männer. Dafür gibt es viele Belege und die millionenschweren Förderprogramme an Schulen und Universitäten haben daran nicht viel geändert. Außerdem ist es ebenfalls bekannt, dass Frauen offensichtlich andere Lebensentwürfe als Männer bevorzugen. Sie entscheiden sich wesentlich häufiger für Teilzeitarbeit und geben ihren außerberuflichen Tätigkeiten einen viel größeren Stellenwert.

FreieWelt.net: Warum glauben Sie hat die Frauenquote in der Diskussion einen solchen Stellenwert gewonnen?

Dr. Alexander Ulfig: Die Frauenquote wird von einer Lobby in der Politik hartnäckig gefordert und von den Mainstreammedien bereitwillig propagiert. Die Quoten-Lobby ist parteiübergreifend. Ihre Vertreter haben sich in Initiativen wie »Berliner Erklärung« und »Pro Quote« organisiert. Sie möchten, dass Frauen außerhalb des Wettbewerbs prestigeträchtige Stellen erhalten. Das bedeutet meines Erachtens eine klare Privilegierung für eine relativ kleine Gruppe von Frauen. In den Mainstreammedien wird eine Hurra-Propaganda für die Frauenquote betrieben. Kritische Artikel werden dort äußerst selten veröffentlicht. Bemerkenswert ist hier die Dissonanz zwischen dem, was in der Politik und den Mainstreammedien (in den Artikeln) propagiert wird, und dem, was »das Volk« darüber denkt. In unabhängigen Internet-Medien und in den Kommentarbereichen der Mainstreammedien herrscht eine breite Ablehnung der Quote.

FreieWelt.net: Welche Alternativen zur Frauenquote gibt es?

Dr. Alexander Ulfig: Eine konsequente Politik der Qualifikation. Menschen sollten nach ihren individuellen Qualifikationen und nicht nach ihrer Gruppenzugehörigkeit beurteilt und eingestellt werden. Die Bemühungen der Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sollten sich darauf konzentrieren, bessere Qualifikationsstandards zu erarbeiten, anstatt eine diskriminierende Quotenpolitik zu betreiben. Gleichzeitig sollte Faktoren wie der Vereinbarkeit von Beruf und Familie mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Oft wird darüber berichtet, dass Frauen von Männern daran gehindert werden, Karriere zu machen. Man spricht hier von der »gläsernen Decke«. Erstens lässt sich eine »gläserne Decke« empirisch nicht nachweisen. Aber auch wenn wir annehmen, dass es in einigen Firmen Strukturen gibt, die Frauen die Karriere verbauen, dann wäre dazu eine Frauenquote keine Alternative. Man müsste dann am Aufbau eines Systems arbeiten, in dem außerfachliche Faktoren wie »gläserne Decken«, Seilschaften, Patronage, Vetternwirtschaft usw. ausgeschlossen wären und nur die individuelle Qualifikation der Bewerber zählen würde.

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Das Interview führte Dr. Gérard  Bökenkamp

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