Gewaltkriminalität gestiegen – Interview mit Helmut K. Rüster

03. März 2010, 10:25 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Redaktion

Wenn Täter gejagt, bestraft oder resozialisiert werden sollen, wer bleibt dann bei den Opfern?  Zum Beispiel die ehrenamtlichen Helfer des "Weissen Rings", die sich in Deutschland seit 1976 um die Opfer von Straftaten kümmern.  FreieWelt.net sprach mit dem Pressesprecher des Weissen Rings, Helmut K. Rüster, über die Arbeit des Vereins und die Entwicklung der Kriminalität in der Bundesrepublik.

FreieWelt.net: Worin vor allem besteht die Arbeit des WEISSEN RINGS?

Helmut Rüster: Wesentlichstes Elemente des Einsatzes des WEISSEN RINGS für die Opfer von Kriminalität und Gewalt sind der mitmenschliche Beistand, das Zuhören ebenso wie das einfühlsame Gespräch sowie die gemeinsame Entscheidung über weitere konkrete Hilfsmaßnahmen. Ziel ist es, den Betroffenen spürbar zu vermitteln, dass Verständnis für ihre Situation vorhanden ist und dass sie sicher sein können, mit ihren Problemen infolge der erlittenen Tat nicht auf sich alleine gestellt zu sein. Vertrauen und Zuversicht schaffen durch Sensibilität und Kompetenz, ohne zeitliche und „Behörden-ähnliche“ Vorgaben oder Zwänge, ist der Anspruch der mehr als 3.000 ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in bundesweit 420 Außenstellen des WEISSEN RINGS. Dieser wichtige immaterielle Beistand zeigt sich beispielsweise auch in der Hilfestellung im Umgang mit den Behörden, bei der Begleitung zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht oder auch bei der Vermittlung von Hilfen anderer Organisationen.

Der WEISSE RING gewährt Rechtsschutz zur Wahrung von Opferrechten im Strafverfahren und zur Durchsetzung von Ansprüchen nach dem Opferent-schädigungsgesetz. Auch sind finanzielle Zuwendungen zur Überbrückung tatbedingter Notlagen möglich. Neben der unmittelbaren Hilfe für Kriminalitätsopfer und ihre Familien setzen wir uns auch öffentlich für die Verbesserung der rechtlichen und sozialen Situation der Geschädigten ein. Weitere Satzungsziele sind die Stärkung des Vorbeugungsgedankens und die Unterstützung von Projekten der Schadens-wiedergutmachung und des Täter-Opfer-Ausgleichs.

FreieWelt.net: Wie hat sich die Kriminalität in Deutschland in den vergangenen 10 Jahren entwickelt?

Helmut Rüster: Schaut man allein auf die Polizeiliche Kriminalstatistik, also auf die registrierten Straftaten insgesamt, wird ein leichter Rückgang der Gesamtkriminalität ausgewiesen, vornehmlich bedingt durch Entwicklungen im Bereich der Eigentumsdelikte. Straftaten gegen die persönliche Freiheit dagegen sind ebenso wie schwere und gefährliche Körperverletzungen auf Straßen, Wegen und Plätzen eher im Steigen begriffen. Die Gewaltkriminalität liegt  mit jährlich mehr als 200.000 angezeigten Fällen auf hohem Niveau. In der „politisch aufpolierten“ Darstellung der nüchternen Zahlen spiegelt sich das jedoch nur ansatzweise wider. Die in manchen Deliktsbereichen, insbesondere bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung und bei Häuslicher Gewalt überaus hohe Dunkelziffer bleibt ohnehin unberücksichtigt.

Der WEISSE RING fordert hier mehr Transparenz und keine Schönfärberei. Nur wenn Kriminalität und Gewalt von den politisch Verantwortlichen als gesellschaftlicher Makel gebrandmarkt wird, kann es gelingen, dass alle gesellschaftlichen Kräfte ihren Beitrag dazu leisten, kriminelles Handeln konsequent zu unterbinden und dort, wo dies trotz aller Anstrengungen nicht gelungen ist, den Opfern bei der Bewältigung der körperlichen, seelischen und wirtschaftlichen Tatfolgen spürbar zu helfen.

FreieWelt.net: Welche Entwicklung betrachten Sie mit besonders großer Sorge?

Helmut Rüster: Die Hemmschwelle zur Gewalttätigkeit sinkt stetig, die Bereitschaft völlig grundlos andere zu schädigen wird mehr und mehr zu einem Besorgnis erregenden Phänomen. Wenn es nicht gelingt, diese Entwicklung schnellstmöglich zu stoppen, wird bei weiten Teilen der Bevölkerung der ohnehin latent vorhandene Eindruck weiter verfestigt, staatliche Instanzen stünden Gewalttätern eher hilflos gegenüber. Für einen modernen Rechtsstaat wie Deutschland wäre es fatal, wenn die Bürgerinnen und Bürger das Vertrauen in Polizei, Justiz und Politik verlieren, kriminellem Handeln mit allen gebotenen Mitteln konsequent und nachhaltig entgegen zu treten.

Dies hätte zwangsläufig ein mehrdimensionales Fiasko zur Folge: Die notwendige Mithilfe engagierter Bürgerinnen und Bürger bei Beobachtung, Meldung und Aufklärung von Gewalttaten bliebe mehr und mehr aus. Selbst organisierter und selbst finanzierter Schutz von Person und Eigentum nähme drastisch zu mit der Konsequenz, dass Menschen, die sich diese private Sicherheit nicht leisten könnten oder wollten, immer weiter in Gefahr geraten. Und nicht zuletzt würde das Risiko, letztendlich zu Mitteln der Selbstjustiz zu greifen,  steigen. Damit würde jedoch einer der Pfeiler unseres Rechtssystems, das Gewaltmonopol des Staates, ins Wanken geraten.

FreieWelt.net: Was sind ihre Forderungen bzw. Wünsche an Politik, Justiz und Polizei?

Helmut Rüster: Wer sich wie der WEISSE RING seit mehr als 30 Jahren um die Sorgen und Nöte von Kriminalitätsopfern kümmert, weiß auch um die vielen Probleme, die die Geschädigten gerade auch im Umgang mit staatlichen Stellen haben. Die Gesellschaft, und das sind wir ja bekanntlich alle, hat das Opfer zwar zunehmend als eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Bedürfnissen und auch Rechten „entdeckt“, doch immer noch sind wohl die meisten Menschen der Meinung, Politik, Justiz und Polizei kümmerten sich mehr um die Täter als um die Opfer. Diese Auffassung  kommt nicht von ungefähr, sie hat ihren Grund insbesondere in einem auf Feststellung, Aufarbeitung und Sanktionierung von Rechtsverletzungen ausgelegten und damit täterorientierten Strafrecht, dem auch die Strafprozessordnung Rechnung trägt. Es geht in den Gerichtssälen hauptsächlich darum, wie unter welchen Umständen ein Täter agiert hat und wie es ihm nachzuweisen ist und weniger darum, wie das Opfer die Tat erlebt hat und wie es darunter leidet.

Der WEISSE RING fordert daher ein noch umfassenderen Blick auf das Opfer, einen stärkeren Schutz seiner Persönlichkeitsrechte im Gerichtssaal und bessere Entschädigungs-möglichkeiten, so z. B. durch konsequentere Anwendung des Adhäsionsverfahrens. Hier werden zivilrechtliche Ansprüche des Geschädigten gegen den Täter, wie Schmerzensgeld und Schadensersatzforderungen bereits im Strafprozess behandelt und damit dem Opfer erneute Belastungen durch ein Zivilverfahren erspart. Nicht der Täter, sondern das Opfer, sein Schicksal und der Wiedergutmachungsaspekt müssen im Fokus der Aufarbeitung von Rechtsverletzungen stehen.

FreieWelt.net: Was können Sie traumatisierten Verbrechensopfern empfehlen, um eine „Rückkehr in die Normalität“ zu erleichtern?

Helmut Rüster: Jedes Opfer verarbeitet die erlittene Straftat auf seine Weise. Wichtig ist es dem Opfer zu vermitteln, dass seelische Traumafolgen übliche Stressreaktionen auf außergewöhnliche Erlebnisse sind. Treten sie kurz nach dem Ereignis auf, gehen sie meistens innerhalb der nächsten zwölf Wochen von allein zurück. Halten die Symptome länger als einen  Monat an oder treten sie erstmals einige Tage oder Wochen nach der Gewalttat auf, sollte Hilfe in Anspruch genommen werden. Das Beratungsgespräch bei psychotraumatologisch ausge­bildeten Ärzten oder Ärztinnen oder Therapeuten gibt einen Überblick über die individuellen Möglichkeiten und Notwendigkeiten im Umgang mit den seelischen Traumafolgen. Die Beratung kann sowohl aktuelle Krisenintervention bedeuten als auch zukünftig negativen Entwicklungen vorbeugen.

Hilfreich ist auch die Unterstützung  durch das persönliche Umfeld. Sich Zeit nehmen und Geduld haben, Zuhören und Verständnis für die seelischen Verletzungen zeigen, sind ebenso wichtige Hilfen wie den oder die Betroffene sensibel und ohne Zwang zu animieren, gewohnte Interessen und alltägliche Verrichtungen wieder aufzunehmen. Dadurch lassen sich ggf. Hemmschwellen sanft und schrittweise überwinden.

Ebenso kann die Gewissheit, spezifische Hilfsmöglichkeiten zu kennen und solche Angebote niederschwellig annehmen zu können, bei der Verarbeitung des traumatischen Erlebnisses helfen. Zum Hilfsangebot des WEISSEN RINGS gehört auch ein Beratungsscheck für eine für das Opfer kostenlose psychotraumatologische Erstberatung bei einem entsprechend ausgebildeten und frei wählbaren Psychologen, Psychotherapeuten oder Facharzt.

FreieWelt.net:  Welche Möglichkeiten gibt es, Ihre Arbeit zu unterstützen?

Helmut Rüster: Der WEISSE RING ist als gemeinnütziger Verein, der seinen Einsatz für die Geschädigten und die Unterstützung der Kriminalprävention  ausschließlich aus eigener Kraft möglich macht, auf Hilfe engagierter Menschen angewiesen, denen das Schicksal der Opfer von Kriminalität und Gewalt nicht einerlei ist. Derzeit zählt der Verein rund 56.000 Mitglieder, jedes weitere Mitglied stärkt die Stimme der Opfer und ist herzlich willkommen. Der Mindestbeitrag ist erschwinglich und beträgt 30 Euro im Jahr, für Ehepaare 45 Euro und für Jugendliche 15 Euro. Spenden an den WEISSEN RING sind ebenfalls steuerlich absetzbar. Jeder Euro hilft helfen und lindert die Not von Kriminalitätsopfern, Das Spendenkonto lautet 34 34 34 bei der Deutschen Bank Mainz (BLZ 550 700 40).

Eine weitere mögliche Unterstützung des Opferhilfegedankens ist die testamentarische Verfügung zugunsten des WEISSEN RINGS, beispielsweise in Form eines Vermächtnisses. Selbstverständlich sind wir auch für jeder andere Form der Mithilfe dankbar, sei es durch Maßnahmen bei der Erhöhung des Bekanntheitsgrades oder durch Projektförderung.   Zum Opfer einer Straftat kann jeder von uns schon morgen selbst werden. Was dann zählt, sind menschlicher Beistand und praktische Hilfe. Der WEISSE RING leistet beides, braucht dafür aber selbst viele helfende Hände.

www.weisser-ring.de

Das Interview führte Fabian Heinzel

(Foto: Helmut Rüster)

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