Gewalt: Wenn Kinder und Jugendliche machtvoll auf Ohnmacht reagieren

29. Juni 2011, 11:37 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , | von
Foto: Dr. Albert Wunsch/privat
Redaktion FreieWelt.net

Interview mit Dr. Albert Wunsch Vergangene Woche fand der vom Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. (iDAF) organisierete Kongreß "Bindung - Bildung - Gewaltprävention" unter der Schirmherrschaft des Sächsischen Ministerpräsidenten im Dresdener Landtag statt. Der renommierte Erziehungswissenschaftler Dr. Albert Wunsch war einer der anwesenden Expereten und widmete sich im Panel „Abbau des Aggressionspotentials durch Bildung und Familie" dem Thema „Weniger Anfälligkeit durch konsequente Erziehung".

Was ist für sie eine konsequente Erziehung?

Dr. Wunsch: Konsequent ist eine Erziehung dann, wenn sie auf die Realitäten des Lebens, kurz auf die zu erwartenden Höhen und Tiefen gut vorbreitet. Sie orientiert sich an dem Grundsatz, dass Lernen dann besonders wirkungsvoll ist, wenn die Folgen unseres Tun’s zwischen Erfolg und Misserfolg  möglichst unmittelbar erfahrbar werden dürfen.

Was brauchen Kinder substantiell, um zu starken Persönlichkeiten heranreifen zu können?

Dr. Wunsch: Werte, die mit Verantwortung in ein eigenständiges Leben führen, Eltern, die Zeit für positive Zuwendung einbringen, personale Kompetenz vermitteln und fürs Leben ermutigen, Kindergärten, (nicht Krippen) welche neue Erfahrungen ermöglichen und die soziale Kompetenz  fördern, Funktionsfähige Schulen, die qualifiziert und motiviert Können ermöglichen, und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, welche Familien bei ihren vielfältigen Aufgaben gezielt stützen.

Was müssen Eltern berücksichtigen, um ermutigend auf das Leben vorzubereiten?

Dr. Wunsch: Soll die mit der Geburt vollzogene biologische Entbindung gut gelingen, ist viel Nähe, Zuwendung und Verlässlichkeit zwischen Mutter und Säugling notwendig, um wenigsten – trotz gekappter Nabelschnur – noch eine starke emotionale Verbindung zu spüren. So wird eine verlässliche liebevolle Bindungs-Erfahrung zur Basis dafür, das neue und unsichere Lebensumfeld zu erkunden, für Lern- und Bildungsprozesse insgesamt. Fehlt diese Erfahrung oder ist sie ungenügend vorhanden, wird die damit einhergehende Unsicherheit zur allgegenwärtigen Blockade.

Uns interessiert natürlich besonders, was sie unter der oben beschrieben Schule verstehen.

Dr. Wunsch: Schule ist der Ort, wo Kenntnisse, eigenständiges Denken und kompetentes Handeln erlernt werden sollen. Findet dies in einem abgestimmten Erziehungskonzept statt, kann so Bildung wachsen. Zur Gewährleistung gehören: eine angemessene Ausstattung, fähige Lehrkräfte, engagierte Eltern und lernbereite Schüler. Mangelt es in einem Bereich, wird sofort der Gesamterfolg reduziert.

Und was heißt das nun speziell für Lehrkräfte?

Dr. Wunsch: Wenn wir die Ergebnisse der Bindungsforschung ernst nehmen, auch die von Prof. Gordon Neufeld (Vancouver) in Dresden eingebrachten Impulse verdeutlichen dies, dann sind fähige und motivierende Lehrkräfte kein Stoffvermittler – das können PC-Programme billiger und besser – oder Verwalter eines Curriculums, sonder fest im Leben stehende Persönlichkeiten mit einer ermutigen Ausstrahlung, um mit diesen Voraussetzungen Kinder und Jugendliche auf das Alltagsleben und den Beruf gut vorbereiten zu können. Lange bevor sich unterschiedlichste Wissenschaftler mit der fundamentalen Bedeutung der Bindung für jegliche Bildungsprozesse beschäftigten hat schon Hermann Nohl die Bedeutung des „Pädagogischen Bezugs“ herausgestellt. Wir sollten uns neu vergegenwärtigen, dass Lernen in der Regel mit  Aufmerksamkeit und Mühe verbunden ist, ob es um Wissensaneignung, seine Anwendung oder um soziale bzw. emotionale Prozesse geht. Auch Goethe verdeutlicht diesen Zusammenhang sehr einprägsam: ‚Man lernt nur durch den, den man liebt’!

Der Schwerpunkt des Symposiums lag im Themenfeld Gewaltprävention. Wie entsteht ihrer Auffassung nach Gewalt und was ist ihre Finalität?

Dr. Wunsch: Gewalt entsteht, wenn ein (kleines) Kind keinen anerkannten Platz in seinem Umfeld, der Familie findet, weil: zu wenig Beziehungszeit existiert, ständig wechselnde Bezugspersonen Unsicherheit und Stress auslösen, Kinder sich nicht altersgemäß einbringen können, Überbehütung und Über-Umsorgung das wachsende Ich erdrückt, keine Einplanbarkeit in den Reaktionen existiert (heute so und morgen anders) oder offensichtlich Missachtung, Verwahrlosung Gewalt und Missbrauch deutlich wird. Dann können Kinder keine oder zu selten ‚Ich-werde-geliebt-und-wertgeschätzt-Erfahrungen’ machen bzw. ‚Ich-kann-was-bewirken-Rückmeldungen’ erhalten. Aber: Wer kein Selbstvertrauen entwickeln kann, der traut auch keinem Anderen! Wer keine Wertschätzung erfährt, wird auch nichts Anderes wertschätzen! Anstelle eines positiven Selbstbildes entwickeln sich so Unsicherheit, Trägheit und Unfähigkeit, sowohl körperlich wie auch geistig! So wachsen Kinder heran, die machtvoll ihre Ohnmachts-Erfahrungen zu kompensieren suchen. Diese äußern sich dann eher still und kaum bemerkt als nicht mehr wollen, als Unterwerfung, als  Depression  oder laut bzw. offensichtlich als gewaltsam alles Habenwollen, als Tyrannei, als Aggression  Die Botschaft lautet: ‚Wenn ihr mich nicht wertschätzt, dann werde ich mir durch destruktives Verhalten selbst Beachtung verschaffen’. Es schaltet einfach auf Störung!

Herr Wunsch, haben sie für unsere LeserInnen noch einen Fazitgedanken?

Dr. Wunsch: Ja, auf jeden Fall. Der Satz von John F. Kennedy bringt das Dilemma heutiger Bildungspolitik auf den Punkt: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, – keine Bildung“. So ist ein größtmöglich qualifizierter erzieherischer Aufwand überlebensnotwendig,  denn Kinder sind das Erbgut einer Gesellschaft und starke Familien ihr Rückgrad.

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