"Gender Pay Gap" Mißverständnisse in Europa - Interview Catherine Hakim

Veröffentlicht:
von

 

Dr. Catherine Hakim ist eine der bekanntesten Sozialwissenschaftlerinnen Großbritanniens und international renommierte Expertin für Geschlechter- und Arbeitsmarktfragen. Im Interview mit FreieWelt.net spricht sie über Gender Pay Gap, Lebensstilpräferenzen moderner Frauen und die Gleichstellungspolitik der EU.

Lesen Sie das Interview im englischen Original.

Freie Welt: Am 7. Juni werden Sie auf dem „European Congress on Familiy Science“ in Bamberg einen Vortrag über „Sexual Capital“ halten. Ihr Vortrag ist dort Teil einer Session „Vernachlässigte Perspektiven von Doing Family“. Es leuchtet ein, dass Familie etwas mit Erotik zu tun hat – zumindest gilt das für ihren Ursprung. Wie kommt es dann aber, dass die Familienforschung das „erotische Kapital“ vernachlässigt? Anders gefragt: Worüber werden Sie sprechen?

Catherine Hakim: Mein Buch und meine Vorlesung handeln von „erotischem Kapital“. ‘Das ist eine Kombination aus physischer und sozialer Attraktivität. Es ist das vierte persönliche Kapital, neben ökonomischem, Bildungs- und Sozialkapital. Es ist ein wichtiges Merkmal privater Beziehungen, wurde aber von Sozialwissenschaftlern ignoriert, weil sie unfähig waren, Sexualität und Begehren zu erforschen und alles was damit zusammenhängt, inklusive gutes Aussehen, Ausstrahlung, Mode usw. Bisher fehlten Sozialpsychologen die geeigneten Methoden, um besondere soziale Fähigkeiten (die emotionale Intelligenz) zuverlässig zu messen, obwohl wir alle jemand erkennen, der diese Fähigkeiten nicht besitzt! Mit der digitalen Fotografie ist es nun einfacher geworden, die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der äußeren Erscheinung des Menschen zu untersuchen. Für mein Buch Erotic Capital habe ich deshalb v.a. die neueste Forschung - mehrheitlich nicht älter als 20 Jahre – analysiert.

Freie Welt: In Ihrer Forschung nehmen Sie das Partnerwahlverhalten in den Fokus. Frauen, so behaupten Sie, wollen noch immer „aufwärts“ heiraten. Die Auffassung, dass moderne Frauen die finanzielle Abhängigkeit von einem Mann hassen, bezeichnen sie als „Mythos“?

Catherine Hakim: Neueste Auswertungen von Interviews zeigen, dass Frauen es bevorzugen, jemanden mit dem gleichen Bildungsniveau zu heiraten. Gleichzeitig bevorzugen es DIE MEISTEN Frauen (nicht alle) aber auch, jemanden zu heiraten, der ein höheres Einkommen und damit die Möglichkeit hat, die Frau sowie Kinder abzusichern. Sogar Frauen mit Universitätsabschluß, sogar Frauen mit hohem Einkommen bevorzugen die Heirat mit einem Mann, der ein noch höheres Einkommen hat, von dem sie, falls erforderlich, leben können, während sie Kinder aufziehen. Die Einstellungen von Frauen haben sich schon geändert, aber nicht so sehr, wie wir denken.

Freie Welt: In der Familienforschung erregt Ihre „Präferenz-Theorie“ Aufsehen, mitunter auch Verwirrung. Könnten Sie uns Ihre Theorie in den Grundzügen erklären?

Catherine Hakim: Mein Buch Work-Lifestyle Choices in the 21. Centurybehandelt die jüngste Forschung zu Lebensstil-Präferenzen von Frauen. Diese Forschung zeigt auf, dass Frauen sich grob in drei Gruppen unterteilen lassen: eine Minderheit (rund 20%) von Karrierefrauen ist wie Männer vorrangig an Arbeit und Tätigkeiten in der Öffentlichkeit (wie Sport oder Politik) interessiert; eine andere Minderheit von rund 20% konzentriert sich auf Heim und Familienleben. Die größte Gruppe liegt irgendwo dazwischen und versucht, Familienarbeit mit bezahlten Jobs zu verbinden, oft in Teilzeitarbeit. Während die Mehrheit der Männer auf Karriere aus ist, stellen Karrierefrauen also - im Gegensatz zu dem, was Feministinnen und die Europäische Kommission sagen - eine Minderheit.

Demzufolge prognostiziere ich, dass Männer weiterhin das öffentliche Leben beherrschen werden. Feministinnen sind darüber natürlich überhaupt nicht glücklich. Aber meine Theorie hilft bei der Beantwortung der Frage, warum sich das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen in den letzten 20 Jahren nicht noch weiter verringert hat: Die Politik der Chancengleichheit hat bereits alles erreicht, was sie überhaupt erreichen kann.

Freie Welt: Die nordischen Wohlfahrtstaaten sind aus der Sicht der EU-Kommission, der OECD und vieler Angehöriger der scientific community das große „Best-Practice-Bespiel“ in der Sozial-, Arbeitsmarkt- und Frauenpolitik, dem es nachzueifern gilt. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Geschlechtergleichheit, die in Nordeuropa verwirklicht sein soll. Genau das bezweifeln Sie aber: In Schweden sind die Frauen, so Ihre These, finanziell genauso abhängig von Männern oder vom Staat wie überall sonst in Europa. Können Sie das erläutern?

Catherine Hakim: Es ist der größte Erfolg der schwedischen Regierungs-Propaganda - der wir alle glaubten -, dass die skandinavischen Länder mit ihrer „Gleichstellung der Geschlechter“ ein soziales Utopia für Frauen geschaffen hätten, das als gutes Vorbild für den Rest Europas dienen könne. Aber zuletzt haben skandinavische Sozialwissenschaftler doch endlich die Wahrheit gesagt. Auch international vergleichende Studien haben schließlich gezeigt, dass es sich bei der Geschlechtergleichheit in den skandinavischen Ländern um einen ein Mythos handelt. Die Belege und Ergebnisse der Forschung, die ich in meinem Buch Key Issues in Women’s Work sowie in einem letzten Bericht Feminist Myths and Magic Medicine behandelt habe, zeigen klar, dass schwedische Frauen nicht mehr erwerbstätig sind als in den USA (wenn man auf die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden achtet), dass ihr Lohngefälle zu den Männern - das Gender Pay Gap – nah am EU-Durchschnitt liegt und dass die skandinavischen Länder unter den OECD-Staaten zu den Ländern mit der höchsten Geschlechtersegregation bezogen auf die Wirtschaftsbranchen und Berufe gehören; der Wert für die berufsspezifischen Geschlechtersegregation ist ähnlich hoch wie in vielen Ländern der Dritten Welt! Kein Wunder also, dass schwedische Frauen genauso finanziell abhängig sind vom Ehepartner oder vom Staat, wie Frauen in anderen europäischen Ländern. Ein beherzter Befund eines schwedischen Ökonomen, Professor Magnus Henrekson – publiziert 2009 in The Independent Review -, hat gezeigt, dass Frauen in den “hire-and-fire”-Kulturen der USA und Großbritanniens viel eher Vorstandsvorsitzende und ähnliches werden, als in den familienfreundlichen Wohlfahrtsstaaten Skandinaviens. Das schwedische Modell ist also keineswegs die soziale Utopie, als die es uns immer eingeredet wurde.

Freie Welt: Die nordischen Länder weisen weltweit die höchsten Frauenerwerbsquoten auf. Die Frauenerwerbstätigkeit gilt gemeinhin als der Indikator für Gleichstellung. Sie behaupten dagegen, dass hohe Frauenerwerbsquoten und Geschlechtergleichheit innerhalb der Arbeitnehmerschaft sich ausschließen. Warum?

Catherine Hakim: In meinem Buch Key Issues in Women's Work zeige ich, wie verschiedene neuere Studien alle unabhängig voneinander zu dem gleichen Schluss kamen: Niedrige Beschäftigungsquoten von Frauen bedeuten, dass fast ausschließlich Karrierefrauen in die Berufswelt gehen und dort auch mit Männern auf Augenhöhe konkurrieren. Hohe Frauenbeschäftigungsraten in manchen Ländern sind hingegen das Ergebnis von Bemühungen, ALLE Frauen in Beschäftigungsverhältnisse zu zwingen – auch solche, die gar nicht sonderlich an Karriere interessiert sind, sondern vielmehr Teilzeitstellen oder sogar die Fürsorge für ihre Familie in Vollzeit bevorzugen würden. Diese Gruppen von Frauen sehnen sich keineswegs nach den höchsten Positionen oder geben der Karriere den absoluten Vorrang vor ihrem Familienleben. Sie suchen vielmehr - anders als die meisten Männer - familienfreundliche Arbeitsplätze, oft in Teilzeit.

Freie Welt: Das Gender Pay Gap gilt als Ausweis der fortdauernden Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Wie erklären Sie dieses Phänomen?

Catherine Hakim: In der Vergangenheit gab es schwerwiegende Diskriminierung aufgrund des Geschlechts: Männern wurde das Doppelte oder Dreifache des Gehalts von Frauen bezahlt, sogar für genau die gleiche Arbeit. Heute wird Männern und Frauen gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt. Das Lohngefälle existiert noch auf nationaler Ebene, weil Frauen andere Jobs wählen, weniger gewerkschaftlich organisiert sind, im öffentlichen Sektor arbeiten (wo die Gehälter niedriger sind), näher am Wohnort arbeiten, Teilzeitstellen annehmen, weniger berufliche Qualifikationen haben, weniger kontinuierliche Beschäftigung haben, etc. etc.

Es herrscht leider in Europa ein schweres Mißverständnis über das Lohngefälle vor, vor allem unter Journalisten und Politikern, aber auch bei Beamten der Europäischen Kommission, EU-Abgeordneten und Kommissaren. Sie haben die besten Absichten, aber sie verstehen nicht, dass Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts heute beseitigt und ganz andere Faktoren für die Einkommensverteilung entscheidend sind. Ich habe an einigen Sitzungen des Europäischen Parlaments und der Kommission teilgenommen und war schockiert vom Ausmaß der Ahnungslosigkeit in den Diskussionen.

Freie Welt: Warum meinen Sie, dass „Vereinbarkeitspolitiken“, also flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuungsangebote etc., das „Gender Gap“ auf dem Arbeitsmarkt nicht überwinden können?

Catherine Hakim: Diese Strategien haben in den skandinavischen Ländern keine Gleichstellung der Geschlechter erreichen können. Also werden sie das anderswo auch nicht schaffen. Solche Maßnahmen basieren auf einer Mischung aus Wunschdenken und falschem Verständnis von Forschungsergebnissen.

Freie Welt: In Deutschland dient die dänische und schwedische Familienpolitik seit einer Dekade als Blaupause für familienpolitische Reformen – konkret für das Elterngeld und den Ausbau institutioneller Kinderbetreuung. Als nicht nachahmenswert gilt in den Medien dagegen ein Betreuungsgeld für die häusliche Kindererziehung, wie es z. B. in Finnland existiert. Was bestimmt die Einstellungen zu solchen Leistungen? Wie kann die Politik mit unterschiedlichen Interessen von Frauen umgehen?

Catherine Hakim: Die Medien, die einen großen Einfluss in allen Ländern haben, haben immer die Sichtweise der Europäischen Kommission auf das Skandinavische Modell nachgebetet. Die Bürger sind nicht gut informiert, teilweise auch deshalb, weil Wissenschaftler nicht gut darin sind, ihre Forschungsergebnisse auch öffentlich bekannt zu machen. Viele Akademiker sind außerdem selbst voreingenommen. Weibliche Akademiker, die meist selbst Karrierefrauen sind, unterstellen, dass alle anderen Frauen genauso wie sie denken würden. Ein weiteres Problem besteht darin, dass es nur wenige “pressure groups” gibt, die sich für familienorientierte Frauen (und Männer) einsetzen. So sind die lautesten Frauenstimmen die von karriereorientierten Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen und Politikerinnen, die ausschließlich berufstätige Frauen förderungswürdig finden. In allen meinen Büchern plädiere ich für eine geschlechtsneutrale Politik statt einer Politik der besonderen Exklusiv-Vorteile für Frauen. Mütter sollten zum Beispiel nur 2-3 Monate Mutterschaftsurlaub bekommen, während die restliche Elternzeit für beide Elternteile offenstehen sollte. Der Staat sollte nicht versuchen Social Engineering zu betreiben. Wir sollten den Leuten nicht vorschreiben, wie sie leben sollen. Statt dessen sollten wir Paare ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen.

Das Interview führte Stefan Fuchs

Foto: catherinehakim.org

Dr. Catherine Hakim ist eine der bekanntesten Sozialwissenschaftlerinnen Großbritanniens und international renommierte Expertin für Geschlechter- und Arbeitsmarktfragen. Aufsehen erregten ihre wegweisenden Studien zur Frauenerwerbstätigkeit, zu berufsspezifischer Geschlechtersegregation und Einkommensunterschieden, zur Arbeitsorientierung und Lebensführung von Frauen und Männern sowie zur Sozial- und Familienpolitik. Große Bekanntheit erlangten besonders die von ihr entwickelte „Präferenz-Theorie“ sowie zuletzt ihre Theorie des „erotischen Kapitals“. Gegenwärtig ist sie Senior Research Fellow am “Centre for Policy Studies“; zuvor arbeitete sie u. a. für die britische Regierung und viele Jahre (1990-2003) an der London School of Economics.

 

Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte
unterstützen Sie mit einer Spende unsere
unabhängige Berichterstattung.

Abonnieren Sie jetzt hier unseren Newsletter: Newsletter

Kommentare zum Artikel

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars die Regeln höflicher Kommunikation.

Keine Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar


(erforderlich)

Zum Anfang