Finanzielle Gerechtigkeit für Eltern – Interview mit Christiane Lambrecht

28. September 2010, 09:01 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , , | von
"Wer Kinder großzieht, erbringt der Gesellschaft den wichtigsten Beitrag für die Zukunft." (Foto: Christiane Lambrecht/privat)
Redaktion FreieWelt.net

Christiane Lambrecht ist verheiratet und Mutter von 3 Kindern. Neben Familie und Beruf als Senior Consultant eines Beratungsunternehmens engagiert sie sich in der Familienpolitik, z.B. auch als Mitglied der CSU-Familienkommission. Im Mai 2009 gründete sie gemeinsam mit führenden Personen von familienunterstützenden Institutionen das „Aktionsbündnis Familie“, dessen Sprecherin sie ist. FreieWelt.net sprach mit Frau Lambrecht über das Armutsrisiko „Kind“, die Benachteiligung der Eltern bei den Sozialversicherungen und die Möglichkeiten diese zu beenden.

FreieWelt.net: Weshalb sind Kinder das Armutsrisiko Nr. 1? Familien bekommen doch Kindergeld oder – falls die Eltern arbeitslos sind – Hartz IV?

Christiane Lambrecht: Genau das ist der Eindruck, den die meisten Menschen in diesem Land haben: Familien bekommen doch angemessene Unterstützung – das sind doch Milliarden! Was jammern also die Eltern? Aber dabei wird ein wesentlicher Aspekt übersehen und dazu muss man genau differenzieren: Wir sprechen hier über erwerbstätige Eltern, die also Beiträge in die Renten-, Pflege- und Krankenversicherung einzahlen. Das sind die meisten Eltern. Und für diese erwerbstätigen Eltern bedeutet jedes Kind mehr überproportional weniger im Geldbeutel. Nicht, weil die Eltern mehr für Essen oder Kleidung ausgeben müssen – das ist ja das Risiko der Eltern und das tun sie sowieso. Sondern, weil sie zu viel einzahlen. Zu hohe Beiträge. Daher ist ein Hauptgrund für den wahren Satz, dass Kinder mittlerweile das Armutsrisiko Nr. 1 für Eltern sind, die Benachteiligung von Familien bei den Sozialversicherungen.

FreieWelt.net: Vom Generationenvertrag der Sozialversicherungen profitieren doch alle. Zahlen nicht auch die Kinderlosen hier ein und erwirtschaften ihre zukünftige Rente?

Christiane Lambrecht: Das ist ein Irrglaube. Wer heute einzahlt, finanziert sofort und direkt die jetzigen Rentner. Die zukünftige Rente der jetzigen Beitragszahler wird aber einmal von deren Kindern verdient werden müssen. Jetzt wird es klar: Wer keine Kinder hat, bekommt seine Rente von den Kindern anderer bezahlt. Sie sehen, Eltern werden hier doppelt belastet: Zum einen zahlen sie jeden Monat die Beiträge in die Sozialversicherungen und zum anderen finanzieren sie das Großwerden ihrer Kinder, der späteren Beitragszahler.

Genau das hat bereits 2001 das Bundesverfassungsgericht in dem sogenannten „Pflegeversicherungsurteil“ festgestellt: „Kinder großziehen ist genauso eine monetäre Leistung wie die Beitragszahlung an sich“. Deshalb müsste der Gesetzgeber Eltern jeden Monat für jedes Kind entlasten. Verschiedene Verbände haben berechnet, dass es sich dabei mindestens um 250 Euro pro Kind und pro Monat handeln würde. 

FreieWelt.net: Wenn der Gesetzgeber dieses Urteil des BVerfG nicht umgesetzt hat, dann ist ja das System der Sozialversicherungen an sich verfassungswidrig, oder?

Christiane Lambrecht: Genau so ist es! Daher will das Aktionsbündnis Familie mit seinen Partnern mit Nachdruck darauf hinwirken, dass der Gesetzgeber die Urteile des Bundesverfassungsgerichts zu einem fairen sozialen Sicherungssystem umsetzt. Bis das nicht passiert, sind Kinder schon systemimmanent das Armutsrisiko Nr. 1 für die meisten Eltern.

FreieWelt.net: Sie bezweifeln, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, ins besondere der Krippenausbau, wirklich Eltern unterstützt bzw. ermuntert, Kinder zu bekommen….

Christiane Lambrecht: (lacht)…ich kenne ehrlich gesagt keine Mutter oder keinen Vater, die wegen der Zusage eines Krippenplatzes ein oder mehrere Kinder bekommen. Kinder sind auch für uns das größte Glück, ein Geschenk! Doch alle Eltern spüren, dass sie mit jedem Kind mehr kämpfen müssen und dann oft das ein oder andere „Extra“ wie Sportstunden oder ein neues Fahrrad nicht mehr drin sind. Kinder kosten einfach. Ob für das Essen, Kleidung, Schulbedarf, Sport, Musik, Freizeitunternehmungen oder den größeren Wohnraum und das größere Auto. Das ist dem Bundesverfassungsgericht klar. Wer Kinder großzieht, erbringt der Gesellschaft den wichtigsten Beitrag für die Zukunft.

Daher nochmals: Wenn Eltern endlich finanzielle Gerechtigkeit hätten und deutlich geringere Beiträge einzahlen müssten, wäre das nicht nur gerecht, sondern auch ein positives Signal an die Eltern. 

FreieWelt.net: Nochmal zu den Geburten in Deutschland. Die Bundesregierung meint anscheinend, dass mittels genügend Krippenplätzen auch die Geburtenzahlen wieder steigen.

Christiane Lambrecht: Da lohnt sich ein Blick in die Statistik. Deutschland ist in der EU Schlußlicht bei der Anzahl der Geburten. Aber Deutschland hat aber nicht zu wenig Familien, die ein Kind bekommen, sondern es gibt zu wenig Familien, die mehrere Kinder bekommen. Weil sie sich schlichtweg die Kinder nicht leisten können. Was helfen viele neue Krippenplätze, wenn diese in einigen Jahren leer stehen werden?

FreieWelt.net: Was macht das Aktionsbündnis Familie nun konkret, damit diese Urteile für die Familien umgesetzt werden? 

Christiane Lambrecht: Wir appellieren an die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder: Bitte setzten Sie endlich die Urteile vollumfänglich um. Der Deutsche Familienverband, der Katholischen Familienbund und viele mehr fordern dies seit Jahren. Das Aktionsbündnis Familie sammelt in einer „Virtuelle Demonstration“ viele Unterstützer, neben vielen Institutionen haben bereits über 9000 einzelne Teilnehmer per Mausklick demonstriert. Denn Familien haben weder Zeit noch Geld, um regelmäßig für ihre Rechte auf die Straße gehen zu können.

Vielen Dank für das Gespräch!


www.Aktionsbündnis-Familie.de 

info@aktionsbuendnis-familie.de

Das Aktionsbündnis Familie ist kein Dachverband von Organisationen sondern ein lockeres Zweckbündnis. Wir setzen uns dafür ein, dass endlich wichtige Urteile des Bundesverfassungsgerichts umgesetzt werden und Familien das Geld in der Tasche bleibt, das ihnen zusteht.

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