Embryonenschutz in Deutschland ist international Vorbild – Interview

04. Juli 2011, 08:50 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Foto: Alexandra Maria Linder/privat
Redaktion FreieWelt.net

Alexandra Maria Linder arbeitet u.a. als Journalistin und Übersetzerin. Vor wenigen Wochen ist ihr zweites Buch erschienen: „Lebensrecht: Abtreibung, Euthanasie, PID, Stammzellenforschung“. FreieWelt.Net sprach mit der dreifachen Mutter und stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e.V. über die Bedeutung und den Umgang mit dem Lebensrecht und die PID-Abstimmung im Bundestag.

FreieWelt.net: Frau Linder, Ihr kürzlich erschienenes Buch befasst sich umfassend mit Lebensrechtbereichen, unter anderem Abtreibung, Euthanasie, Künstliche Befruchtung oder Stammzellenforschung, und auch mit dem derzeit heftig umstrittenen Thema Präimplantationsdiagnostik (PID). Wie hängt die PID mit den anderen Bereichen zusammen?

Frau Linder: Die PID gehört zu den sensibelsten Bereichen des Lebens, da sie den Menschen ganz am Anfang seiner Entwicklung betrifft, zu einem Zeitpunkt, wo er, im Verhältnis zu anderen Lebensphasen, am meisten gefährdet und am wenigsten geschützt ist, wo er selbst noch keine Entscheidungen treffen und sich nicht helfen kann. Entscheidungen in solchen Phasen haben weitreichende Auswirkungen, nicht nur auf das Leben dieses einzelnen Menschen, sondern auch auf die gesamte Gesellschaft im Hinblick auf Ethik und die Wertigkeit des Menschen.

FreieWelt.net: Welchen Stellenwert hat der Lebensschutz in unserer Gesellschaft?

Frau Linder: Fragt man spontan danach, ob Abtreibung erlaubt und/oder ein Menschenrecht ist, antworten heute viele mit “Ja, natürlich”. Fragt man, ob man alten, schwerkranken Menschen aktiv “beim Sterben helfen”, also sie töten darf, antworten viele Menschen ebenfalls mit “Ja”. Wir sind auf einem riskanten Weg, der immer mehr Menschen aus der Kategorie “lebenswert” aussortiert. Dabei muss man sich immer vor Augen halten: Sobald eine Gruppe von Menschen kein Lebensrecht mehr hat, kann es jeder anderen Gruppe von Menschen passieren, dass deren Lebensrecht ebenfalls in Frage gestellt wird. Damit wird die ethische Grundlage, nämlich dass jeder Mensch umfassend und gleichermaßen geschützt werden muss, mit mehr oder weniger willkürlicher Argumentation verlassen. Lebensrecht und Menschenwürde gehen, wie es nach den Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bewusst im Grundgesetz festgelegt wurde, nur ganz und für jeden Menschen, vollkommen unabhängig von seiner Situation, seinem Aussehen, seiner Herkunft oder seinem Alter.

FreieWelt.net: Mit welchen Argumenten und Methoden wird versucht, den Lebensschutz und die Lebensrechtler zu diffamieren?

Frau Linder: Man stellt sie gerne als “faschistisch” und “frauenfeindlich” dar, Totschlagsargumente, die seit Jahrzehnten funktionieren und nicht belegt werden müssen. Das Gegenteil ist der Fall: Nehmen Sie das “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” vom 14.07.1933 oder das Euthanasie-Programm T4 vom 18.08.1939. Beides waren menschenverachtende Aussortierungsprogramme für Personen, die nicht in das geplante Bild des perfekten Menschen passten. Und genau dagegen kämpfen die Lebensrechtler, die nie auf die Idee kämen, irgendjemanden aus ihrer Hilfe und ihrer Argumentation auszuschließen, egal, ob z.B. kenianisches Au-pair-Mädchen ohne Krankenversicherung oder israelische Studentin. Ausgerechnet diesen hundertprozentigen Menschenrechtlern eine braune Gesinnung zu unterstellen, zeigt höchstens das Niveau der Diffamierer, entbehrt aber jeglicher Grundlage.

Auch die unterstellte Frauenfeindlichkeit ist geradezu paradox. Lebensrechtler übernehmen Aufgaben, die der Staat leider nicht erfüllt, wie umfassende und individuelle Schwangerschaftskonfliktberatung mit viel Zeit, Geld und Klärung der wirklichen Probleme, konkrete Hilfe aller Art für Frauen und Familien, echte Aufklärung für Jugendliche mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Allein der Hinweis auf die persönliche Verantwortung eines erwachsenen Menschen für sein Tun wird als frauenfeindlich abqualifiziert – nüchtern betrachtet, handelt es sich um unreflektierte und fadenscheinige Polemik, die die wirklichen Probleme, Wünsche und Bedürfnisse der Frauen missachtet. Das ist frauenfeindlich.

FreieWelt.net: Welche Geisteshaltung steckt hinter den Angriffen gegen das Leben?

Frau Linder: Bei der Abtreibung ist es vor allem eine radikalfeministische Ideologie, die Sexualität und Fruchtbarkeit vollständig trennen und alles vernichten will, was die Frau an ihrer angeblich perfekten Emanzipation hindern könnte. Ich halte es für sehr fragwürdig, sich dadurch zu emanzipieren, dass man alles Weibliche ausmerzt und versucht, möglichst männlich zu sein. Ist das nicht vielmehr eine Kapitulation der Emanzen, die damit ja selbst zugeben, dass sie das weibliche Geschlecht für minderwertig halten? Meiner Ansicht nach der völlig falsche Weg.
In anderen Bereichen nähern wir uns einer immer offeneren Kosten-Nutzen-Rechnung: Was kostet der Mensch, wieviel will die Gesellschaft für ihn ausgeben? Angesichts zusammenbrechender Sozialsysteme und der demographischen Veränderung wird das in den nächsten Jahren wegweisend für Bereiche wie Euthanasie und natürlich auch PID. Wenn man heute überlegt, ob man einem 85-jährigen Menschen noch eine neue Hüfte einsetzen soll, wird man in einigen Jahren vielleicht überlegen, wie lange man einen Menschen leben lassen soll, weil er für das System zu einer Belastung wird. In dieser Gefahr könnte dann jeder stehen, der nicht dem aktuellen Schönheits- und Leistungsideal unserer Gesellschaft entspricht. In den USA gibt es bereits Vorschläge, Eltern mit Mukoviszidose nur noch PID-geprüften Nachwuchs zu gestatten, um später Krankheitskosten zu sparen. Das ist aus Sicht der zuständigen Leute eine ganz normale Überlegung, denn die Technik ist da, das Gesetz geregelt, warum soll man das dann nicht auch kostensparend einsetzen?

FreieWelt.net: Welche Strategie nutzen die Lebensschützer, um dem entgegen zu gehen?

Frau Linder: Wir tun das, was von anderer Seite versäumt wird: sachlich aufklären, in der Öffentlichkeit für diejenigen präsent sein, die noch keine Stimme oder keine Stimme mehr haben, die Wahrheit und die Zahlen auf den Tisch legen. Die eigentlich für solche Dinge zuständigen Gremien haben sich angewöhnt, diese Themen unter den Teppich zu kehren, ein klares Zeichen der Verdrängung und der Angst, sich damit und mit den daraus entstandenen Entwicklungen beschäftigen zu müssen. Man müsste sonst zugeben, dass die jetzige Situation für unsere Gesellschaft ein absolutes Armutszeugnis ist.
Wir betreiben eine Notrufnummer für Schwangerschaftskonflikte, die 24 Stunden täglich besetzt ist (0180 / 3699963). Zu vielen Themen starten wir Kampagnen (z.B. tim-lebt.de; stoppt-pid.de; deine-stammzellen-heilen.de); bieten Vorträge und Diskussionen an, stehen in regelmäßigem Kontakt zu Entscheidern und versuchen, unsere Mitgliederzahlen stetig zu erhöhen, damit wir noch mehr gehört werden.

FreieWelt.net: Wie sehen Sie die Zukunft des Lebensschutzes?

Frau Linder: Positiv. Die Allgemeinheit ist offen für diese Themen, immer mehr Menschen wollen Argumente haben und seriös diskutieren; daher auch dieses Buch, das für alle Lebensrechtsbereiche klare und rein sachliche Argumente anbietet. Die Politik hat diese Veränderung bereits bemerkt. Nur die Medien hinken hinter der Entwicklung her, erstaunlicherweise vor allem die öffentlich-rechtlichen, die den von uns gut bezahlten Auftrag haben, besonders aufmerksam und nah an der Bevölkerung zu sein. Vor allem Jugendliche sprechen sich, sobald sie die Fakten kennen, eindeutig für das Lebensrecht von kleinen Kindern aus und nennen von sich aus als Lösung eines Schwangerschaftskonfliktes vor allem persönlichen Beistand aus der Umgebung und für den Notfall eine Adoption als Alternative.

FreieWelt.net: Welches Signal geht von der Abstimmung zur PID am 07. Juli im Bundestag aus?

Frau Linder: Die anstehende Entscheidung zur PID zeigt, dass man es sich in der Politik nicht leicht macht und der Diskussion in der Bevölkerung Rechnung trägt. Neben den bekannten Argumenten ist das Ergebnis auch als Signal ins Ausland sehr wichtig: Dort nämlich steht Deutschland gerade im Bereich des Embryonenschutzes als Vorbild da. Unser Embryonenschutzgesetz wird oft als Vorlage für ähnliche Gesetze und Regelungen gelobt und genutzt. Eine Freigabe der PID wäre also nicht nur im Hinblick auf die Wertigkeit des nicht perfekten Menschen, sondern auch für den international in diesem Bereich guten Ruf Deutschlands fatal.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Kerstin Schneider.

Alexandra Maria Linder: Lebensrecht: Abtreibung, Euthanasie, PID, Stammzellenforschung. MM-Verlag 2011.

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