Ein eher persönliches Interview mit Bei Ling

11. November 2009, 09:23 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Redaktin FreieWelt.Net

Der chinesische Schriftsteller Bei Ling wurde im Jahr 2000 in China wegen regimekritischer Schriften verhaftet, aufgrund internationalen Drucks jedoch bald wieder entlassen. Seit dieser Zeit lebt er in Taiwan und den USA im Exil. Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse kam es zum Eklat, weil chinesische Regierungsvertreter die Ausladung Bei Lings von einem Symposium zu Bedingung für ihre Teilnnahme machten. Für FreieWelt.Net führte Dr. Christina H. Rosnersky "Ein eher persönliches Interview mit Bei Ling". Am 9. November 2009 in Berlin waren das Exil, die chinesiche Literatur und Politik sowie der Fall der Berliner Mauer die Themen.

 

FreieWelt: Seit der Buchmesse in Frankfurt haben die Medien viel über das Geschehen auf der Messe und über Sie als Person und Ihre Essays berichtet. Wie begegneten Ihnen die Menschen seitdem?

Bei Ling: Auf der Messe wurde sehr viel über Politik gesprochen. Dadurch haben die Menschen einiges über die politischen Zustände in China erfahren. China verändert sich gesellschaftlich wie auch ideologisch.
Die Buchmesse liegt nun hinter uns und es ist Zeit wieder mehr über Literatur zu erfahren und zu sprechen. Mit meinen Schriften und meiner Arbeit als Herausgeber fange ich an. Ich möchte die Menschen ermutigen, chinesische Literatur zu lesen und darüber nachzudenken. Auf diese Weise erfahren sie viel über dieses Land und können es auf dieser Ebene zunächst einmal kennen lernen. Meine Essays sollen diesen Prozeß vorantreiben.

FreieWelt: Was sollte die westliche Welt über die chinesische Literatur wissen?

Bei Ling: Die Zahl der Leser von chinesischer Literatur steigt, da es seit einiger Zeit umfangreiche Übersetzungsprojekte gibt, durch die bereits hunderte Schriften ins Deutsche übersetzt wurden. Mir ist es wichtig zu vermitteln, daß die chinesische Literatur nicht nur im Land entsteht, sondern auch außerhalb des Landes. Es handelt sich hierbei um eine andere Art Literatur, der so genannten Exilliteratur. 

FreieWelt: Worin sehen Sie den Unterschied?

Bei Ling: In China lebende Schriftsteller und Exilschriftsteller schreiben aus jeweils einer anderen Situation heraus. In China gibt es nicht nur die Zensur der chinesischen Regierung, sondern auch die Selbstzensur der Schriftsteller, die für sie eine besondere Herausforderung darstellt. Sie müssen so schreiben, so daß sie sich durch das Geschriebene nicht in Schwierigkeiten bringen.
Die im Exil lebenden Schriftsteller haben andere Schwierigkeiten zu bewältigen. Sie sind meist politisch engagiert und sehen sich mit dem Verlust ihrer Heimat und ihrer Sprache konfrontiert. Die Sprache, die mich umgibt, beeinflusst meinen Schreibprozess und das Geschriebene. Ich bin meinem chinesischen Ursprung näher, wenn ich in Taipeh wohne, da dort chinesisch gesprochen wird. Muttersprache bedeutet im Chinesischen Heimatsprache.

FreieWelt: Wie erleben Sie Ihre Situation als so genannten Dissidenten bzw. Exilschriftsteller Chinas?

Bei Ling: Ich sehe mich als Schriftsteller, als Exilschriftsteller, da ich mein Land vor neun Jahren verlassen musste. Nur aus Sicht der chinesischen Regierung bin ich ein Dissident. Und die westlichen Medien verwenden diesen Begriff gerne im Zusammenhang mit meiner Person. Mir ist jedoch wichtig, daß meine Schriften und ich als Schriftsteller wahrgenommen werden. Und dazu gehört auch die Tatsache, daß ich eine Hälfte des Jahres in Taipeh und die andere in Boston lebe. Ich lebe in Taiwan wegen der Nähe zu China. Dort wird Chinesisch gesprochen. Außerdem existieren in Taiwan dieselben gesellschaftlichen Strukturen. Dort kann ich eine Art chinesisches Leben führen, ohne mich illegal zu fühlen. Das Gefühl deplaziert zu sein, bleibt jedoch, da es nicht meine Heimat ist. In China gehörte ich auch nicht wirklich dazu. Daher empfand ich es als sinnvoll, mir einen weiteren Wohnsitz in den USA mit einer anderen Sprache zu suchen, da dort viele Nationen aufeinander treffen. Jeder ist dort fern seiner ursprünglichen Heimat. 

FreieWelt: Haben Sie eine besondere Beziehung zu Deutschland?

Bei Ling: Ja, auf jeden Fall. Ich war schon mehrmals in Deutschland. Ausserdem bewundere ich die deutschen Literaten: Paul Celan, Walter Benjamin, Hannah Arendt, aber auch in frühen Jahren Hermann Hesse.

FreieWelt: Sie waren auf dem Festival lyricline.org eingeladen und haben einige Tage in Berlin verbracht. Wie gefällt Ihnen Berlin?

Bei Ling: Amerikaner interessieren sich meist nur für ihre eigene Gesellschaft. So ist es in den meisten Ländern. In Berlin ist es total anders. Hier interessieren die Menschen sich für das internationale Geschehen, auch in der Literatur wie in der Kunst. Es ist eine energetische Stadt, in die viele internationale Künstler und Literaten ziehen. Berlin gibt mir das Gefühl, international und intellektuell zu sein.

FreieWelt: Wie erleben Sie den Fall der Mauer nach 20 Jahren? Was bedeutet dieses Ereignis für Sie?

Bei Ling: Es ist ein ganz besonderes Ereignis für mich. Unsere Generation ist eine Berliner Mauer- oder 1989-Generation. Das Jahr 1989 veränderte mein ganzes Leben. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens verdeutlichte mir, daß ich aus China weg mußte. Über den Fall der Mauer wurde vor 20 Jahren noch in den chinesischen Medien berichtet. Heute ist es anders. Die chinesische Regierung versucht, alle Informationen beispielsweise über dieses Jubiläum zu blocken und auszublenden. Einige Jahre später kehrte ich nach China zurück. Doch alles hatte sich in meiner Sichtweise geändert. Schließlich wurde ich wegen meiner Veröffentlichungen inhaftiert. Da blieb dann nur noch der Weg aus dem Land. Dies hat mir Susan Sontag ermöglicht. Sie hat mich mit Hilfe der amerikanischen Regierung frei bekommen. Vor neun Jahren verbrachte ich sechs Monate in Berlin und die Energie von früher ist immer noch spürbar.

FreieWelt: Inwiefern hat der Fall der Berliner Mauer Ihre Einstellung zu Veränderungen beeinflusst?

Bei Ling: Berliner Mauer bedeutet Freiheit. Kein Krieg kann die Menschen aufhalten, dorthin zu gehen, wohin sie wollen. Keine Mauer ist stark genug, um den Wissensdrang aufzuhalten. Die Mauer bedeutet, daß niemand Einblick und Zutritt in das Land haben darf. Umgekehrt ist der Weg nach draußen auch blockiert. In China existiert sprichwörtlich eine Berliner Mauer im Internet, für Sicherheitsmaßnahmen und eine Mauer für Zensur. Wir müssen noch für viele Arten der Freiheit in China kämpfen. Aber auch dort ist Veränderung möglich, vielleicht nicht so dramatisch wie in Deutschland, eher langsam und vorsichtig.

FreieWelt: Hat Ihr Exildasein Konsequenzen für Ihre Familie?

Bei Ling: Es passiert immer irgendetwas Beängstigendes. Meine Familie wird sehr stark kontrolliert. Vor allem mein jüngerer Bruder, der einen Verlag hat, hat häufig Ärger mit den Behörden oder der Sicherheitspolizei. Er ist verängstigt und sehr vorsichtig geworden, um keine Fehler zu machen, da sie weitere Schikanen befürchten. Sie ärgern sich über mich und ermahnen mich, daß ich nicht so frei besonders über die Politik in China sprechen soll. Aber ich kann und will nicht meine Zunge hüten. Ich muß sprechen oder meine Texte sprechen lassen.

FreieWelt: Nächstes Jahr werden Ihre Memoiren bei Suhrkamp veröffentlicht. Warum sollte ich das Buch kaufen und lesen?

Bei Ling: Ich lebe für das Schreiben und für die Literatur. Mein Wunsch ist es, das Leben eines Schriftstellers zu führen und den Tag mit Lesen und Schreiben zu verbringen. Vor diesem Hintergrund nimmt mein Leben als Exilschriftsteller eine Sonderstellung ein. Ich schreibe damals wie heute mit dem Wissen, daß ich meine Existenz aufs Spiel gesetzt habe und mich dieses Schreiben von meiner Heimat fernhält. Der Gedanke, niemals wieder in mein Land reisen zu können, macht mich traurig. Ich habe schon fast die Hoffnung verloren, jemals wieder meine Heimat zu sehen. Auch für eine Stunde würde ich nach Beijing fliegen, um noch einmal heimatlichen Boden unter meinen Füßen zu spüren.

 

Kurzportrait Bei Ling auf Epoch Times

Mehr über den Eklat auf der Frankfurter Buchmesse bei FAZ.Net

Das Interview führte Dr. Christina Rosnersky

Foto: C. Rosnersky

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