Dr. Peter Heller: Weltuntergangs-Propheten haben Unrecht

06. April 2010, 10:15 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: | von
Redaktion

Dr. Peter Heller ist Astronom und Physiker. Nach Stationen in der Software- und Raumfahrtindustrie ist er heute als Strategieberater, Zukunftsforscher und Trendscout tätig. Beruflich beschäftigt er sich dabei vorwiegend mit allen Aspekten rund um das Thema “Mobilität”. Gemeinsam mit Rudolf Kipp betreibt Peter Heller den Blog „Science Skeptical“, in dem er sich vorwiegend Fragen der Klimapolitik widmet. Dabei ist seine Kernauffassung, daß eine Strategie der Vermeidung von Kohlendioxid-Emissionen mehr schadet als nutzt und sich außerdem nicht aus aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Klimaforschung ableiten läßt.   Im Interview mit FreieWelt.net nimmt er jetzt Stellung zu Ökologismus, Klimapolitik und Verschwörungstheorien in diesem Zusammenhang.

FreieWelt.net: Was hat Sie bewogen, den „ScienceSkepticalBlog“ ins Leben zu rufen?

Peter Heller: Gestartet wurde der Blog im Oktober 2009 von Rudolf Kipp. Ich bin erst einige Wochen später als Co-Admin und sozusagen „zweiter Hauptautor“ dazugestoßen. Neben uns beiden schreiben noch fünf weitere Leute gelegentlich bis häufig Beiträge und den ein oder anderen Gastautor konnten wir auch schon gewinnen. Dies nur, um unsere Struktur als „Team von Individualisten“ zu verdeutlichen.

Für mich ist das Bloggen im Internet in allererster Linie eine Freizeitbeschäftigung, die einfach nur Spaß macht. Ich möchte meine Aktivitäten nicht künstlich überhöhen, ich habe keinen missionarischen Eifer. Spaß macht es aber nur dann, wenn man mit dem eigenen Geschreibsel zumindest im Ansatz zufrieden ist. Ein gewisser Anspruch an Qualität und eine übergreifende Zielstellung ist daher schon vorhanden. Letztere kann man mit den Begriffen „Verständnis ermöglichen“, „Kritikbewußtsein schärfen“ und „Nachdenken anregen“ umschreiben.

Unsere Themen bei Science Skeptical sind Klimaforschung und Klimapolitik. Verknüpfte Felder wie „Umweltschutz“ oder „Energie“ bearbeiten wir ebenfalls. Über eine naturwissenschaftlich/technische Ausbildung zu verfügen (wie fast alle unsere Autoren); ist dabei natürlich hilfreich. Wir sind also kompetent in den Themen, denen wir uns widmen. Mein Bereich sind klima-, umwelt- und energiepolitische Fragen, mit denen ich mich als Politikberater auch beruflich intensiv auseinandersetze.

Politische Instrumentalisierung der Forschung

Science Skeptical füllt eine Lücke in der Klima- und Umweltdebatte. Es gibt in diesem Bereich eine große Asymmetrie zwischen Experten und Politikern auf der einen und den nicht beruflich mit diesen Themen befassten Bürgern auf der anderen Seite. Erstere verfügen über Insiderwissen (oder sollten es zumindest, da sie ja schließlich dafür bezahlt werden); letztere haben oft einfach nicht die Zeit oder die Möglichkeit, sich intensiver in die Fragestellungen einzuarbeiten. Viele Menschen haben immer noch nicht verstanden, auf welch perfide Weise über die politische Instrumentalisierung der Forschung versucht wird, tief in die Strukturen unseres Gemeinwesens bis hin zur individuellen Lebensgestaltung einzugreifen. Regulierend, hemmend und begrenzend einzugreifen.

Die Brücke zwischen den wissenschaftlichen Insidern und den Wählern sollten eigentlich die Berufsjournalisten, insbesondere  aus den Wissenschaftsressorts schließen. Diese jedoch haben sich in den vergangenen Jahren ihrer Aufgabe der kritischen Berichterstattung nicht nur überwiegend verweigert, sie haben sich auch in großer Zahl willfährig in den Dienst einer bestimmten Ideologie gestellt (in den Dienst des Ökologismus, zu dem wir ja gleich noch kommen werden). Science Skeptical ist also eine Reaktion auf das Versagen des Wissenschaftsjournalismus.

“Wir sind begeistert von Wissenschaft und vom technischen Fortschritt”

Wir sind Mittler und Übersetzer. Wir versuchen, unseren Lesern zu erklären, was Klimaforscher eigentlich meinen, wenn sie von „Baumringdaten“, der „pazifisch-dekadischen Oszillation“, von „Modellrechnungen und Szenarien“ oder vom „Treibhauseffekt“ sprechen. Wir sind also genau nicht wissenschafts- und technikfeindlich oder gar irgendwelche esoterischen Spinner. Wir sind begeistert von Wissenschaft und vom technischen Fortschritt. Wir wollen unsere Leser dazu anregen, sich selbst auf die Themen einzulassen, sich mit ihnen zu beschäftigen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Dabei wissen wir nur zu genau, welchen Schaden es für die Forschung bedeutet, sich politisch instrumentalisieren  zu lassen. Genau da sind wir skeptisch, deswegen auch der Name des Blogs. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind erst einmal nur Fakten, aus denen man keine politischen Direktiven unmittelbar ableiten kann. Um dies zu tun, bedarf es ihrer Interpretation. Die derzeitige Klima- und Umweltdebatte läßt sich auch als Auseinandersetzung darüber verstehen, wer die Interpretationshoheit über Forschungsergebnisse hat. Wir liefern auf Science Skeptical neue Interpretationen, die alternativ zum Mainstream stehen und völlig andere Schlußfolgerungen ermöglichen. Schlußfolgerungen, die aufzeigen, wie irrational und am Ende sogar gefährlich die gegenwärtige Politik der Risikovermeidung ist.

FreieWelt.net:  Sie bezeichnen den Ökologismus als eine Art von Religion, die mit apokalyptischen Bildern arbeitet und Menschen so zu irrationalen und unwissenschaftlichen Entscheidungen verleitet.  Wie äußert sich ihrer Ansicht nach der religiöse Charakter des Ökologismus?

Peter Heller: Leider gibt es keine einheitliche wissenschaftliche Definition darüber, was nun eine Religion ist, und was nicht. Ich neige der Ansicht zu, die Religionen über ihre Funktionen charakterisiert.

Nehmen wir also eine Anzahl von Überzeugungen, die von vielen Menschen geteilt werden. Überzeugungen, die nicht rational, durch wissenschaftliche Erkenntnis begründet sind, sondern Meinungen über Sachverhalte darstellen – also Glaubensgrundsätze. Glaubensgrundsätze ersparen es den Gläubigen, über gewisse Dinge selbst nachdenken zu müssen.  Sie verschaffen Ordnung und Sinn in einer immer komplexeren, dynamischeren und chaotischeren Welt. Wesentlich ist außerdem die Ableitung konkreter weiterer Annahmen und insbesondere von Verhaltensvorschriften aus den Dogmen. Dadurch erhält der Glaube die Möglichkeit, Trost zu verschaffen. Denn wenn man sich gemäß seiner Glaubensgrundsätze verhält, kann man sich autosuggestiv dessen versichern, richtig gehandelt zu haben und dadurch eine Form von Erlösung finden.

Der Ökologismus liefert einfache und klare Glaubensgrundsätze. Die Natur als ein in ihrem Zustand erhaltenswertes System, der Mensch als Außenstehender, dessen Handeln grundsätzlich zerstörerisch wirkt. Für den Ökologisten ist Leben und Überleben der Gattung Homo Sapiens, bis hinunter auf die Ebene des Individuums, nur als Kompromiß zwischen den Ansprüchen des Menschen und denen der Natur (die der Ökologismus gleich auch noch definiert) möglich. Und diesem Kompromiß sind enge Grenzen gesetzt, denn die Natur an sich ist für ihn sakrosankt. Allein deswegen, weil sie existiert. Der Ökologist denkt in Zuständen, er denkt statisch. Alles muß so bleiben, wie es ist. Oder auch: Es muß so werden, wie es einmal war, als die Fähigkeiten des Menschen noch nicht so groß waren, wie heute. Und alles, was die Möglichkeiten des Menschen ausweitet, wird von ihm abgelehnt.

Daraus resultiert die dem Ökologismus innewohnende Fortschritts- und Technologiefeindlichkeit. Ein Wesenszug, den er ebenfalls mit allen anderen Religionen teilt. Jede fortgeschrittene Technologie wird erst einmal abgelehnt. Das mag im Einzelfall nicht unbegründet sein. Aber die Grenze zur Religion wird dann überschritten, wenn die Gegnerschaft in Fundamentalismus übergeht, weil man technischen Systemen nicht zugesteht, sich verbessern zu können.

Kernenergie oder Gentechnik sind beispielsweise mit Risiken verbunden. Aber beide können so weiterentwickelt werden, daß diese Risiken immer geringer werden oder vielleicht sogar ganz verschwinden. Und genau dies blendet der Ökologismus aus seiner Wahrnehmung aus.

Der Ökologismus liefert auch Verhaltensvorschriften bis hin zur privaten Lebensgestaltung. Wie man sich fortzubewegen hat, was man essen darf, selbst, welche Art von Beleuchtung oder Heizung man einsetzen sollte. Er ist ausgerichtet auf Probleme, die es in der Gegenwart nicht gibt, die es in der Zukunft aber vielleicht geben könnte. Die Heilslehre der christlichen Kirchen befaßt sich mit dem Leben nach dem Tod, die des Ökologismus mit dem Leben unserer Nachfahren. Was nur eine kleine gedankliche Verschiebung gegenüber dem Christentum darstellt. Die Erlösung besteht darin, durch korrektes Verhalten heute schon die Apokalypse zu verhindern, die unseren Nachfahren ansonsten blühen würde. Wahlweise Verwüstungen durch die Klimakatastrophe oder eine tote Umwelt infolge des Artensterbens oder ganz einfach auch beides.

“Ökologismus liefert Glaubensgrundsätze”

Im Spiegel wurde in der Berichterstattung vor der Kopenhagen-Konferenz ein Klimaaktivist mit den Worten zitiert, Klimaschutz wäre etwas für die Seele. Treffender kann man es nicht formulieren. Der Ökologismus liefert Glaubensgrundsätze, die rational nicht widerlegbar sind, er leitet daraus Verhaltensvorschriften ab, er hat einen missionarischen Ansatz und spendet den Trost, richtig und sinnvoll zu handeln, wenn man den Vorschriften folgt. Er liefert das Gefühl von Heimat in einer Masse von Gleichgesinnten und befriedigt das schlechte Gewissen angesichts eigener gedanklicher Faulheit.  Denn der Ökologist muß nichts hinterfragen. Es gibt ein Schrifttum, das von initiierten Eingeweihten (bspw. Klimaprofessoren) verfaßt wurde, die eine Art Offenbarung durch ihre Kommunikation mit dem Götzen „Natur“ erfahren haben (das Wesen dieser Offenbarung und dieser Kommunikation ist für den wissenschaftlichen Laien kaum nachvollziehbar). Und dieses Schrifttum wird von „Priestern“ wie Al Gore für den Ökologisten interpretiert und gedeutet.

Der Ökologismus hat alle Zutaten und er übt alle Funktionen aus, die eine Religion braucht. Seine Anhänger zeigen alle Verhaltensmuster, die andere Gläubige ebenfalls an den Tag legen. Also ist er eine Religion.

FreieWelt.net:  Es ist keineswegs so, dass die Öko-Bewegung keine wissenschaftliche Unterstützung hätte. Viele Mitarbeiter von Greenpeace und ähnlichen Organisationen sind sehr gut ausgebildet.

Peter Heller: Gerade einmal 206 Festangestellte arbeiten für Greenpeace Deutschland, 1.200 sind es weltweit. Wenn man die administrativen Funktionen und die vielen Marketing- und PR-Spezialisten abzieht, findet sich wahrscheinlich in jedem deutschen Hochschulinstitut, das sich mit Klima- und Umweltfragen befaßt, mehr Kompetenz als nun ausgerechnet bei Greenpeace.

Natürlich sind einige der hauptamtlichen Ökoaktivisten aus den diversen Organisationen gut ausgebildet. Das wäre ja auch ziemlich ernüchternd, hätte ich nur Deppen als Gegner. Es macht mir keinen Spaß, mit Idioten zu streiten.

Umweltorganisationen und öffentliche Hand verfügen über erhebliche Mittel

Der oft vorhandene Eindruck einer umfassenden wissenschaftlichen Unterstützung ist allerdings verzerrt. Es handelt sich hier um ein sich selbst organisierendes System aus Ökoaktivisten, einigen Wissenschaftlern, politischen Strömungen und den Medien. Dem es durch seine Stabilität und seine im Kern einfach strukturierte Agenda gelungen ist, eine hegemoniale Stellung in der veröffentlichten Meinung, eine Interpretationshoheit über wissenschaftliche Ergebnisse zu erlangen. Das zentrale Werkzeug ist die Vergabe von Aufträgen zur Durchführung von Studien an Forscher. Sowohl Umweltorganisationen wie auch die öffentliche Hand verfügen über erhebliche Mittel hierzu. Nun bestimmt der Auftraggeber einer Studie nicht nur die zu untersuchenden Fragestellungen, er ist auch dazu in der Lage, sie auf ein gewünschtes Ergebnis hin auszurichten. Und er legt am Ende fest, was davon wie an die Öffentlichkeit gelangt. Umweltaktivisten in den Verbänden, den Verwaltungen und Regierungen haben also ein Machtmittel (Geld); um Wissenschaftler in gewisser Hinsicht zu korrumpieren und sie haben ein weiteres Machtmittel (Schlagzeilen und Geschichten) um Journalisten in eine gewisse Abhängigkeit zu ziehen. Und das nutzen sie weidlich und zugegeben auch sehr geschickt aus. Das System funktioniert genau so, wie man es der „bösen“ Industrie immer vorwirft. Nur in weit größerem Umfang. Auf diese Weise ist beispielsweise viel von der „grauen Literatur“ entstanden, deren zu unkritische Nutzung dem IPCC heute zu Recht vorgeworfen wird.

Viele Wissenschaftler lassen sich gerne korrumpieren

Natürlich, viele Wissenschaftler lassen sich von Greenpeace, dem BUND, dem NaBu, dem WWF und anderen nur zu gerne korrumpieren. Denn der Ökologismus entspricht – oft zumindest in Teilen – auch ihrer Weltanschauung. Sie stellen also ihre Forschung in den Dienst einer aus ihrer Sicht guten Sache. Vielen schmeichelt es, weitreichende politische Weichenstellungen scheinbar beeinflussen zu können. Daß es in Wirklichkeit andersherum ist, daß sie von politischen Ideologien instrumentalisiert werden, ist ihnen oft nicht bewußt. Oder sie wehren sich nicht dagegen, weil sie ihre Arbeit nicht dem Erkenntnisgewinn widmen, sondern sie als politisches Instrument verstehen.    

Eine gute Ausbildung ist also kein Schutz davor, eine religiöse Überzeugung zu vertreten. Auch die Würdenträger der herkömmlichen Kirchen können eine extrem gute Ausbildung vorweisen. Die Ausbildung ist kein Kriterium. Die Frage ist, wie und wofür man seine erworbenen Fähigkeiten einsetzt.

Alle Öko-Aktivisten, gleich von welcher Gruppierung sie stammen, gleich, wo sie tätig sind, eint der Wunsch, Dinge und Handlungsweisen zu verbieten, zu verhindern und zu regulieren. Das ist der Punkt. Ich habe das bis heute nicht verstanden. Wieso wollen Menschen, daß ihnen etwas verboten wird? Der Verweis auf eine religiös-spirituelle Motivation ist die beste Erklärung, die mir einfällt. Vielleicht haben Ihre Leser hier ja bessere Ideen, ich bin gespannt…

Mangel an Aufklärung ist erschütternd

Meine Zielgruppe sind auch nicht die hauptamtlichen Ökoaktivisten und deren wissenschaftliche Zuträger. Ich wende mich an die engagierten Mitläufer. Von denen allein Greenpeace in Deutschland nach eigenen Angaben 550.000 vorweisen kann. Ich diskutiere sehr häufig mit solchen Leuten, beruflich und privat. Und es ist erschütternd, den Mangel an Aufklärung und auch an Willen zur Aufklärung in diesem Umfeld festzustellen. Diese Menschen hinterfragen nicht. Sie sind überzeugt, der Weltuntergang drohe, sie sind überzeugt, sich für eine gute Sache einzusetzen, weil es ihnen ein „Professor Doktor“ erzählt hat. Der müsse es ja besser wissen, er sei schließlich der Experte. Auch der Experte verfügt aber außerhalb seines enggesteckten Fachgebietes kaum über mehr Wissen als der Rest der Bevölkerung.  Auch der Experte vertritt vielleicht aus völlig unwissenschaftlichen Motiven seine Haltung. Und das muß man diesen Engagierten erst mühsam verdeutlichen.

Ich bin in meiner Schul- und Studienzeit dazu erzogen worden, kritisch zu sein, und die Dinge ständig zu hinterfragen. Auch mich selbst und meine Auffassungen. Wenn vor allem junge Menschen dies heute in dieser Form nicht mehr mitbringen, dann ist das Problem eher eine zu schlechte, denn eine zu gute Ausbildung.

FreieWelt.net:  Ist Umweltschutz – auch durch politische Zwangsmaßnahmen – nicht unbedingt notwendig, damit wir auf Dauer die Welt um uns herum erhalten?

Peter Heller: Die gegenwärtige Umwelt- und Klimapolitik orientiert sich an dem ökologistischen Dogma, der Mensch wäre ein Zerstörer und sein Einfluß auf seine Umwelt wäre daher so gering wie nur möglich zu halten. In der Praxis fordert diese Haltung immer den besagten Kompromiß zwischen den Ansprüchen des Menschen (nach Lebensraum und Nahrung) und denen der Natur (nach Unberührtheit). Entscheidungen, die auf der Basis dieses Interessenausgleiches getroffen werden, sind für beide Seiten immer suboptimal. Die Natur darf „ein bißchen zerstört“ werden, damit der Mensch „ein bißchen überleben“ kann. Das führt automatisch zu den von Ihnen angesprochenen Zwangsmaßnahmen. Denn die Menschen sind natürlich nicht so ohne weiteres bereit, ihre Bedürfnisse zugunsten einer „Natur“ zurückzustellen, die als selbstbestimmtes Individuum nicht faßbar ist.  

Die Auflösung dieses Widerspruches kann aus meiner Sicht nur gelingen, wenn wir anerkennen, daß die „Natur“ als Konglomerat unterschiedlicher und oft gegenläufiger Dynamiken keine Ansprüche haben kann. Und daß der Mensch wie jede Art auf diesem Planeten seine Fähigkeiten nutzen darf, die Umwelt in für ihn vorteilhafter Weise umzugestalten. Um kompromißlos  sein eigenes Überleben und das seiner Art abzusichern. Der Mensch ist also ein Gestalter, kein Zerstörer. Und die Frage ist nicht, wieviele Menschen die Erde wie bewohnen dürfen, sondern vielmehr: Wie muß die Umwelt beschaffen sein, damit sie allen Menschen ein Leben nach ihren individuellen Vorstellungen ermöglicht?

Es geht dann nicht mehr um einen Zustand, der zu erhalten, sondern um Dynamiken und Prozesse, die zu stärken oder zu schwächen wären. Die Natur übt Funktionen aus, die uns das Überleben ermöglichen. Sie spendet uns Atemluft, Nahrung und Wasser, sie kann Schutz gegenüber destruktiven natürlichen Ereignissen (Stürme, Überschwemmungen, Dürren u.ä.) bieten und ja, sie schafft auch Raum für Entspannung und Erholung. Umweltschutz sollte die Gestaltungskraft des Menschen einfordern, die Natur in der Ausübung dieser für uns nützlichen Funktionen zu unterstützen. Auch und gerade durch intensive Nutzung von Technologien. Dadurch erst werden Maßnahmen möglich, die optimal die Interessen des Menschen mit dem erforderlichen Umweltschutz verbinden. Die Notwendigkeit eines Zwangs entfällt, solche Maßnahmen können für jeden Betroffenen in akzeptabler Weise umgesetzt werden.

Wenn wir also Gefahr laufen, die Meere zu überfischen, dann gilt es nicht, mit dem Fischen aufzuhören. Dann gilt es vielmehr, dafür zu sorgen, daß sich die Fische schneller fortpflanzen und schneller wachsen.

Von Menschen geschaffene oder stark beeinflußte Naturräume müssen in dieser Strategie als wertvoll anerkannt werden.

Wertvoll ist, was den Menschen das Überleben sichert

Ich erkenne nun einmal im unberührten Wald keinen größeren Wert, als in einer landwirtschaftlichen Nutzfläche oder einer Stadt (in der insbesondere die Artenvielfalt sehr groß sein kann). Nein, wertvoll ist in der Natur das, was den Menschen das Überleben sichert. Das kann die unberührte Sandbank sein, die vor der Küste liegt und Stürme abmildert, das kann die Kulturlandschaft sein, in der gentechnisch optimierte Nutzpflanzen und –tiere gedeihen, das kann aber auch der Nationalpark in der Wildnis sein, der den Besuchern Freude bereitet und den Anrainern durch den Tourismus ein Auskommen sichert.

Anders ausgedrückt: Welcher Art kann man den größeren Anspruch auf Wahrung ihrer Interessen zuweisen? Derjenigen, die durch den Einfluß des Menschen gedeiht oder auch nur vor dem Aussterben gerettet wird? Oder derjenigen, die durch exakt denselben Einfluß bedroht ist? Diese Frage wird entweder auf einer spirituellen Basis durch den Ökologismus in großer Beliebigkeit entschieden. Oder rational geklärt, indem man keinen anderen Anspruch als den des Menschen gelten läßt.

Die Natur ist auch Bedrohung

Auf der anderen Seite ist die Natur auch eine Bedrohung. Sie hält Krankheiten ebenso bereit, wie konkurrierende Raubtiere (die vielleicht nicht unbedingt auf uns, sondern vor allem auf unsere Nutztiere scharf sind) und nicht zuletzt Katastrophen aller Art, vom Erdbeben bis zur Sturmflut. Ein Interesse der Natur, uns bedrohen zu dürfen, kann wohl niemand als legitimen Anspruch anerkennen.

Nun glaube ich nicht an die Wetterkontrolle, aber ich glaube an die Möglichkeit, uns zu schützen. Wenn es dazu erforderlich ist, bestimmte Arten stark zu dezimieren (malariaübertragende Mücken) oder bestimmte Naturräume umzugestalten, dann müssen wir das auch durchführen. Umweltschutz darf nicht verklärt werden als etwas, das potentielle Probleme unserer Nachfahren in der Zukunft löst. Umweltschutz ist dazu da, die Probleme zu lösen, die wir heute schon haben. Und wenn diese Probleme unseren Nachfahren dann keine Sorgen mehr bereiten, ist das wahre Nachhaltigkeit.

FreieWelt.net:  Insbesondere den Skeptikern des Klimawandels wird häufig vorgeworfen, bezahlte Lobbyisten und/oder Verschwörungstheoretiker zu sein.

Peter Heller: Ja, da fragt man sich, wo denn die Verschwörungstheoretiker sitzen.

Wie oben bereits angerissen ist das System der Auftragsforschung über Studien, die für den Auftraggeber genehme Ergebnisse erbringen (oder sich zumindest so kommunizieren lassen); von der zur Verfügung stehenden Geldmenge abhängig. Und hier sind nun einmal die Umweltlobbyisten bei weitem am besten ausgestattet, weil sie direkt oder indirekt auf öffentliche Haushalte zugreifen können. Gegen diese monetäre Macht kann keine Industrie der Welt auf Dauer bestehen. Weswegen die meisten Unternehmen, die von der Klima- und Umweltpolitik betroffen sind, längst einen völlig anderen Weg gehen. Sie wehren sich nicht mehr gegen den ökologistischen Zeitgeist, sie greifen ihn auf und versuchen ihn für sich zu nutzen.

Da werden enorme Marketinganstrengungen unternommen, um das eigene Handeln, die eigenen Produkte, als „grün“ zu verkaufen. Schaut man sich die Werbung der letzten Jahre an, so kann man leicht den Eindruck bekommen, Rohstoff- und Energieunternehmen oder auch Fahrzeughersteller und Mobilitätsdienstleister wären in Wahrheit die Treiber der ökologistischen Weltrettung.

Und mittlerweile erhalten die ökologistisch angehauchten oder klar in diese Richtung orientierten Wissenschaftler erhebliche Mittel auch aus diesen Industriezweigen. Wenn man sie nicht besiegen kann, so das Motto, dann umarme man sie und nutze sie für seine eigenen Zwecke.

Ich erkenne nichts Schändliches am Lobbyismus. Es ist das Wesen einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft, allen Gruppen zu ermöglichen, ihre Interessen so gut wie möglich zu vertreten. Ich arbeite viel und intensiv mit Lobbyisten zusammen. Sie helfen mir, Dinge zu verstehen und an wichtige Daten und Informationen zu gelangen. Warum die Menschen immer denken, Politiker oder auch Politikberater wie meine Person könnten die Motive der Lobbyisten nicht durchschauen und liefen ständig Gefahr, manipuliert zu werden, ist mir ein Rätsel. Die eigentliche Verschwörungstheorie ist die, die einen großen und schädlichen Einfluß der Interessenvertreter der Wirtschaft auf politische Entscheidungen vermutet. Meine praktische Erfahrung ist eine andere. Die ökologistisch orientierten Umweltaktivisten bilden im Gegensatz zu den Lobbyisten der Wirtschaft einen monolithischen und unisono agierenden Block. Sie sind daher bei weitem die aggressivste und einflußreichste Gruppe unter den Interessenvertretern.

“Eine Verschwörung gibt es nicht”

Eine Verschwörung gibt es nicht, weder auf der einen, noch auf der anderen Seite. Es gibt nur sich selbst organisierende Netzwerke in einer komplexen und dynamischen Gesellschaft, die mitunter eine gewisse zeitliche Stabilität erlangen können, irgendwann aber wieder zerfallen. Die Verschwörungstheoretiker auf Seiten der Skeptiker wie auf Seiten der Alarmisten verwechseln oft solche Netzwerke mit geplanten und gesteuerten Komplotten. Dabei sind sie nur Zufallsergebnisse chaotischer Prozesse. Die Vielfalt der individuellen Interessen und die Möglichkeiten bis hinab zu der Ebene des einzelnen Bürgers, diese auch zu kommunizieren und für diese auch zu werben, würde jede Verschwörung neutralisieren.

FreieWelt.net:   Woran sollen wissenschaftliche Laien erkennen, wer in wissenschaftlichen Debatten Recht hat?

Peter Heller: Als Trendscout greife ich einen seit Jahrtausenden stabilen Trend heraus: Wer auch immer den Weltuntergang prophezeit, hat Unrecht. Als Zukunftsforscher sage ich: Wer auch immer behauptet, die Zukunft vorhersagen zu können, führt in Wahrheit nicht viel mehr als ein intelligent verklausuliertes Glücksspiel durch. Und seine Prognosen werden nicht signifikant besser sein, als zufälliges Raten.

Ansonsten ist es für einen wissenschaftlichen Laien sehr schwer, sich tief in die zugrundeliegende Materie einzuarbeiten, wenn Zeit und Möglichkeiten fehlen. Eine wichtige Empfehlung habe ich aber.

Studien sind keine Forschungsarbeiten nach den Regeln wissenschaftlicher Kunst, sondern stellen lediglich Indizienbeweise für bestimmte Aussagen dar. Eine wissenschaftliche Arbeit erläutert die Funktionsweise eines natürlichen Prinzips anhand einer Modellvorstellung (bspw. „Wie funktioniert der Treibhauseffekt?“). Eine Studie hingegen listet Indizien auf, nach denen ein beobachtetes Phänomen durch ein Prinzip erklärt werden kann (bspw. „Sind die gemessenen Temperaturen mit dem Prinzip des Treibhauseffektes verträglich?“). Es liegt daher im Wesen der Studie, unpassende Indizien ebenso wegzulassen, wie alternative Erklärungen. Wann immer sich also ein Wissenschaftler auf Studien beruft, ist Vorsicht geboten, denn dann nutzt er nur einen Ausschnitt der Realität.

Die Klima- und Umweltdebatte ist eigentlich keine wissenschaftliche, sondern eine politische Diskussion. Studien werden immer dann herangezogen, wenn aus wissenschaftlichen Erkenntnissen politische Direktiven abgeleitet werden sollen. Wissenschaft und Politik sind aber zwei völlig verschiedene Dinge. Während in der Forschung werte- und interessenfrei Vorgänge in der Natur analysiert werden, ist Politik die Kunst des werte- und interessengetriebenen Ausgleichs zwischen unterschiedlichen Ansichten. Es gibt daher keine Zwangsläufigkeit, durch die aus naturwissenschaftlicher Forschung politisches Handeln folgt. Man kann aus der Kernphysik keine Argumente gewinnen, die für oder gegen den Einsatz von Kernenergie sprechen. Und Ideen, nach denen sich Gesellschaftspolitik an der Evolutionstheorie anzulehnen hat, haben wir hoffentlich überwunden. Es gibt eben auch keine direkte Verbindung zwischen der Erforschung der Prozesse, die unser Klima gestalten und der Energie- oder Umweltpolitik. Wer auch immer anderes behauptet, handelt nicht als Wissenschaftler, sondern als Politiker.

Und dann stellt sich nicht mehr die Frage nach „Recht“ oder „Unrecht“. Sondern allein die Frage „Liegt das, was in der Debatte gefordert wird, in meinem persönlichen Interesse?“. Diese Frage muß nun jeder für sich ganz individuell beantworten. Ich werbe dafür, nicht mir oder anderen Skeptikern zu glauben, und auch nicht den Alarmisten oder Ökologisten. Die Bürger sollen sich selbst darüber klar werden, welche Politik in ihrem Sinne ist, welche Politik ihre ganz persönlichen Lebensumstände verbessert. Und diese dann kompromißlos unterstützen. 

Das Interview führte Fabian Heinzel

zu “science-skeptical.de”      

(Foto: Dr. Peter Heller)

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