Die Herzen der Kinder gewinnen

23. Juni 2009, 09:32 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , , | von
Christoph Kramer

Interview mit dem kanadischen Entwicklungspsychologen und Bindungsforscher Prof. Gordon Neufeld zum Amoklauf in Winnenden.

FreieWelt.Net: Sehr geehrter Prof. Neufeld, die Tat von Winnenden hat ganz Deutschland schockiert. Ein 17jähriger Junge hat erst 15 Menschen und dann sich selbst erschossen. Welche Erklärung für diese unfassbare Tat gibt es aus der Sicht der Entwicklungspsychologie?

Gordon Neufeld: Die beiden wahrscheinlichsten Erklärungen für solche entsetzlichen Vorfälle sind schwere geistige Störungen oder entgleiste Entwicklungs-dynamiken. Nach dem, was ich über den Fall gelesen habe, ist das letztere hier wahrscheinlicher. Abscheulichkeiten wie dieser liegt meist eine tiefgreifende Gleichaltrigenorientierung zugrunde, wo die Bindungen an Gleichaltrige viel wichtiger werden als Bindungen an die Familie und andere Erwachsene. Dies setzte das Kind großer Frustration aus, da die Gleichaltrigen die Bindungsbedürfnisse von Kindern nicht erfüllen können. Verschlimmert wurde dies im Fall Tim K. dadurch, dass er zumindest seiner Ansicht nach schwerer Zurückweisung durch die Gleichaltrigen ausgesetzt war. (Ein Bekannter wird in der Zeitung mit der Aussage zitiert: “Er wurde einfach von niemandem akzeptiert.”) Die Zurückweisung durch Gleichaltrige an sich ist nicht der entscheidende Punkt. Diese Verletzungen werden erst unerträglich, wenn ein Kind bei seinen Gleichaltrigen nach Bedeutung und Zugehörigkeit sucht (anstatt bei den für ihn verantwortlichen Erwachsenen)

Mit anderen Worten, Tim K. erhoffte sich von seinen Gleichaltrigen nicht nur die Stillung seines Bindungshungers, sondern erlitt bei diesen Versuchen umfassende Frustration. Dazu kam sein völliger Mangel an Trauer und Gram. Dies bedingt die Entstehung von “fauler” Frustration und intensiver Angriffsenergie, für die es viele indirekte Anzeichen gab, zum Beispiel seine Vorliebe für extreme Gewalt. Meine Erfahrung mit solchen Jugendlichen zeigt, dass sie in Gewaltfantasien schwelgen und dass er eine solche Tat in seinem Kopf viele Male durchgespielt hat.

Ein weiteres wichtiges Zeichen für seinen verwirrten Zustand und sein Gewaltpotenzial liegt darin, dass ihn stark anzog, was hätte alarmierend auf ihn wirken sollen. Einer seiner Bekannten wies darauf hin, dass er Tausende von Horrorvideos zu Hause hatte. Das zeigt nicht nur einen Grundzustand von Beunruhigung, sondern auch, dass er sich gegen die Gefühle von Verletzlichkeit, die eigentlich zu einem solchen Alarmzustand gehören, gepanzert hatte. Der Mangel an gefühlter Beunruhigung, zu denen auch Gefühle von Furcht und Schrecken gehören, gehört zu den wichtigsten Frühzeichen für Gewaltausbrüche. Ein solches hohes Maß an Panzerung gegen Gefühle scheint bei unseren Jugendlichen zuzunehmen. Viele verlieren ihre Angstwahrnehmung und die Fähigkeit zu weinen. Wenn solche Jugendlichen mit großer Frustration konfrontiert werden, ist es nur ein kleiner Schritt zu Gewalt. Diese wird meist in Spielen und Fantasien ausgelebt, aber immer häufiger eben auch in der Realität.

FreieWelt.Net: Der Täter von Winnenden stammte laut Medienberichten aus einem stabilen familiären Umfeld. Die Eltern leben gut situiert und engagieren sich in ihrer Gemeinde. Wie konnte es dazu kommen, daß der Junge trotzdem zu so einer Tat fähig war?

Gordon Neufeld:
Wenn ein Kind sich innerlich von seinen Eltern abwendet, spielt es leider keine Rolle, wie tüchtig sie sind, welcher Gesellschaftsschicht sie angehören oder wie erfolgreich sie auf andere wirken. Diese Kinder sind einfach verlorengegangen. Es handelt sich um ein Phänomen ähnlich dem Buch „Herr der Fliegen“. Nur verlieren in diesem Fall die Kinder nicht ihre Eltern und ihre Familie, weil sie ohne Erwachsene auf einer Insel stranden, sondern aufgrund der Gleichaltrigen-orientierung. Wenn Kinder beginnen, um ihre Gleichaltrigen zu kreisen, werden sie aus der Umlaufbahn um ihre Eltern und Geschwister gezogen. Über dieses Phänomen spreche ich in meinem Buch „Unsere Kinder brauchen uns!“ Es ist besonders deswegen so heimtückisch, weil es durch unsere Vorurteile darüber, was normal ist, getarnt wird. Gleichaltrigenorientierung hat zwar sicherlich unter unseren Jugendlichen stark zugenommen, aber deswegen ist es noch lange nicht normal im entwicklungspsychologischen oder histroischen Sinn

FreieWelt.Net: In der öffentlichen Diskussion kursieren jetzt diverse Vorschläge zur Prävention, wie etwa Metalldetektoren an Schuleingängen zu installieren, das Waffengesetz weiter zu verschärfen oder das Verbot von so genannten „Killerspielen“. Werden solche Lösungsvorschläge dem Problem gerecht?

Gordon Neufeld: All diese Maßnahmen berühren das eigentliche Problem nicht. Sie machen die Sache sogar noch schlimmer, weil die uns in der Illusion wiegen, wir würden ja etwas gegen das Problem tun. Währenddessen bleibt die wirkliche Ursache des Problems, entgleiste Bindung, ohne Beachtung. Es ist noch nicht zu spät, unsere Kinder und Jugendlichen wieder zurückzuholen. Aber uns muss bewusst werden, worin das grundlegende Problem besteht. Wir müssen unsere Kinder auch als Teenager noch in den Kontext von Familie und Beziehungen zu Erwachsenen einbetten. Solche Verbrechen passieren nicht, wenn die Bindungsbedürfnisse von Kindern von den für sie verantwortlichen Erwachsenen erfüllt werden.

FreieWelt.Net: Was können Eltern tun, um eine ähnliche Entwicklung bei ihren eigenen Kindern frühzeitig zu erkennen und ihr angemessen entgegenzuwirken?

Gordon Neufeld: Das erste Anzeichen von Bindungsschwierigkeiten ist, wenn wir unsere Kinder an ihre Gleichaltrigen verloren haben. Noch schlimmer ist das, wenn ihre Beziehungen zu Gleichaltrigen nicht funktionieren. Das zweite Alarmzeichen ist, wenn sie keine Angst mehr äußern und nicht mehr weinen. Das dritte Alarmzeichen ist, wenn schockierende und angsterregende Dinge sie besonders anziehen und sie sich mit Gewalt befassen, auch wenn dies nur indirekt oder in ihrer Fantasie geschieht. Die beste Vorbeugung besteht natürlich darin, dass wir unsere Beziehungen zu unseren Kindern aktiv pflegen und bewahren. Wir müssen die Verantwortung dafür übernehmen, selbst die Antwort auf ihren Hunger nach Kontakt und Verbindung zu sein, für ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit und ihr Streben danach, für jemanden wichtig zu sein. Wir müssen es ihnen leicht machen, uns ihr Herz zu schenken. Wir brauchen die Herzen unserer Kinder, damit wir ihre Herzen davor bewahren können zu brechen. Kinder mit offenen, weichen Herzen begehen keine Gewaltverbrechen.

Prof. Gordon Neufeld ist Entwicklungspsychologe und Bindungsforscher. Er arbeitet seit über dreißig Jahren mit Kindern und den für sie verantwortlichen Erwachsenen, lehrte 20 Jahre lang an der University of British Columbia und war viele Jahre in eigener therapeutischer Praxis tätig.

Mehr zu Gordon Neufeld www.gordonneufeld.com

2004 erschien der Bestseller »Hold on to your Kids«, der inzwischen in 14 Sprachen übersetzt worden ist. Unter dem Titel »Unsere Kinder brauchen uns! Die entscheidende Bedeutung der Kind-Eltern-Bindung« ist das Buch auch in deutscher Sprache beim Genius-Verlag erhältlich www.gordonneufeld.de

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