“Der Papst macht Mut zum Bekenntnis!” – Interview mit Martin Lohmann

28. September 2011, 02:03 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von Redaktion
Foto: Heike Lohmann
Redaktion FreieWelt.net

Einige winken ab und meinen, der Papstbesuch werde kaum Spuren hinterlassen. Andere sprechen von Enttäuschungen und Rückschlägen, etwa in der Ökumene. Der Papstkenner und katholische Publizist, unter anderem Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU, ist davon überzeugt, dass Benedikt XVI. „viel Begeisterung und auch einen ganzen Stapel von Aufgaben“ hinterlassen hat, an „denen sich so manche ihre Zähne ausbeißen“ könnten. FreieWelt.net sprach mit dem streitbaren Katholiken, der den Papst in Berlin und Freiburg begleitete.

FreieWelt.net: Herr Lohmann, sind Sie zufrieden mit der Reise des Papstes? War sein Deutschlandbesuch ein Erfolg?

Martin Lohmann: Sehr. Ein klares Ja auf beide Fragen. Viele hatten sich klare und orientierende Worte des Petrusnachfolgers gewünscht. Und die haben sie bekommen. Benedikt XVI. hat sich wieder einmal als ebenso eindeutiger, unerschrockener wie unbeirrter Steuermann des Schiffes Petri erwiesen und vielen Menschen Mut gemacht, auf ihrer Suche nach Wahrheit nicht an noch so Verlockendem hängenzubleiben oder sich von leerem Glitzer und Glanz ablenken zu lassen. Er hat der Gesellschaft ebenso einiges ins Stammbuch geschrieben wie seiner Kirche.

FreieWelt.net: Sie meinen zunächst die Rede im Bundestag?

Martin Lohmann: Ja. Ich hoffe, dass sie alle verstanden haben, an die sie gerichtet war und die sie verstehen konnten. Denn hier ging es für eine demokratische rechtsstaatliche Gesellschaft um Grundsätzliches, um das Fundament einer wirklich humanen Gesellschaft, eines der Humanität verpflichteten Staates. Es war schon eine historische Stunde, dass ausgerechnet ein Papst darauf verwiesen hat, wie sehr Recht und Gerechtigkeit mit der Wahrheit und der Quelle der Wahrheit verbunden sein müssen, wenn sie ihrem eigenen Anspruch gerecht werden wollen. Faszinierend und logisch zugleich, wie der bayerische Deutsche als bischöflicher Lehrer der Weltkirche den Bogen von der inzwischen von fast allen erkannten Ökologie der Natur und der damit verbundenen Nachhaltigkeit spannte hin zur leider bis heute allzu oft geleugneten und verratenen Ökologie des Menschen. Ja, die Ökologie an sich bleibt eine leere Seifenblase, wenn sie nicht die Nachhaltigkeit des unantastbaren Lebensrechtes von der Zeugung bis zum natürlichen Tod zulässt oder diese Ökologie des Menschen ausblendet. Diese Rede des Papstes enthält trotz oder gerade wegen ihrer Grundsätzlichkeit eine sehr konkrete To-do-Liste für die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft.

Freiewelt: Und der Kirche hat der Papst ja auch eine solche Liste hinterlassen, oder?

Martin Lohmann: Wohl wahr. Seine Rede in Freiburg enthält, wenn man das so sagen darf, allerlei Sprengstoff für manche katholischen Wirklichkeiten in Deutschland. Allein der deutliche Hinweis darauf, dass die noch so gut ausgestatteten Strukturen den Geist nicht erdrücken dürfen, dass die Kirche sich auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren sollte und man endlich beginnen müsste, die Kirche zu ent-weltlichen, dürfte den ein oder anderen, der von satten Strukturen und in solchen gut und satt lebt, etwas beunruhigen. Eigentlich hat der Papst der Kirche den dringenden Rat gegeben, endlich unabhängiger zu werden und sich von manchen noch so bequemen Gewohnheiten zu befreien. Er hat deutlich gesagt, was Kirche letztlich ist: die Gemeinschaft der sich zu Christus Bekennenden, die nicht von der Welt, aber für die Welt sind. Christen sind also befähigt, mutig und unabhängig zu sein, sich jedenfalls nicht von der Welt abhängig zu machen. Die Kirche ist eben nicht in erster Linie eine Organisation. Sie ist, wie man sagt, mystischer Leib Christi. Daher konnte der Papst auch so eindringlich im Berliner Olympiastadion sagen, dass bei Christus bleiben auch in der Kirche bleiben bedeutet.

FreieWelt.net: Einige in der Kirche haben sich rasch bemüht zu erklären, dass der Papst aber auf keinen Fall das deutsche Kirchensteuersystem in Frage gestellt habe. Warum diese Abwehr?

Martin Lohmann: Weil  der Papst genau das getan hat, was einige nicht wahrhaben wollen. Er hat sich auch schon früher hinterfragend gegenüber dem deutschen Modell der Kirchensteuer geäußert und sieht die damit gegebene gewisse Abhängigkeit vom Staat sehr kritisch. Und er ahnt wohl, dass sich das deutsche Modell nicht ewig halten lassen wird. Bereits im ersten Jahr seines Pontifikats hat Benedikt XVI. übrigens festgestellt, dass die Kopplung einer Exkommunikation als Folge eines fiskalischen Aktes, dass also der Rauswurf aus der Heilsgemeinschaft wegen der Weigerung, Kirchensteuern zu zahlen, rechtlich unlogisch und theologisch problematisch ist. Seine Rede in Freiburg, wo er eine Stärkung der Kirche durch Ent-Weltlichung und Rückbesinnung auf das eigentlich Kirchliche fordert, muss man wohl auch in diesem Zusammenhang sehen. Es ist verständlich, dass dieser gar nicht so verborgene Sprengsatz manche beunruhigt.    

FreieWelt.net: Was werden diese Reden denn nun konkret bewirken?

Martin Lohmann:lt:  So charmant sie auch vorgetragen wurden, so weitgehend in ihren Konsequenzen sind sie letztlich doch. Man wird sich, und jetzt rede ich vor allem von der so genannten deutschen Kirche, über kurz oder lang entscheiden müssen. Entweder einen eigenen Weg gegen oder ohne den aktuellen Petrus und ohne Rom, oder den Weg der Weltkirche in Treue und Gemeinschaft mit dem Papst, einer Weltkirche, in der wir als Kirche in Deutschland nicht wirklich der Mittelpunkt sind oder sein können. Strukturell sind wir stark und beeindruckend, finanziell auch. Aber sind wir das in gleicher Weise auch spirituell? Der Papst, der seine deutsche Heimat bestens kennt, scheint da seine Zweifel zu haben. Also: Was wir jetzt dringend brauchen, ist eine geistige Erneuerung. Die aber kann man nicht verordnen, die kann nur aus den Herzen, den auf Gott hörenden Herzen und aus betenden Seelen kommen. Darauf hat der Papst mehr als einmal hingewiesen. In diesem Sinne ist ja auch für die Kirche das Motto zu verstehen: Wo Gott ist, da ist Zukunft.

FreieWelt.net: Es gab Enttäuschungen, in der Ökumene und bei wiederverheiratet Geschiedenen. Hätte der Papst da nicht mehr sagen können? Hätte er auf die flehentliche Bitte des Bundespräsidenten nicht erkennbarer reagieren können?

Martin Lohmann: Vielleicht. Aber er hat ja reagiert, indem er sich nicht über die Lehre der Kirche stellte, sondern als ihr treuer Diener sprach und lehrte. Auch ein Papst kann nicht einfach mal so an einem Sakrament der Treue rumbasteln oder auf bestimmte Lebensbrüche öffentlich so reagieren, dass die Weltkirche einiges mal eben umschreiben muss. Ich bin mir sicher, dass dieser Papst, der kein Mann des Verurteilens ist, sondern ein Verstehender und Barmherziger, sehr wohl um die Nöte derer weiß, deren Lebensentwurf nach einer gültig und sakramentalen Eheschließung scheitert. Aber er weiß eben auch, dass die sakramental geschlossene Ehe ein Abbild der Treuebeziehung zwischen Christus und seiner Kirche ist, wo es ja auch keine Auswechslung geben kann. Das ist möglicherweise für manche hart, war es übrigens auch schon für die Jünger, die ihrem Herrn vorhielten, Moses sei da weicher gewesen.

FreieWelt.net: Und bei der Ökumene? Verstehen Sie jene, die nun enttäuscht sind, weil es etwa keine Abendmahlsgemeinschaft gibt?

Martin Lohmann: Nicht wirklich. Denn man konnte doch nicht allen Ernstes erwarten, dass der Papst ausgerechnet in Deutschland eine Sonderregelung in einem Kernpunkt des Glaubens zulassen könnte. Das geht nicht, und das kann er selbst gar nicht. Auch er steht nicht über der Eucharistie, in der nach katholischem Glauben Christus real, also wirklich und leibhaftig gegenwärtig ist. Das ist nach katholischem Glauben das Allerheiligste, also etwas, das man weder gebrauchen noch missbrauchen kann oder darf. Dieser eucharistische Christus ist nicht Mittel zur Einheit, sondern Zeichen der gegebenen Einheit aller, die an diese Realpräsenz glauben. Es wäre also unredlich, dies nicht zu respektieren.

FreieWelt.net: Aber es muss doch weitergehen in der Ökumene, oder?

Martin Lohmann: Ja, unbedingt. Denn die Spaltung ist und bleibt ein Skandalon. Allerdings sollten wir nicht vergessen, was alles in ökumenischer Eintracht heute selbstverständlich ist, wovon unsere Großeltern nur träumen konnten. Nicht einmal die Taufe war früher gegenseitig anerkannt. Wir sind schon ziemlich weit, doch wir brauchen auch Geduld. Und wenn ich ehrlich sagen darf: Auch Katholiken haben Wünsche und dürfen solche an ihre evangelischen Mitchristen richten.

FreieWelt.net:Welche haben Sie denn?

Martin Lohmann: Zum Beispiel, dass wir in der Ökumene lutherischer werden.

FreieWelt.net: Wie bitte, das sagen Sie als Katholik?

Martin Lohmann: Ja. Ich kann es auch unterfüttern. Ich wünsche mir zum Beispiel, dass auf protestantischer Seite das Sakrament der Beichte wiederendeckt wird, das Martin Luther so viel bedeutete und das ihm kostbar war. Spätere Reformatoren haben es dann weggefegt. Leider. Und ich wünsche mir, dass die Martin Luther so wichtige Verehrung der Gottesmutter Maria wieder entdeckt wird. Immerhin verdanken wir dem Marienverehrer Martin Luther die wundervolle Übersetzung des Magnificat. Sie sehen: Es gibt noch viel im Vorfeld der Tischgemeinschaft zu tun. Die Ökumene bleibt faszinierend. Und sie muss mit Herz und Augenmaß betrieben werden. Je näher wir alle gemeinsam Christus kommen, je mehr wir gemeinsam und Gott nähern, desto klarer wird die Ökumene.

FreieWelt.net: Dennoch, um auf den Papstbesuch zurückzukommen, wird die Kirche in Deutschland ja kleiner. Ist das beunruhigend?

Martin Lohmann: Es macht sicher traurig, wenn manche gehen. Es ist schade, dass die Schönheit und Wahrheit des christlichen Glaubens in Europa immer weniger Menschen erreicht. In anderen Teilen der Welt wächst die Kirche ständig und beeindruckend schnell. Da kommen Millionen dazu. Nie ist die Kirche so gewachsen wie in den vergangenen Jahren. Und was uns im so gesehen kleiner gewordenen Deutschland angeht: Die Allermeisten bleiben doch und fühlen sich offenbar angezogen vom Geist der Wahrheit. Aber hier schließt sich ja der Kreis. Denn Sie bestätigen mit Ihrer Frage soeben, was der Papst letztlich fordert, wozu er Mut macht: geistvoller zu werden, christusförmiger zu leben, ansteckender mit Herz und Seele zu sein. Wissen Sie, ich glaube, dass wir in  eine Zeit der Entscheidung – auch und gerade für viele Christen – kommen werden. Das Christentum gerade hier in Deutschland muss entschiedener werden. Dann wird es auch anziehender. Und glaubwürdiger. So gesehen kann man sagen: Der Papst zwingt ziemlich charmant und deutlich zum Bekenntnis. Er lädt dazu ein. Das war und ist echter Petrusdienst.

FreieWelt.net: Herzlichen Dank für das Interview. 

Das Interview führte Christoph Kramer.

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