“Cannabis ist gefährlicher als Tabak oder Alkohol”

23. September 2010, 09:42 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Redaktion

Der Philosoph, Soziologe und Publizist Dr. Alexander Ulfig kommt bei seiner Arbeit immer wieder mit jungen Menschen in Kontakt, die regelmäßig Cannabisprodukte konsumieren.  Angesichts der negativen Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten und die Persönlichkeitsstruktur, die er bei diesen beobachten konnte, warnt er davor, die vermeintlich weiche Droge zu unterschätzen und die Folgen des Kiffens zu verharmlosen.  

FreieWelt.net: Welche Probleme entstehen Ihrer Ansicht nach durch den Konsum von Cannabisprodukten?

Alexander Ulfig: Der regelmäßige Konsum von Cannabisprodukten wie auch von anderen Drogen zerstört den Menschen. Ich habe seit vielen Jahren Kontakt zu Studenten, die regelmäßig Cannabis-Produkte konsumieren beziehungsweise konsumierten. Dabei ist mir an ihrem Verhalten Folgendes aufgefallen: Sie sind nicht in der Lage, sich auf eine Aufgabe über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren oder eine größere Aufgabe in Angriff zu nehmen. In Diskussionen können sie keine klaren und schlüssigen Argumentationen vorbringen.

Stattdessen springen sie unzusammenhängend von einem Gedanken zum anderen (das nennt man in der Kiffer-Szene „assoziatives Denken“). Darüber hinaus wirken sie antriebslos und unmotiviert. Alles scheint ihnen egal zu sein. Der Cannabis-Konsum hat demnach nicht nur einen negativen Einfluss die kognitiven Fähigkeiten, sondern auch auf die Persönlichkeitsstruktur.

FreieWelt.net: Rechtfertigen diese Probleme ein gesetzliches Verbot?

Alexander Ulfig: Ich bin ein liberaler Mensch. Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden. Meine Vorbehalte gegenüber dem Cannabis-Konsum beruhen auf den oben genannten Beobachtungen und gründen in der Sorge um junge Menschen. Es bricht mir einfach das Herz, wenn ich sehe, wie sich junge Menschen mit Drogen zugrunde richten. Dabei handelt es sich nicht um eine kleine Minderheit. Eine ganze Generation von Schülern und Studenten ist von der Krankheit „Kiffen“ betroffen. Wenn sich so viele Menschen mit einer Droge selbst zerstören, dann rechtfertigt es ein gesetzliches Verbot.
Doch ich würde zunächst eine offene, freie und ehrliche Debatte über den Cannabis-Konsum vorziehen. Eine solche Debatte findet derzeit nicht statt, weil viele Verantwortliche in Politik, Medien und Wissenschaft die negativen Folgen des Cannabis-Konsums verharmlosen. Kiffen gehört für mache Menschen zur alternativen Lebensweise. Es wird als Ausdruck von Freiheit und antibürgerlicher Gesinnung angesehen.

FreieWelt.net: Allein in Deutschland fordern Alkohol und Tabak jedes Jahr Zehntausende von Toten. So sterben im Schnitt 40.000 Menschen in Deutschland jedes Jahr an den Folgen von Alkoholmissbrauch, bei Tabak sind es über 100.000 – das sind mehr als bei allen illegalen Drogen zusammen und die bei Straftaten im Alkoholrausch getöteten Menschen sind noch nicht mitgerechnet.  Ist es da nicht etwas willkürlich, ausgerechnet Cannabis, für das bisher kein einziger Todesfall mit letzter Sicherheit nachgewiesen werden konnte, zu verbieten?

Alexander Ulfig: Ich bin auch kein Freund von Alkohol und Tabak, und das nicht zuletzt aufgrund von eigenen negativen Erfahrungen mit diesen beiden Drogen. Ich bin der Meinung, dass Menschen mit klarem Kopf, also ohne Drogen, mit ihren Problemen fertig werden und dass sie ohne Drogen ihre Ängste, Konflikte und Depressionen bewältigen können. Das ist mein Menschenbild. Wie Sie zurecht betonen, erkranken und sterben jährlich Tausende von Menschen am Konsum der von Ihnen genannten „Zivilisationsdrogen“. Warum sollte man eine weitere Droge legalisieren, die dann noch mehr Menschen krank machen würde? Das ist doch unlogisch.

Außerdem sagen mir meine Beobachtungen, dass der regelmäßige Konsum von Cannabis gefährlicher ist als der Konsum von Alkohol und Tabak. Ich weiß, hier werden viele aufschreien und behaupten, dass es Hunderte von wissenschaftlichen Untersuchungen gibt, die das Gegenteil beweisen. Ich glaube an die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse. Aber in diesem Fall weiß man noch viel zu wenig, um von gesicherten Erkenntnissen zu sprechen. Man weiß zu wenig über die Einwirkung von Cannabis auf das menschliche Gehirn und die langfristigen Folgen des Cannabis-Konsums.

Zweitens habe ich schon so oft erlebt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse, die zeitlang gegolten haben, durch entgegengesetzte Erkenntnisse abgelöst wurden. Der Publizist Henryk M. Broder hat das neulich in einer Diskussion bei Maybritt Illner folgendermaßen ausgedrückt: „Dieser Anspruch der Wissenschaftlichkeit ist sowieso albern, weil sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse verjähren, spätestens nach fünf Jahren, und werden durch gegenteilige Erkenntnisse ersetzt.“ So weit würde ich nicht gehen, aber meine Beobachtungen und die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den negativen Folgen des Cannabis-Konsums klaffen zu weit auseinander. Ich verlasse mich in diesem Fall mehr auf meine Beobachtungen und meinen Verstand.

FreieWelt.net: Selbst wenn es gefährlich ist: Ist es erwachsenen Menschen nicht überlassen, selbstzerstörerisch handeln?

Alexander Ulfig: Ich spreche hier vor allem von jungen Menschen, die die Folgen des regelmäßigen Cannabis-Konsmus noch nicht richtig abschätzen können. Es gehört nicht zu meiner Vorstellung von Freiheit und Autonomie, dass sich Menschen, ob junge oder erwachsene, selbst zerstören. Auch hier spielt mein Menschenbild eine wichtige Rolle. Ich glaube nicht, dass sich Menschen gerne oder aus freiem Willen selbst zerstören. Hinter dem Willen zur Selbstzerstörung stehen in erster Linie ein schwaches Selbstwertgefühl, ferner Kränkungen sowie ungelöste Konflikte und Probleme.

Der regelmäßige Konsum von Drogen macht früher oder später süchtig. Damit verlieren Menschen ihre Freiheit und Autonomie. Der Bestseller-Autor Allen Carr hat in seinem Buch „Endlich Nichtraucher!“ Drogen mit fleischfressenden Pflanzen verglichen, die einen erst mit süßem Nektar locken und dann ganz langsam verspeisen. Das Süchtigmachen liegt in der Natur von Drogen.

FreieWelt.net: Wird ein Cannabis-Verbot nicht schon durch die hohe Verbreitung ad absurdum geführt?  Würde man zum Beispiel tatsächlich durchsetzen, dass alle kiffenden Krankenpfleger, Ärzte und Rettungsassistenten ihren Berufen nicht mehr nachgehen könnten, wie es die derzeitige Rechtslage im Prinzip vorsieht, wäre dies ein schwerer Schlag für unser Gesundheitssystem.

Alexander Ulfig: Dass etwas weit verbreitet ist, ist noch kein Grund dafür, es legalisieren zu müssen. Und niemand möchte durchsetzen, dass alle kiffenden Menschen einen Berufsverbot erhalten. Es geht hier nicht um ein Berufsverbot, sondern um das Verbot einer Droge. Die Legalisierung wird dazu führen, dass eine weitere Droge gesellschaftlich anerkannt wird. Das kann nicht die Lösung sein.

FreieWelt.net: Was für eine Drogenpolitik halten Sie für wünschenswert?

Alexander Ulfig: Ich halte eine Drogenpolitik für wünschenswert, die sich mehr auf die psycho-sozialen Ursachen des Drogenkonsums konzentrieren würde. Warum konsumieren so viele junge Menschen Drogen? Sie werden in Familie und Schule vernachlässigt. Viele wachsen ohne einen Elternteil, meist ohne Vater, auf. Es fehlen ihnen kompetente Gesprächspartner, mit denen sie über ihre Sorgen sprechen könnten. Es fehlen ihnen positive Vorbilder und Orientierung. Viele wissen nicht, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollen. Sie werden zu wenig gefördert. Das gilt insbesondere für Jungen und junge Männer. Bei der Lösung dieser Probleme ist nicht nur die Politik, sondern die ganze Gesellschaft gefragt.
Oft wird von der bewusstseinserweiternden Wirkung von Drogen gesprochen. Da kann ich nur lachen. Die buddhistischen Mönche zum Beispiel erreichen mit absolut klarem Kopf, also ohne jeglichen Drogen-Konsum, die höchsten Formen von Bewusstseinserweiterung. Solche Vorbilder brauchen junge Menschen.

FreieWelt.net: Herr Dr. Ulfig, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Das Interview führte Fabian Heinzel

zum Interview mit Jan Filter, der im Rahmen der FreieWelt.net-Debatte zum Thema “Cannabis” für eine Freigabe von Cannabis plädiert

(Bild: Alexander Ulfig)

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