Betreuungsgeld schafft “Gleichberechtigung der unterschiedlichen Lebensentwürfe”

08. Juni 2012, 03:59 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , | von Redaktion
Foto: Stefanie Selhorst/privat
Redaktion FreieWelt.net

Die Diskussionen um das für 2013 geplante Betreuungsgeld reißen auch nach dem Kabinettsbeschluß der Ministerien nicht ab. Stefanie Selhorst, Mutter von drei Kindern zwischen 13 und 18 Jahren und Autorin, begrüßt die Einführung des Betreuungsgeldes und erhofft sich davon eine „Gleichberechtigung unterschiedlicher Lebensentwürfe“. Mit FreieWelt.net sprach Selhorst über ihr "JA" zum Betreuungsgeld, Hartz-IV-Anrechnung und warum es für sie außer Frage stand, ihre Kinder daheim selbst zu betreuen und zu erziehen.

FreieWelt.net: Sie sind aus Überzeugung Hausfrau und Mutter. Zuletzt verteidigten Sie Ihren Beruf sehr leidenschaftlich in Ihrem Buch „Nur. Essay zum Beruf“. Was hätte sich für sie geändert, wenn es damals, als Ihre Kinder noch klein waren, das Betreuungsgeld schon gegeben hätte?

Stefanie Selhorst: Damals hätte sich überhaupt nichts geändert. Es ging uns wirtschaftlich so gut, dass wir das Betreuungsgeld für die Ausbildung jedes einzelnen Kindes angelegt hätten. Das würde uns heute das Leben leichter machen. Unsere Kinder sind 18, 15 und 13 Jahre alt. Der Älteste fängt im Herbst an zu studieren. Dafür könnten wir das Geld jetzt gut gebrauchen, wenn es diese Leistung damals schon gegeben hätte.

FreieWelt.net: Was glauben oder hoffen Sie, welche Auswirkungen wird die Einführung des Betreuungsgeldes auf unsere Gesellschaft haben?

Stefanie Selhorst: Ich hoffe, dass es eine neue Gleichberechtigung der unterschiedlichen Lebensentwürfe geben wird. Ich habe überhaupt nichts gegen Eltern, die sich für die Ganztagsbetreuung ihrer ein und zweijährigen Kleinstkinder in staatlichen Krippen entscheiden. Ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht sonderlich, und es geht mich auch nichts an. Im Gegenzug erwarte ich aber einen sofortigen Stopp der unsäglichen Diffamierungen Alltags erziehender Eltern. Es gibt im Grunde zwei Haltungen zur Kleinstkinder-Betreuung. Die können doch wunderbar nebeneinander gelebt werden ohne sich gegenseitig zu behindern. Ich verstehe die Aufregung nicht. Wenn die Betreuungsgeldgegner befürchten, dieses würde die Investitionen in die Krippenqualität behindern, dann erscheint mir das doch ein wenig lächerlich. Das Verhältnis der staatlichen Ausgaben für die Betreuung von Ein- und Zweijährigen liegt bei 10 zu 1. Zehn Teile für die Krippenerziehung und ein Teil für die anderen.

FreieWelt.net: Von einigen Gegnern des Betreuungsgeldes wird gegen eine Barzahlung gern das Argument bemüht, daß das Geld zweckentfremdet verwendet würde, für Flachbildschirme oder Zigaretten. Wofür hätten sie das Geld ausgegeben?

Stefanie Selhorst: Unser Ältester hat sich schon als Kindergartenkind mit Recht und Unrecht auseinandergesetzt. Und nun möchte er Jura studieren. Dafür würden wir jetzt, wie oben schon angeführt, das Geld ausgegeben. Meiner Jüngsten würde ich jetzt liebend gern ein eigenes Saxophon kaufen – ein Herzenswunsch. Ihre Freundin hat eins, die Eltern sind beide ganztags erwerbstätig. Trotzdem möchten wir beide, sie und auch ich keinen einzigen unserer gemeinsamen Alltage missen, auch die schlechten nicht. Sie waren so wichtig für unsere Entwicklung. Und außerdem: ein geliehenes Saxophon ist auch nicht zu verachten.

Können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlt von Harz IV leben zu müssen? Das Schlimmste ist sicherlich, mit anzusehen, wie die Kinder darunter leiden, dass sie nicht teilhaben können. Teilhaben an den neuesten Neuerungen der Unterhaltungselektronik. Sicher, Sie stehen vielleicht darüber! Aber Grundschulkinder schaffen das mitunter nicht. Und die Eltern, die Ihre Kinder über alles lieben und ihnen Teilhabe schenken möchten, die kaufen dann eben einen Flachbildschirm. Ist das schlimm? Schlimm ist für mich nur Lieblosigkeit gegenüber Kindern. Sonst nichts. Lieblos wäre es, z.B. ein Kind per Gesetzt Alltags von seinen türkischen Eltern zu trennen, damit es frühkindlich gebildet und damit nützlich für unsere Gesellschaft wäre. Das wäre viel schlimmer, also liebloser, als der Kauf eines Flachbildschirms.

FreieWelt.net: Welchen Vorteil haben Ihre Kinder Ihrer Meinung daraus gezogen, daß sie nicht in einer Kinderkrippe und später in einem Kindergarten betreut wurden, sondern Sie sich selbst um sie gekümmert haben?

Stefanie Selhorst: Mir geht und ging es nie um Vorteile für meine Kinder. Sie sind nicht schlauer oder besser als solche, die in der Krippe waren. Wenn Sie das meinen. Uns, meinem Mann und mir, geht es um Wahrheit, Glauben und Demut. Wenn Gott uns Kinder schenkt, dann ist es sein Auftrag an uns, sie zu behüten bis sie uns nicht mehr brauchen. Das war und ist ein zutiefst persönlicher Appel an uns, den wir nie ohne Not an Dritte und dazu noch Wildfremde delegieren würden. Auf diese Idee kämen wir gar nicht. Auch heute noch nicht. Wären wir in Not geraten, so hätten wir unsere Kinder zwar in die Krippe geschickt, wir hätten aber nicht so getan, als wäre das die Lebensform unserer Wahl. Wir hätten sehr gelitten und das auch zugegeben. Am Unerträglichsten wäre für mich der Gedanke, ein Baby nach Stunden abends von der Krippe abzuholen und es könnte uns nicht erzählen, was es erlebt hat, weil es noch nicht sprechen kann. Neulich war ich in einem Riesenkindergarten mit fast 200 Kindern. Die Kindergärtnerin, die uns herumführte, war stolz darauf, den Eltern abends nicht sagen zu können, wo ihr Kind war und was es gemacht hat. Das wäre für uns ein einziger Alptraum gewesen.

Nun sind meine Kinder, wie gesagt, nicht schlauer oder besser als ehemalige Krippenkinder. Doch ich hoffe, sie sind – wie ihre Eltern – demütig. Demütig, insofern, als sie Gott fragen, wo ihr Weg ist.

Ein echter Vorteil, den die Kindererziehung zu Hause und durch die eigenen Eltern hat, ist ein kultureller. Wir beide, mein Mann und ich kommen aus wunderbaren alten katholischen Familien die an uns einen großen kulturellen Reichtum tradiert haben. Den können wir nun in aller Ruhe an unsere Kinder weitergeben und uns dabei aufgehoben fühlen in der Liebe und der Weisheit unserer Ahnen, die so schnell nicht aufhören wird.

Der große kanadische Entwicklungspsychologe, Gordon Neufeld, ein Verfechter der Bindung, weist immer wieder auf folgenden Umstand hin: Verweist man Kinder während ihres Heranwachsen hauptsächlich auf Gleichaltrige, so werden diese sich aneinander binden. Weil Bindung ihrer Natur nach polar ist, schließt sie die Bindung an Erwachsene mit der Zeit immer mehr aus. Die Gleichaltrigen-Orientierung hat für das Kind viele Nachteile. Einer ist, dass Gleichaltrige noch nicht reif genug sind, um der großen Verantwortung füreinander gerecht zu werden. Deshalb werden sie sich gegenseitig verletzen. Die Verletzungen führen zu emotionalen Panzerungen. Nur die machen es erträglich, von denen, an die man gebunden ist, schlecht behandelt zu werden. Panzerzungen aber verhärten das Gemüt, auch das Gute und Liebenswerte erweicht dann die jugendlichen Herzen nicht mehr. Jeder kennt sie ja, die coolen kids. Ein weiterer Nachteil der Gleichaltrigen-Orientierung ist das Abgeschnitten-Sein von den Erwachsenen und damit von der Tradition. Es bildet sich mit jeder Kohorte eine neue waagerechte Kultur aus, die nichts von oben annimmt und nichts nach unten weiterreicht. Diesen Nachteil haben unsere Kinder definitiv nicht, sie können profitieren, von dem was andere vor ihnen erfahren haben und weiterreichen, was sie selber erlebt haben, mit ihren weichen und verletzlichen Herzen. So gesehen, sind sie in unsere Gesellschaft wahrscheinlich ziemlich nachhaltig eingebunden.

FreieWelt.net: Und was hat es Ihnen gebracht?

Stefanie Selhorst: Danach fragen Kaufleute, nicht Eltern.

Vielen Dank für das Gespräch!


Stefanie Selhorst: Nur. Essay zum Beruf. Fe-Medienverlag 2010. 

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