Bei Zulassung der PID droht ein “Dammbruch” – Interview mit Andrea Nahles

16. Mai 2011, 12:53 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Foto: Andrea Nahles
Redaktion FreieWelt.net

Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hat zusammen mit weiteren knapp 200 Bundestagsabgeordneten den Gesetzesentwurf für ein vollständiges Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland unterschrieben. FreieWelt.net sprach mit Frau Nahles über die Auswirkungen einer PID-Zulassung auf unsere Gesellschaft, vor allem auf behinderte Menschen bzw. Familien mit behinderten Kindern und ihre ganz persönlichen Gründe, den PID-Verbots-Antrag zu unterstützen.

FreieWelt.net: Sie haben sich bei der von der Zivilen Koalition e.V. und Durchblick e.V. initiierten Abgeordnetenbefagung zur PID-Debatte für ein klares Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) ausgesprochen. Aus welchen Gründen unterstützen Sie den PID-Verbots-Antrag?

Andrea Nahles: Ich unterstütze den PID-Verbotsantrag zuallererst aus dem tiefen Glauben daran, dass jedes menschliche Leben gleich viel wert ist. Ich sehe es letztlich wie Erzbischof Robert Zollitsch. Bei Zulassung der PID droht ein “Dammbruch”. Ein Dammbruch, den ich nur schwer erträglich finde. Denn letztlich steht hier die Frage im Raum: Welches Leben ist lebenswert? Wer entscheidet das?
Außerdem stellt sich das Problem, dass immer mehr Embryonen erzeugt werden müssen, als eingepflanzt werden können. Was passiert mit den überzähligen Embryonen? Die Frage ist vollkommen unbeantwortet, höre ich. Vielleicht will das aber auch niemand so genau wissen.
Derzeit können medizinisch 120 Erbkrankheiten unterschiedlichen Schweregrades nachgewiesen werden. Ob eine solche Erbkrankheit tatsächlich im späteren Leben ausbricht, ist in vielen Fällen völlig offen. Wir wissen es schlicht nicht, wenn im Labor darüber entscheiden wird. Derzeit reden wir nur über die wenigen Fälle von schweren Erbkrankheiten. Wer sagt aber, dass es dabei bleibt? Ich bin pessimistisch. Heute sind wir im deutschen Parlament weitgehend einig, dass es nur wenige Ausnahmen geben soll. Es ist jedoch ein zutiefst menschlicher Wunsch, ein Kind nach eigenen Vorstellungen zu haben. Ein gesundes Kind. Wenn etwas geht, dann wird es gemacht. Das lehrt uns die Geschichte der Menschheit. Sind wir uns also sicher, dass wir verantwortlich handeln und das auch in Zukunft, wenn wir jetzt Ausnahmen legitimieren? Bisher gibt es hier eine klare Grenze in Deutschland.

FreieWelt.net: Sollte es den betroffenen Eltern nicht selbst überlassen bleiben, bei dieser wichtigen Frage eine Entscheidung zu treffen?

Andrea Nahles: Wie gesagt, es ist ein zutiefst menschlicher Wunsch, ein Kind nach eigenen Vorstellungen zu haben. Dies geht aber im Falle von PID damit einher, dass wir ein Leben als lebenswerter ansehen als ein anderes. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der menschliche Defizite als etwas “anormales” angesehen werden.

FreieWelt.net: In vielen Ländern Europas ist die PID unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt und mittlerweile eine gängige Untersuchung bei der künstlichen Befruchtung. Steht bei einem PID-Verbot in Deutschland nicht zu befürchten, daß viele Paare sich im Ausland Hilfe holen?

Andrea Nahles: Wir sprechen hier über ein geringe Zahl von nur ca. 200 betroffenen Paaren in Deutschland. Natürlich kann man diese Art des Reproduktions-Tourismus nicht verhindern, aber dieses Argument trifft auch auf alle anderen Gesetze zu, die wir machen. Menschen lassen sich in Polen den Zahnersatz machen oder holen sich Spendersamen aus den USA. Das kann man nicht verhindern. Trotzdem ist es unsere Pflicht als Gesetzgeber, die Regeln für unser Land neu zu justieren.

FreieWelt.net: Eltern, die sich für eine künstliche Befruchtung entschieden haben, haben zumeist schon einen langen Leidensweg vieler enttäuschter Hoffnungen auf ein eigenes Kind zurückgelegt. Wie stehen Sie zu der Ansicht viele Unterstützer einer PID-Zulassung, daß die PID das Leiden dieser Eltern vermindern kann?

Andrea Nahles: International gibt es bislang noch keine Studie, die belegt, dass durch PID die Zahl der Fehlgeburten oder Schwangerschaftsabbrüche insgesamt gesenkt werden kann. Fehl- und Totgeburten können neben genetischen auch hormonelle oder organische Ursachen haben, denen durch die PID nicht abgeholfen werden kann. Zudem ist es bei vielen genetischen Störungen schwierig, die Überlebensfähigkeit eines Kindes bzw. seine Lebenserwartung exakt zu prognostizieren.
Viele Familien mit behinderten Kindern erhalten heute vom Staat und der Gesellschaft immer noch nicht die Unterstützung und Hilfe, die sie verdienen. Statt den Ausweg in einer Auswahl nach genetischen Qualitätsmerkmalen zu suchen, ist es unser Ziel, Menschen mit schweren Krankheiten und Behinderungen und ihren Angehörigen bestmöglich zu unterstützen und ein weitestgehend normales und gleichberechtigtes Leben zu ermöglichen. Hier ist noch viel zu tun. Es bedarf umfassender gesellschaftlicher Bemühungen im Bereich der Antidiskriminierung und Barrierefreiheit sowie angemessene Maßnahmen zur individuellen Unterstützung, um die Ziele der UN-Behindertenkonvention auch in Deutschland endlich umzusetzen.
Eine eben solche Unterstützung wollen wir auch den Paaren geben, die mehrfach Tot- oder Fehlgeburten erleiden müssen. Die Zulassung der PID ist in unseren Augen aus den o.g. Gründen allerdings keine Option, weil ihre negativen gesellschaftlichen Auswirkungen die positiven weit überwiegen würden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten Sven von Storch und Kerstin Schneider

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