Begeisterung und freier Wille als Fluidum der Bildungsprozesse – Interview mit Prof. Dr. Rainer Patzlaff

01. März 2011, 09:29 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , | von
Prof. Dr. Rainer Patzlaff/privat
Redaktion FreieWelt.Net

Prof. Dr. Rainer Patzlaff ist Leiter des Instituts für Kindheitspädagogik der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft. Zudem leitet der Autor zahlreicher medienpädagogischer Publikationen und ehemaliger Waldorflehrer seit 2001 das Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie in Stuttgart (IPSUM). Im Interview mit FreieWelt.net sprach Prof. Patzlaff über Leistungsdruck in der Erziehung, PISA, frühkindliche Bildung und nachhhaltige Bildungskonzepte.

FreieWelt.net: Aktuell wird wieder heftig über Bildung und Erziehung gestritten. Anlass ist das Buch „Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“ von Amy Chua, das kürzlich auf Deutsch erschienen ist. Darin kritisiert die „Tigermutter“ den westlichen Erziehungsstil als verweichlicht und propagiert Strenge und Disziplin. Asiatische Schüler schneiden in vergleichenden Bildungsstudien zumeist überdurchschnittlich gut ab – hat sie also recht?

Prof. Patzlaff: Amy Chua  reproduziert eine simple, uralte Erfahrung, nämlich die, dass der Mensch am Widerstand erstarkt. Wie ein Muskel erst durch ständige Anstrengung sein volles Volumen erreicht, wächst auch der junge Mensch in seinen Kräften und Fähigkeiten, wenn er Aufgaben zu bewältigen hat, wenn er gefordert ist. Erst dann entdeckt er das Entwicklungspotential, das in ihm liegt, und weiß, dass sich Anstrengung lohnt. Wer aber in einer Wohlstandsgesellschaft aufwächst,dem fordert das äußere Leben immer weniger Anstrengungen ab und das Gegenteil von Kräfte-Aufbau tritt ein. So teilte z.B. ein Kindergarten kürzlich den Eltern mit, dass der wöchentliche Ausflug in den Wald nicht mehr stattfinden könne, weil zu viele Kindern nicht mehr in der Lage seien oder sich weigerten, die ca. 900 Meter bis zur Straßenbahnhaltestelle zu Fuß zu bewältigen. Da ist Amy ChuasVorwurf der Verweichlichung durchaus berechtigt.

Nun schlägt aber bei Chua – wie so oft in der Geschichte – das Pendel von der einen Seite ebenso heftig nach der anderen Seite aus, hin zu einem Trimmen der Kinder auf lückenloses Timing, auf Ehrgeiz, Leistung und Erfolg. Sie verkennt, dass sie dadurch ihrerseits einen gravierenden Fehler macht: Der permanente Zeit- und Leistungsdruck lässt kaum mehr Raum für freies Spielen. Das Spielen, von dem schon Schiller sagte, es mache den Menschen überhaupt erst zum Menschen, gilt in der modernen Kindheitsforschung als das schöpferischste Potential des kleinen Kindes schlechthin. Seine einzigartige Besonderheit liegt ja gerade darin, dass es vollkommen zweckfrei ist, ganz aus dem Kinde selbst kommt und keinen vorgegebenen Leistungszielen dient. Hier erkundet das kleine Kind ohne Vorgaben des Erwachsenen die Welt und sich selbst. Der Erfolg, den Amy Chua feiert, hat also einen hohen Preis, einen zu hohen, wie ich meine: Sie raubt dem Kinde die Kindheit.

FreieWelt.net: Die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie zeigen zwar eine leichte Verbesserung beispielsweise der Leseleistung deutscher Schüler, von den Spitzenplätzen ist Deutschland aber noch immer weit entfernt. Dabei ist in den letzten Jahren eine Menge unternommen worden, um die deutschen Schüler fit für den internationalen Vergleich zu machen. Warum greifen diese Maßnahmen nicht?

Prof. Patzlaff: Nicht wenige deutsche Politiker sind auf Staatskosten nach Finnland gereist, um herauszufinden, warum die Kinder in skandinavischen Ländern zu den „PISA-Siegern“ gehören. Was sie vorfanden, war ein Schulsystem, bei dem bis ins Jugendalter hinein alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden, ohne den Druck einer frühzeitigen Selektion. Und welche Lehre zogen die Politiker daraus? Am dreigliedrigen deutschen Schulsystem müsse man gar nichts ändern!  So doktert man heute an den Symptomen herum, um die Schülerinnen und Schüler fit zu machen für PISA.
Das aber ist gar nicht so einfach: Hirnforscher wie Manfred Spitzer oder Gerald Hüther lehren uns, dass ein wirklich effizientes, nachhaltiges Lernen eine Pädagogik voraussetzt, bei der das Lernen eingebettet ist in eine warme emotionale Beziehung zwischen Lehrer/in und Schüler/in, wo das Lernen Freude macht und sich am Unterrichtsstoff Begeisterung entzündet. Wie soll diese Wärme und Begeisterung entstehen, wenn einem Schulanfänger, der noch nicht lesen kann, bereits ein bedenkliches Defizit bescheinigt wird, wenn schon am Ende der ersten Klasse Ergebnisse erwartet werden, die Kindern mit einem langsameren Entwicklungstempo noch gar nicht möglich sind, wenn über den Grundschuljahren wie ein Damoklesschwert die drohende Nichtzulassung zum Gymnasium schwebt und das Urteil der Lehrer bereits in jungen Jahren über das Schicksal des Kindes entscheidet?? Druck erzeugt Angst, und Angst blockiert das Lernen. Das lässt sich bis in die Gehirnfunktionen hinein nachweisen.

So richtig es ist, dass ein Kind und besonders ein Schulkind Aufgaben braucht, an denen es wachsen kann, so darf daraus doch kein Zwang werden, dem sich das Kind zu unterwerfen hat. Die Begeisterung und der freie Wille, sich der Herausforderung zu stellen, müssen als Fluidum des Bildungsprozesses erhalten bleiben. Leider setzt sich bei uns nur langsam die Erkenntnis durch, dass es nicht darum gehen kann, Kinder „schulgerecht“ zu trimmen, so dass sie passgenau den Anforderungen des Systems entsprechen, sondern umgekehrt die Schule „kindgerecht“ zu gestalten.

FreieWelt.net: Aber die Asiaten erreichen doch trotz des gewaltigen Drucks Spitzenleistungen. Wie passt das zu Ihren Überlegungen?

Prof. Patzlaff: Kinder sind derartig bildbar und anpassungsbereit, dass man mit ihnen nahezu alles machen kann. Man kann sie, wenn man das will, auch zu Kindersoldaten machen, die skrupellos töten. Die Frage ist nur, was wir damit anrichten. Wenn die Lernerfolge in Asien, wie übereinstimmend berichtet wird, allein dadurch erreicht werden, dass sieben Tage in der Woche bis zur Erschöpfung gepaukt werden muss und selbst die angeblichen Pausen bis ins letzte durchorganisiert sind, also keinerlei wirkliche Freiräume bleiben, dann wird das Leben eines jungen Menschen der Leistungshetze geopfert, und wer da nicht mithalten kann, sieht auch keinen Sinn mehr in seinem Leben. Kein Wunder, dass die psychischen Zusammenbrüche und Suizide bei asiatischen Schülern rapide zugenommen haben. Inzwischen befällt ja die Chinesen selbst schon der Zweifel, ob die Erfolge nicht zu teuer erkauft sind.

Insofern ist es vielleicht sogar ein erfreuliches Zeichen, dass wir in Deutschland weit entfernt von den Spitzenplätzen sind. Offenbar gibt es bei uns doch Hemmungen, die Arbeitsleistung eines Kindes derartig extrem auszubeuten, wie es in Asien geschieht. Außerdem stellen immer mehr Eltern mit Schrecken fest, dass der permanente Druck durch die Schule ihre Kinder regelrecht krank macht. Ärzte wissen darüber viel zu berichten.

FreieWelt.net: Dann hätte es also gar keinen Sinn, sich an den Normen von PISA zu orientieren?

Prof. Patzlaff: Das hängt davon ab, welches Bildungssystem man für das richtige hält. Angenommen, wir hätten in Deutschland flächendeckend ein Kindergarten- und Schulsystem, das den jungen Menschen ohne Aussonderung und Sitzenbleiben, ohne Zeit- und Ergebnisdruck eine durchgängige Bildungsbiographie bis zum 19.Lebensjahr ermöglichen würde, wie es die Waldorfeinrichtungen seit Jahrzehnten praktizieren, und angenommen, dieses System wäre auf eine möglichst breite Entfaltung aller menschlichen Fähigkeiten angelegt, nicht nur der intellektuellen und wissenschaftlichen, sondern auch der künstlerisch-musischen, handwerklichen und sozialen – dann wäre PISA völlig nebensächlich. Unsere Schülerinnen und Schüler könnten bei den Tests mithalten und auch achtbare Ergebnisse erreichen, aber es käme überhaupt nicht darauf an, weil wesentliche Kompetenzen, die eine Persönlichkeit ausmachen, ohnehin nicht messbar sind durch PISA-Studien und ähnliche Erhebungen.

FreieWelt.net: Mit solchen Äußerungen liegen Sie nicht gerade im Trend. Zwar gibt es mancherlei Anläufe, das dreigliedrige Schulsystem zu überwinden, aber das Beispiel Hamburg zeigt, wie zäh nicht nur Lehrerverbände, sondern selbst Eltern am alten gymnasialen System festhalten.

Prof. Patzlaff: Die Situation ist widersprüchlich: Auf der einen Seite wird die Fragwürdigkeit unseres selektierenden Bildungssystems immer klarer erkannt, auf der anderen Seite sorgt die gegenwärtige Wirtschaftssituation für wachsende Ängste vor sozialem und wirtschaftlichem Abstieg und verfestigt damit das alte Denken in den Kategorien von Leistung und Konkurrenz, von Elitebildung und Spitzenplätzen.

Ich stelle immer wieder fest, dass die meisten Eltern gar nicht wissen, welcher Ideologie sie mit dieser Denkweise Vorschub leisten. Es ist ihnen nicht bewusst, dass das Projekt PISA keineswegs von pädagogisch ambitionierten Menschen in Gang gesetzt wurde, denen eine menschengemäße, kindgerechte Bildung am Herzen liegt, sondern von einer internationalen Wirtschaftsorganisation, der OECD, deren erklärtes Ziel es ist, die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Aus wirtschaftlicher Sicht aber hat das Bildungswesen einzig und allein dem Zweck zu dienen, die nachwachsende Generation fit zu machen für den globalen Wettbewerb, für den wirtschaftlichen Überlebenskampf, bei dem das unerbittliche Gesetz des survival oft the fittest gilt.

Wenn man so denkt, dann ist es logisch, dass die „schwächeren“ Schüler aussortiert werden müssen, um den „stärkeren“ nicht im Wege zu stehen. Dann ist es konsequent, auf Eliteschulen und Exzellenzuniversitäten zu drängen und das gesamte Bildungswesen einem permanenten Leistungstest zu unterziehen – wie bei einem Warentest, bei dem auch nur die Spitzenplätze von Interesse sind.

Tatsache ist, dass die Wirtschaft heftigen Druck auf die Bildungspolitik ausgeübt hat mit der Drohung, Deutschland werde seinen wirtschaftlichen Spitzenplatz verlieren und schon bald ins Abseits geraten, wenn das Bildungssystem nicht reformiert werde. Der PISA-Schock schien das zu bestätigen, und so sind die Politiker der Forderung eiligst nachgekommen. Aber die Öffentlichkeit hat kaum bemerkt, dass damit zugleich das von der Wirtschaft geprägte Denkmodell in das Bildungswesen übernommen wurde. Kategorien wie Effizienz, Normierung und Standardisierung, Beschleunigung und Optimierung wurden plötzlich mit der größten Selbstverständlichkeit auf pädagogische Prozesse angewendet, ohne zu fragen, ob sie dort überhaupt am Platze sind. Sogar menschenverachtende Begriffe wie „Humankapital“ und „Ressourcenverschwendung“ tauchten auf, ohne auf größeren Protest zu stoßen.

FreieWelt.net: Zur Kategorie Beschleunigung zählen Sie dann wohl auch, dass immer mehr Bundesländer den Stichtag für die Einschulung nach vorn verlegt haben, in Berlin beispielsweise auf 5 ½ Jahre. Die Gymnasialzeit wurde von 9 auf 8 Jahre verkürzt. Welche Folgen haben solche Veränderungen für die Kinder?

Prof. Patzlaff: Früheinschulung und G-8-Modell sind klassische Beispiele für ein rein wirtschaftliches Denken auf pädagogischem Felde. Einziges Motiv für die Verkürzung der Gymnasialzeit war der späte Eintritt junger Menschen in das Berufsleben, den die Wirtschaft heftig bemängelte. Nun wäre ja gegen diese Verkürzung gar nicht viel einzuwenden, wenn die gesamte Lehrplanstruktur und die Form des Abiturs entsprechend verändert und angepasst worden wären. In der Realität aber wurde am Abitur gar nichts geändert und der bisher auf neun Jahre verteilte Lernstoff in der Regel einfach auf acht Jahre zusammengepresst, mit der Folge, dass sich der Leistungsdruck bis in die unteren Klassen erheblich verschärft hat, was viele Kinder regelrecht krank macht. Den schon vorher zu verzeichnenden Anstieg psychosomatischer Erkrankungen im Schulalter stoppt man auf diese Weise bestimmt nicht….

Nicht weniger fragwürdig ist die Vorverlegung der Einschulungspflicht. Schon in den 70er Jahren gab es entsprechende Versuche, die aber scheiterten, weil sich keinerlei Nutzen für die Kinder nachweisen ließ. Und auch bis heute gibt es weltweit keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis, dass die frühere Einschulung den Kindern Vorteile für ihr schulisches Fortkommen bringen würde. Wohl aber gibt es starke Indizien für das Gegenteil: Bellenberg (1999) und Puhani (2005); um nur zwei prominente Studien zu nennen, konnten mit reichem Datenmaterial nachweisen, dass früher eingeschulte Kinder schon in der 4.Klasse keinerlei Vorsprung mehr vor den regulär eingeschulten Mitschülern hatten, dafür aber ein signifikant erhöhtes Sitzenbleiber-Risiko. Noch gar nicht untersucht ist die Frage, ob eine frühere Einschulung nicht auch ein erhöhtes Risiko für Gesundheit und Leistungsfähigkeit eines Kindes nach sich zieht. Dazu läuft in dem von mir geleiteten IPSUM-Institut in Stuttgart derzeit eine Langzeitstudie. Die Behauptung jedenfalls, frühere Einschulung sei förderlich für die schulische Laufbahn und damit auch für die spätere Berufskarriere, ist eine skandalöse Irreführung der Öffentlichkeit. Sie ist wissenschaftlich unhaltbar.

FreieWelt.net: Viele Eltern wollen aber ihren Kindern einen guten Start ermöglichen und investieren deshalb frühzeitig in die Bildung ihres Nachwuchses, z.B. in Englisch für Kleinstkinder, in musikalische Früherziehung, naturwissenschaftlichen Unterricht für Dreijährige usw. Wie sinnvoll ist das?

Prof. Patzlaff: Wie stark auch hier die Wirtschaft das Denken dominiert, sehen Sie an der Tatsache, dass viele bildungsbewusste Eltern nicht nur Englischunterricht im Kindergarten wünschen, sondern auch Chinesisch, da China ja als wirtschaftliche Großmacht auf dem Wege zur Weltspitze ist. Ebenso einleuchtend erscheint ihnen die Forderung, schon Dreijährige müssten Unterricht in Physik, Mathematik und Chemie erhalten, als Sprungbrett für die spätere Karriere, und so hat sich inzwischen ein ganzer Geschäftszweig entwickelt, bis hin zu regelrechten Akademien für Vorschulkinder.

Das Ganze ist ein ziemlich fauler Zauber, an dem gut verdient wird. Natürlich sind kleine Kinder offen für derartige Angebote, wie sie für alles in der Welt offen sind. Nur gibt es keinerlei Beweise dafür, dass die Karriere dadurch wirklich gefördert wird. Gelegentliche Sprachstunden haben nach den bisherigen Untersuchungen keine langfristige Wirkung, weil Kinder sich instinktiv an denjenigen Sprachen orientieren, die in ihrem Alltag real und dauerhaft vorhanden sind. Und ob Kinder, die bereits als Dreijährige zu naturwissenschaftlicher „Forschung“ animiert wurden, zehn Jahre später auch noch als hochmotivierte Mathematiker und Forscher an der Spitze ihrer Altersgenossen stehen, ist mehr als zweifelhaft. Die Erfahrungen mit solchen Kindern in der Schule belegen eher das Gegenteil.

Anders ist die Lage bei musikalischer Früherziehung. Sofern man darunter nicht Leistungsdrill nach dem Vorbild von Amy Chua versteht, sondern eine in Elternhaus und Kindergarten gepflegte Musikkultur, in die dieKinder ganz natürlich hineinwachsen können, handelt es sich um eine sinnvolle und pädagogisch höchst  bedeutsame Förderung. Diese Kultur entsteht aber nicht durch Musik aus dem Lautsprecher, sondern durch aktives eigenes Musizieren mit dem Kind, konkret: indem die Erwachsenen mit dem Kind von klein an singen. Instrumentalspiel kann dann hinzukommen. Singen ist der Anfang aller Musikkultur, scheint aber heute vom Aussterben bedroht.

FreieWelt.net: Muss aber nicht auch die Sprache frühzeitig gefördert werden? Viele Kinder kommen mit erheblichen Sprachdefiziten in die Schule. Kann eine möglichst frühe und umfassende Bildung in den Kindertagesstätten da Abhilfe schaffen?

Prof. Patzlaff: Die Sprachentwicklungsstörungen im Kindesalter haben ein so beängstigendes Ausmaß erreicht, dass Förderung auf diesem Gebiet absolut notwendig ist. Die Frage ist nur: Wie geschieht die am besten? Wir Erwachsene verwenden Sprache in erster Linie zum Transport von Informationen, von Gedanken und Begriffen. Wer Kinder sprachlich fördern will, muss wissen, dass Sprache für kleine Kinder viel mehr ist, nämlich nicht nur ein Verständigungsmittel, sondern auch ein rhythmisch-musikalisches Phänomen, eine Klangwelt voller Reime, herrlicher Bilder und Metaphern, und nicht zuletzt ein Meisterwerk diffizilster Motorik, die durch die Beherrschung der Sprechorgane erst errungen werden muss.

Die Erfahrung heutiger Logopäden und Sprachtherapeuten lehrt, dass Sprache die stärkste bildende Wirkung auf Kinder hat, wenn sie vereint ist mit Musik und Bewegung, wie es bei allen Kinderreigen usw. von alters her der Fall war. Wo die Trias von Sprache, Musik und Bewegung real praktiziert wird, tauchen die Kinder ohne jede Belehrung in einen Prozess ein, von dem wir heute wissen: er wirkt, wenn er rhythmisch wiederholt wird, therapeutisch.
Sehr wichtig ist aber auch die alltägliche Sprache, die zu Hause oder im Kindergarten gesprochen wird:  Sie darf sich nicht mit Rumpfsätzen und Primitivstrukturen begnügen, sondern sollte grammatisch und syntaktisch intakte Strukturen bieten, sollte einen reichen Wortschatz enthalten, sollte bildhaft-konkret sein und nicht abstrakt-gedanklich, und sie sollte im Dialog gepflegt werden.

FreieWelt.net: Wie stellen Sie sich eine gute Bildung vor, und wie kann sie Ihrer Meinung nach gelingen?

Prof. Patzlaff: Vieles davon habe ich schon angedeutet. Kurzfristige Erfolge bei PISA bedeuten noch längst nicht, dass wir langfristig wirklich gut für die Zukunft gerüstet sind. Nachhaltigkeit im Bildungswesen sieht anders aus: Nur wenn es gelingt, junge Menschen so zu bilden, dass sie in allen ihren Fähigkeiten angesprochen sind, den leiblichen ebenso wie den seelischen und kognitiven, sind sie zu ganzheitlichem Denken und Handeln fähig, und nur so lassen sich die hochkomplexen Probleme moderner Ökologie und Ökonomie einer nachhaltigen Lösung zuführen. Andernfalls riskieren wir endlose Katastrophen.

Ich bin sicher, dass die Qualität einer Bildungseinrichtung künftig nicht mehr an ihrem intellektuellen Output zu messen ist, sondern an dem Maß von leiblicher, seelischer und geistiger Gesundheit, das sie zu bewirken oder zu erhalten vermag. Denn das ist die Grundlage für Leistungsfähigkeit auf jeglichem Gebiet, für Initiativkraft und Engagement, für Kreativität und zukunftsorientiertes Handeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Kerstin Schneider

www.alanus.edu

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