Angst ist ein schlechter Ratgeber – Interview mit Hans v. Storch

22. Juni 2009, 10:39 | Kategorien: Politik | Schlagworte: | von
Redaktion

Professor Dr. Hans von Storch ist Direktor des Instituts für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht und Professor für Meteorologie an der Universität Hamburg.  Im Exklusiv-Interview mit FreieWelt.net spricht er sich dafür aus, mit aus möglichen Veränderungen des Klimas resultierenden Gefahren sachangemessen umzugehen und sie nicht als Deckmantel zur Regulierung fast aller menschlichen Aktivitäten zu missbrauchen.

FreieWelt.net: Der Weltklimarat (IPCC) gilt heutzutage als das wichtigste Gremium der internationalen Klimaforschung. 2001 haben Sie selbst an einem Bericht des IPCC mitgearbeitet. Die Entscheidung des Jahres 2007, dem IPCC den Friedensnobelpreis zu verleihen, haben Sie aber als verfrüht kritisiert. Bitte erläutern Sie warum.

Hans von Storch: Ich halte das IPCC für eine sehr positive Einrichtung, die gute Arbeit macht. Al Gore ist ein bemerkenswerter Politiker, der sich erfolgreich einsetzt für eine Politik, der ich vieles abgewinnen kann. Das politische Nobelkommittee in Oslo hat beide für den Friedensnobelpreis ausgewählt, und damit implizit die Wissenschaft als Hilfstruppen einer bestimmten –mir persönlich durchaus sympathischen – Politik dargestellt. Damit hat das Nobelkommittee das Ansehen der Wissenschaft als eine Einrichtung, die zumindest versucht, objektiv die Gesellschaft über Fakten zu beraten, beschädigt. Wenn man aber die Tatsache, dass Wissenschaft hier das Entstehen einer besseren Welt ermöglicht, anerkennen wollte, dann hätte man dies ohne Berücksichtigung von Al Gore tun und ein paar Jahre warten sollen, um besser beurteilen zu können, wie gut denn die IPCC Berichte wirklich waren. Arbeitsgruppe 1, zum Klimasystem, hat meiner Meinung nach tatsächlich hervorragende Arbeit geleistet, während die Arbeitsgruppe 2 zu den Wirkungen doch ziemlich kleinkariert und unkritisch an die Sache herangegangen ist. Hätte man sich etwas mehr Zeit gelassen, wäre es einfacher gewesen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

FreieWelt.net: Was ist Ihr persönlicher Standpunkt zum Thema Klimawandel und zum menschlichen Einfluss auf diesen?

Hans von Storch: Durch seine Emissionen von klimawirksamen Substanzen, insbesondere Kohlendioxid, Methan und Aerosol-bildende Substanzen, beeinflusst der Mensch das Klima in nennenswertem Umfang. Wenn es nicht gelingt die Emissionen massiv einzuschränken, – und nicht nur den Zuwachs – werden wir deutliche Klimaänderungen in den kommenden Jahren bekommen. Einen Teil dieser Klimaänderungen werden wir nicht mehr vermeiden können. Daher stehen wir vor der Aufgabe, sowohl die Emissionen massiv einzuschränken als auch die Verletzlichkeit von Gesellschaft und Ökosystemen gegenüber klimatischen Ereignissen wie Sturmfluten oder lokalen Starkniederschlägen, Erdrutschen und Hitzewellen, zu vermindern.

FreieWelt.net: Sie haben gegenüber dem Spiegel die gegenwärtige Angst vieler vor einer Klimaerwärmung als “Hype” bezeichnet, der über kurz oder lang durch eine andere Angst ersetzt werden wird. Brauchen wir also keine Angst vor einer Klimaerwärmung zu haben?

Hans von Storch: Angst ist kein guter Ratgeber. Sorgen machen aber sollten wir uns schon. Dabei aber einen kühlen Kopf bewahren, analysieren, wo wirklich die Wirkung von Klimaveränderungen zu diagnostizieren sind. Wenn ich von Hype sprach, dann meinte ich die Neigung, alle Art von meteorologischen und ozeanographischen Ereignissen als Ergebnis des Klimawandels zu deuten – und nicht etwa als zu erwartende Ereignisse im Rahmen unseres normalen Klimas – und die Wirkung anderer Veränderungen zu vernachlässigen. Sogar der Tsunami vor einigen Jahren wurde schon dem Klimawandel zugeschrieben, jeder ordentliche Wintersturm. Das ist einfach dumm und hilft nicht, sachangemessen mit solchen Gefahren umzugehen.

FreieWelt.net: Wie stehen Sie zu den Maßnahmen, mit denen Regierungen in aller Welt derzeit versuchen, einem Klimawandel entgegen zu wirken? Was wird beispielsweise der Einsatz Erneuerbarer Energien für Umwelt, Wirtschaft und Industrie sowie für den Menschen als Individuum bedeuten?

Hans von Storch: Ich denke schon, dass die Regierungen dieser Welt mit vernünftigen Analysen die Frage des menschgenmachten Klimawandels angehen. Persönlich verstehe ich von Energiepolitik so viel wie jeder andere Laie, so dass meine Meinung hier keine besondere Erwähnung verdient.

Derzeit besteht Klimapolitik fast ausschließlich aus Maßnahmen zur Verminderung des Anstiegs der Emissionen. Diese Verminderungen sind sicher dringend erforderlich, um die Klimaänderungen in einem handhabbaren Rahmen zu halten; darüber hinausgehend aber müssen die Regierungen sich um die Verletzlichkeit der Menschen gegenüber normalen Klimaextremen kümmern. Besserer Küstenschutz in Bangladesch zeigt Wirkung; Überschwemmungen in Afrika könnten besser vorbereitet werden; Hangrutschungen im Zusammenhang mit extremen Niederschlagsereignissen tropischer Stürme müssen nicht zu urbanen Katastrophen in Mittelamerika führen; Hitzesommer in Europa müssen nicht mit Zehntausenden von zusätzlichen Todesfällen einhergehen. Wer hier dem Klimawandel die Schuld gibt, der vertuscht nur, dass die Politik in ihrer Vorsorgepflicht versagt hat, hier und heute.

FreieWelt.net: Sie befürchten, dass das Thema Klima als Vorwand zur Regulierung fast aller Lebensbereiche missbraucht wird. Können Sie das genauer erläutern?

Hans von Storch: Fast jede Art menschlicher Aktivität geht irgendwie mit der Emission von Treibhausgasen einher; unter dem Deckmantel der Emissionsbeschränkung kann man daher fast alle menschlichen Aktivitäten regulieren wollen. Das Problem dabei ist, dass in der öffentlichen Debatte die Frage der Effizienz nicht wirklich gestellt wird. In der moralisierenden gegenwärtigen Atmosphäre geht es darum, dass heimische Emissionen vermindert werden, obwohl es dem Klima egal ist, ob es Moleküle aus indischer oder deutscher Energieerzeugung sind, die den Strahlungshaushalt der Erde verändern. Wenn es wirklich um das Klima ginge, dann besteht die Herausforderung darin, möglichst viele Moleküle einzusparen, egal wo dies geschieht. In der gegenwärtigen öffentlichen Meinung sollen es aber deutsche, und amerikanische natürlich, Moleküle sein.

FreieWelt.net: Welche Form der Klimapolitik würden Sie der Bundesregierung empfehlen?

Hans von Storch: Ich denke, ich habe das schon erläutert. Eine Kombination aus Emissionsbeschränkung – möglichst eine Verminderung der globalen Emissionen und nicht bloß eine Minderung der Zuwächse! – und gleichzeitig eine bessere Anpassung an gegenwärtige und zukünftige Klimagefahren. Die wenigen Vorteile, die sich aus dem menschgemachten Klimawandel ergeben, sollte man auch nutzen.

Das Problem der Anpassung, sowie des lokalen Geoengineering etwa durch verändertes Städtebauen, sollte aber vor allem auch Aufgabe der regionalen und lokalen Regierungen sein. Es wäre sicher auch nützlich, wenn sich die Politik öfters von z.B. den regionalen Klimabüros des Helmholtz-Gemeinschaft oder vom Deutschen Wetterdienst beraten lassen würde über die tatsächlichen Veränderungen und Zusammenhänge und weniger auf dramatisierende Aktivisten und Medien hören würde, denen es um bestimmte politische Ziele geht bzw. um Klamauk der höheren Verkaufszahlen wegen.

Das Gespräch führte Fabian Heinzel

(Foto: Aussenhofer/KlimaCampus)

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