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Ich bin kein Brutkasten

19. Juli 2012, 10:05 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Muttersein ist kein Staatsakt. Wer von Gebärmaschinen spricht, ist entweder zynisch oder hat gar nichts begriffen.

Bekommen Sie auch trotz fortgeschrittener Jahre, ersten grauen Haaren oder mindestens Volljährigkeit immer noch bei Heimbesuchen gute Ratschläge von Mutti? Fahr vorsichtig, Kind. Du musst auf deine Gesundheit achten. Bist du auch warm genug angezogen? – Ja? Glückwunsch, Sie haben ganz normale Eltern, die, obwohl Sie schon seit Jahrzehnten das Elternhaus verlassen haben, und Sie vielleicht schon eigene Kinder haben und ein Haus bauen, immer noch ihre Eltern sind. Weil sie immer ihr kleines Mädchen oder ihr kleiner Junge sein werden, egal welches Alter Sie erreicht haben. Das ist nervenaufreibend und manchmal lästig, aber auch unendlich schön. Zu wissen, dass ein Zuhause immer noch existiert, auch wenn man in die Ferne aufgebrochen ist. Elternschaft lässt sich nicht abstreifen, nur weil das Kind gerade abgenabelt, abgestillt oder außer Haus ist. Es ist eine Lebensaufgabe, ob wir wollen oder nicht.

Fehlt nur noch das Mutterkreuz

Nun dachte ich, die Betreuungsgeld-Debatte könnte nicht noch mehr unsinnige und diffamierende Begriffe abwerfen als sowieso schon geschehen. Herdprämie, Verdummungsprämie, Schnappsidee, es mangelte nicht an Zurück-an-den-Herd-Rhetorik. Nun sind wir am vorläufigen Tiefpunkt angelangt. Manuela Schwesig, Arbeitsministerin von Mecklenburg-Vorpommern, hat jetzt noch die „Gebärmaschine“ in den Ring geworfen. Zu dem macht die CSU angeblich diejenigen Frauen, die Kinder bekommen und sie selbst in den ersten drei Jahren betreuen wollen.

Ja, wirklich skandalös, was in der Menschheitsgeschichte seit Tausenden von Jahren vor sich geht. „Heimchen am Herd“ hatte sich wohl abgenutzt als Begriff, die Mütter noch nicht weit genug beschämt, irgendwie hatte es an Wirkung verloren. Aber da haben wir die SPD unterschätzt, da geht doch noch was auf der Diffamierungsskala. Fehlt nur noch das Mutterkreuz in der Debatte, dann sind wir definitiv ganz unten angekommen.

Frau Schwesig, Sie machen Frauen zu Gebärmaschinen. Wer darauf abzielt, dass Frauen einfach nur Kinder bekommen sollen, um sie schnellstmöglich irgendwohin weiterzureichen, der behandelt Frauen wie Brutkästen. Da wird die Schwangerschaft zum notwendigen Übel, zur medizinisch erforderlichen Übergangsstation, die den Produktionsprozess in der Wirtschaft leider immer wieder stört. Sie zielen doch darauf ab, dass wir Mütter nichts weiter sind als „Gebärmaschinen“, wenn Sie Mutterschaft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner minimieren, damit wir möglichst schnell wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Die Ära der mutterlosen Gesellschaft hat begonnen

Es scheint, als sei der Mutterbauch wirklich noch die einzige Enklave, wo ein Kind dem Zugriff des Staates entzogen ist. Was für ein herrlich altmodischer Evolutionsprozess, der Wirtschaftsexperten sicher in den Wahnsinn treibt, aber ich bin sicher, die Mediziner arbeiten daran, uns Mütter zu ersetzen und den Vorgang endlich zu optimieren. Noch hat man keine richtige Lösung dafür, also lässt man das Kind sogar noch ein Jahr bei der Mutter. Aber bitte nicht zu lange stillen, liebe Mamis, sonst gelten Sie gleich als Glucke, alternativ als Milchkuh. Muttermilch, auch so ein biologistischer Kram, und allein schon das Wort ist für manche eine Zumutung. Spätestens nach einem Jahr soll dann wirklich Schluss sein mit diesem sentimentalen Getue, dann sollen Frauen und Kinder gefälligst funktionieren. Dann ist man als Mutter plötzlich austauschbar durch jeden umgeschulten Langzeitarbeitslosen, oder wer sonst noch gerade vermittelt werden muss. Wie menschenverachtend ist das eigentlich? Nach der viel beschriebenen vaterlosen Gesellschaft betreten wir nun die Ära der mutterlosen. Damit sind alle Wurzeln gekappt. Glückwunsch.

Kapitalismus pur

Wer da noch wagt, das Wort Kindeswohl in den Mund zu nehmen, sollte sich einfach offen zu seinem Zynismus bekennen oder alternativ besser die Klappe halten. Nichts, aber auch wirklich rein gar nichts, hat es mit dem Wohl oder dem Willen eines Kindes zu tun, dass wir es nach einem Jahr von seinen Eltern möglichst ganztags trennen.

Es ist nichts als Kapitalismus pur. Die Gebärmutter reduziert auf ihre Funktionalität im Produktionsprozess. Muttersein als Hindernis für lückenlose Erwerbslebensläufe. Bloß keine Pause, bloß kein Nachdenken, man könnte ja auf die Idee kommen, dass das Leben noch mehr zu bieten hat. Die Frauen sollen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Punkt. Um nichts anderes geht es hier und dafür ist jedes Mittel recht. Nicht umsonst geistert der Begriff des „vergeudeten Potenzials“ hinsichtlich gut ausgebildeter Mütter zu Hause durch die politische Landschaft. Aus Perspektive der Wirtschaft, die akut Fachkräfte und möglichst billige Arbeitskräfte sucht, ein absolut berechtigter Einwand. Hat aber nichts mit Familie zu tun, auch nichts mit Kindeswohl. Denn wir können zwar politisch beschließen, dass Kinder ab dem ersten Jahr reif für die Krippe sind, es ist aber so, als glaubten wir, man könne an Blumen ziehen, damit sie schneller wachsen.

Weil ich gerne Mutter bin

Ich bin kein Brutkasten für ihre Arbeitsmarktpolitik, Frau Schwesig, ich bin Mutter, ich werde es immer sein, bis zu meinem letzten Atemzug. Weil ich nicht Kinder bekommen habe für Deutschland und nicht für die Rente und auch nicht für den demografischen Wandel. Sondern weil ich gerne Mutter bin. Weil es mir Freude bereitet, diese Kinder ins Leben zu begleiten. Weil es nichts Schöneres und auch nichts Anstrengenderes gibt, als ihnen Wurzeln und Flügel zu vermitteln. Weil sauber-sicher-satt nicht ausreicht, um ein Kind großzuziehen.

Weil ich nicht müde werde, jeden Abend die gleiche Lieblingsgeschichte vorzulesen. Weil ich über jeden hundertfach erzählten Häschen-Witz immer noch lachen kann. Einfach weil es meinem Kind Freude bereitet. Weil es mich begeistert, wenn es Dinge wie Humor oder gar Ironie begriffen hat. Was für eine Meisterleistung. Ich vergöttere meine Kinder und ich halte sie für die schönsten und klügsten auf der ganzen Welt, so wie nahezu alle Eltern es tun. Ich bin froh, dass das erste Wort meiner Kinder Mama war und nicht Sabine aus der Kita. Ich bin froh, dass ich dabei war, und man mir nicht davon erzählen musste. Ich lache mit, wenn sie lachen und ich tröste, wenn sie weinen. Ich kann gar nicht anders. Ich war nicht nur beim ersten Atemzug, sondern auch beim ersten Schritt dabei. Und durch keinen Job der Welt ist der triumphierende Blick eines Kindes zu bezahlen, das das erste Mal aufrecht gestanden hat. Und nach einem Jahr geht es erst richtig los. Ich will das nicht später im Jahresrückblick der Kindergartenmappe nachschlagen, sondern selbst erleben. Viele andere Mütter wollen das auch, wer macht Politik für sie?

Kreißsäle in die Kitas

Niemand, denn es ist nicht gewollt. Man hat für uns Mütter höhere Weihen vorgesehen, als einem Kind das Schnürsenkelbinden beizubringen. Und wenn wir das selbst nicht begreifen, wird man uns schon noch dazu kriegen. Jetzt müssen nur noch die Frauenquoten eingeführt und die gläsernen Decken eingeworfen werden und dann kann’s losgehen mit der Karriere und vor allem mit dem Steuernzahlen, denn da wollen wir doch hin. Ja, das ist echte Erfüllung, monatlich aufs magere Konto schauen, Frühschicht, Spätschicht, Burn-out, Mindestlohn, Zeitverträge, Mobbing. Nein wirklich, der Arbeitsmarkt hat so viele Verlockungen zu bieten, da tausch ich doch gerne meine Kinder schon nach einem Jahr für ein.

Fehlt eigentlich nur noch, dass wir Schwangerschaften gesetzlich auf sechs Monate verkürzen. Neun Monate – was für eine Zeitverschwendung. Dass das den Wirtschaftsexperten nicht längst selbst eingefallen ist. Drei Monate mehr für die Wertschöpfungskette auf dem mütterlichen Arbeitsmarkt. Die Frühchen bekommen wir doch auch so groß. Von einem Brutkasten in den nächsten, dann nahtlos weiter in die Krippe, Kita, Turbo-Abitur, schnell ein Bachelor, ein unbezahltes Praktikum und dann ein Job im Mindestlohn. Fertig. Wer aufmuckt, wird mit Ritalin ruhig gestellt. Konsequenterweise sollten wir dann aber die Kreißsäle in die Kitas verlegen, das spart Zeit und Geld.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf TheEuropean.de.

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