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Falsche Treue, oder: Der Euro ist nackt

23. Juli 2012, 09:57 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte: , , , ,

Ob in der Politik, der Wirtschaft oder in der Presse, eine eigene Meinung ist von ungeheurer Wichtigkeit. Die Euro-Krise zeigt jedoch, dass eine eigene Meinung für den einzelnen nicht immer von Vorteil ist.

Die Beschreibung der Schweigespirale haben wir der „Pythia vom Bodensee“, Frau Professor Noelle-Neumann, Begründerin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, zu verdanken. Mit ihr beschrieb sie ein Dilemma: Je offensiver die Vertreter der Mehrheitsmeinung vorgehen, desto weniger bringen andere den Mut auf, eine abweichende Meinung zu vertreten. Dass die Schweigespirale auch unter den Kritikern der Europolitik wirkt, kann man jetzt beobachten. Zwar kritisieren Wirtschaftsjournalisten immer öfter die Rettungsaktionen der Bundesregierung, und die Gruppe der Kritik übenden Ökonomen wird auch immer größer, aber am Einheitseuro halten sie in unverbrüchlicher Treue fest. „Wichtiger als das eigene Urteil ist dem Individuum, sich nicht zu isolieren… diese Furcht, sich zu isolieren (ist) …Bestandteil aller Prozesse öffentlicher Meinung…“ (Noelle-Neumann, 1979). Das gilt ganz besonders für deutsche Chefredakteure, Ökonomen und Bundestagsabgeordnete.

Wer in Deutschland den Euro in Frage stellt, isoliert sich. Zwar gibt es unter den Kritikern inzwischen nicht nur bei der Diagnose für den Europatienten eine zunehmende Konvergenz; auch in ihrer Prognose findet man immer öfter Übereinstimmung. Man ist sich einig: Uns drohen höhere Steuern, steigende Inflation und irgendwann mal der große Knall. Fragt man diese Kritiker jedoch nach einer alternativen Therapie, hört man fast nur von Rezepten, die beim Europatienten bisher schon nicht angeschlagen haben oder die er sich partout nicht verschreiben lassen will: „Zurück zu Maastricht“, „Fiskalische Disziplin“, „Kein Bailout“ usw.

Während immer öfter Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten bei Diagnose und Prognose aus der Schweigespirale ausbrechen, verharren sie dort, wenn es um das Verschreiben echter alternativer Therapien geht. Überzeugend beschreiben sie, welche verheerenden Wirkungen die vielen Rettungspakete haben, wie sehr der ESM die Demokratie aushöhlt, welches Maß an Zwietracht der Euro innerhalb der Eurozone auslöst und wie sehr er den Graben zwischen den Euroländern und Nichteuroländern verbreitert. Aber gleichzeitig versichern sie mit treuherzigem Augenaufschlag, wie sehr sie doch für den Erhalt des Einheitseuros seien. Dabei müssten doch alle wissen: Ohne die von ihnen beanstandeten Rettungspakete wäre der Euro längst Geschichte.

Schweigespirale

Diejenigen, die vor seiner Einführung vor dem Euro warnten, sind auch heute noch dagegen. Kein Wunder, können sie sich doch durch den Lauf der Dinge voll bestätigt fühlen. Ihnen gebührt uneingeschränkter Respekt; sie wurden damals durch die Schweigespirale isoliert, verunglimpft und lächerlich gemacht.

Nicht nur die Mehrheit derjenigen, die damals den Euro befürwortet hat, ist heute immer noch dafür, auch die Kritiker der derzeitigen Rettungspolitik sind es. Ich habe jedenfalls noch keinen anderen getroffen, der so wie ich zugibt, damals dafür gewesen zu sein und seine Meinung inzwischen geändert zu haben. Die Schweigespirale sorgt dafür, dass es in diesem Land leichter ist, einen Fehler immer aufs Neue zu begehen, als ihn zuzugeben und den Schaden zu begrenzen.

Wenn mir trotzdem mal jemand sagt: „Herr Henkel, Sie haben Recht, wir müssen aus dem Einheitseuro raus!“, dann nur unter vier Augen. Aus der Schweigespirale wagt man sich nur in der Masse.

Letzte Woche erinnerte der britische Journalist und Deutschlandkenner David Marsh im Handelsblatt daran, wie Hans-Christian Andersen in „Des Kaisers neue Kleider“ eine Schweigespirale außer Kraft setzte. Wenn der Euro auch mal bei uns von der Mehrheit für nackt erklärt wird, da bin ich mir sicher, wollen es alle immer schon gewusst haben.

 

Beitrag erschien zuerst auf handelsblatt.com

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2 Kommentare auf "Falsche Treue, oder: Der Euro ist nackt"

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