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Du sollst nicht lärmen

16. Januar 2013, 04:54 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Stille ist ein kleiner Genuss, der nichts kostet.

Jeder von uns hat schon einmal unter Lärm gelitten. Eine Freundin klagte darüber, sie werde zu jeder Tages- und Nachtzeit von ihrem potenten Nachbarn geweckt, weil dieser augenscheinlich ein äußerst intensives, jedenfalls lautstarkes Liebesleben führe. Auch heftiges Applaudieren habe nicht zum Senken des Lärmpegels geführt.

 

Stille kann ein Genuss sein; nicht nur dann, wenn im eigenen Bett momentan Flaute herrscht und man nur das Buch bei der nächtlichen Lektüre rascheln hört. In Deutschland gibt es nichts, wofür es nicht einen Verein gäbe. „Lautsprecheraus e. V. – Pipedown Deutschland“ setzt sich dafür ein, dass die Bürger im öffentlichen Raum nicht permanent unfreiwillig beschallt werden. Helmut Schmidt, Justus Frantz, Kurt Masur, Peter Sodann, Dieter Hallervorden und andere gehören zum Unterstützerkreis. Sie alle fühlen sich dem 11. Gebot des verstorbenen deutschen Schriftstellers und Satirikers Robert Gernhadt verpflichtet: „Du sollst nicht lärmen!“

 

Nach einer Emnid-Umfrage kann eine kleine Minderheit von 20 Prozent Stille nicht ertragen. In Zeiten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes werden diese Lärm-Junkies ihr Recht auf Krach vielleicht juristisch einklagen. Sie wollen eben was auf die Ohren. Hier kollidiert der Minderheitenschutz mit dem Recht auf Selbstbestimmung. Frei nach dem Motto „Mein Ohr gehört mir“ sagen die Menschen, die sich in „Lautsprecheraus“ organisieren, dass jeder die Musik hören dürfe, die ihm gefalle. Niemand aber müsse sich, wo er gehe, stehe oder sitze, Musiklärm ausgesetzt sehen, der unnötig und leicht vermeidbar sei.

 

Alt-Kanzler Helmut Schmidt macht von seinem Recht auf Stille leider unfreiwillig Gebrauch: „Es ist ein großer Schmerz meines Alters, dass ich nach weitgehendem Verlust meines Gehörs Musik nicht mehr vernehmen kann.“ Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ führte die zunehmende Taubheit des Überkanzlers auf ein Knalltrauma aus Kriegstagen zurück. Im Jahr 1999 kam bei dem rechten Sozialdemokraten dann noch ein Hörsturz auf dem linken Ohr hinzu.

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