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Die deutsche Elite versagt!

05. März 2012, 11:34 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte: , , ,

Politiker, Manager und Journalisten haben viel zu lange am Euro festgehalten. Inzwischen haben sie längst eingesehen, dass die Gemeinschaftswährung nicht funktioniert. Nur öffentlich zugeben will das niemand.

Das Maß an Realitätsverdrängung war eindrucksvoll: Als der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) im vergangenen Sommer seine Jahrestagung abhielt, war von einer Pleite Griechenlands keine Rede. Stattdessen wurde in Anwesenheit des damaligen griechischen Premierministers Giorgos Papandreou ein Hochamt für den Euro, die industrielle Zukunft Griechenlands und weitere Rettungsmilliarden zelebriert. Bundeskanzlerin Angela Merkel attestierte dabei brav.

Und damit nicht genug: Deutsche und französische Management-Eliten setzen mit einer Anzeigenkampagne noch eines drauf – und warben offen für die Rettung des Euro.

Den Unterzeichnern der Großanzeige dürfte diese inzwischen peinlich sein. Mindestens einer von ihnen, Linde-Chef Reitzle, war so mutig, auch öffentlich von ihr abzurücken. Auch die damaligen Akteure der BDI-Veranstaltung sollten sich die Videoaufzeichnung der Inszenierung ihrer griechischen Komödie heute noch einmal ansehen. Aber es bleibt wohl dabei: einen Fehler zu wiederholen, ist nicht nur für Politiker leichter, als ihn zuzugeben.

Heute, 18 Monate später, sind sich die meisten Ökonomen, Wirtschaftsführer und Wirtschaftsredakteure in ihrer Diagnose für den Euro-Patienten einig. Sie haben eingesehen, dass der Euro selbst eine große Mitschuld an der Krise trägt, dass die niedrigen Einheitszinsen Politiker aus dem Süden zu neuen Schulden verleiteten, Spanien in eine Immobilienblase trieben und dass die „one-size-fits-all“-Währung allen Südländern die Möglichkeit genommen hat, mit Abwertungen ihrer eigenen Währung Anschluss an die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu halten.

Auch die Prognose für den Euro-Patienten wird von den Vertretern unserer Wirtschaftselite weitestgehend geteilt. Jeder gibt heute offen zu, was damals nur in kleinem Kreis gesagt werden durfte: Der Euro ist zu stark für die Griechen, und selbst wenn man ihnen alle Schulden erließe, hätten sie ohne Abwertung keine Chance, wieder wettbewerbsfähig zu werden. Bald kommt das dritte „Rettungspaket“, dann das vierte. Ob über das Gelddrucken in der EZB, im ESM oder einer mit falschen Etiketten versehenen Ausgabe von Euro-Bonds – kaum jemand bezweifelt noch, dass wir uns auf dem Marsch in eine Transferunion befinden.

Kommt ein Arzt zu einer anderen Diagnose und einer neuen Prognose für seinen Patienten, wird er für gewöhnlich auch die Therapie verändern.

Das gilt allerdings leider offensichtlich weder für die Retter des kranken Euro in der Politik, noch für die Eliten in Unternehmen, Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsmedien. Sie versagen auf der ganzen Linie.

Wirtschaftsvertreter überbieten sich zwar bei der Darstellung der ökonomischen Folgen der „alternativlosen“ Euro-Politik, bekennen sich aber weiterhin zur Einheitswährung. Wissenschaftler melden immer neue Rekordzahlen an Bürgschaften, für die der deutsche Steuerzahler geradestehen muss, schlagen aber keine Alternative zum Einheits-Euro vor. Journalisten beschreiben die immer offensichtlicher zu Tage tretenden Auseinandersetzungen zwischen den Völkern Europas, bekunden aber weiterhin, dass der Euro für das gedeihliche Zusammenleben in Europa unverzichtbar sei.

Das Rütteln am Einheits-Euro ist in Deutschland erfolgreich zu einem Tabu erklärt worden. Dafür spricht, dass namhafte Ökonomen zur Stabilierung des Euro Rezepte empfehlen (z.B. „Bogenberger Erklärung“); von denen sie selbst wissen, dass sie nie verschrieben werden. Die Antwort auf die Frage, ob sie denn am Einheits-Euro auch festhalten würden, wenn ihre Ratschläge weiterhin in den Wind geschlagen werden, bleiben sie schuldig.
So lange die sogenannte Elite nicht den Mumm hat, über alternative Ausstiegszenarien zu reden, deren Folgen nüchtern miteinander zu vergleichen, um dann Alternativen vorzuschlagen, so lange wird Frau Merkel weiter behaupten, sie ginge mit ihrer Politik nur Risiken ein und keine Abenteuer.

Beitrag erschien zuerst auf handelsblatt.com

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