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Deutschland, Deutschland

18. Juni 2012, 08:36 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: ,

Als Kind hatte ich das nicht richtig verstanden. Ich wollte aber. Ich war neugierig. Unsere Nationalfarben - das wusste ich natürlich - waren Schwarz, Rot und Gold. Damit fingen die Probleme an: Gold hatte ich nicht in meinem Tuschkasten. Und Gelb - links oben in der Ecke - war immer zuerst alle. Vielleicht lag es daran, dass man auch beim Farbenverbrauchen links oben anfing oder daran, dass Kinder so viele Sonnen malten, die auch alle links oben in die Ecke lachten.

Die Fahnen waren auch nicht Gold, sondern Gelb. Das war verständlich. Nach dem Krieg konnte sich kaum einer richtiges Gold leisten, da mussten alle sparen und Gelb nehmen. Das fand ich nicht schlimm. Doch dann sollten sie auch sagen: Unsere Nationalfarben sind Schwarz, Rot und Gelb. Warum nicht? So war es nun mal. Schlimm war, wenn man so tat, als wäre das Gelb in Wirklichkeit Gold, und als hätten wir einen Sehfehler, die gefürchtete Gold-Gelb-Blindheit der Deutschen. Das war schlimm. Das war eitles Blendwerk. Damit taten wir so, als hätten wir Goldmedaillen gewonnen und hatten das nicht. Wir mogelten offiziell.

Mich konnte man aber nicht täuschen. Ich glaubte nicht daran, dass Gelb behelfsmäßiges Gold ist, so wie Bonn die provisorische Hauptstadt war und dass wir eines Tages wieder zu Glanz, Ruhm und Reichtum kämen und uns dann echtes Gold leisten könnten. Dann würden alle Fahnen neu genäht und alle Bücher, in denen die Fahne noch mit Gelb abgebildet war, neu gedruckt werden und die Kinderbilder, bei denen das Gelb für Sonnen und Flaggen verbraucht wurde, würden mit Gold übermalt. Nein. So würde es nicht kommen.

Die Hymne war auch ein Problem. Man durfte sie nicht singen. Jedenfalls nicht die erste Strophe. Einmal hatte ich sie trotzdem gehört und gleichzeitig meine Eltern dabei erwischt, wie sie etwas Verbotenes taten. Sie hatten Besuch von Verwandten, von denen sie womöglich angestiftet wurden. Sie feierten irgendwas und vergnügten sich mit einer Erdbeerbowle. Das gefiel mir gar nicht. Ich kannte das schon. Es tat mir in der Seele weh, dass dabei die Erdbeeren zu verboten Früchten wurden. Wie gerne hätte ich die Überreste gegessen, die am nächsten Tag aufgedunsen und traurig in dem Bowleglas schwammen. Ich durfte nicht. Und die Großen wollten nicht und schütteten sie weg.

So durfte man nicht mit Erdbeeren umgehen! Nicht in der schweren Zeit, in der es an allen Enden und Ecken fehlte. Da musste ich mich auch nicht wundern, dass sich die Großen im Zuge der Erdbeervernichtung zu weiteren strafbaren Handlungen hinreißen ließen, dass sie Witze erzählten, die nicht stubenrein waren, ihre Aufsichtspflicht vernachlässigten und wahrscheinlich dachten, die Kinder würden längst schlafen.

Ich schlief nicht. Ich lauschte. Da hörte ich sie singen, singen und lachen: „Deutschland, Deutschland unter andern …“ mehr war nicht zu verstehen, weil es im allgemeinen Kichern ersoff. Offenbar war es ein lustiges Lied. Warum war es verboten? Es fing gut an. Die doppelte Nennung von „Deutschland“ gefiel mir. Ob es politische Gründe hatte und sich auf die Teilung des Landes bezog, durchschaute ich nicht. Die Verdopplung war jedenfalls klasse. Sie erinnerte an die Südsee und an Babysprache. Hula Hula, Happa Happa, Balla Balla, Deutschland Deutschland, Plem Plem. Vielleicht wurde deshalb so viel gelacht.

Am nächsten Morgen sortierte ich meine Briefmarken neu. Ich hatte erst vor kurzem mit dem Sammeln angefangen und die deutsche Marken in ein kleines Extra-Album gesteckt. Inzwischen hatte ich ein zweites großformatiges Album „geschonken gekraucht“, wie ich es nannte, weil mich irgendetwas daran hinderte, die korrekte Bezeichnung – „geschenkt gekriegt“ – zu verwenden.

Mein Onkel hatte mir neue mitgebracht, ausländische Marken, die noch nicht abgeweicht waren. Ich sortierte alles neu. Diesmal nach Alphabet. Es fing mit „Argentinien“ an. Deutschland kam – „unter andern“ – unter D: „Deutsches Reich“ und „DDR“, auch „Bundesrepublik Deutschland“, selbst wenn es streng genommen mit B anfing. Die Hitler-Marken versteckte ich sicherheitshalber in einem gebrauchten Briefumschlag. Ich war nicht sicher, ob der Besitz verboten war oder nicht. In das kleine Album kamen nun die Doppelten.

Erst sehr viel später erst lernte ich die zweite Strophe kennen. Mir war auf Anhieb klar, warum die unterschlagen wurde und warum sie keiner singen wollte. „Deutsche Frauen, deutsche Treue“ – das fing gar nicht gut an. Ich dachte sofort an Kriemhilds Rache und an die Nibelungentreue. Es ging auch nicht gut weiter mit dem „deutschen Sang,“ den ich nicht gerne höre und dem „deutschen Wein“, der mir nicht schmeckte, auch wenn ich nun so alt war, dass ich kosten durfte.

Mit der dritten Strophe hatte ich immer schon ein Problem: Bei der Stelle „Danach lasst uns alle streben“, musste ich unfreiwillig denken: „Danach lasst uns alle sterben.“ Das ist kein Fall von „misheard lyrics“, wie der, von dem eine Freundin erzählt hat, die statt „the only one who could ever reach me was the son of a preacher man“ immer „the only one who could ever feed me was the son of a pizza man“ verstanden hatte.

Es ist auch kein legasthenische Hörfehler, sondern eine unvermeidliche Assoziation. Es gab mal einen Werbespruch für ein Medikament, dessen Namen ich vergessen habe, den Spruch habe ich behalten. Der Originaltext heißt: „stärkt den Organismus“; da habe ich immer den Subtext herausgehört: „stärkt den Orgasmus“.

Vielleicht wurden die Anklänge hervorgerufen, weil die Hymne zum Sendeschluss gespielt wurde. So kam sie in die Wohnstuben. Ja, so war das: Es gab einmal eine Zeit, da gab es noch einen Sendeschluss im Fernsehen. Da wurde die Hymne gespielt, man sah die wehende deutsche Fahne und die Skyline von Helgoland, dann war Schluss, Licht aus, Ende. Doch auch die Grauen der Vergangenheit schimmerten durch, ich musste an Erschießungskommandos denken, an Todesurteile, die im Namen des Volkes und zum Klang der Hymne vollstreckt wurden.

Mir war klar: Wir brauchen einen neuen Text. Die Musik konnte man lassen. Die ist gut. Berthold Brecht hat eine Version vorgeschlagen, die mir gefällt. Bei der Stelle, an der es um die Liebe zum Land geht, bietet er an: „und das liebste mag’s uns scheinen. So wie anderen Ländern ihrs“. Eine gute Lösung für die Unfallstelle „über alles in der Welt“.

Superlative sind heikel – „liebste“ ist noch der beste von allen, der schönste, und wunderbarste Superlativ. Doch erst dadurch, dass die „anderen“ mitbedacht werden und die Möglichkeit, dass es sich um „Schein“ handelt, wird die Sache verträglich. Der Superlativ ist eine Gefahrenstelle. Schon der Komparativ kann eine sein, mit dem „Vergleich“ kam nämlich, wie Rousseau meinte, das „Übel“ in die Welt, und dieses Übel befeuern solche Hymnen, wenn sie einen auffordern, besser zu sein als andere, besser als alle anderen. Am allerbesten. Mit den meisten Goldmedaillen.

Das Gold muss weg. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht und gemerkt, dass ein neuer Text alleine nicht ausreicht. Zuerst müssen wir offiziell verkünden, dass unsere Nationalfarben Schwarz, Rot und Gelb sind. Das ist ehrlich. Da müssen wir gar nicht weiter auf das Voranschreiten der Finanzkrise warten. Wir können uns jetzt schon zu Gelb bekennen. Dann kann man auch meine Hymne, bei der ich die Anregung von Brecht aufgreife, im Brustton der Überzeugung singen. Ich will den Anfang der ersten Strophe so lassen wie gehabt, und es soll dann so weitergehen:

Deutschland, Deutschland unter anderen
Ländern dieser weiten Welt,
die gemeinsam unterwandern,
was sich für was Bess’res hält.

Weiter bin ich nicht. Bei der zweiten Strophe stecke ich noch in den Anfängen. Doch ich habe mir schon überlegt, was man als Ersatz für das Reizwort „Frauen“ nehmen kann. Da kann man nur ins „Fettnäpfchen treten“. Und ich weiß was Besseres als „Treue“.

„Frauen“ möchte ich ersetzen durch „Fußball“. Damit müssten deutsche Frauen, von denen ich sonst nicht wüsste, wie man sie zufriedenstellen soll, leben können. Nach den Erfolgen im Frauenfußball können sie nichts dagegen haben.

„Treue“ würde ich ersetzen durch „Reue“. In dem Punkt zeigt Deutschland große Stärken. Bei der Bewältigung der Vergangenheit haben wir einiges aufgeboten; unsere antifaschistischen Kräfte sind unermüdlich, der Kampf gegen die Nazis wird umso leidenschaftlicher geführt, je länger sie tot sind. Die zweite Strophe könnte so anfangen:

Deutscher Fußball, deutsche Reue

Mehr habe ich noch nicht. Bei der dritten Strophe möchte ich „Einigkeit“ durch „Einsamkeit“ ersetzen. Nicht dass ich was gegen die Einigkeit mit den Neuen Bundesländer hätte – im Gegenteil. Doch es gibt inzwischen eine andere Einigkeit, die mich bedrückt: die Gleichschaltung, die alle Frauen und alle Männer so sieht, als wären sie gleich und sich einig. Immer wenn ich was von „den“ Männern und „den“ Frauen hören, möchte ich in Ruhe gelassen werden und mich ausnehmen. Die erste Zeile hieße:

Einsamkeit und echte Freiheit

Das würde mir gefallen, es erinnerte an den letzten Cowboy, der „einsam“ und immer unterwegs seine „Freiheit“ sucht und an das Ideal von Wilhelm von Humboldt und seinem Motto „libertas et solitudo“.

Dass unser Land im „Glücke“ „blühen“ soll, wie es weiter heißt, klingt gut, aber das „Blühen“ gefiel mir nie, da habe ich automatisch das „Verblühen“ mitgedacht und vor meinem geistigen Auge sah ich, wie die Blätter fielen, die Blumen ihre Köpfe hängen ließen und die Pflanzen schließlich im Biomüll endeten.

Bei dem Stichwort „Glück“ fiel mir die Redewendung ein, dass jemand „mehr Glück als Verstand“ hatte. Da muss ich noch dran drehen und einen Schluss finden, bei dem ich dem Land „sowohl Glück als auch Verstand“ wünsche.

Weiter bin ich noch nicht. Immerhin. Ein Anfang ist gemacht. Nur manchmal überkommen mich Zweifel, ob ich der Richtige für diesen Job bin.

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com

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