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Der wirkliche Einsatz / Rien ne va plus – Nichts geht mehr

19. Oktober 2011, 10:57 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte: ,

Karl Blessing, Bundesbankpräsident in den sechziger Jahren, meinte ganz lapidar: „Es gibt keine harte Währung ohne harte Maßnahmen“. Die Frage ist nur: Für wen sind sie hart? Nur für die Steuerzahler, oder auch für die Politiker, oder gar für die Banken? In der Tat, es geht schon seit einiger Zeit nicht mehr nur um Griechenland. Das Finanzsystem weltweit steht vor einem Umbruch. Anschaulich wurde es am vergangenen Wochenende, als in 950 Städten in 80 Ländern hunderttausende gegen die Auswüchse der Bankenwelt demonstrierten. Die Wut über die Boniritter und ihre ausbleibende Rechenschaftsablegung wächst, schreibt selbst die nüchterne Neue Zürcher Zeitung, und sie warnt: „Gelingt es nicht, Sprachlosigkeit und Ignoranz zu überwinden, wird die Belastbarkeit des sozialen Zusammenhalts zur eigentlichen Schicksalsfrage westlicher Demokratien“. Darum geht es. Und die Einordnung der Banken spielt dabei eine Hauptrolle.

Das haben auch manche Politiker verstanden. Finanzminister Schäuble bereitet die Ackermänner dieser Welt auch schon auf harte Maßnahmen vor. Die systemrelevanten Banken werden mehr als geplant dazu beitragen müssen. Im Klartext heißt das: Sie werden ihre griechischen Staatsanleihen, mit denen sie bisher fabelhafte Gewinne einfuhren, abschreiben müssen. Und das Risiko werden sie selber tragen, so dass sie an ihre Reserven, sprich an ihr Eigenkapital ran müssen. Seither geht die Angst um, die Banken misstrauen einander wieder. Statt sich gegenseitig wie üblich Geld zu leihen bringen sie, aus Angst vor faulen Krediten in den Tresoren der Kollegen, ihr Geld lieber zur Europäischen Zentralbank, auch wenn sie dort sehr viel weniger Zinsen dafür bekommen. Dieses Misstrauen jedoch gefährdet die Realwirtschaft und die Kommunen. Denn Unternehmen und Kommunen bekommen von den Banken kaum noch Kredite. Hier schlägt die Krise auf den Alltag um. Schlimmer noch als in Deutschland grassiert die Angst in Frankreich. Deshalb würde der französische Präsident gern auf das Geld der Europäischen Zentralbank zugreifen, um eben die französischen Banken zu retten. Davor aber steht noch seine Freundin Angela. Beim EU-Gipfel am Wochenende wird man gemeinsam beraten, wie man wo an Geld herankommt, ohne das Gesicht und die nächsten Wahlen zu verlieren – und um die Banken zu retten.

Man muss nicht so weit gehen wie Kurt Tucholsky, der schon vor achtzig Jahren sein Mißtrauen gegenüber Bankern so kundtat: „Wirf den Bankier, wie du willst, er fällt immer auf Dein Geld.“ Aber ein gewisses Gschmäckle haben die Forderungen der angeblichen Euro- und Europa-Retter schon. Wenn Kommissionspräsident Barroso etwa keck eine höhere Kapitalausstattung der Banken und den Verzicht auf Boni und Dividenden fordert, dann darf man auch fragen: Woher sollen die Banken das Kapital bekommen, um sich besser auszustatten? Die diversen Rettungsfonds werden es ermöglichen. Und das ist wieder das Geld des Steuerzahlers. Redlich ist das nicht. Ehrlicher wäre es, mal ein paar Banken das Risiko ihrer Gier zahlen zu lassen. Und kostete es die eine oder andere Pleite eines Bankerfreundes. Für diese Casino-Banker muß es beim Gipfel heißen: Rien ne va plus – nichts geht mehr. Das ist  hart aber immer noch billiger als der Verlust des sozialen Zusammenhalts.

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7 Kommentare auf "Der wirkliche Einsatz / Rien ne va plus – Nichts geht mehr"

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