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Der Waldgänger – aktueller denn je

19. September 2012, 09:42 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Als Programmschrift eines revolutionären Konservatismus wurde Ernst Jüngers Werk »Der Waldgänger« bei seinem ersten Erscheinen im Jahr 1951 verstanden. Der Wald ist der Ort des Widerstands, wo neue Formen der Freiheit aufgeboten werden gegen neue Formen der Macht. Mit dem »Waldgänger« nimmt Jünger ein altes isländisches Wort auf, das den Geächteten bezeichnet, der den Willen zu Behauptung aus eigener Kraft bekundet: »Das galt als ehrenhaft und ist es heute noch, trotz aller Gemeinplätze.«

 

„Es ist vielmehr so, daß der einfache Mensch, der Mann auf der Straße, dem wir täglich und überall begegnen, die Lage besser erfaßt hat als alle Regierungen und alle Theoretiker. Das beruht darauf, daß in ihm immer noch die Spuren eines Wissens leben, das tiefer reicht als die Gemeinplätze der Zeit. Daher kommt es, daß auf Konferenzen und Kongressen Beschlüsse gefaßt werden, die viel dümmer und gefährlicher sind, als es der Schiedsspruch des Nächstbesten wäre, den man aus einer Straßenbahn herauszöge.

Der Einzelne hat immer noch Organe, in denen mehr Weisheit lebt als in der gesamten Organisation. Das zeigt sich selbst in seiner Verwirrung, in seiner Furcht. Wenn er sich zermartert, um einen Ausweg, einen Fluchtweg zu ermitteln, so zeigt er damit ein Verhalten, das der Nähe und Größe der Bedrohung Rechnung trägt. Wenn er den Währungen mißtraut und auf die Sachen geht, verhält er sich wie jemand, der noch den Unterschied zwischen Gold und Druckerschwärze kennt. Wenn er in reichen, friedlichen Ländern nachts vor Schrecken erwacht, dann ist das so natürlich wie der Schwindel vor dem Abgrunde. Es hat keinen Sinn, ihn überreden zu wollen, daß der Abgrund gar nicht vorhanden sei. Und wenn man sich berät, so ist es gut, daß es hart am Abgrunde geschieht.“

 

aus:

Ernst Jünger. Der Waldgang. Klett-Cotta 1980, S. 38 f (Originalausgabe 1951)

Die Einleitung ist dem Klappentext des Buches entnommen.

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