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Der goldene Schnitt

09. Juli 2012, 08:56 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Die männliche Vorhaut hat es ins Feuilleton geschafft. Die Diskussion um Beschneidung von Jungen offenbart nicht nur einen Konflikt mit der Religionsfreiheit, sondern mit der Kompetenz von Eltern und dem Wohl des Kindes.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass weltweit fast 30 Prozent aller Männer beschnitten sind. Mehr noch, auch mit deutschen Geldern werden in Ländern der dritten Welt im Rahmen der AIDS-Prävention WHO-Programme finanziert, die eine Beschneidung von Jungen fördern sollen. In manchen afrikanischen und asiatischen Ländern sind bis zu 80 Prozent der Männer beschnitten. In den USAwerden fast 50 Prozent aller Jungs beschnitten, und das bei Weitem nicht nur aus religiösen Motiven. Die Tradition findet sich nicht nur bei den Muslimen und Juden, sondern auch im amerikanischen Mittelstand. Sind das jetzt alles kriminelle Eltern, die sich rechtswidrig an ihren Kindern versündigen?

Schnell war der Vergleich zur Beschneidung von Frauen zur Hand. Hier eine Parallele zu ziehen, erscheint allerdings fast schon zynisch, angesichts der Tortur, die eine Beschneidung für ein Mädchen bedeutet. Gleich ist hier nur die Wortwahl – Grund und Methode sind ungleich grausamer. Während der Eingriff bei Jungen die Aufnahme in eine Religionsgemeinschaft bedeutet, eine Ehre, ein Familienfest, und mit einem minimalen Eingriff zu bewerkstelligen ist, bedeutet es bei Mädchen in der Regel unfassbare Schmerzen, spätere Komplikationen bei Geburten. Vor allem aber ist es einfach nur ein Akt der Unterdrückung. Eine Verstümmelung, die ihnen sexuelle Freude oder gar Lust für immer austreiben soll. Ähnliches ist mir von männlicher Seite nicht bekannt. Man könnte also die Kirche sprichwörtlich mal im Dorf lassen, zumal die Wertung als Körperverletzung hier noch ganz andere Problemfässer öffnet, die wir eventuell gar nicht wieder zu bekommen.

Bewahrung vor Selbstverstümmelung

Lassen wir die Religionskomponente mal völlig außen vor – auch wenn man erst mal nüchtern feststellen muss, dass die Ausübung der jüdischen Religion ab sofort in Deutschland nicht mehr erlaubt wäre, wenn sich das Urteil durchsetzt. Durchaus ein Novum in der neueren deutschen Geschichte und unendlich Stoff fürs Feuilleton weit über das Sommerloch hinaus. Obwohl, wie Kollege Broder richtig feststellt, sich sicher noch ein paar Oberschlaue finden lassen, die das Ganze dahingehend auslegen, dass wir die Juden ja nur vor einer Selbstverstümmelung bewahren wollen. Wie gutherzig von uns.

Wer so ein Urteil fällt, muss auch die Konsequenzen bedenken. Jede U-Untersuchung bei Kindergartenkindern wird fortan zum Problem. Kinderärzte wären verpflichtet, Eltern von beschnittenen Jungs anzuzeigen. Wie viele Eltern mit diesen Kindern gehen dann noch zum Arzt? Wie viele bleiben im Zweifel weg, auch wenn es medizinisch nötig wäre? Viel weitreichender ist dann auch die Frage, was dürfen Eltern überhaupt noch an Behandlung bei ihren Kindern entscheiden, ohne Gefahr zu laufen, wegen Körperverletzung angezeigt zu werden?

Tagtäglich entscheiden Eltern über das Wohl ihrer Kinder auch und gerade hinsichtlich deren Gesundheit. Als Frau darf ich während der Schwangerschaft rauchen und so viel Alkohol trinken, wie ich will. Meinem Kind wird das massiv und nachweislich schaden, strafrechtlich belangt werde ich dafür nicht. Ich darf meinem Kind Impfungen verweigern, die es vor Krankheiten schützen. Im Falle eines Infektes, der vermeidbar gewesen wäre, bin ich strafrechtlich nicht festzuhalten. Immer noch sterben in Deutschland unnötig Kinder, zum Beispiel an Masern. Ich darf meinem Kind eine völlig überflüssige Schönheitsoperation zum Geburtstag schenken. Eine neue Nase, oder Körbchengröße C – medizinisch sinnlos, ein operativer Eingriff. Strafrechtlich egal. Was ist mit der Frage, ob man abstehende Ohren anlegen darf? Alles nur Kosmetik, medizinisch sinnlos – Körperverletzung? Darf ich meiner Tochter noch Ohrlöcher stechen lassen, obwohl sie mit ihren vier Jahren nicht explizit eingewilligt hat? Eltern, die ihren Kleinkindern nicht täglich die Zähne putzen, riskieren Karies, verbunden mit Schmerzen und nicht unerheblichen Folgebehandlungen. Alles im Rahmen der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Es gibt viele Wege, wie Eltern ihren Kindern völlig legal medizinische Hilfe verweigern und unnötiges medizinisches Handeln antun dürfen. Es ist zutiefst willkürlich, das Beschneiden als Körperverletzungen herauszugreifen, nur weil eine religiöse Motivation dahintersteckt.

Scharlatane statt Charité

Nicht zuletzt darf ich mein Kind sogar im Mutterleib töten lassen. Ohne strafrechtliche Folgen. Beschneidung nein, Abtreibung ja? Mehr Inkonsequenz geht überhaupt nicht, als dass wir die Frage nach Leben oder Tod des Kindes selbstverständlich in den Händen der Eltern belassen und hier manche sogar allen Ernstes auch noch von einem „Frauenrecht“ reden – eine Beschneidung meines Kindes mich aber fortan vor den Richter zerren soll. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit hat das Kind also, das Recht auf Leben nicht unbedingt. Gratulation. Endlich verstehe ich das Sprichwort, vor Gericht und auf hoher See sei man in Gottes Hand.

Machen wir uns letztendlich nichts vor: Beschneidungen würden selbst bei Verbot trotzdem stattfinden. Aber nicht mehr in der Charité, sondern bei Scharlatanen. Das Kindeswohl, das man hier angeblich im Auge hat, würde mit Füßen getreten, wenn der Eingriff fortan unter zweifelhaften hygienischen Bedingungen durch nichtmedizinisches Personal in Hinterhöfen stattfindet. Komplikationen wie jene, die das Urteil in Köln überhaupt erst möglich machten, wären an der Tagesordnung. Ein Sieg gegen die Religion, erkauft auf dem Rücken der Kinder.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.theeuropean.de.

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