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Der Euro und die Erbsünde

16. Juli 2012, 08:41 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte: , , , ,

Gegen die Euro-Rettungspolitik der Bundesregierung wehrt sich die deutsche Bevölkerung kaum. In London wundert man sich über diese Art der Selbstverstümmelung. Denkt der Deutsche etwa mit zwei Gehirnhälften?

Letzte Woche sprach ich in London mit Politikern, Journalisten, Wirtschaftsführern, Ökonomen und britischen Bürgern über die Europolitik der Bundesregierung. Bei uns liest man, wie sehr die britische Regierung die deutsche bedrängt. Berlin soll sich endlich als Gesamtgläubiger hinter den Euro stellen; schon um den Gefahren für die britischen Banken zu entgehen. Die meisten Fragen, die mir in London gestellt wurden, zielten in die andere Richtung:

Wie kann es sein, Mr. Henkel, dass sich die deutsche Bevölkerung die Rettungsaktionen so einfach gefallen lässt?

Warum gibt es dagegen keine nennenswerte Opposition im Bundestag?

Wieso gibt es keine politische Bewegung, die die breite Ablehnung der deutschen Bevölkerung gegen die Rettungspolitik aufnimmt, artikuliert und in einer Parteigründung münden lässt?

Immer wieder habe ich diese Fragen so oder ähnlich beantwortet: Wirtschaftsführer leiten die Deutschen in die Irre („Deutschland profitiert am meisten vom Euro“!); Politiker schüren Ängste („Scheitert der Euro, scheitert Europa!“); Medien kritisieren zwar immer öfter die Rettungspolitik, lassen eine echte Diskussion über Alternativen aber nicht zu („Der Euro bleibt alternativlos“!).

Die von mir bei einem Londoner Think Tank unterbreitete These, dass das Rütteln am Einheitseuro (nur!) in Deutschland als politisch inkorrekt gilt und zu einem Tabu erklärt wurde, ließ einem älteren Mann aus der Runde keine Ruhe. Er meinte, dass die Deutschen mit zwei Gehirnhälften dächten. Mit der einen würden sie rational denken, mit der anderen alles daraufhin überprüfen, ob das Ergebnis mit ihrem schlechten Gewissen für in der Vergangenheit begangene Gräueltaten in Einklang gebracht werden könne. Das sei verheerend für die deutsche Gesellschaft, so würde sie sich weder emanzipieren, noch den richtigen Weg nach Europa finden können. Die Nachkriegsgenerationen könne man doch nicht mit einer Erbsünde belasten.

Tabus und moralische Fassaden

Mal in Englisch, mal in Deutsch sprachen wir nicht nur über deutsche Tabus, sondern auch mit der Erbsünde zusammenhängende moralische Anmaßungen der Deutschen. Wir einigten uns aber auch darüber, dass sich hinter dieser moralischen Fassade oft Scheinheiligkeit versteckt:

Durch die Stimmenthaltung unseres Außenministers bei „Libyen“ sollte einmal mehr unsere Friedensliebe demonstriert werden, obwohl niemand von uns ein militärisches Eingreifen forderte. Die Franzosen und Briten hielten ihre Köpfe für Freiheit und Demokratie ohne Zustimmung der Deutschen hin.

Mit dem abrupten Ausstieg aus der Kernenergie wollten sich die Deutschen auch dem Rest der Welt als moralisch überlegen zeigen. Zwar wird bei jeder Gelegenheit die deutsch-französische Freundschaft bemüht, Berlin hat Paris zu diesem atemberaubenden Manöver nicht einmal konsultiert, obwohl auch die Stromversorgung Frankreichs davon betroffen war.

Die Deutschen verantworten nicht mehr als 3% des weltweiten CO/2-Ausstoßes, aber das hindert sie nicht daran, so zu tun, als könnten sie mit ihren umweltpolitischen Alleingängen das Weltklima retten.

Seit Jahren versuchen deutsche Politik, Wirtschafts-und Gewerkschaftsführer die deutsche Mitbestimmung mit moralischen Begründungen als Standortvorteil zu verkaufen. Sie blieb ein Ladenhüter.

Zwar wunderte sich mein älterer Gesprächspartner schon lange über die moralisch begründeten Sonderwege seines Geburtslandes, aber die deutsche Selbstverstümmelung durch den Euro würde ihn sprachlos machen. Mir wurde er vorher als ein ehemaliger deutscher Mitbürger jüdischen Glaubens vorgestellt, der es im letzten Augenblick schaffte, den Nazischergen zu entkommen.

Seitdem in England lebend, ist er ein deutscher Patriot geblieben, ein echter.

Beitrag erschien zuerst auf handelsblatt.com

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