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Der Euro und die britische Europamüdigkeit

28. Januar 2013, 03:15 | Kategorien: Politik | Schlagworte:

Viel zu leichtfertig wird über einen möglichen EU-Austritt der Briten debattiert. Dabei würde Deutschland in Brüssel seinen wichtigsten Mitstreiter für Marktwirtschaft, Eigenverantwortung und Wettbewerb verlieren.

Die deutsche Reaktion auf die Europarede des britischen Premiers war vorauszusehen. Für unsere Politiker und Medien ist die Ankündigung Camerons, seine Bürger über den Verbleib in der EU entscheiden zu lassen, nichts als eine bodenlose Dummheit. Außenminister Westerwelle und der Präsident des Europaparlaments Schulz gossen mit ihrer Reaktion („Mehr Europa!“) noch Öl ins Feuer. Dass sie damit die antieuropäische Stimmung auf der Insel weiter anheizen, nehmen sie in Kauf.

In deutschen Medien findet man nur wenig über die wahren Ursachen der britischen Europamüdigkeit und über die Konsequenzen, die ein Austritt der Briten aus der EU für Deutschland hätte. Bei der Suche nach der Ursache britischer EU-Müdigkeit wird man schnell fündig. Den Briten sind die Nachrichten über das Euro-Chaos auf dem Kontinent genauso in die Knochen gefahren wie den Bürgern der anderen neun Nicht-Euroländer der EU. Von denen ist bekanntlich nur den Rumänen der Appetit auf die Einheitswährung noch nicht vergangen.

Mit ungläubigem Staunen sehen die Briten, wie die zur Rettung des Euro nötige Angleichung der Produktivität des Südens und der des Nordens („Harmonisierung“) die Wettbewerbsfähigkeit der ganzen Euro-Zone schwer beschädigt. Sie registrieren mit Entsetzen, dass mit der Sozialisierung der Schulden („Bankenunion“) ein perfektes System organisierter Verantwortungslosigkeit eingeführt wird. Vor allem fühlen sie sich durch den im Gefolge von Eurorettungspaketen grassierenden Zentralismus („Mehr Europa“) völlig überrumpelt. Nicht die Briten ändern die Spielregeln, die Euromantiker tun es. Sie müssen es tun, um am Einheitseuro festhalten zu können.

Auch bei der Beschreibung der Folgen eines Austritts Großbritanniens aus der EU fällt die Einseitigkeit der Berichterstattung auf. Das Land würde selbst am meisten darunter leiden, heißt es. Dabei gibt es mit Schweden und Dänemark gute Beispiele dafür, wie man außerhalb der Euro-Zone besser abschneiden kann als innerhalb. Norwegen und die Schweiz machen nicht nur ohne Euro sondern sogar ohne EU erfolgreich ihren Weg. Wer sagt, dass Großbritannien das nicht auch könnte, anstatt im Sog des Loser-Clubs „Euro-Zone“ mit unterzugehen?

Auch die Folgen, die ein Austritt der Briten für Deutschland hätte, werden unter den Teppich gekehrt. Mit London würden wir in Brüssel den wichtigsten Mitstreiter für Marktwirtschaft, Eigenverantwortung und Wettbewerb verlieren. Wir wären dem Süden unter Führung der staatsgläubigen Zentralisten in Paris noch mehr ausgeliefert als wir es heute schon sind. Dabei verlieren die Länder der Euro-Zone auch als Handelspartner schon jetzt für uns immer mehr an Gewicht. Zu D-Markzeiten gingen 46 Prozent unserer Exporte in die Euro-Zone. Heute sind es nur noch 39 Prozent, Tendenz fallend. Es blieb dem britischen Deutschlandkenner David Marsh vorbehalten, den Deutschen jetzt im Handelsblatt mitzuteilen, dass Frankreich als unser bisher größter Handelspartner von Großbritannien abgelöst wurde. In einigen Dekaden wird Großbritannien Deutschland auch als bevölkerungsreichstes Land der EU überholen, wenn sie dann noch dabei sind.

Trotz „Rabatt“ auf britische Beitragszahlungen, ist Großbritannien der zweitgrößte Nettozahler in der EU. Die Leser von „Henkel trocken“ dürfen dreimal raten, wer den Beitrag der Briten übernehmen wird, wenn sie wegen der Europolitik die EU verlassen haben.

Zuerst erschienen im Handelsblatt

 
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1 Kommentar auf "Der Euro und die britische Europamüdigkeit"

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