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Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren

31. Juli 2012, 10:24 | Kategorien: Politik | Schlagworte: ,

Der Untertitel, “Ein Jahrhundertdiktat”, ist nicht übertrieben. Andreas Petersen hat mit seinem Buch über den hundertjährigen Ex-Kommunisten Erwin Jöris ein monumentales Werk vorgelegt, das an einem Einzelschicksal die ganze Kompliziertheit und Brisanz der Geschichte der kommunistischen Bewegung beleuchtet.

Jöris, geboren und aufgewachsen im Berliner Arbeiterbezirk Lichtenberg, sah am Fenster seiner elterlichen Wohnung den Trauerzug, der sich für die ermordeten Kommunisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auf der Frankfurter in Richtung Friedhof Friedrichsfelde bewegte. Liebknecht und Luxemburg wurden seine Lebensvorbilder, obwohl sie die Arbeiterbewegung im Januar 1919 mit dem Spartakistenaufstand in eine katastrophale Niederlage geführt hatten.
Straßenkämpfe und Hyperinflation wurden die prägenden Kindheitserlebnisse. Als Jugendlicher stellte sich Jöris selbst als Straßenkämpfer des kommunistischen Jugendverbandes KJVD im Unterbezirk Lichtenberg- Friedrichshain zur Verfügung . Immer wenn die Parteiführung im Karl-Liebknecht- Haus einen Märtyrer brauchte, hieß es „Jugend voran“, schätzt Jöris sein damaliges Engagement heute kritisch ein. Tatsächlich wurde sein bester Freund im Alter von 18 Jahren bei einem Angriff des KJVD auf die sozialdemokratische Polizei erschossen. Das Geld, das für die Beerdigung in Berliner Betrieben und auf der Straße gesammelt wurde, wurde der Familie nie übergeben. Die KPD veruntreute es für andere Zwecke.
Während in der Arbeiterhochburg Lichtenberg durch kommunistischen Straßenterror die Weimarer Demokratie sturmreif geschossen wurde, stimmen die kommunistischen Reichstagssabgeordneten bis auf wenige Ausnahmen mit den Nationalsozialisten. Die Kommunisten bekämpften noch in den ersten Wochen nach der Machtübernahme Hitlers die Sozialdemokraten als ihren Hauptfeind.
Jöris landete im ersten KZ Sonnenburg, gemeinsam mit fast allen führenden kommunistischen Funktionären Berlins. Er sieht Thälmanns Sekretär auf dem Freigangshof. Nach knapp sechs Monaten wird Jöris entlassen. Nach Lichtenberg zurückgekehrt, muss er feststellen, dass die Mehrzahl seiner ehemaligen Kampfgefährten zu den Nazis übergetreten ist. Vorher gab es Nazis nur als Minderheit, nun sind sie im ehemals roten Bezirk ein Massenphänomen.
Jöris wird von der Partei in die Emigration nach Moskau geschickt. Dort wird er wegen seiner losen Zunge aber nicht für würdig befunden, die kommunistische Jugendschule zu besuchen, sondern zur Bewährung in der Produktion nach Swerdlowsk abgeschoben. Im Uralmasch, dem größten Maschinenkombinat der SU, erregt er bald das Missfallen der örtlichen Funktionäre und KGB-Spione. Er tut ,was Ausländern verboten ist: besucht seine sowjetischen Arbeitskollegen in ihren elenden Wohnbaracken. Dort bekommt er eine dünne Kohlsuppe vorgesetzt und matschiges Schwarzbrot. „So leben wir“, sagt die Mutter seines Arbeitskollegen. „Wenn ihr die Kapitalisten in Deutschland vertreibt, könnt ihr das auch haben.“ Jöris denkt wehmütig an die Bockwust mit Kartoffelsalat, die er vor den von der KPD organisierten „Hungermärschen“ durch Berlin genossen hat und beschließt, seinen sowjetischen Freunden nichts davon zu erzählen. Trotzdem soll er verhaftet werden.
Nach einer abenteuerlichen Flucht quer durch die Sowjetunion und dem gescheiterten Versuch, mit Hilfe der deutschen Botschaft in Moskau nach Deutschland zurückzukehren, landet er im berüchtigten Gefängnis Lubljanka.  Nach dem Hitler-Stalin-Pakt nach Deutschland abgeschoben, kommt er gleich wieder im Gefängnis , zum Glück nicht zur Gestapo. Sein Vernehmer geht nach gründlicher Befragung davon aus, dass Jöris vom Kommunismus die Nase voll hat und entlässt ihn.
Den Krieg muss Jöris als Sanitätssoldat mitmachen, gerät am Ende in sowjetische Kriegsgefangenschaft und nach der Entlassung alsbald wieder ins Visier des sowjetischen Geheimdienstes. Im NKWD-Gefängnis in der Magdalenenstraße, das später der Stasihauptzentrale angegliedert ist, muss Jöris eine Zeitlang mit einem seiner Sonneburger KZ-Wächter die Zelle teilen. Mittels Fernurteil wird er für 25 Jahre nach Workuta geschickt. Im Kohleschacht wird er wieder mit einem ehemaligen KZ- Aufseher in eine Brigade gesteckt. Nach Stalins Tod und Adenauers Verhandlungen ist er nach sechs Jahren wieder daheim.  Er muss feststellen, dass die meisten zwischenzeitlichen Nazis nun in der SED sind. Tatsächlich war es ja die SED, die sich als erste Nachkriegspartei aktiv um ehemalige Nazis bemühte.
Jöris setzt sich mit seiner Frau bald in den Westen ab, wo er wegen seiner langen Haft in der SU für einen Nazi gehalten wird. Ein Schicksal, das viel Verborgenes aus dem vergangenen Jahrhundert erhellt und Schlaglichter auf viele vergessene historische Tatsachen wirft.

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com

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