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Das dreckige Duzen

16. Juli 2012, 08:37 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Inflationäres Geduze offenbart nur einen schmalen Grat zwischen Verbundenheit und Abwertung. Wohin das führt, merken auch Politiker und Behinderte immer wieder.

Mit einer Freundschaftsanfrage bei Facebook ist es schon zu haben, ohne Sinn und Anerkennung wird es wahllos verteilt und so verliert das Du den Anspruch, den es einst unter Erwachsenen hatte: ein Ausdruck der Anerkennung oder gar Freundschaft zu sein. Geduzt wird heute überall, in der Werbung, im nächsten Geschäft, im Internet sowieso. Es gibt kein Entrinnen, man wird gar nicht mehr gefragt. Der Siezer ist der Seltsame, gilt ein bisschen als verklemmt. Natürlich gibt es auch das gut gemeinte, spontane Du, auf Augenhöhe, unter Gleichaltrigen, in der Kneipe, an der Theke, wenn man nach dem fünften Pils beginnt, Zigaretten und Lebensgeschichten zu teilen mit Menschen, denen man sicher niemals wieder begegnen wird. Manchmal passt es einfach spontan, unverkrampft, unaufgesetzt. Es bleibt die Ausnahme.

Hierarchieabbau soll es sein, das Du, nach amerikanischem Vorbild, wo ein „you“ jedoch keinen Unterschied kennt zwischen dem deutschen Du und Sie und schon allein deswegen nicht einfach adaptiert werden kann. So manches Du ist außerdem gar nicht auf Augenhöhe gemeint, sondern soll ganz im Gegenteil Ungleichheit zementieren. Nennen Sie mich ruhig mimosenhaft, vielleicht bin ich auch einfach nur ein gebranntes Kind, aber ich kann mit einem ungefragt verteilten Du nichts anfangen. Zum ersten Mal nervte es mich mit 22 Jahren, als ich meine Kontoauszüge in der Dorffiliale meiner Sparkasse abholte, um von dem Mann hinter dem Schalter darauf hingewiesen zu werden: „Du musst die regelmäßig abholen.“ Zwar hatte man mir mein Taschengeldkonto, auf das mein Vater jahrelang monatlich 20 D-Mark überwiesen hatte, als Gruß zum 18. auf gebührenpflichtig umgestellt, die Quartalsabrechnungen hatten aber offenbar nicht gereicht, um mir in der Finanzwelt ein Sie zu erkaufen. Nichts verband diesen Mann und mich, ich wusste nicht einmal seinen Namen und dass Ihr Bankberater nicht Ihr Freund ist, wissen Sie spätestens, wenn Sie das erste Mal den Dispo überziehen.

Die Begegnung hatte mich nicht nur wütend, sondern auch mutig werden lassen und die Quittung bekam eine Frau Doppeldoktor in dem Pharmakonzern, an dessen Kopierer ich als Studentin meine Reisekasse aufbesserte. Ihr joviales Du bekam sie mit süßem Lächeln zurück, was sie ziemlich aus der Fassung brachte und unser Arbeitsverhältnis leicht zerrüttete. Hatte sie mich doch von der Ebene ihres Doppeldoktors aus herab geduzt – natürlich in der Erwartung, dass ich als kleine Kopierkraft dennoch ihren Status als Abteilungsleiterin weiterhin mit einem Sie begleite. Es war in beiden Fällen kein Du auf Augenhöhe, kein Freundschaftsbeweis, sondern eine Hierarchie, die mit Worten unterstrichen werden sollte. Ich hier oben, du dort unten, damit wir uns richtig verstehen, Kindchen.

Hey Du, stell Dich doch mal nach vorn

In die gleiche Kategorie passt die Szene, die sich vergangene Woche in der Bundespressekonferenz abspielte. Hubert Hüppe, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, hatte eingeladen, um darauf hinzuweisen, dass er den neuen Bluttest, der mit einer Art Rasterfahndung das Down-Syndrom in der Schwangerschaft aufspüren kann, für illegal hält. Mit auf dem Podium saß Sebastian Urbanski. Er ist Schauspieler und Synchronsprecher, 35 Jahre alt und ach ja, er hat das Down-Syndrom. „Ich finde, dass der Test verboten werden sollte“, sagt er. „Wir sind langsamer, aber wir sind auch Menschen.“ Betretenes Schweigen machte sich breit unter den Journalistenkollegen – beim Fototermin, war er allerdings nur der Behinderte, den man mit den Worten „Hey du, stell dich doch mal nach vorn“ anredete, während man die anderen mit einem höflichen Sie auf das Bild sortierte. Auch dieses Du war nicht freundschaftlich gemeint. Es war eine Abwertung. So wie wir Kinder duzen, weil sie eben Kinder sind und man ihnen das Sie erst mit einem gewissen Alter zugesteht, Behinderten offenbar nie, auch wenn sie schon 35 sind.

Meine nächste Du-Erfahrung führte mich durch meinen ersten bezahlten Redaktionsjob direkt in ein Unternehmen, dass das Sie nach skandinavischem Vorbild komplett abgeschafft hatte – und stürzte mich in echte Sprachkonflikte. Das Du war Pflicht, vom Firmeninhaber bis zum Praktikanten. Wir waren hier alle gleich – bis auf die Gehaltsabrechnung natürlich, da waren dann manche gleicher. Wir machten was mit Medien und so. Das Du sollte Lässigkeit ausstrahlen, da war er wieder, der Hierarchieabbau, es war ja gut gemeint. Nur ich brachte es nicht über die Lippen, meinem Chef täglich ein „Moin Uli“ über den Flur zuzurufen. Einem Mann, den ich nur aus dem Vorbeigehen kannte, der mir an Berufserfahrung und Jahren weit voraus war und den ich nebenbei bemerkt auch noch für ziemlich seltsam hielt. Ich hätte mir das Du von Uli gerne verdient. Durch Leistung in meinem Job durch Kennen- oder gar Schätzenlernen. Aber es war uns nicht vergönnt, dem Uli und mir. So wurde es mir aufgezwungen und ich gewann ungeahnte Fertigkeiten im Formulieren von Sätzen ohne direkte Ansprache.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Ein Du bindet, man kommt – ist es einmal ausgesprochen – nicht ohne größere Abneigungsbekundungen wieder zum Sie zurück. Egal ob privat oder beruflich, Du bedeutet lebenslänglich. Selbst scheiden lassen ist einfacher, da muss man nicht mehr den Anschein erwecken, als sei auch anschließend noch alles in Ordnung. Und so sind wir schon bei der SPD. Bei den Genossen sind ja bekanntlich auch alle gleich, was mit einem schulterklopfenden Du bekräftigt wird. Es sei denn, einer der Genossen fällt in Ungnade. Duzen sich Lafontaine und Schröder eigentlich noch? Da passte doch mal kein Blatt Papier dazwischen, vermutlich haben sie aber inzwischen die Kommunikation eingestellt, auch wenn ein „Du Arschloch“ sich wirklich leichter sagt als ein „Sie Idiot“. Peer Steinbrück hatte es da schwieriger vor einigen Wochen in der Günther-Jauch-Sendung mit Thilo Sarrazin. Ja, ganz blöd, wenn sich da plötzlich ein Duzfreund als Unfriedenstifter in den eigenen Reihen entpuppt, was in der Politik nicht selten der Fall ist. Also siezten sich die Herren Steinbrück und Sarrazin in der Sendung wieder demonstrativ, was zumindest ehrlich war und die gegenseitige Abneigung unterstrich.

Im Gegenzug ebenfalls beliebt ist das Siezen vor der Kamera, obwohl man sich dahinter bereits seit Jahren kennt und sich duzt. Hier soll vor der Kamera Distanz und Neutralität geheuchelt werden, während man nach der Sendung den nächsten Wein verabredet und die Frau grüßen lässt. Solche Sies können wir uns schenken, zumal es für den Zuschauer zum Einordnen der gestellten Fragen sicher interessant wäre zu wissen, wer anschließend bei Häppchen noch den nächsten Familienbesuch mit dem Moderator plant. Wenn es opportun erscheint, wird Freundschaft also doch lieber verleugnet.

In der Sportberichterstattung hingegen hat das Du noch eine Steigerungspotenz: Das Zurschaustellen von Kumpelei mit dem Anspruch, damit Insiderwissen zu demonstrieren. Seht her, ich kenn den Olli persönlich. Ja, ich gehe ein und aus in der Kabine. Gestandene Männer mit beachtlichen Karrieren müssen sich von übereifrigen Moderatoren nicht nur mit Du, sondern auch noch mit Namen wie Berti oder Jogi anreden lassen. Sportler nehmen das hin, es gehört zum Geschäft und ist im Zweifel nützlich, den einen oder anderen Sportreporter persönlich zu kennen und bei der Stange oder bei Laune zu halten.

Neu ist, dass man sich für ein Sie entschuldigen muss

In Zeiten von Facebook nimmt das Geduze mitunter fast absonderliche Züge an. Menschen, die nichts weiter verbindet, als einer von Millionen Kunden zu sein, mutieren im Web zu sogenannten Freunden. Da wird sogar unter Fremden „gestupst“, eine Tätigkeit, deren Sinn sich mir auch nach zwei Jahren Facebook noch nicht erschlossen hat. Was will mir ein Unbekannter sagen, mit dem ich noch nie geredet habe, der mich aber „anstupst“? Würde er mir auch auf der Straße einfach mal so im Vorbeigehen einen ordentlichen Rempler verpassen zur Begrüßung? Genauso würden die allermeisten im Echtleben all die „Freunde“ niemals duzen, sondern selbstverständlich mit Sie anreden, schließlich kennt man sich in der Regel kaum – was zu einer echten Herausforderung wird, wenn man Facebook-Bekanntschaften real begegnet. Schon mehrfach erreichten mich inzwischen Freundschaftsanfragen mit vorauseilenden Entschuldigungen dafür, dass man mich in der Ansprache siezt und damit die übliche Facebook-Lässigkeit durchbricht. Ein verordnetes Du scheint auch anderen Unbehagen zu bereiten. Sollte ich doch nicht alleine sein? Neu ist aber, dass man schon glaubt, sich für ein Sie entschuldigen zu müssen.

Dabei macht es das Leben einfacher. Die Konversation respektvoller. Die Enklaven werden kleiner, in denen man sich eine Distanz zum Nächsten auch sprachlich bewahren kann. Wir rücken auch global immer näher zusammen, es macht uns aber nicht automatisch zu Freunden. Warum also so tun als ob?

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf TheEuropean.de.

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3 Kommentare auf "Das dreckige Duzen"

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