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Buchtip: “China-der bessere Kapitalismus?”

29. Juni 2012, 06:15 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte: , , ,

Es ist jetzt gerade 30 Jahre her, dass die Volksrepublik China wesentlich ärmer war als Staaten wie etwa Ägypten oder Tunesien.

Wer hingegen heute von der Aussichtsplattform des rund 600 Meter hohen hypermodernen “Canton-Tower” auf die Stadt Guangzhoublickt, der sieht das 21.Jahrhundert vor sich: eine Metropole der Moderne mit Dutzenden Wolkenkratzern internationaler Architekten, aber auch einem sensibel renovierten historischen Zentrum. An Orten wie Guangzhou wird unmittelbar und fast schon schockierend klar, welchen enormen wirtschaftlichen Fortschritt China in den vergangenen drei Dekaden gemacht hat.

“China – der bessere Kapitalismus” nennt die italienische Ökonomin, Autorin und Regierungsberaterin Loretta Napoleoni denn auch ihre jüngst erschiene Analyse der Gründe und Bedingungen für den atemberaubenden Aufstieg des Reiches der Mitte vom Armenhaus zum Powerhouse der globalen Ökonomie. Dabei ist ihr eine abenteuerliche Mischung aus präziser Beschreibung der Fakten, ein paar riskanten, aber hochinteressanten politischen Thesen und einigen völlig absurden ideologischen Entgleisungen gelungen. Doch viele von Frau Napoleonis Beobachtungen sind wertvoll genug, um sich durch ihre manchmal gewöhnungsbedürftigen wirtschaftspolitischen Überzeugungen hindurchzuquälen.

So hat sie sehr präzise herausgearbeitet, was der Kern des chinesischen Wirtschaftswunders ist: die hochriskante Bereitschaft der kommunistischen Führung seit Deng Xiao Ping, der Bevölkerung den Tausch sozialer Sicherheit auf niedrigem Niveau im Kommunismus gegen die Chance, sich Wohlstand unter kapitalistischen Bedingungen zu erarbeiten, schmackhaft zu machen.

“Das scheint auf den ersten Blick nicht viel, aber fragen wir uns doch einmal, welche westliche Demokratie heute bereit wäre, sich zum Wohl des Landes so komplett selbst in Frage zu stellen, und welche Regierung den Mut hätte, sich politisch so weit zu distanzierten, nicht nur von einem Vorgänger, sondern von sich selbst. Als Deng vorschlug, die Volkskommunen aufzulösen und chinesisches Land an Ausländer zu verpachten, tat er genau dies.”

Den westlichen Vorwurf, China sei keine Demokratie, hält Napoleoni für albern und eurozentrisch: “Die asiatischen Tiger haben herausgefunden, wie man einen neuen Typ Regierung schafft, den Entwicklungsstaat, in dem die Legitimität nicht mit demokratischen Wahlen verbunden ist, sondern mit der Fähigkeit der Führung, für anhaltendes wirtschaftliches Wachstum zu sorgen (…) Wenn wir Demokratie definieren müssten, würden wir allgemeines Wahlrecht sagen. Die Chinesen ihrerseits würden Kapitalismus sagen.” Nicht nur in China, so ihre These, sei die Forderung nach “Demokratie” nicht auf die Errichtung eines Parteiensystems im westlichen Sinne gerichtet, sondern vielmehr Synonym für “Zugang zu unserem Lebensstandard”. Solange die Regierung diese Forderung erfülle, sei sie auch in den Augen der Mehrheit der Bevölkerung durchaus legitimiert, auch ohne Wahlgang.

Gewagte Analyse mit Verständnis für Massaker
Mit Recht weist sie darauf hin, dass den Wohlstand “auch in Europa wie in Amerika der freie Handel gebracht hat und nicht die Regierung durch gewählte Völker des Volkes”. Selbst für das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, und da wird ihre Analyse gewagt, kann Napoleoni gewisses Verständnis aufbringen: “Hätte man China 1989 geöffnet, wie es in der UdSSR geschah, hätte das dem Land Hunger und Chaos gebracht.” Und zieht daraus den kühlen Schluss, das Massaker sei ein “historisches Übel gewesen, das größere Tragödien vermieden hat. Zu Recht verurteilen wir diese Entscheidung, aber ihr haben wir auch zu verdanken, dass es uns noch gibt.”

Was zwar eine ziemliche Übertreibung ist, aber in der politischen Analyse nicht ganz falsch sein dürfte. Leider zutreffen dürfte auch ihre Prognose, “wenn es uns nicht gelingt, unseren augenblicklichen Kurs zu ändern, riskieren wir, dass wir am Ende unsere Existenz durch asiatische Touristen sichern müssen, die unsere zu Museen gewordenen Städte besichtigen.” (“WZ”)
China – der bessere Kapitalismus
Loretta Napoleoni
Orell Füssli Verlag, 324 Seiten, 20,60 Euro

ortneronline.at

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