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Buchtip 2: “Grandios Gescheitert”

02. August 2012, 06:06 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte:

Es hätte das damals höchste Bauwerk der Christenheit werden sollen: Im Jahre des Herrn 1225 beschloss der Bischof von Beauvais den Bau einer Kathedrale, die bis zu 132 Meter in den Himmelragen sollte; höher als jedes andere Gebäude im damaligen Europa.

Die Gemeinde Beauvais, etwa 90 Kilometer nördlich von Paris in der Picardie gelegen, heute ein eher beschauliches Provinznest, war damals auf Grund ihres florierenden Textilgewerbes eine der reichsten Städte Frankreichs und gleichzeitig als Sitz des gleichnamigen Bistums ein wichtiges spirituelles Zentrum. Um diese Bedeutung ihrer Stadt in Stein zu meißeln, sollte also die mächtigste Kathedrale aller Zeiten errichtet werden.

Doch wer heute Beauvais besucht, findet dort nur noch den mächtigen Torso des nie fertiggestellten Gotteshauses vor. Dessen Bau war eine Aneinanderreihung von Katastrophen, politischen, finanziellen und nicht zuletzt auch statischen. 1284 stürzte die halbfertige Kathedrale ein, am Tage Christi Himmelfahrt 1573 kollabierte um sieben Uhr Früh der über 100 Meter hohe Glockenturm des noch immer nicht vollendeten Bauwerks, das schließlich aufgegeben wurde.

Der deutsche Historiker und Publizist Bernd Ingmar Gutberlet erzählt in seinem jüngsten Buch “Grandios gescheitert – Misslungene Projekte der Menschheitsgeschichte” von einem Dutzend ähnlich ambitionierter und ähnlich spektakulär misslungener Unternehmungen des vergangenen Jahrtausends. Neben dem Kathedralenbau von Beauvais zählt dazu etwa das Projekt eines neuen Eisenbahnnetzes mit vier Meter Spurweite im Dritten Reich; Henry Fords utopische brasilianische Kautschuk-Republik “Fordlandia”; die unter dem Begriff “Atlantropa” bekannt gewordene geplante Absenkung der Mittelmeer-Oberfläche um 100 Meter; aber auch der französische Revolutionskalender oder die bizarren sowjetischen Versuche der Stalin-Ära, eine Kreuzung aus Mensch und Menschenaffen zustande zu bringen, sowie der bis heute nicht gelungene Versuch, das Polio-Virus auszulöschen.

Gutberlet verzichtet dankenswerter Weise weitgehend darauf, seinen Berichten vom Scheitern dieser gewaltigen Projekte irgend eine Moral abzupressen – so in der sauertöpfischen Art “menschliche Hybris führt ins Unglück” – und beschränkt sich darauf, ein Dutzend spannender Geschichten zu erzählen.

Eine der bizarrsten ist jene des deutschen Technikers Herman Sörgel, einen Staudamm zwischen Gibraltar und der Nordspitze Marokkos zu errichten und damit den Wasserspiegel des Mittelmeeres um 100 Meter abzusenken. Dadurch “wurden riesige Flächen Neuland gewonnen und eine Landverbindung nach Afrika geschaffen. Der schwarze Kontinent ist von Europa aus entwickelt worden, sein Rohstoffreichtum kommt dem Norden zu gute. Der neue Erdteil ,Atlantropa‘, durch eine weitsichtige technische und politische Vision seit 1930 Schritt für Schritt entwickelt, wird von Bern aus von einer Zentralregierung geleitet”, imaginiert Gutberlet einen Rückblick aus dem Jahr 2200 auf das Projekt des Ingenieurs, das mit seinem Tode unterging. Nicht, ohne zuvor prominente Unterstützer gefunden zu haben – darunter Erich Mendelsohn, Le Corbusier, Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe.

Mensch und Affe kreuzen?
Wesentlich diskreter scheiterte das monströse Projekt des sowjetischen Experimentalbiologen Ilja Iwanowitsch Iwanow, einen Menschen mit einem Menschenaffen zu kreuzen. Auftraggeber Iwanows war die Sowjetische Akademie der Wissenschaften, die 10.000 Dollar lockermachte, um eine Expedition nach Afrika auszurüsten, wo die Überschreitung der Artengrenze stattfinden sollte. Am Weg dorthin trug Iwanow in Paris seinen Plan am angesehenen Institut Pasteur vor. “Seine Pariser Kollegen waren keineswegs entsetzt, ganz im Gegenteil”, notiert Gutberlet.

Am 28. Februar 1927 war es so weit: In Guinea versuchte Iwanow, zwei Schimpansenweibchen mit dem Sperma eines 30 Jahre alten Einheimischen zu befruchten; ohne Erfolg freilich. Der stellte sich auch nicht ein, als er nach der Rückkehr in Russland versuchte, eine Freiwillige mit den Spermien eines Schimpansenmännchens zu schwängern. 1930 wurde er von der Geheimpolizei verhaftet – aber nicht etwa dieser Experimente wegen, sondern weil ihm Nähe zur einstigen Zarenfamilie vorgeworfen wurde, deren Pferde er gezüchtet hatte. (“WZ”)

Bernd Ingmar Gutberlet: Grandios gescheitert. Lübbe. 336 Seiten, 17,50 Euro

ortneronline.at

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