Wie Kriege entstehen. Deutsch-Österreichische Militärplanungen 1889-92/1912. Der Focus verschiebt sich auf den Balkan.

Der Blick auf das Ende der 80iger und den Beginn der 90iger Jahre des 19. Jahrhunderts, zeigt das Bündnissystem Bismarcks im Umbruch. Der späte Kanzler ist keineswegs der unangefochtene Heros. Mn wirft ihm vor, er regiere zu viel von Friedrichsruh aus und sei zu wenig in Berlin.

Veröffentlicht: | Kategorien: Blogs, Blogs - Empfohlen, Blogs - Politik, Blogs - Politik - Empfohlen | Schlagworte: Berchtold, Diplomaten, Konferenzen, Krieg, Russland, Türkei, Waldersee
von

Inhalt

26 - 1889: Kriegsspannung mit Rußland.

Soziale und materielle Schwächen der deutschen Armee.

27 - Waldersee und die fremden Heere.

Infanteriebewaffnung.

Einsatz der italienischen Armee am Oberrhein.

28 - 1890:

Kompetenzgerangel Kriegsministerium-Generalstab.

Unsicherer Kantonist Italien.

29 - 1891:

Personelles Renversement im Generalstab.

Führungsschwacher Schlieffen.

Kriegsvorbereitungen West.

Kriegsgefahr Ost. Krisenkonferenz vom 10.10.1891.

30 - 1892: 

Unmittelbare Kriegsbevorratung für Armee und Bevölkerung. [...]

31 - 1912:

Das Problem des Westaufmarsches: Belgien-England.

Vorbereitung des österreichisch-deutschen Aufmarsches.

Kriegsvorbereitungen: Finanzen, Generalstäbe Frankreichs, Englands, Belgiens.

Wende in der Rüstungspolitik.

Deutsch-Türkische Beziehungen.

Lagebeurteilung des österreichischen Generalstabes. Balkan-Türkei-Rußland.

Deutschland-Schweden.

Berchthold bremst die Offensivpläne Schemuas.

32 - Oktober 1912:

Realistische Einschätzung der Türkei.

Berchthold keineswegs kriegslustig.

 

 

Einleitung

Diesen Titel führte 1984/85 eine meiner letzten Übungen an der Hochschule der Bundeswehr Hamburg. Ein Thema bildete die damals akute Affäre um die Fälschung der Riezler Tagebücher. Am Ende der letzten Sitzung fragte mich ein junger Fähnrich, ob man sowas denn sagen dürfe? Es ging um die Rolle der deutschen Historikerzunft bei der Selektierung und beim Frisieren der Tagebucheintragungen Riezlers zum Juni/Juli 1914 (Tagebuch XXXa und XXXb), die ich damals gerade aufdeckte. Aber das ist ein anderes Thema...

Der Blick auf das Ende der 80iger und den Beginn der 90iger Jahre des 19. Jahrhunderts, zeigt das Bündnissystem Bismarcks im Umbruch. Das, was bisher - als bloßes Übertünchen von Rissen - noch nicht erkennbar war, wird bereits, gegen Ende der 70iger Jahre, erkennbar. Der Kanzler, in dessen Spätphase, ist keineswegs der unangefochtene Heros, der Bismarck-Renaissance der Nach-Weltkrieg-I -Phase. Vielmehr wurde ihm offen vorgeworfen, er regiere zu viel von Friedrichsruh aus, und sei zu wenig in Berlin präsent.

So kommt es, nach dem Auslaufen des Rückversicherungsvertrages, zur Hochrüstung seines Nachfolgers Caprivi gegen Rußland. Vergleichbar ist diese Phase mit der rüstungspolitischen Umlenken im Techischen Quinquennat von 1911. Als entscheidender Fehlgriff erscheint in diesem Moment die Überschätzung der türkischen Armee und deren Möglichkeiten durch Berlin. Der nun erneut, nach 1883-89, beabsichtigte Stoß gegen England, der über Konstantinopel geführt werden sollte, wird jedoch durch Rußland und den Balkanbund pariert.

Ganz anders, als seit der älteren Forschung behauptet (Eberhard Kessel, Zechlin), arbeiteten Deutschland und Österreich eng militärisch zusammen. Die Aktenpakete, die zur Zeit Schlieffens und Becks zwischen Berlin und Wien hin- und herwanderten, bestätigen das nachdrücklich.

Weiter wirft neues Licht auf die Erwägungen der österreichischen politischen und militärischen Führung Anfang 1912 die Diskussion zwischen Staatskanzler Berchthold und Generalstabschef Schemua. Durchaus nicht einig, wie auf dem Balkan vorgegangen werden sollte, mahnte Berchthold immer wieder vor einseitig militärischen Lösungen.

Durchaus auch über den westlichen Kriegsschauplatz informiert, gelangt die politische Führung in Wien durchaus zu adäquaten Einschätzungen. So entwickelt sich die Sicht in den österreichischen politischen und militärschen Führungseliten durchaus parallel zu der Berlins, und erscheint das Zusammengehen in den kommenden Krisen als durchaus nicht lediglich Fallgebunden, sondern aufbauend auf gründlicher, abgestimmter und gemeinsamer Einschätzung. Der Knoten der Kriegskrise soll sich dann ein zweites oder drittes Mal im November/Dezember 1912 schürzen. Die allgemeine Einschätzung der bündnispoliischen Situation Europas wird sich auf allen Seiten in diesen Wochen entscheidend verändern. Dazu entscheidend Neues in der nächsten Lieferung.

 

26 - 1889 Kriegsspannung mit Rußland.

Soziale und materielle Schwächen der deutschen Armee.

Am 1. Januar fand das Defilee im Weißen Saal des Berliner Schlosses statt. "Kommandierende Generale, General Inspekteure, Feldmarschälle u[nd] Armee Inspekteure" waren dort versammelt. Bei dieser Gelegenheit thematisierte Wilhelm II. "das Leben in den Offizierkorps, die Nothwendigkeit der Einfachheit", sowie

"bei der Truppen Ausbildung die nothwendige vermehrte Ausbildung im Gebrauch des Spatens, dann die Verwendung u[nd] beßere Bespannung der Feldartillerie u[nd] endlich die nothwendige Verjüngung des Offizierkorps, die er den Kom[man]d[ierenden]. Generalen besonders ans Herz legte".

Generalfeldmarschall Moltke betonte "in einigen kräftigen Worten..., daß dieArmee überall hingehen würde, wohin die Weisheit des Kaisers sie führen würde". Am 3. Januar folgte das "Diner im Schloß für die Kommandierenden Generale". Am übernächsten Tag die Jagd im Grunewald und anschließend das "Dejeuner im Schloß".

Bismarck war angesichts der sich verfinsternden Lage mit Rußland immer besorgter geworden. Waldersee notierte unter dem 8. Januar:

"In Rußland ist man eifrig an der Arbeit, in Oesterreich gegen uns Mißtrauen zu erregen; leider ist dies nicht schwer, durch unser eigenes Verschulden. Der Kanzler ist sehr erregt durch die ernsten Berichte, die nun von allen Seiten kommen, namentlich darüber, daß Schweinitz, der immer Friedenslieder gesungen hat, nun besorgter wird".

Die "Hamburger Nachrichten" berichteten am 21. Februar über "Nachtragsforderungen zum Militäretat". Dieser Bericht spiegelte auf militärischer Seite die aktuelle Gefahrenlage des Reiches. Allerdings ging es nicht um die Neubeschaffung eines Geschützes für die Feldartillerie. Vielmehr wurde die Gliederung der Waffe verändert (Abteilungsverband) und ein zusätzlicher Abteilungsstab bei der Korpsartillerie aufgestellt. Da der Bereitschaftsgrad der deutschen Feldartillerie unter mangelnder Bespannung litt, wurde nun - gerade im Hinblick auf die besseren Verhältnisse in der französischen Armee - hier versucht, Abhilfe zu schaffen. Ein wesentlicher Schritt in die Richtung verstärkter Kriegsbereitschaft wurde mit der, nunmehr nahezu durchgehaltenen, Batterie zu sechs Geschützen vollzogen. Ziel dieser Maßnahmen war,

"daß im Kriegsfalle die deutsche Feld=Artillerie in Folge ihrer mangelhaften Organisation nicht hinter der Feld-Artillerie anderer Staaten zurückstehen würde".

Dass dies keinesfalls der Fall war und das Vertrauen der Waffe in deren Leistungsfähigkeit nicht gegeben war, unterstrichen die "Hamburger Nachrichten" jedoch ausdrücklich.

27 - Waldersee und die fremden Heere.

Das Zwiegespräch mit Engelbrecht in Rom führt Waldersee mit großer Intensität und bittet seinen Militärattaché ausdrücklich, streng vertraulich und rückhaltlos seine Auffassung der Verhältnisse zu berichten, da der Botschafter aus anderen Rücksichten bestimmte Zurückhaltungen übe.

Infanteriebewaffnung.

Die Frage einer Umbewaffnung der Infanterien der europäischen Militärstaaten liege auf dem Tisch. Rußland werde sich - wie die übrigen - für ein kleinkalibriges Gewehr entscheiden. Frankreich werde gegen Jahresende die Umbewaffnung der mobilen und Reserveformationen durchgeführt haben. Wie stark die Rüstungsbemühungen die Waffenindustrien beschäftigten, erhellt die Andeutung Waldersees, die Franzosen hätten in Amerika gekauft. Dort seien verschiedene Firmen auf die Großserien-Produktion von Gewehren spezialisiert. Auch Rußland werde wahrscheinlich im Jahre 1890 dorthin gehen, da momentan noch Versuche liefen. Der italienischen Armee, so der Generalstabschef, rate er, ebenfalls diesen Weg nach zu beschreiten, da die deutschen "Fabriken bis zur äußersten Leistungsfähigkeit angespannt" seien.

Einsatz der italienischen Armee am Oberrhein.

Ende März 1889 berichtete Engelbrecht aus Rom über den Einsatz der italienischen Armee "im Fall der italienischen Cooperation in einem Kriege gegen Frankreich":

"1) An Deutschland werden abgegeben

     

  1. Armee Corps, Verona, mit den Art[illerie]. Reg[imen]t[e]r[n] N" 8 und 20/Verona-Padua/
  2. "" ,  Bologna,                                                               N" 2 und 15/Bologna- Reggio             i/C[alabrien]/
  3. " " ,   Florenz,                                                                 N" 7 und 19/Pisa-Florenz/
  4. " " ,   Rom,                                                                      N"1 und 13/...-Rom/
  5. "" ,    Neapel,                                                                  N"4 und 16/Cremona-.../
  6. '' ',    Bari,                                                                       N" 12 und 24/Cagua-.../3 Cavallerie Divisionen".
  7.  

"An der französischen Grenze" sollten zwei Armeen bei Turin konzentriert werden. Das 1. Armee Korps bei Turin, das 2. im Raum Alessandria, das 3. um Mailand, das 4. um Piacenza und das 7. um Culona. Insgesamt  "10 permanente und 4 Miliz Divisionen". Operationsfähig wurden diese Kräfte mit dem 15. Mobilmachungstag erwartet. Mit den Verbänden in Mittel- und Süditalien, sowie auf Sizilien sollten "24 permanente", " 10 Mobil Miliz-" und "3 Cavallerie Divisionen" aufgestellt werden.

Im Juni berichtete Deines aus Wien, der frühere italienische Militärattaché  habe die Meinung vertreten, "daß die K.K.Regierung die auf dem Balkan durch russischen Einfluß drohenden Gefahren unterschätze und weder politisch noch militärisch genug thue, um Allem gewachsen zu sein". Serbien gegenüber sei Wien

"in der alten traditionellen Unentschlossenheit, man will nichts thun, um die Serben zu hindern, Oesterreich aus eigenem Herzendrang zu lieben. Da diese Halbwilden sich aber hierzu durchaus nicht entschließen wollen, so muß die ebenso ruhige, wie rücksichtslose russische Agitation den österreichischen Einfluß sicher verdrängen. Wenn nicht die Serben uns den großen Gefallen thun, den österreichischen Konsul oder Gesandten in Belgrad zu prügeln, wird man sich hier zu 0 energischem Handeln nicht aufraffen". (Hervorh.v.m., B.S.)

Im Juli berichtete der bayerische Militärbevollmächtigte aus Berlin über Tendenzen des preußischen Kriegsministeriums, Posen zu befestigen, und, gegebenenfalls die bayerische Festung Germersheim als Brückenkopf auszubauen sowie Mannheim "provisorisch" auszubauen.

28 - 1890

Kompetenzgerangel Kriegsministerium-Generalstab.

Ende April des Jahres 1890 fand sich in den Akten des Kriegsministeriums "Konzept und Stellungnahme...zu einem Antrag des Gen[eral].Stabs, die Stellung einer Reichszentralbehörde zu bekommen". Es erheben sich Fragen zu der Begründung:

"Bedenken: unklar, wofür nötig, was dadurch gebessert werden soll. Immediatstellung hat der Chef [des Generalstabs] schon seit 1821, vollends seit 1883. Will man nur noch [die] Rangerhöhung der Beamten, hat der Chef schon längst. Scheint nun obsolet geworden. Man bedarf näherer Gründe des Antrags".

Am 12. Februar 1891 erging eine Vorwegentscheidung auf

"Antrag des K[riegs]M[inisters]: daß der K[riegs]M[inister] bei Immediatvorträgen des Gen[eral].Stabs zugezogen wird zur Entscheidung. S[eine].M[ajestät]. wird bei [der] Besprechung bestimmter Schriftstücke mitbestimmen, ob auch der K[riegs]M[inister] dem Vortrag des Chefs beiwohnen soll. Dieser kann auch seine Zuziehung, wenn es nötig, bei S[einer].M[ajestät]. Beantragen".

Unsicherer Kantonist Italien.

Am 2. Mai 1890 werden "an Oberstl[eutna]t. v[on]. Engelbrecht weitere Karten für den ital[ienischen]. Gen[eral.Stab übersandt". Am 26. April ersucht das Auswärtige Amt "in Erwiderung [eines] früheren Schreibens um Mitteilung über die Möglichkeiten und Chancen eines russ[ischen]. Vorgehens der 1.Armee nach der Beresina. Antwort-Abschrift der Denkschrift vom 23. Januar 1889 mit Zusätzen und 9 Anlagen". Am 8. Mai wird vom neuen Reichskanzler Caprivi eine "Darstellung darüber erbeten, daß Graf Waldersee als Führer" im Krieg bezeichnet wird. Offenbar gelangten die "russischen Aufmarschpläne" zu diesem Zeitpunkt in die Hand des Generalstabes. Natürlich erhielt der Reichskanzler davon Kenntnis. Mitte August fragt das Auswärtige Amt an, ob [das] mohammedanische Verhältnis bei [einem] Krieg in England oder Indien [den Briten] ernstliche Schwierigkeiten machen kann". Waldersee äußert sich Anfang Juli kritisch zum Bündniswert Italiens. In einem Schreiben an den Militärattaché 'in Rom, Engelbrecht, führt er aus:

"Daß es mit unserer italienischen Freundschaft nicht gut bestellt ist, darüber bin ich mir seit geraumer Zeit klar und ebenso auch darüber, daß wir mit unserer bisherigen Politik überhaupt brechen müssen".

Mitte November meldet der "Militär-Attaché Wien über [den] russischen Aufmarsch". Am 2. Dezember berichtet der Generalstabschef dem "Reichskanzler betr[effend]. [die] russ[ischen]. Mobilmachungsvorbereitungen v[or]. [dem] Aufmarsch. Es folgt eine Meldung" am 9. Dezember über Landungen an der bulgarischen Küste. Ergebnisse einer Rekognoszierung der [deutschen] Gen[eral].Stabs-Offiziere" folgen. Am 27. Dezember läuft ein weiterer Bericht des Militär-Attachés in Rom, Engelbrecht, zur Beurteilung der "italienischen Westgrenze" ein.

29 - 1891:

Personelles Renversement im Generalstab.

Waldersee verließ den Generalstab am 2. Februar 1891. Am 7. Februar erfolgte die "Ernennung von Graf Schlieffen zum Nachfolger".

Am 10. Februar 1891 kommt ein Stimmungsbericht des Militär-Attachés* in Wien ein. Mitte März werden nach Rom "neue franz[ösische] Wegekarten und Rheinübergangsskizzen übersandt", die "Oberstleutnant von Engelbrecht [(] Pläne des franz[ösischen]. Grenzgebietes[)] dem ital[ienischen].[Generalstabs-]Chef überreicht. Am 16. März sendet "Oberstl[eult[nant]. v[on]. Deines [Wien] unter Bezugnahme auf das Schreiben an den Grafen v[on]. Waldersee vom Dezember vor[igen]. Jahres eine Übersicht des Aufmarsches des russ[ischen]. Heeres". Im April meldet Deines, Beck arbeite

"daran, die Bahnlinien nach Ostgalizien zu vermehren, da der bekannte Vorsprung von Jahr zuJahr mehr schwindet."(Hervorh.v.m., B.S.).

Anfang Mai werden dem Generalstab in Berlin französische "geheime Berichte betr[effend]. [die] Mobilmachung für 1891" bekannt. Deines klagt Mitte des Monats über die "Holstein Kiderlen Monts und Gelichter'' und deren vorgebliche Intrigen. Allerdings sei Beck von Berlin befriedigt zurückgekommen. Der deutsche Kaiser habe ihm "versichert, daß Er, es komme was da wolle, treu zu Österreich stehen und, wenn es sein müßte, gleichzeitig mobil machen werde".

Führungsschwacher Schlieffen.

Deines hatte erwartet, dass sich zwischen Beck und Schlieffen ein engeres Verhältnis herausbilden werde. Doch sei das, infolge Zeitmangels, nicht der Fall gewesen. Deines schreibt:

"Der Eindruck, den General Beck von seinem jetzigen Herrn Kollegen genommen, ist durchaus kein ungünstiger, aber imponiert hat er ihm scheinbar nicht" (Hervorh.v.m., B,S.).

Allem Anschein befürchtete nun Deines mit einigem Recht, ein Nachlassen der deutschen führenden Hand, da Schlieffen dazu anscheinend nicht fähig war.

"Unsere Generale Präponderanz über den hiesigen behalten, sonst geht dereinst Alles schief. Vertrauen allein...genügt nicht; willige Unterordnung und zweifellose Anerkennung unserer thatsächlichelstab muß seinn Superiorität muß bleiben, wenn der künftige Koalitionskrieg nicht an sich selbst zu Grunde gehen soll. Wir müssen in einem solchen die unbedingte und zweifellose Führung haben; unter Euer Exzellenz wäre dies der Fall gewesen, jetzt nicht mehr". (Hervorh.v.m., B.S.).

Kriegsvorbereitungen West.

Am 26. Mai äußert sich Erzherzog Albrecht in Wien zum Einsatz eines "italienischen Korps an Falle R[ussland]". Im "Juni gehen, [in Berlin] mehrere Berichte betr[effend]. russische Rüstungen an das K[riegs]M[inisterium]". Dass italienische Truppen an der Westfront zu erwarten sind, bestätigt im Juni die Meldung, der "italienische Gen[eral].Stab beschäftigt sich mit [der] Besichtigungen an Mobilmachungsfall am Oberrhein". Ein Jahr später erhält der "Chef des ital[ienischen]. Gen[eral].Stabs direkt" eine "Denkschrift über [die Festung] Epinal". Weiter werden dem "italienischen Militär-Attaché" Karten, wie u.a. "Straßenkarten 1:300 000,...nebst weiteren Materialien über Frankreich" übergeben. Am 18. Juni wird dem Reichskanzler "Mitteilung über [französische]. Einberufungen von Reservemannschaften und dergl[eichen]." gemacht.

1891: Kriegsgefahr Ost. Krisenkonferenz vom 10.10.1891.

Am 5. Oktober schreibt der Generalstab wegen "Schutzmaßregeln gegen den Einbruch russ[ischer]. Streitkräfte ohne vorher gegangene Kriegserklärung" an das Kriegsministerium. Die für den 10. Oktober vorgeschlagene "Conferenz im Reichskanzlerpalais" wird auf Bitte des Generalstabes bis zum Eintreffen des neuen Chefs Schlieffen verschoben. Parallel laufen "'in mehreren Schreiben direkt vom Militär-Attaché Wien (Deines) an [den] Gen[eral]Stab, Mitteilung[en] z[um]. österr[eichischen]. Bahnaufmarsch pp." ein. Am 18. November fragt das Kriegsministerium beim Reichskanzler an, ob dieser "den K[riegs]M[inister] und den Gen[eral]Stabschef empfangen will". Es "übersendet das K[riegs] M[inisterium]" ein "Schreiben [an den] Reichskanzler [mit der] Anfrage, ob der Reichskanzler den K[riegs]M[inister] und [den] Gen[eral] Stabschef empfangen will". Dem Kriegsministerium unterbreitet der Generalstab "Vorschläge betr[effend]. [die] Aushebung [des] Landsturm[s] II.Aufgebot[s] in den östlichen Provinzen". Die "Besprechung über die Bündnisse" findet am 21. November ohne Schlieffen statt (Hervorh.,v.m., B.S.). Parallel übermittelt das Kriegsministerium eine

"Materialsammlung als Grundlage weiterer Entschließungen bei [einer] etwaiger[n] Heeresverstärkung. In erster Linie v[on]. Inf[anterie]. u[nd]. Feldart[illerie].[.] Verstärkung der Eisenbahntruppen... . Etatverstärkung d[er] besteh[enden]. Truppen auf etwa 600 Mann pro Bataillon".

Die gegenüber Russland offenbar zugespitzte Situation führt laut Kriegsministerium am 27. November zu der Regelung, "die Aufbietung des Landsturms in den zunächst bedrohten Grenzgebieten des I., XVII., II., V., VI. A[rmee]K[orps]. am 1.Mobilmachungstag" zu verfügen. Gleichzeitig kommen über das Militärkabinett "[Spionage-]Mitteilungen, die über russische Verhältnisse dort eingegangen sind (Graf Pfeil)". Um die politische Spannung zu vermindern, wird vom Kriegsministerium am 3. Dezember angefragt, "ob [die]Zurückverlegung einiger Regimenter von der Grenze empfehlenswert" sei. Der Generalstab antwortet, es werde davon "kein[en] günstige[r]n politische[r]n Einfluß" erwartet (Hervorh.v.m., B.S.). Es handelte sich offenbar um einen Plan des Kaisers, den dieser jedoch schon am 26. Dezember wieder aufgegeben hatte.

30 - 1892:

Unmittelbare Kriegsbevorratung für Armee und Bevölkerung.

Die Krise mit Rußland hält jedoch an, was sich Anfang Januar 1892 aus den "andauernd[en]" Mitteilungen des Generalstabes an das Kriegsministerium ergibt. Seit dem 3. Dezember liefen Verhandlungen mit dem Reichskanzler zumTransport italienischer Truppen ab April 1892. Am 11. Februar erhält Deines, "Vereinbarungen mit den Italienern zur Mitteilung an [den] österr[eichischen]. Gen[eral].Stab [zu]gesandt". Zehn Tage später äußern sich die Militärattachés in Wien und Rom zu "ital[ienischen]. Truppenverladungen". Der wie Graf Pfeil zur Spionage 'in russisch Polen eingesetzte Graf Hutten-Czapski wird am 17. Februar "als Kundschafter" entsandt. Das Kriegsministerium zieht die Schlussfolgerung und schickt die "Abschrift eines Erlasses an die Gen[eral-]Kommandos betr[effend]. [die] Beschleunigung der Mobilmachung".

Am 31. März traf Caprivi mit dem österreichischen Kriegsministerium

„ein Übereinkommen..., dass dieses im Kriegsfalle für die deutsche Heeresverwaltung und für deren Rechnung[bis zu 50.000 t Brotfrucht und bis zu 75 000 t Mais und Gerste in Ungarn und den unteren Donauländern im Kommissionswege ankaufen lassen wird, wogegen das Preußische Kriegsministerium es übernommen hat, die Kommissionsweise Beschaffung von 10 0000 t Reis für das österreichisch-ungarische Heer zu bewirken, sowie demselben, soweit angängig, mit Hafer auszuhelfen“.

Preußisches und österreichisches Kriegsministerium trafen am 10. Mai eine Vereinbarung, die enthielt, „dass, sofern das preußische Kriegsministerium Änderungen oder Ergänzungen des Übereinkommens wünschen sollte, das Österreichisch-Ungarische Reichs-Kriegsministerium gern bereit sei, diese auf schriftlichem Wege zu vereinbaren“.

Deines klagte am 6. April Waldersee, in Berlin sei "man derart mit sich beschäftigt, daß man für die Vorgänge selbst bei den Nachbarn keine Zeit mehr" habe. Es werde so weit kommen, daß, wir Deutsche schließlich die Last der Rüstung fast alleine tragen, während die Verbündeten sich für andere Zwecke schonen, hier muß über kurz oderlang Unzufriedenheit entstehen, welche nur Rußland zu Gute kommen wird und unser Verhältnis zu Österreich ernstlich lockert".

Am 23. Mai "sendet" das Kriegsministerium eine "Übersicht der neuen Heeresorganisation". Einen Monat später folgt die Anfrage, "welche Organisation der Feldartillerie (Korpsartillerie, 2 oder 3 Reg[imenter]. pro Korps usw.) vom Gen[eral]. Stab empfohlen wird". Und schließlich fragt Mitte August der Reichskanzler an, "ob [die] Kriegsstärke des deutschen Heeres ausreichend" sei. Friedrich von Bernhardi schreibt gleichzeitig an Waldersee, der "General von Hahnke [Militärkabinett] "sei "andererseits für [die] gesetzliche Beibehaltung der dreijährigen Dienstzeit. Diese ganze militärische Frage" scheine "aber noch ganz im Stadium der Entwicklung".

Am 11. September geht an das Kriegsministerium eine Ausarbeitung "betr[effend]. Krieg der Mächte des Dreibundes, sowie Frankreichs und Rußlands" heraus. Am 17. des Monats ersucht" das Allgemeine Kriegsdepartement des Kriegsministeriums "um Mitteilung und Angabe zur Begründung der Notwendigkeit der anderweitigen Friedenspräsenzstärke".

Das Problem Russland bleibt akut. Im Oktober laufen vom Militärattaché Wien "dauernd Nachrichten direkt ein betr[effend]. [den] Aufmarsch gegen Rußland". Darunter ist auch eine Denkschrift des österreichischen Generalstabschefs Beck. Am 17. Oktober klagt Deines erneut über die Zustände im Auswärtigen Amt. Er hofft, es werde "die Zeit...kommen, wo die Camarilla im Auswärtigen Amt, die jetzt allmächtig ist, vom Kaiser erkannt werden wird, dann kommen vielleicht auch die anständigen Männer wieder zu Ehren".

Der britische “Standard“ schrieb:

„the Hohenzollern Empire is adding to it's debts faster now than France, and it is losing the advantage of the greater fecundity of it population by the rush its young men make to foreign lands, to escape the blood tax. Once more Germany is becoming poor, while “le plaisante pays de France” seems to grow rich and to laugh beneath her load” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der deutsche Botschafter fasste in seinem Bericht an Caprivi zusammen, das englische Blatt meine,

„die immer höher werdenden Militär-Lasten ließen die Gefahr eines Krieges von Jahr zu Jahr sich vergrößern, denn es müsse einmal der Zeitpunkt kommen, woeine Macht, außer Stande ihre Kriegsbereitschaft länger zu tragen, losschlagen werde“(Hervorh.v.m., B.S.).

Frankreich gehe zielstrebig auf diesem Weg weiter und werde „auch fernerhin die größten Opfer für seine Wehrhaftigkeit“ bringen. Deutschland verliere durch Auswanderung sein größtes Kapital. Es sei das Reich, das anfange, „in Folge der ungeheuren Ausgaben für Heereszwecke zu verarmen“. „Nur ein allgemeiner Bankerott könne den Krieg abwenden“.[…]

 

31 – 1912

 

Das Problem des Westaufmarsches: Belgien-England.

 

Am 6. Januar 1912 läuft ein Militärbericht aus Brüssel beim Kriegsministerium ein, welcher das Buch des belgischen Generals de Witte, "La Situation de Belge. Prévision d’un conflit Franco-Germain", zum Gegenstand macht. Danach verlangt de Witte die "Aufgabe der [belgischen] Neutralität. Er sieht "keine Freiheit des Handelns" mehr und plädiert für die Konzession eines "bloßen Durchmarschrechtes".

"Gen[eral]. de Witte macht sich keine Illusionen. Ebenso wenig aber darüber, dass der Vertrag [über ein Durchmarschrecht] im Kriegsfall nichts als ein wertloses Stück Papier bedeutet" (Hervorh.v.m., B.S.).

Für die Verletzung der belgischen Neutralität hat er, als begeisterter Soldat, "volles Verständnis". Er bezeichnet, "Lüttich dem Gegner [zu] überlassen als nutzlos!" Er plädiert "vor allem" dafür

"ein[en] rechtzeitige[n]r Anschluß an den Stärkeren...Frankreich sinkt langsam zu einer Macht 2.Ranges herab! Nach dem Aufmarsch der franz[ösischen]. Armee sollte sich Belgien dem Stärkeren anschließen " (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 17. Januar laufen im Generalstab Signale belgischer Ermüdung ein. Zwei Tage darauf im Kriegsministerium die "Kriegsgliederung im I, II, XVII, VII, XIV, XV, XVI A[rmee]K[orps] aufgrund d[er]. neuen Heeresvorlage". Gleichzeitig übermittelt

"Tirpitz...Bemerkungen der deutschen Botschaft in London zum Mil[itär].Bericht Nr.27 über engl[ische]. Kriegspunkte um Neujahr 1912",

die an das Kriegsministerium weitergeleitet werden. Die Transporte italienischer Truppen an den Oberrhein im Kriegsfall werden erneut bearbeitet. Bei Moltke kumulieren, in den ersten Tagen dieses Jahres, Informationen des Militärkabinetts, des Auswärtigen Amtes und der Botschaft in Wien zur auswärtigen Lage in Rußland und dem

"Polentum und seiner [dessen] Haltung angesichts des nahenden europ[äischen]. Krieges".

Am 24. Januar senden Kriegsministerium und Generalstab an das Auswärtige Amt eine Benachrichtigung über „beabsichtigte Probemobilmachungen“. Dies geschah „ohne Verzug und telegraphisch“.

Am 29. Januar überbrachte Sir Ernest Cassel ein Memorandum aus London, das die "Bereitschaft" Großbritanniens erklärte, "mit Deutschland über koloniale Kompensationen zu verhandeln und sogar in Beratungen über einen Nichtangriffsvertrag einzutreten, wenn Deutschland seinerseits willens wäre, sein neues Flottenprogramm zu reduzieren und dessen Ausführung zu verlangsamen" (Hervorh.v.m., B.S.).

Anlässlich der Konferenz über die eisenbahntechnischen Maßnahmen einer Mobilmachung am 30. Januar versammelten sich der Vertreter von Reichseisenbahn-Amt, des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten, die Mitglieder der Linien-Kommandanturen, sowie Repräsentanten des Kriegsministeriums und der Eisenbahnbrigade sowie der Inspekteur des Militär-Luft- und Kraftfahrtwesens, der Sächsische und Bayerische Militär-Bevollmächtigte und der Kommandierende General des Garde-Korps. Angemerkt wurde, „die Mobilmachungsvorarbeiten dieses Winters“ stünden „noch unter der Nachwirkung der politischen Ereignisse des letzten Sommers“. Auch ging es um die Nachbereitung der Eisbahntransporte, die im Rahmen des Kaisermanövers in Mecklenburg und Vorpommern im September 1911 abgelaufen waren.

 

Anfang 1912:

Vorbereitung des österreichisch-deutschen Aufmarsches.

Der österreichische Außenminister Aehrenthal vermittelte um den 15. Januar seinem Generalstabschef, weder Italiens Aktion in Nordafrika, noch der “Eintritt gewisser Eventualitäten im türkischen Reiche“, sollten Österreich dazu veranlassen, „gegen den Bundesgenossen...Stellung zu nehmen“. Die sich abzeichnende Erneuerung des Dreibundes sei vorangegangen. Die Lokalisierung des Konfliktes mit der Türkei zugesichert und den „Sondierungsversuch“ Roms, den Kriegsschauplatz „auf das agäische Meer“ auszudehnen, habe Wien eher abmahnend beantwortet. Auf Verwicklungen zwischen Russland und Italien an den Meerengen habe Wien nicht reagiert. Aehrenthal wies ausdrücklich „auf die gereizte Stimmung zwischen Deutschland und England“ hin - und auf die Tatsache möglicher Verwicklungen, die aus der Teilung Europas in verschiedene Mächtegruppen entstehen könnten. Zu den Verhältnissen auf dem Balkan führte der österreichische Außenminister Anfang 1912 aus:

„Montenegro intrigiert fortwährend, Albanien ist unbotmäßig wie im Vorjahre und auch in Mazedonien sieht es nicht gut aus. Trotzdem hoffe ich, dass die Ruhe am Balkan aufrechterhalten bleiben wird“.

Als Strategie für den möglicherweise kommenden Balkankrieg erachtete Aehrenthal fälschlicherweise Russland als am status quo interessiert und plante für den Krisenfall, Österreich werde danach „trachten“,

„den Konflikt [zu] isolieren, vorerst nicht einzugreifen und das Ergebnis abzuwarten, [sich]... vorbehaltend, auf die Gestaltung der Endsituation“

seinen „maßgebenden Einfluss auszuüben“. Aehrenthal skizzierte die internationale Lage als äußerst kritisch. Es nahe „eine andere schwere Krise..., die deutsch-englische“. Der österreichische Außenminister konkretisierte:

„Trotz des Marokko-Abkommens zwischen Frankreich und Deutschland hat sich die Stimmung zwischen letzterem und England nicht gebessert und wir müssen ernsten Ereignissen entgegensehen. Die Politik Kaiser Wilhelms ist, wie er oft bewiesen, eine friedliche, er wird den Konflikt daher hinausschieben, solange es geht. Er liebt England, Land und Volk und schließlich kommt auch für ihn in Betracht, dass er Zeit gewinnen will. Man wird gewiß versuchen, zu einem Ausgleiche in Betreff des Flotten-Programmes zu kommen, aber vieles hängt vom Ausgange der demnächst stattfindenden Reichstagswahlen ab. Ich glaube, daß sich die Ereignisse nicht überstürzen dürften, aber aufhalten lässt sich die natürliche Entwicklung nicht, hiermit muß gerechnet werden. Die Krise wird in 3, 4, vielleicht in 5 Jahren zu gewärtigen sein. Dieser ernste Augenblick auf die Zukunft zwingt uns, vorbereitet zu sein und die beste Vorbereitung ist die rasche Erledigung der Wehrvorlagen in Wien und in Budapest... Der Antagonismus zwischen Deutschland und England kommt immer mehr in ein ernsteres Stadium und es ist nicht ausgeschlossen, daß wir als treue Bundesgenossen Deutschlands den Kampf Schulter an Schulter auszukämpfen haben werden“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Aehrenthal verstand Österreich als in seinem Großmachtstatus bedroht, wenn Wien nicht zur Tat schreite und verstärkt rüste. Der Außenminister forderte, die Monarchie müsse

„zu jeder Zeit bereit sein, einen ihr aufgezwungenen Kriegführen zu können“ (Hervorh.v.m., B.S.).u jede

Dass ein Prävenire auch in Österreich durchgespielt wurde, bestätigte Aehrenthal, wenn er auf „die spezielle[n] Rüstungsvorbereitungen zu einem konkreten Kriege“ (Hervorh.v.m.,B.S.) zu Sprechen kam. Einen Krieg mit Italien lehnte er frontal ab. Schlüssig wies der Staatskanzler darauf hin, dass

„vorigen Jahre bei Festsetzung des fünfjährigen Kriegs- und Marineetats keine Besorgnisse vor einem unmittelbar bevorstehenden Kriege hatte, weshalb sollte man sie jetzt hegen, wo Italien in Tripolis mit drei Korps engagiert ist“.

Er glaube nicht „an die Gefahr einer baldigen Komplikation“, aber wenn es dazu komme, würden die Pläne des Kriegsministers Makulatur sein, da „ein solcher Krieg dann aller Wahrscheinlichkeit nach schon im Laufe des Jahres zur Austragung käme“ (Hervorh.v.m., B.S.). Wichtiger erschienen Aehrenthal, nach Beendigung der „Tripolis-Affaire“, die deutsch-englischen Beziehungen. Diesen scheint der Staatskanzler „mehr denn je“ Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Er beobachtete,

„was in der Nordsee vorgeht. Kommt es dort wirklich zu einem Bruche, wird sich die Frage ergeben, ob ein casus foederis vorliegt, ob wir verpflichtet sind, an der Seite Deutschlands zu kämpfen und letzteres gegen Russland zu schützen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Der neue österreichische Generalstabschef Schemua bestätigte im April Moltke das Ergebnis der voraufgegangen Besprechungen in Berlin. Dabei ging es Deutschland darum, dass Österreich bei Kriegsbeginn unverzüglich in Polen die Offensive ergreife. Österreich dagegen suchte Deutschland auf einen kräftigen Stoß deutscher Kräfte aus Ostpreußen gegen den Narew zu festzulegen (Hervorh.v.m., B.S.). Der Nachfolger Conrads als Stabschef hatte dazu für das Mobilmachungs-Jahr 1913/14 für den "Kriegsfall ’R’" die Direktive erlassen,

"die rascheste Bereitstellung des linken Flügels der eigenen Armee - wie bisher - im mittleren Ostgalizien vor[zu]sehen, um die Offensive sofort von diesem Flügel, zu beginnen. Diese rasche Offensive gegen den westlichen Flügel der gegen Öst[erreich].Ung[arn]. verwendeten russischen Hauptkräfte wird [umso erfolgreicher und] für das gemeinsame Ziel der verbündeten Heere umso mehr entscheidend sein, [die noch immer im Raum um Cholm vermutete und erst im Ernstfalle durch die Kavallerie zweifellos festzustellende russische Kraftgruppe wird umso erfolgreicher und..., gestr.] je weniger die Russen in die Lage kommen - Kräfte die ursprünglich gegen Deutschland angesetzt waren nach Süden zu verschieben. Wohl haben die Verhältnisse durch die vermutete teilweise Rückverlegung des russischen Aufmarsches eine partielle Änderung erfahren, doch glaube ich auch in der Zukunft auf die von E[urer].=Exc[ellenz]. mit meinem Vorgänger vereinbarte Offensive deutscher Kräfte - im Kriegsfall R + F gegen D und ÖU - gegen den Narew rechnen zu können, und zwar umso mehr [als die operativen Armeen dieses Angriffes nur eine Verbesserung erfahren haben. Ich bitte E.E. mir hierüber eine gefällige Nachricht zukommen zu lassen und speziell auch bekannt zu geben, mit welchen Kräften und zu welchem Zeitpunkte die deutsche Offensive gegen die Narewlinie geplant ist, gestr.] als E[ure].=E[xcellenz]. gelegentlich der mündlichen Besprechungen in Berlin der Meinung Ausdruck gaben, daß D[eutschland]. in der Zukunft voraussichtlich mit mehr als den - in den bisherigen schriftlichen Vereinbarungen festgesetzten - 19 Inf[anterie]. und 2 K[avallerie]= Di[visi]onen die Offensive aufnehmen dürfte"(Hervorh.v.m., B.S.).

Nicht zufällig findet sich in den österreichischen Akten eine undatierte Denkschrift Conrad von Hötzendorffs zu eben diesen "militärischen Vereinbarungen mit Deutschland", wahrscheinlich aus dem Jahre 1911. Conrad diskutiert dort für seinen Kaiser die verschiedenen Kriegsfälle. Einmal Österreich-Ungarn, Deutschland und Italien gegen Frankreich und Rußland, dann Österreich-Ungarn, Italien und Deutschland gegen Frankreich, sowie Deutschland gegen Frankreich und England, bei gleichzeitiger Neutralität Rußlands. Zu den ersten Fällen gebe es Abmachungen mit Italien, bzw. Deutschland. Dagegen bestünden für den Fall des deutsch-französischen Krieges unter Beteiligung Englands "keinerlei bezügliche militärische Vorkehrungen". Conrad plädierte in diesem Fall dafür, "unterstützend an die Seite Deutschlands zu treten". Wie sich Italien verhalte sei dann von Bedeutung. Um Vorbereitungen für diesen im Zuge der Marokkokrise 1911 virulent gewordenen Fall zu treffen, ersuchte Conrad um die Genehmigung Kaiser Franz Josephs für Kontakte mit dem deutschen Generalstab.

Kriegsvorbereitungen: Finanzen, Generalstäbe Frankreichs, Englands, Belgiens.

Die „Kriegskosten von heute“, ein Vortrag zu den finanziellen Konsequenzen eines Kriegsausbruches, erläutete Mitte April „den zu erwartenden Ansturm auf die Sparkassen und Banken“ wie „die fast völlige Stilllegung vieler Zweige des Wirtschaftslebens“. Die Reichsbank werde, so der Bericht des „Schwäbischen Tageblatts“, „etwa einen Bedarf von 23/4 Milliarden in den ersten sechs Wochen zu decken haben, nämlich außer dem direkten Kriegsbedarf die Kreditbedürfnisse der Privatindustrie für die Kriegslieferungen und den ‚Angstbedarf’ der bestürmten Banken und Sparkassen. Die Reichsbank werde

„das tun, indem sie zu dem gewöhnlichen Notenumlauf von 1500 Millionen Mark noch für 2460 Millionen Banknoten ausgeben wird, die durch einen Gesamtgoldbestand von (samt dem Inhalt des Juliusturms in Spandau) 1320 Millionen Mark ‚gedeckt’ sein werden“.

Die Folge werde „natürlich die Entwertung des Papiergeldes sein, und der Zwangskurs“. Beides seien bereits „sachte“ im Herrenhause angekündigt worden. Dass jeder Krieg für jeden Deutschen, ob an der Front, oder in er Heimat den Ruin „sans phrase“ bedeuten werde, wurde damit bereits im Frühjahr 1912 in die Diskussion geworfen.

Anfang Mai läuft ein Geheimbericht der Botschaft

"Stockholm über [eine] schwedische Broschüre (Tagebuch) betr[effend]. [den] Anschluß Schwedens an den Drei[er]bund"

ein. Der Militärbericht Nr. 85 aus Brüssel zeigt am 1. Juni, dass die belgische Armee, "eine Überrumpelung von Lüttich" voraussah. Der deutsche Militärattaché referiert:

"Lüttich ist ein verlorener Posten, müßte auf 30 Tage lang durch 30000 Mann verteidigt werden. Es folgen Berichte über Gegenmaßnahmen Frankreichs an der belg[ischen]. Grenze, über neue belg[ische]. Rüstung..., über die Wahrscheinlichkeit von Besprechungen der belg[ischen]. u[nd]. engl[ischen]. Militärs, allerdings ohne offiz[ielle]. Beteiligung der belgischen Regierung. Erkundung des südl[ichen]. Belgien durch franz[ösische]. Offiziere unter Führung des Obersten Picard, der in Namur ertrank. Berichte darüber (Le Soir!). Belgien bereitet daraufhin einen neuen Spionageprozeß vor; engl[ische]. und franz[ösische]. Erkundungsfahrten wurden jetzt mehrfach gemeldet (so am 12.12.[19]12)".

Wende in der Rüstungspolitik.

In Preußen fehlte das Geld, um „jährlich eben so viele Kavallerie-Divisionen üben“ zu lassen, „als solche im Mobilmachungsfalle aufgestellt werden“. In Bayern fehlte sogar ein für Kavallerie-Übungen geeigneter Truppen-Übungsplatz. Es mussten die „designierten Kavallerie-Divisionsführer“ zu den wenigen „Übungsdivisionen“ zugezogen werden, um diesen Gelegenheit zu geben, derartige Verbände im Zusammenhang der Gefechtshandlung führen zu können.

Der am 8./9. Juli abgehaltene Österreich-Ungarische Ministerrat ergab die Wende der österreichischen Außenpolitik zu verstärkter Rüstung. Trotz ungarischer Widerstände konnten Kriegsminister und der zusätzlich anwesende Generalstabschef am zweiten Tage die Bestätigung des Wehretats erreichen. Da die Stimmung der Finanzminister gegen Armee und Flotte umschlug, führte Schemua schließlich, aus sich herausgehend, an:

„dass nicht nur das Moment der Selbsterhaltung, sondern auch wirtschaftliche Gründe dringend für die Berücksichtigung der militärischen.“

Damit waren Außen- und Militärpolitik Österreichs auf einen Parallelkurs eingeschwenkt.

Deutsch-Türkische Beziehungen.

Mit „einer imposanten Ovation“ sämtlicher „bedeutenderen Persönlichkeiten der türkischen Regierungskreise“ – „das gesammte diplomatische Korps“ war zugegen – wurde der deutsche Botschafter in Konstantinopel, Baron Marschall, verabschiedet. Das unübersehbare Unbehagen weiter türkischer Regierungskreise war unübersehbar, denn bislang schien Marschall, trotz der behänden Politik des Staatssekretärs Kiderlen-Wächter in Berlin, die Gewähr zu bieten, für die Fortdauer der bewährten deutsch-türkischen Beziehungen. So bemerkte auch der österreichische Militärattaché durchaus die Möglichkeit,

Abberufung des Barons Marschall [könne] eine Änderung des Kurses der deutschen Politik gegenüber der Türkei bedeuten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der deutsch-österreichische Zweibund, so Pomiankowski, werde von Marschall als „Axiom der deutschen Politik“ verstanden. Wogegen die Beziehungen zu Italien und Russland „eine sekundäre Rolle“ zu spielen schienen. Der neue Mann, Baron Wangenheim, ein 1890 von der Armee in den diplomatischen Dienst übergetretener Offizier, verbürgte augenscheinlich eben jenen neuen energischeren Kurs gegenüber der Türkei, dem die Aufgabe Marschalls in London entsprach, die Beziehungen zu England zu bessern. In Konstantinopel wurde es zu diesem Zeitpunkt vielleicht bereits gefühlt - unter Umständen nämlich ein deutsch-englischer Ausgleich zu Lasten der Türkei.

Lagebeurteilung des österreichischen Generalstabes.

Balkan-Türkei-Rußland.

Der französische Ministerpräsident Poincaré befand sich im August in St. Petersburg. Dort wurde, neben einer verstärkten Zusammenarbeit der beiden Generalstäbe, von russischer Seite versucht, die eigene führende Rolle im Balkanbund zu unterstreichen. Ein Moment in der Argumentation Sazonows, das bei Poincaré nicht verfing. Schemua formulierte am 26. September die militärischen Ziele der Donaumonarchie. Auch der österreichische Chef des Generalstabes sah – wie der Außenminister zu Anfang des Jahres – den „deutsch-englischen Gegensatz“ verschärft. Er unterstellte den Westmächten, „Oesterreich-Ungarn durch äußere Komplikationen abzuziehen, um Deutschland zu isolieren und dann niederzuringen“. „Liquidation der Türkei“, „initiatives Handeln“ der Balkanstaaten „unter russischer Patronanz“ und die Kriegsvorbereitungen Montenegros, Serbiens, Bulgariens wie der Türkei ließen Schemua „die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Konflikte am Balkan“ inaugurieren. Er forderte von der politischen Führung in Wien,

„die unbedingte Verhinderung einer Machterweiterung dieser Staaten, die Einbeziehung derselben in unsere Machtsphäre, mindestens im Wege von Zoll- und Handelsbündnissen und von militärischen Konventionen und die Besitznahme des Gebietes von Kossovopolje für den Fall des Zusammenbruchs der Türkei, um dauernd die das südslawische Gebiet der Monarchie umspannenden Balkanstaaten Serbien und Montenegro zu trennen und uns den Weg zu dem unbedingt in unsere Machtsphäre gehörenden Albanien zu eröffnen“(Hervorh.v.m., B.S.).

Albanien im österreichischen Einflussbereich, keine Konferenz- oder zuwartende Lösung des kommenden Balkankrieges, sondern

„nach selbständigen Entschlüssen handeln, zeitgerecht, offen und entschieden dieselben bekannt geben, dabei die Kräfte im richtigen Verhältnisse zum Ziele und in zweckmäßiger Richtung verausgaben. Das Gesetz diktieren“.

Die Türkei wurde als schwach eingeschätzt, unfähig den früheren Standard wieder zu erreichen. Montenegro und Serbien dagegen würden als Gegner Österreichs auftreten, sodass militärische Maßnahmen zu ergreifen sein würden. Der österreichische Stabschef drang darauf zu beachten, dass

„spätestens in dem Moment, wenn Serbien zu mobilisieren beginnt, wie es Montenegro schon jetzt tut, erachte ich es für unbedingt geboten, sogleich den Kriegszustand in Bosnien, der Hercegowina und in Dalmatien anzunehmen“.

Im Fall kriegerischer Operationen betonte Schemua, „ganze entschiedene Maßnahmen“ zu ergreifen und die „für den Kriegsfall „B“ designierte[n] Kraft in vollem Umfange“ bereitzustellen. Dafür aber sei notwendig, dass Russland und Italien neutral blieben. Das sei möglichst früh festzustellen.

Deutschland-Schweden.

Ende Juli meldete der österreichische Militärattaché aus Berlin, das Reich kokettiere mit einer deutsch-schwedischen Militärkonvention. Obwohl der Leiter der 1. Abteilung im Grossen Generalstab, Lüttwitz, recht zurückhaltend blieb, gelangte Bienerth doch zu der Einschätzung:

"Man gibt sich aber der Hoffnung hin, dass im Falle eines Krieges mit Rußland Schweden sich automatisch an Deutschland anschliessen würde".

In diesem Zusammenhang wies der österreichische Militärattaché auf den Anteil Sven Hedin’s an der Vorbereitung dieser Kombination hin. Dessen Buch "Der Warnruf" wird in diesem Zusammenhang genannt.

Berchthold bremst die Offensivpläne Schemuas.

Berchthold antwortete auf dem Wege einer Denkschrift und wies den Gedanken zurück, „einer solchen aggressiven Politik der Monarchie“ würden Russland und Italien nicht zustimmen. Der verantwortliche Wiener Außenpolitiker war sich vollkommen bewusst,

„daß unsere Vorgehensweise bei der Annexion Bosniens und der Hercegowina nicht nur den ersten Anstoß zum Bunde der Balkan-Staaten gegeben sondern unvermeidlich auch das Mißtrauen der Staatskanzleien sämtlicher Großmächte gegen die Monarchie geweckt und dadurch ein zuvor nicht bestandenes Band des Einvernehmens unter denselben in Bezug auf die Stellungnahme zu unserer Orientpolitik geschaffen hat“.

Der österreichische Außenminister erwartete, dass die Westmächte und Russland

„die endgiltige Lösung des Balkanproblems...den Balkanstaaten allein...überlassen“

wollten. Die Lokalisierung von diplomatisch-politischen Problemen, das Modewort und Geheimrezept der damaligen Diplomatie, wurde auf russischer Seite erwartet. Die übrigen Mächte würden – wie Russland, um Österreich zu neutralisieren – dem zustimmen. Österreich hänge in erster Linie am status quo. So sei „eine vorzeitige Mobilisierung“ der österreichischen Armee eine unkluge Störung der friedlichen Aktionen der übrigen Mächte. Demaskierung der eigenen Ziele, frühzeitige Konfrontation mit Russland, und damit verbunden, die Festlegung der österreichischen Kräfte an der Nordfront in Galizien, würden die Donaumonarchie außerstande setzen, deren Interessen auf dem Balkan militärisch durchzusetzen. Ganz davon abgesehen, dass so Italien und Russland unnötig auf ihre gleichen Interessen in der Opposition, einem österreichischen Vordringen auf dem Balkan gegenüber, hingewiesen werden würden. Selbst ein Bündnisvertrag zwischen Rußland und Italien wurde für möglich gehalten. Der Ballhausplatz nahm an, es werde

„jede weitere Wirkung der Ereignisse in internationaler Hinsicht eine bessere Situation...ergeben, als jene, welche bei Beginn des Krieges“

vorgelegen habe.

Berchthold wandte sich vor allem gegen die Kritik Schemuas an einer weiteren „zuwartenden Politik“ Österreichs. Er erwartete ausschließlich Italien und Russland als mögliche Interventionsmächte, welche sich zuvor mit Österreich verständigen würden. Allerdings leugnete auch der Außenminister nicht die Überlegung, “den günstigen Moment“ für die „Lösung des Balkan-Problems“ abzuwarten (Hervorh.v.m., B.S.). Auch wurde die Vernichtung der türkischen Armee nicht grundsätzlich als ausgeschlossen erklärt, gleichzeitig jedoch ein Beherrschen der eroberten Provinzen durch die Sieger für wenig wahrscheinlich gehalten. Grundsätzlich plädierte der österreichische Außenminister für Abwarten und das „Pulver-Trocken-Halten“ bis die Kämpfenden sich erschöpft hätten. Darin Bethmann Hollweg und Grey durchaus verwandt. Mit dem Vorliegen der Ergebnisse des Konfliktes, seien die tatsächlichen Wirkungen desselben noch nicht zu erkennen. Es sei durchaus nicht abzuweisen, dass „ein Vordringen der mohammedanischen Albanesen in den von Serben bewohnten Gebietsteilen“ den österreichischen Interessen „vollauf entsprechen würde“, und das gelte selbst für „eine beträchtliche Vergrößerung Bulgariens auf Kosten der serbischen Aspirationen“.

Trotz aller Anklänge robuster Lösungen in der Zukunft, wies der Außenminister für den Moment die, durch Schemua propagierte, „aktive und aggressive Politik“ zurück und hoffte, im Verlauf des Krieges den einen oder anderen der Balkanstaaten aus der Front herauslösen zu können. Zugestanden wurde ausschließlich „eine genügende Erhöhung der Truppenstände in Bosnien, der Herzegowina und Dalmatien“, um „Bandenbildung und dergleichen“ „im Annexionsgebiete und in Dalmatien“ zu verhindern. Besondere Aufmerksamkeit verlangten die „in der nächsten Zukunft“ von der russischen Seite „getroffenen militärischen Maßnahmen“. Grundsätzlich „pazifizierend“ auf die Politik, im Vorfeld eines Konfliktes auf dem Balkan, einwirken, weitgehende Zurückhaltung und Nichteinmischung auch in Mazedonien, das strikte Bestehen vor den europäischen Mächten auf dem Großmachtstatus Österreichs in jeder Balkanfrage. Jedoch „für den Augenblick“ keine Militärmaßnahmen bei gleichzeitiger Aufmerksamkeit gegenüber Russland und Rumänien war die Devise.

Der österreichische Militärattaché berichtete bereits am 2. Oktober über die Einschätzung der Entwicklung durch den rumänischen Generalstabschef. Zunächst enthalte sich Bukarest jeglicher Reaktion, um Russland nicht zu reizen. Allerdings gebe es Stimmen von Seiten der konservativen Regierungspartei, welche dafür plädierten,

"sofort bei Eröffnung des bulgarisch-türkischen Krieges,- an dem wohl kaum mehr ein Zweifel herrsche, da allen Nachrichten zufolge die bulgarische Regierung die erregten Geister nicht mehr zu zügeln imstande ist -, Silistria und Schumla als Faustpfand für die Zukunft in Besitz nehmen" (Hervorh.v.m., B.S.).

32 - Oktober 1912.

Realistische Einschätzung der Türkei.

Gleichzeitig standen sich Anfang Oktober, in den Militärbezirken Warschau und Kiew, 146.508 russische, 35.896 österreichischen Soldaten in Galizien, der Bukowina, Schlesien und Mähren gegenüber. Kurz darauf forderte der Kriegsminister Auffenberg von Schemua eine

"verlässliche Orientierung über den gegenwärtigen Zustand der russischen Armee...um darüber ins Klare zu kommen, welche Chancen ein etwaiger Krieg zwischen ÖSTERREICH-UNGARN und RUSSLAND hätte" (Hervorh.v.m., B.S.).

Gleichzeitig gelangte der Generalstab, in der Beurteilung des Zustandes der russischen Armee, zu dem Schluss, viel spreche

"bei der Führung das schwerfällige und von Haus aus nicht zum Angriff geneigte Volksnaturell des Russen mit, das ihn gegen jeden Westländer in die Hinterhand setzt. In einer schneidigen, überraschenden Kriegführung und in der geschickten höheren Führung liegt die grösste Chance für uns" (Hervorh.v.m., B.S.).

Nach Abzug von 4 Armeekorps gegen Deutschland, 2 gegen Rumänien, 2 "für das unverlässliche Finnland", 2 im Kaukasus, 1 "in St. Petersburg, Garde zum Schutz der Dynastie" und 1 Division "Grenadiere in Moskau (Herd revolutionärer Bewegungen)", würden gegen Österreich 38 Divisionen verbleiben. Am 13. Oktober kam der Chef des österreichischen Generalstabes zu dem Schluss, "im Allgemeinen" könne

"dahn, daß selbst in einem Kriege, den wir allein gegen Rußland auszukämpfen hätten, die Chancen des schliesslichen Erfolges für uns keinesfalls ungünstige sind".

Die rechte Hand Schemuas, Oberst Metzger, stellte fünf Tage darauf in einer Lagebeurteilung fest, "die Aufrechterhaltung des Status quo [auf dem Balkan] als Axiom" sei "nur dann möglich, wenn die Türkei siegreich aus dem Kampfe" hervorgehe. "Radikale, positive militärische Erfolge der Türkei" seien

"aber nicht wahrscheinlich...Das Schwergewicht der militärischen Entscheidung liegt zweifellos auf der Linie Philippopol-Adrianopel, wo die bulgarischen und türkischen Hauptkräfte zusammenstoßen werden. Es muß also immerhin auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß ein rascher, durchgreifender bulgarischer Erfolg die Truppen dieses Königreiches in kürzester Zeit vor die Tore von Konstantinopel führen kann" (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 22. Oktober, während der Audienz bei Kaiser Franz Joseph, trug der Chef des Generalstabes seine Erwartungen vor, angesichts der serbischen Kriegserklärung an die Türkei. Der Zusammenschluss Serbiens und Montenegros im Sandschak zählte hierzu ebenso, wie das dort dann vergossene serbische Blut. Als erschwerend wurde betrachtet, sollten die Großmächte sich zu einem Protest - gegen die dann eingetretenen Realitäten - doch durchringen. Schemua betrachtete ein vergrößertes Serbien, "oder gar die Eröffnung eines Weges zur Adria" als für Österreich unannehmbar, selbst wenn eine "rein negative Tendenz unserer Monarchie" sich durchsetzte (Hervorh.v.m., B.S.). "Radikale, positive militärische Erfolge der Türkei" erwartete der Österreicher jedoch nicht. Der Generalstabschef erkannte Rußland hinter dem Vorgehen der Balkanstaaten. Das las der österreichische Chef auch aus der Tatsache ab, dass das Zarenreich "für die Erhöhung seiner Kriegsbereitschaft an der Westgrenze", gegenüber Deutschland und Österreich, gesorgt habe. Das diene zur Sicherung gegen mögliche Bestrebungen, den Balkanstaaten "die Früchte des Sieges" wieder abzunehmen. Die Gefahr bestehe vor allem in "Gebietsverschiebungen", welche für Österreich unannehmbar seien und "zum Konflikt mit Rußland führen" könnten. Das sei aber nicht ungünstig, "solange Serbien und Montenegro mit der Türkei engagiert" blieben. Entscheidend sei, den Russen den Mobilmachungs-Vorsprung im "Grenzraum" abzunehmen, was durch "rechtzeitige Entschlußfassung" gelingen könne. Als entscheidende Gefahr beurteilte Schemua zunehmend frei werdende serbische und montenegrinische Kräfte gegen Ende des Krieges, und gleichzeitig die Vertiefung der Beziehungen Italiens zu Rußland, welche schließlich Wien "jeder militärischen Aktionsfreiheit berauben" würde.

Berchthold keineswegs kriegslustig.

Demgegenüber unterstrich Berchthold am 26. Oktober noch einmal, dass es Österreich um die Aufrechterhaltung des status quo auf dem Balkan, eine federnde Reaktion auf „fait accomplis“, im Gefolge der momentanen Konflagration, sowie „tunlichst“ das Umgehen jeglicher kriegerischer Intervention gehe. Eher sah der Diplomat die „großen politischen und wirtschaftlichen Interessen am Balkan“, als die große militärische Entscheidung. Zumal dies durch ein „autonome[s] lebensfähige[s] Albanien“, als „Gegengewicht gegenüber den serbischen Schwesterstaaten“, zu erreichen sei. Kein Krieg, keine „territoriale[n] Erwerbungen am Balkan“ bildete, zu diesem Zeitpunkt, die Devise am Ballhausplatz. Dies, zudem „der Ausbruch des Orientkrieges zu einer gewissen Verschiebung in den Beziehungen der Mächte geführt“ habe. Berchthold entwarf ein außerordentlich differenziertes Bild der europäischen Lage, das durchaus von der bisherigen Blocktheorie der Historiker abweicht:

„Die Besorgnis, Oesterreich-Ungarn und Rußland könnten durch diese Krise in einen Krieg verwickelt werden, hat Frankreich und Deutschland, in deren Interesse es liegt, dem respektiven Bundesgenossen nicht beispringen zu müssen, einander näher gebracht, während England, welches nicht der Gefahr des Eintretens des casus foederis ausgesetzt ist, seine eigenen Wege zu wandeln gesonnen scheint. Der Abschluß des italienisch-türkischen Friedens hat einer weiteren Annäherung zwischen Italien und Rußland Einhalt getan und es ist Aussicht vorhanden, ersteres im weiteren Verlaufe der Krise konsequenter als früher an der Seite seiner Verbündeten zu sehen;...“ (Hervorh.v.m.,B.S.).

Deshalb werde Österreich, so Berchthold, in den Krieg nicht eingreifen und so Russland keinen Grund für eine Intervention geben. Schon geringe Mobilmachungsmaßnahmen wollte der Diplomat vermeiden, selbst russische “Demonstrationen“ in Kauf nehmen und er riet Schemua geradezu, mit seinem deutschen Partner, Moltke, Kontakt aufzunehmen, um so die russischen Intentionen besser deuten zu können.

(Fortsetzung folgt)

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Kommentare zum Artikel

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars die Regeln höflicher Kommunikation.

Gravatar: Dr. Bernd F. Schulte

Hier eine erste Korektur am gängigen Geschichtsbild von "Nibelungentreue" im deutsch-österreichischen Bundesverhältnis. Das Jahr 1912 erscheint mir als der Moment der Weichenstellung auf Krieg. Ob nun in London oder Berlin; Wien und St. Petersburg nicht zu vergessen. Paris eher minder interessiert, wie 1938/39.

So werden Flottenrüstung, Haldanemission, Balkankriege und Krisenkonferenzen in Berlin und anderswo, wie militärische Pläne für den Kampf mit England um die Weltmachtposition, im Kommenden näher zu betrachten sein.

Krieg, als Phänomen der internationalen Politik, sollte gleichwohl immer wieder neu untersucht werden, denn ich sehe, auf absehbare Zeit, keine grundsätzliche Änderung
im Weltgeschehen der vergangenen und kommenden 100 Jahre Geschichte.

Gravatar: Bärbel Bätsch

Kurz gesagt, entstehen Kriege durch Freiland- bzw. Gottesland – Ablehnung und – Ignoranz. Welche die persönliche als auch insbesondere die finanzielle Verpflichtung zur Mitbeteiligung an Raublandkriege zur Folge haben.
Was mit “ Freiland “gemeint ist, lässt sich aus dem Vortrag von Silvio Gesell mit dem Thema“ Freiland die eherne Forderung des Friedens entnehmen, gehalten am 5. Juli 1917 im Weltfriedensbund in Zürich ( Schweiz )
Nicht nur allein aus meiner Sicht entspricht “ Freiland“ der Forderung des “ Weinberg = Erde – Gleichnisses “ nach NT. Markus 12.1-17, Jo. Off. 14.18. Der zufolge die Lebensgrundlage aller Menschen, nämlich ihr Grund und Boden, nur ( Meistbietungs) -pacht-rechtlich zur Verfügung zu geben, zu nutzen und zu bewirtschaften ist. Und die Pachtzinsen vollständig und gleich-anteilig unter die Mütter nach Zahl ihrer unmündigen Kinder aufzuteilen und regelmäßig auszuzahlen sind. Dorthin, wo sie erwirtschaftet werden. Ihr rechtmäßiger Lohn.

Schreibe einen Kommentar


(erforderlich)

Zum Anfang