Wer zerstörte Vilnius?

Besucher der Hauptstadt Litauens kennen und lieben diesen Blick: Vom Gediminas-Turm, dem Rest der einstigen Burganlage der litauischen Großfürsten, schweift das Auge über die Altstadt.

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Späte Gotik, Renaissance, Barock, Klassik – gerade die zahlreichen Kirchenbauten der verschiedenen Konfessionen stehen für die Vielfalt der Stadt. 1994 stellte die UNESCO das Ensemble der Altstadt rund um den mächtigen Turm der Johannes-Kirche unter Schutz.

Aus der Vogelperspektive wirkt die Stadt malerisch, doch der aufmerksame Tourist wird in den Straßen und Gassen der Altstadt erkennen, dass so manche Lücke und Narbe nicht so recht in das schöne Bild passen will. Das alte Vilnius ging vor Jahrzehnten unter. Denn Vilnius ist nicht Tallinn. Die Hauptstadt Estlands hatte das große Glück, von den Kampfhandlungen des letzten Weltkrieges verschont zu werden.

Der Krieg und seine urbanistischen Folgen in Sowjetlitauen sind das Thema in Antanas Verkelis Kas sugriovė Vilnių – wer zerstörte Vilnius? Mit zahlreichen Zitaten aus den Jahren und noch viel mehr Bildmaterial rekonstruierte der Autor das Schicksal fast jedes einzelnen Haus in der Altstadt von Vilnius in den 40er und 50er Jahren.

Zu Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ ging alles so schnell, dass die Städte in Litauen – nah am deutschen Ostpreußen – nur wenig litten. Am 22. Juni 1941 überfiel Hitler die Sowjetunion; Stalin glaubte bis in die ersten Kriegstage hinein nicht an den Angriff seines Bundesgenossen. Die meisten Flugzeuge der Roten Armee auf den Flugplätzen um Vilnius wurden noch auf dem Boden zerstört. Schon nach zwei Tagen, am 24. Juni, erreichten die ersten Einheiten der Wehrmacht Vilnius und besetzten kurzerhand die Stadt. Die Stadt nahm wenig Schaden. Allerdings hätte es die reformierte Kirche am Rand der Altstadt beinahe erwischt: Mehrere Häuser nur einen Steinwurf entfernt wurden von Granaten getroffen und stürzten zusammen.

Die Sowjetunion rappelte sich bekanntlich auf und gab den Invasoren Kontra. 1942 und 1943 wurden die von der Wehrmacht besetzten Gebiete weit im Westen aus der Luft angegriffen. Am 23. März 1942 wurde auch die Altstadt von Vilnius Ziel eines sowjetischen Luftangriffs, der schon beträchtlicheren Schaden hinterließ. Andere westrussische und weißrussische Städte traf es in den diesen Jahren noch härter.

Ab 1943 befanden sich die deutschen Einheiten in der Sowjetunion auf dem Rückzug. Bei der „Operation Bagration“ im Sommer 1944 brach dann der mittlere Frontabschnitt zusammen. Innerhalb einiger Wochen eroberte die Rote Armee ganz Weißrussland zurück und stand im Spätsommer vor Warschau, Riga und an der ostpreußischen Grenze.

Hitler hatte mehrere Städte zu „festen Platz“ erklärt, die unbedingt zu verteidigen wären. So auch Vilnius. Die Stadt wurde am 8. Juli eingekesselt. In den nächsten Tagen war die Hauptstadt Litauens schwer umkämpft, wobei die zahlenmäßig deutlich unterlegenen deutschen Einheiten – fast ganz ohne Panzer und schwere Waffen – auf verlorenem Posten standen. Am 11. Juli führte der  Einsatz von Flammenwerfern durch die Rote Armee zu zahlreichen Bränden in der Altstadt. Ein großer Teil der deutschen Besatzung konnte dem sowjetischen Kessel am 12./13. Juli Richtung Kaunas entkommen.

Nach dem Krieg schob die sowjetische Propaganda alle Kriegsschäden pauschal den Deutschen in die Schuhe. 40% der Altstadt seien durch die „Faschisten“ zerstört worden. Der akribische Vergleich von Luftbildaufnahmen zeigt nun jedoch recht genau, welche Zerstörung auf wessen Konto geht.

Die Kämpfe hatten tatsächlich viele Häuser in Mitleidenschaft gezogen. Zum Glück hatten die Deutschen aber gar nicht die Mittel gehabt, um die Altstadt in Schutt und Asche zu legen. Der Kahlschlag in Teilen der Altstadt war so eher das Werk der neuen alten Herren aus Moskau. 90% der in der Nachkriegszeit ganz abgerissenen Häuser hätten instand gesetzt werden können oder waren gar nicht beschädigt.

Die Schäden des Krieges kamen den sowjetischen Machthaber gar nicht so ungelegen, da sie, wie auch die Nazis, Städte gerne auf dem Reißbrett neugestalteten. Auch für Vilnius gab es solche ambitionierten Pläne, die dann aber doch nicht ausgeführt wurden. Vilnius blieb von gigantischen Ungeheuern der Stalinarchitektur (wie dem Kulturpalast in Warschau) verschont.

Dennoch gab es massive Eingriffe ins Stadtbild. Die Nordseite der Vokiečių gatvė, der „Deutschen Straße“, war weitgehend zerstört. Die ganze Häuserreihe wurde beseitigt und die Straße zu einer Art Boulevard erweitert. Die historistische Sowjetarchitektur der 50er Jahre dominiert nun die eine Straßenseite, Renaissance die andere. Auch die östliche Seite der Didžioji gatvė, der Großen Straße, die quer von Nord nach Süd durch die Altstadt führt, wurde nicht authentisch wiederaufgebaut. Auch hier wurde der alte Baukern nach sowjetischem Geschmack ‘bereichert’.

Tragisch ist aber noch etwas anderes. Vilnius war das Jerusalem des Ostens mit Dutzenden Synagogen. Die Nazis bildeten im Krieg zwei Ghettos in der Stadt. Wie auch in Kaunas und Siauliai wurde viele Tausend Juden, wohl an die 40.000, auf wenige Straßenzüge eingezwängt. Das Große jüdische Ghetto im südlichen Teil der Altstadt, südwestlich des Alten Rathauses, hatte im Krieg nur wenig gelitten. Doch weite Teile rissen dann die Sowjets ab.

Nicht besser erging es dem Kleinen Ghetto nördlich der Deutschen Straße. Hier war vorher das Zentrum des jüdischen Lebens in der Stadt; hier stand die Große Synagoge aus dem 18. Jahrhundert, die mehreren Tausend Besuchern Platz gab. Mitte der 50er Jahre wurde sie – beschädigt, aber renovierbar – abgerissen und machte einem Kindergarten Platz. Auch die Gassen des jüdischen Viertels mit den typischen Bögen sind fast nicht mehr zu finden. Vom jüdischen Vilnius ist in der Altstadt nicht mehr viel zu finden. Der deutsche Antisemitismus fand hier unter Stalin seine traurige Fortsetzung.

Vilnius hat viel gelitten – unter deutschen Eroberern und sowjetischen Besatzern. Dabei kam die Hauptstadt letztlich noch glimpflich davon: die Front rauschte 1941 und auch wieder 1944 recht schnell über die Stadt hinweg. Noch viel schlimmer traf es die Orte auf einer Linie von Riga gen Süden. Mitau (Jelgava) in Lettland und Schaulen (Šiauliai) in Litauen gerieten zwischen die Mühlsteine von Wehrmacht und Roter Armee. Im August 1944 versuchten die Deutschen ihre Rückeroberung, was zur fast völligen Zerstörung der Städte führte. Das Zentrum von Šiauliai besteht heute fast vollständig aus Bauten der 50er und 60er Jahre.

Beitrag zuerst erschienen auf lahayne.lt

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