Warum eigentlich nicht mal etwas früher planen?

Also gut, denken wir es einmal durch. Der neue polnische Außenminister Witold Waszczykowski hat gesagt, es müsse verhindert werden, dass „wir unsere Soldaten in den Kampf nach Syrien schicken, während hunderttausende Syrer (auf dem Berliner Boulevard) Unter den Linden ihren Kaffee trinken“.

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Kernige Ansage, seinen Wählern wird es zweifellos gefallen. Inzwischen machen diese Gedanke und seine logischen Folgen die Runde – im Internet sowieso, aber auch zunehmend in den etablierten Medien. Warum eigentlich nicht all den jungen Syrern, die inzwischen zu Hunderttausenden auch nach Deutschland geströmt sind, eine Ausbildung und Waffen besorgen, und sie dann zurückschicken, damit sie ihre Heimat befreien können – von wem auch immer?

Es ist schon eine, sagen wir, wenig logische Situation, dass die Staaten des Westens und vielleicht sogar Russland, darüber nachdenken, Bodentruppen gegen den IS einzusetzen und das Leben junger Männer und Frauen aus unseren Ländern für die Befriedung Syriens zu riskieren, und die geflohenen Syrer schauen dabei in Sicherheit am TV-Bildschirm zu. Auch das wäre etwas, das großen Teilen der Bevölkerung in Deutschland und anderswo wohl nicht zu vermitteln wäre. Und mit der Grundsatzentscheidung der Bundesregierung, dass die Bundesluftwaffe den französischen NATO-Partner mit Aufklärungsflügen und einem Kriegsschiff beim Anti-IS-Einsatz unterstützen wird, dürfte diese Diskussion schon in den nächsten Tagen unüberhörbar anschwellen.

Ja, wir haben ein eigenes Interesse daran, dass in Syrien so schnell wie möglich Verhältnisse geschaffen werden, die eine sichere Rückkehr für die große Mehrheit der hier angekommenen Syrer ermöglichen. Denn – so haben wir gelernt – 70 Prozent von ihnen wollen ja wieder zurück in ihre Heimat. Aber der Irak und auch Afghanistan lehren uns, dass nicht nur der militärische Erfolg wichtig ist, sondern eine Antwort auf die Frage „Und dann?“. Wenn die NATO und Russland das wirklich wollen, wäre militärisch mit dem IS-Spuk zweifellos in einem übersichtlichen Zeitraum Schluss zu machen. Aber was dann? Assad ist aus guten Gründen den meisten Ländern nicht als Lösung vermittelbar. Doch wer soll es machen?

Falls es Ihnen nicht bekannt ist: Es gibt eine syrische Exilregierung, den sogenannten Syrischen Nationalrat. Der sitzt in Istanbul und wird von den anderen syrischen Oppositionsgruppen nicht anerkannt, weil er vermeintlich von der Türkei mit ihren ganz eigenen Interessen gesteuert wird. Nicht umsonst werden Sie noch nie vom Syrischen Nationalrat gehört haben, denn seine Bedeutung in der momentanen Krise ist Null. Daraus folgt, dass die Staaten, die an einer echten Lösung für Syrien interessiert sind, nicht nur über Bombenziele nachdenken müssen, sondern aktive Schritte unternehmen, für die Zeit nach IS und Assad Strukturen zu entwickeln, die übernehmen können. Vermutlich wird es am besten sein, wenn sich NATO-Länder und Russland von Anfang an gemeinsam darum kümmern, sonst heißt es irgendwann wieder, dass alles von Wallstreet und CIA initiiert wurde, wegen Öl oder McDonalds-Imperialismus oder was weiß ich für ein Schmarrn – wir kennen das noch vom Maidan.

Nein, Russland und der Westen müssen Syrer finden, die in der Lage wären, eine Zivilregierung und Verwaltungsstrukturen in ihrer Heimat aufzubauen, wenn die Militärs ihre Arbeit getan haben. Und sie müssen Sicherheitskräfte aufstellen. Dazu kann man in einer demokratischen Gesellschaft keinen jungen Syrer zwangsverpflichten, aber ich denke, es wird auch unter ihnen patriotisch gesinnte junge Männer geben, die für eine anständige Bezahlung und für ein großes Ziel, nämlich die Befreiung und Befriedung ihrer Heimat, zu kämpfen bereit wären. Aber ob unsere Politiker bereit sind, über den Tellerrand hinauszuschauen und erste Schritte in diese Richtung zu unternehmen? Ich gebe zu, meine Skepsis überwiegt.

Beitrag zuerst erschienen auf denken-erwuenscht.com

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Wolf Köbele

Herr Kelle gleitet von seiner Ausgangsfeststellung allzu rasch zu "weltpolitischen" Vorschlägen hinüber. In aller Deutlichkeit muß noch einmal und immer wieder gefragt werden, was wehrfähige Syrer hierzulande zu suchen haben, wenn Menschen anderer Staaten ihren Kopf hinhalten. Sie werden sich an die schöne Alimentierung gewöhnen und in Ruhe abwarten (sofern Herrn Kelles Vorschlag erfolgreich umgesetzt ist), daß Bundeswehr, GTZ, THW e tutti quanti das Land wieder aufgebaut haben werden, bevor sie - unter der Bedingung, daß die ihnen dort gebauten Häuser besser sein müßten als hier - eventuell eine Rückkehr gegen bar "andenken".

Gravatar: Gernot Radtke

Das Bild der auf europäischen Boulevards Kaffee trinkenden Syrer, während andere Nationen um die ‚Befreiung‘ Syriens kämpfen, stimmt vorne und hinten nicht. In Syrien herrscht Bürgerkrieg, nicht der Krieg eines angegriffenen Staates gegen einen angreifenden anderen (wie 1939 z.B. zwischen Polen und Deutschland). Wäre dies der Fall, dürften die vor Ort für die Befreiung kämpfenden Gastländer der Syrer auch die Kaffee Trinkenden zwangsrekrutieren und Exil-Bataillone aufstellen. Im Bürgerkrieg, zumal in einem mit vielen untereinander tödlich verfeindeten Parteien, ist das nicht möglich. Welches Exilbataillon soll denn dann gegen welches andere kämpfen? Die Christen mit den Schiiten gegen Sunniten? Und für was sollen sie kämpfen? Für Assad? Also dafür, daß ein 10%iger Bevölkerungsanteil in Syrien (Alawiten) wieder die ungeteilte Macht über die übrigen 90% erhält? – Mit Loriot: Das Bild hängt schief. Ich kann jeden Syrer verstehen, der lieber in Berlin türkischen Mocca trinkt, als sich in einem von außen auch noch ständig befeuerten Bürgerkrieg durch den Fleischwolf drehen zu lassen.
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Richtig ist, daß, bevor sinnlos und ohne politisches Ziel die Region (Syrien und Irak) weiter militärisch umgepflügt wird, alle beteiligten Außenmächte (Saudis, Iraner, Türken, Russen, Amerikaner – nicht: Franzosen, Briten, die sich, weiß Gott warum (alte Imperialreflexe?), machtpolitisch nur aufplustern wollen), sich auf eine Befriedung der gesamten Region einigen müssen, wozu auch neue Grenzziehungen und Staatengründungen gehören. Nun tritt aber gerade Rußland (gestern sein Botschafter im Illner-TV-Talk) für die Integrität der alten Staatsgrenzen ein. Also sieht es nicht gut aus für den Frieden im Nahen Osten, und die Flüchtlingsströme werden nicht aufhören und schließlich auch noch die Türkei in den Staats-Auflösungsstrudel hineinziehen. Die Islamische Welt ist ein Untergeherprojekt ersten Ranges. Evolutionsbiologisch betrachtet: nicht anpassungsfähige Spezies mendeln sich aus. Den Museln, deren weibliche Bevölkerungshälfte an der geistigen wie materiellen Wertschöpfung außer dem Kinderkriegen im ganzen nicht beteiligt ist, droht auch deshalb der Untergang, weil sie in einer Verbohrtheit sondergleichen meinen, mit nur einem Bein , nur einem Arm und nur einem Auge besser voranzukommen als die ganze übrige Menschenwelt, die nicht mal im Traum darauf käme, sich die verrücktesten Handicaps auch noch selber zu verpassen.

Gravatar: Freigeist

@Radtke
Die Überbevölkerung wird bei uns abgeladen. Diese kleine Völkerwanderung ist nur der Auftakt für noch größere in der Zukunft. Leider werden Grenze wieder das sein müssen, was sie schon mal waren, scharfe Grenzen. Abweisung von Migranten. Alles sehr sehr traurig. Für Humanisten schwer zu ertragen.

Gravatar: H.Roth

Die jungen Kaffeetrinker zu einer Armee zusammenzufassen und nach Syrien zu schicken, ist eine großartige Idee! Das Problem wird nur sein, ihnen zu vermitteln, für wen und für was sie kämpfen sollen. Sicher wollen sie sich nicht von unserer Verteidigungsministerin kommandieren lassen. Und warum mit den Deutschen kämpfen? Oder zusammen mit den Franzosen? Ihr islamischer Stolz verbietet ihnen, im Auftrag, oder an der Seite von Ungläubigen gegen die eigenen Moslems zu kämpfen. Völlig undenkbar! Man müßte sie vielmehr dazu bringen, einen eigenen Anführer zu bestimmen, einen Moslem-General, einen neuen Diktator, dem sie willig mit der Waffe dienen. Und das ist wiederum in unsrer Demokratie undenkbar.

Zudem ist die Idee, eine Demokratie in Syrien zu installieren ein Holzweg. Weder sind die Syrer kulturell mit einer solchen Regierungsform vertraut, noch ist sie in einem islamischen Land praktikabel. Ein König oder Diktator muss sein, wenn Ordnung und Frieden herrschen soll. Also entweder zähmt man den vorhandenen Diktator, mit "westlichen Vergünstigungen", oder wie auch immer, oder man setzt einen neuen Diktator ein.

Wird das nicht gemacht, wird das geschehen, was in Frankreich nach der Revolution passierte:
der Absolutismus ist tot, es lebe der Kaiser(Napoleon)!

Oder: der Diktator ist tot! Es lebe der Diktator!

Gravatar: Gernot Radtke

@ Freigeist
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Ich sehe wie Sie, verehrter Freigeist, den Kern des Problems ebenfalls in den Geburtenraten des muslimischen Orients, die von den orientalischen Gesellschaften wirtschaftlich nicht mehr ‚integriert‘ werden können. Zu wenig Arbeit, zu wenig geistige Cleverness, zu wenig Fantasie, zuviel Trägheit, zuviel Beten und zu wenig Denken: von dem, was sie brauchen, zu wenig, und von dem, was ihnen schadet, zuviel. Zivilisatorische Herumlungerei – die ausgerechnet ein ausschließlich von seinem Hirnschmalz lebendes Gemeinwesen wie Deutschland sich, so erzählen es uns alle von links bis ‚konservativ‘, zur eigenen Kräftigung einverleiben soll. Früher war vor Wien Schluß mit dem Orient. Jetzt hockt er schon mitten in Helsinki – überwiegend in der Sozialstütze und mit seinen fürchterlichen alten Gewohnheiten.

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