Vor 25 Jahren: Faszination in grau

Ende April 1991 lag die deutsche Wiedervereinigung ein halbes Jahr zurück, dreizehn Monate zuvor hatte sich Litauen für unabhängig erklärt.

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Im Februar des Jahres waren Viktor Gerz und Ron Kubsch im Auftrag von „Neues Leben“ nach Litauen gereist und hatten erste Kontakte zu dortigen Christen geknüpft. Anfang April wurde „projekt L.“ Im Rahmen des Missionswerkes gegründet. Die „sozial-missionarische Initiative für Litauen“ begann noch in dem Monat mit einem ersten Hilfstransport. Denn da es damals in den meisten Ländern der Sowjetunion und den Ländern, die sich von ihr lösten, an so gut wie allem im Land fehlte, war soziale Hilfe ein Gebot der Stunde. Viktor und ich (Holger) fuhren damals einen voll beladenen 7,5-Tonner gen Osten und begleiteten einen großen Lkw von „Licht im Osten“. Dort in der Kabine u.a. die Brüder Jakob und Peter Tielmann.

Heute fährt man einfach drauflos, vor 25 Jahren bedurfte alles der sorgfältigen und bürokratischen Vorbereitung. Ein erstes und letztes Mal durfte ich mir ein sowjetisches Visum bei der Botschaft der UdSSR in Bonn besorgen. Man wurde sehr reserviert behandelt und durfte gegen eine verspiegelte Scheibe sprechen, hinter der eine Stimme ohne Gesicht hervorklang. Litauen hatte im März 1990 seine Freiheit ausgerufen, war aber noch kein international anerkannter souveräner Staat, unterhielt also noch keine Botschaften im Ausland und kontrollierte auch noch nicht allein seine Außengrenzen. Ohne Moskaus Segen kam man also noch nicht ins Land. Noch musste man über Brest einreisen.

Mit den beiden Lkws durchfuhren wir also Polen fast eintausend Kilometer quer von West nach Ost. Hohe Konzentration war gefordert, fuhr man doch nicht auf Autobahnen, die es im Land auf dieser Strecke noch nicht gab. Man musste sich vorsehen, um die im Schneckentempo sich bewegenden Fiat-Polskis nicht zu überrollen, die zur der Zeit die Straßen des Nachbarlandes dominierten.

In Vilnius machten wir am frühen Morgen eine kurze Pause und verschnauften ein paar Stunden in einer Wohnung, irgendwo in einem der grauen Wohnsilos in einer der grauen Trabantenstädte. Erst langsam begann Frühjahrsgrün die graue litauische Metropole mit Farbe zu beleben. Heute drängt sich schon frühmorgens dichter Verkehr durch die Straßen; damals wimmelte es nur, so schien es mir, von Straßenkehrern, die schon mit dem ersten Tageslicht ihrer Arbeit nachgingen.

Auf der weitgehend fertiggestellten, aber völlig leeren Autobahn ging es weiter Richtung Šiauliai. Kurzer Zwischenstopp in Panevėžys. Ich betrat ein erstes Geschäft im Land, und den Eindruck wird ein im kapitalistischen Westen Aufgewachsener im Leben nicht vergessen: gähnende Leere begrüßte uns. Oder genauer: Restbestände der Sowjetunion wie Orden und andere Attribute der Vergangenheit wurden verhökert. Wirtschaftlich war dies wahrlich eine harte Zeit des Umbruchs, zumindest im Hinblick auf das Warenangebot. Westliche Produkte in nennenswerten Mengen kamen erst deutlich später ins Land und füllten die Regale erst in der zweiten Hälfte der 90er (98/99 machten die ersten Supermärkte auf).

In Šiauliai trafen wir Mitarbeiter des „Litauischen Christlichen Fondes“, eines der ersten freien christlichen Werke in der Noch-Sowjetunion, mit dem „Licht im Osten“ damals eng kooperierte. Sie übernahmen auch die Verteilung der Hilfsgüter. Die Verbindung war über Familie Tielmann zustande gekommen. Vor ihrer Übersiedlung nach Deutschland Jahre zuvor waren sie in einer Untergrundgemeinde im Nachbarkreis von Šiauliai und lernten dort litauische Christen kennen.

Die Stadt Šiauliai war noch ein paar Jahr zuvor Ausländern ganz verschlossen. Denn in der westlichen Sowjetunion war der Ort militärstrategisch sehr wichtig und daher mit sowjetischem Militär und Anlagen der Luftstreitkräfte vollgestopft. Ein Erbe der Zeit ist das gigantische Flughafenfeld. Heute ist hier ein Luftfrachtzentrum; nebenan ist seit über zehn Jahren eine kleine Nato-Staffel stationiert, die den Luftraum über dem Baltikum kontrolliert.

Im Gebäude des Fondes, das die Stadt den Christen zur Nutzung überlassen hatte, wuselte es damals nur so. Die neue Freiheit hatte viele Arbeitsfelder eröffnet, die Stimmung der Zeit war von Idealismus und Hoffnung geprägt. Von diesen ersten Mitarbeitern des Werkes ist Valdas Vaitkevičius noch am Ort, nun seit etwa zwanzig Jahren Pastor der Freien christlichen Gemeinde (die aus der Arbeit des Fondes hervorging) und auch Rektor des Evangelischen Bibelinstituts.

Wir übernachteten im Hotel der Ortes – ein Gebäudeklotz, der bis heute neben dem hohen Turm der Kathedrale die Silhouette der Stadt bestimmt. Damals strahlte es den ganzen Charme der Sowjetzeit aus. Unvergesslich wird das erste Frühstück im Land bleiben: Kaffee (natürlich nicht gefiltert, in Minitassen, aber zum Glück stark), saure Gurken, Rote-Beete-Salat, Hering, Würstchen. Mal was anderes.

Es blieb genug Zeit für Ausflüge. In einem alten und kleinen Dreier-BMW ging es gen Westen nach Kretinga. Irgendwo im Städtchen saßen wir im riesigen Saal eines Restaurants, fast im Halbdunkeln, denn komischerweise waren auch Tags die rosa Vorhänge zugezogen. Preislich befand man sich im Paradies. Der Umtauschkurs des Rubels war schon im Keller, so dass man überall so gut wie umsonst essen konnte. Noch ein paar Jahre sollte dies so weiter gehen.

In der Sowjetunion kannten sich die wenigen bekennenden Christen; ob nun Geschwister im katholischen oder baptistischen Untergrund spielte keine große Rolle. So bestanden enge Kontakte des Fondes und der Tielmanns zu den Franziskaner-Mönchen in der Kleinstadt. Diese hatten gerade französische Brüder zu Gast, mit denen wir den Religionsunterricht in einer Schule besuchten. Noch trugen die Kinder die alte Schuluniform, bei Mädchen im wenig attraktiven Braun und Schwarz. Alle hörten den Franzosen brav zu. Die Spuren des alten Systems waren noch an vielen Ecken zu sehen. In dem Klassenraum waren die Stufen der Geschichte der Menschheit in marxistischer Lesart in kleinen Reliefs dargestellt: bis hin zu Feudalismus und Kapitalismus – das Schaubild des Kommunismus hatte man kurzerhand zugehängt.

Bei der Mutter der Mönchs Gediminas übernachteten Viktor und ich. Die Verständigung war schwierig, sprach sie doch kaum ein Wort russisch (Viktor, der vor der Umsiedlung auch eine Weile in Litauen gelebt hatte, klaubte alle seine Brocken Litauisch zusammen). Litauer, die vor den 50er Jahren zur Schule gingen, lernten oft nur schlecht oder gar nicht die Sprache der Besatzer. Für die folgenden Generationen wurde Russisch oft zur zweiten Muttersprache.

Von dort auf die Kurische Nehrung an der Ostsee. Schon im Deutschen Reich war dies ein beliebtes Urlaubsgebiet; in der Sowjetunion machte es sich dort die kommunistische Parteielite bequem. Damals war die litauische Nehrung noch kein Nationalpark, man hatte völlig freie Fahrt und traf Ende April so gut wie niemanden. Heute ringt die Halbinsel mit zu vielen Besuchern und will den Autoverkehr weiter begrenzen. Ab diesem Sommer werden voraussichtlich jedem Pkw-Fahrer am Eingang des Parks 20 Euro Eintritt abgenommen.

Südlich von Nida erstreckt sich eine riesige Dünenlandschaft. Heute ist hier jedes Betreten verboten, damals konnte man durch den Sand wandern soweit man wollte. Etwa ein, zwei Kilometer südlich des heutigen Aussichtspunktes verläuft die Grenze zu Russland, heute recht streng kontrollierte Außengrenze der EU. Damals spazierte man ungestört durch die litauische Sahara. Als sich an dem Tag der Hochnebel lichtete, die Sonne etwas durchkam, Sand und Himmel in einem milchigen Grau ineinander übergingen (s. Foto ganz o.), da war die  Faszination Baltikum perfekt.

An einem anderen Tag begleitete ich Peter Tielmann nach Šilutė im Memelland. Dort war etwa ein Jahr zuvor nach evangelistischen Veranstaltungen eine große Jugendgruppe entstanden. Peter und andere betreuten sie von Šiauliai aus. Etwas später sollte Peter Unruh eine Weile im Ort wohnen und mit der Gruppe arbeiten. Aus ihr ging schließlich die Freie christliche Gemeinde Šilutė hervor. Sie wird heute in Teilzeit von Romualdas Babarskas aus Klaipėda betreut, auch Dekan des Šiauliaier Studienzentrums des EBI. Peter Tielmann heiratete einige Jahre später die Tochter eines kanadischen Möbelfabrikanten und wanderte nach Nordamerika aus. Heute ist er CEO des Möbelunternehmens EQ3.

Anfang Mai fuhren Viktor und ich alleine mit unserem Laster zurück nach Deutschland. Zwischenstation machten wir noch in Kaunas. Viktor kaperte einen Taxifahrer, der uns für einige Rubel einen halben Tag in seinem Wolga durch die zweitgrößte Stadt kutschierte und auch noch in ein ordentlich Restaurant am Alten Rathaus führte.

Schon im Dunkel ging’s durch das noch-sowjetische Weißrussland. Die polnisch-litauische Grenze war für den internationalen Verkehr noch nicht geöffnet. Die   Orientierung fiel in der Dunkelheit äußerst schwer, denn es gab dort damals keinerlei reflektierende Straßenränder und -pfähle, und auch die Straßenschilder leuchteten nicht. Wir fuhren manchmal dicht an die Wegweiser heran und machten das Fernlicht an, um die Ortsnamen überhaupt lesen zu können.

Ein erster Hilfstransport von projekt L. war erfolgreich abgewickelt. Viele sollten in den nächsten zehn Jahren noch folgen. Viktor zog im Herbst 1991 nach Litauen, ihm folgte Ron mit Familie Anfang 1992. Ich selbst stieß, immer noch fasziniert von Land und Leuten, im Herbst 1993 zum Team um die Deutschen in Šiauliai.

Ein Vierteljahrhundert ist seit einer ersten Reise vergangen. Litauen hat eine gewaltige Transformation erlebt, ist nun Mitglied in EU und Nato, im Schengen- und Euroraum; die Aufnahme in die OECD, der Klub der am höchstentwickelten Länder, wird auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Diese Entwicklung persönlich beobachten und begleiten zu können, war und ist ein großes Privileg. Hilfstransporte mit materiellen Gütern sind nun, 25 Jahre später, nur noch in konkreten Fällen nötig. Ganz anders das Bild in den christlichen Werken und evangelischen Kirchen: Unterstützung ist nach wie vor das große Gebot der Stunde.

Beitrag zuerst erschienen auf lahayne.lt

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